Die Krise in den Südländern der EU bewegt mehr Menschen dazu, ihr Land zu verlassen. Ein großer Teil von ihnen kommt nach Deutschland. Im vergangenen Jahr wanderten aus Griechenland , Italien , Portugal und Spanien rund 37.000 Personen mehr ein, als dass Staatsbürger aus diesen Krisenländern Deutschland verließen. Ein Jahr zuvor lag diese Zahl noch bei 8.000. Der Anstieg ist zwar angesichts der Tiefe der Rezession in den Südländern noch immer moderat. Doch vor allem die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die anhaltend schlechte Wirtschaftslage in diesen Ländern dürfte die Wanderungsbewegung beschleunigen. Erste Zahlen für dieses Jahr bestätigen das.

Die neuen Einwanderer in Deutschland haben kaum noch etwas mit den Migranten gemein, die bis in die neunziger Jahre ins Land kamen. Im Zuge der Gastarbeiteranwerbung zogen vor allem manuelle Arbeitskräfte ins Land. Jetzt sind es oft hoch qualifizierte . Mehr als 40 Prozent der Zuwanderer im erwerbsfähigen Alter hatten zuletzt einen Hochschulabschluss, meldet das Statistische Bundesamt . Der Anteil der Hochqualifizierten liegt damit höher als in der gesamten deutschen Bevölkerung. Mehrere empirische Studien zeigen, dass der Arbeitsmarkt, die Gesamtwirtschaft und der Sozialstaat in Deutschland von den neuen Einwanderern profitieren.

Doch was bedeutet die Abwanderung für die Herkunftsländer? Flieht im Zuge der Euro-Krise nicht nur Kapital aus den Krisenstaaten, sondern auch Humankapital? Verlieren diese Länder ihre besten Köpfe? Verschärft sich dadurch die Euro-Krise?

Weniger Wachstum durch Abwanderung

Wäre dem so, müssten die Lehrbuchmodelle von Währungsunionen überdacht werden. Für den Nobelpreisträger Robert Mundell ist eine hohe Arbeitsmobilität eine wichtige Voraussetzung dafür, dass eine Währungsunion überhaupt funktioniert. Mundell argumentiert so: Kommt es zu einem negativen Schock in einem Mitgliedsland, wandert die Arbeit so lange in andere Mitgliedsstaaten mit günstigeren Arbeitsmarktbedingungen, bis sich die Arbeitslosigkeit und Löhne angleichen. Das führt nicht nur zu einem produktiveren Einsatz von Arbeit und damit zu einer höheren Wirtschaftsleistung. Es ermöglicht auch eine konsistente Geldpolitik. 

Die Abwanderung von gut qualifizierten Arbeitskräften hat jedoch noch eine andere Seite. Der Handels- und Entwicklungsökonom Jagdish Bhagwati hat bereits in den siebziger Jahren darauf hingewiesen, dass ein Brain Drain qualifizierter Arbeitskräfte zu Verlusten in den Herkunftsländern führt. Diese zahlen schließlich die Ausbildungskosten, während die Erträge dieser Investitionen meist den Zielländern zugutekommen.

Auch der öffentliche Sektor dieser Staaten profitiert von der Zuwanderung, etwa durch höhere Steuereinnahmen. Bhagwati schlug deshalb sogar die Besteuerung von Auswanderern vor. Neue Ergebnisse der Wachstums- und Regionalökonomie zeigen außerdem, dass die Wanderung von hoch qualifizierten Arbeitskräften dazu führen kann, dass die Wachstumschancen der Süd- und Nordstaaten weiter auseinander driften. Die Einkommen im armen Süden könnten demnach weiter stagnieren und sinken, im Norden dafür steigen.

Ganz so schlimm wird es allerdings nicht kommen. Die Erfahrung lehrt, dass immer nur ein vergleichsweise kleiner Kreis der Bevölkerung wandert. Die sozialen und wirtschaftlichen Kosten der Wanderung sind vielen Menschen schlicht zu hoch – selbst in Krisenzeiten. Auch fallen die Wanderungsanreize für die hochqualifizierten Personen sehr unterschiedlich aus. Das erworbene Humankapital kann häufig nur mit sehr hohen Kosten oder gar nicht in ein anderes Land transferiert werden, etwa weil sich Bildungsabschlüsse zwischen den Staaten unterscheiden. Oft müssen die Betreffenden eine ganz neue Sprache lernen, was eine erhebliche Investition darstellt. Das erklärt auch, warum die Wanderung aus dem Süden in den Norden der EU trotz der sehr unterschiedlichen Entwicklung der Arbeitsmärkte bislang moderat ausgefallen ist.