MigrationDer stille Transfer aus dem Süden

Neue Daten zeigen: Immer mehr Arbeitskräfte verlassen Südeuropa in Richtung Deutschland. Verschärft das die Euro-Krise? von Herbert Brücker

Rafael Gonzalez del Castillo, ein Architekturstudent aus Madrid, vor einem seiner Modelle. Er denkt ans Auswandern.

Rafael Gonzalez del Castillo, ein Architekturstudent aus Madrid, vor einem seiner Modelle. Er denkt ans Auswandern.  |  © Daniel Ochoa de Olza/AP Photo/dapd

Die Krise in den Südländern der EU bewegt mehr Menschen dazu, ihr Land zu verlassen. Ein großer Teil von ihnen kommt nach Deutschland. Im vergangenen Jahr wanderten aus Griechenland , Italien , Portugal und Spanien rund 37.000 Personen mehr ein, als dass Staatsbürger aus diesen Krisenländern Deutschland verließen. Ein Jahr zuvor lag diese Zahl noch bei 8.000. Der Anstieg ist zwar angesichts der Tiefe der Rezession in den Südländern noch immer moderat. Doch vor allem die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die anhaltend schlechte Wirtschaftslage in diesen Ländern dürfte die Wanderungsbewegung beschleunigen. Erste Zahlen für dieses Jahr bestätigen das.

Die neuen Einwanderer in Deutschland haben kaum noch etwas mit den Migranten gemein, die bis in die neunziger Jahre ins Land kamen. Im Zuge der Gastarbeiteranwerbung zogen vor allem manuelle Arbeitskräfte ins Land. Jetzt sind es oft hoch qualifizierte . Mehr als 40 Prozent der Zuwanderer im erwerbsfähigen Alter hatten zuletzt einen Hochschulabschluss, meldet das Statistische Bundesamt . Der Anteil der Hochqualifizierten liegt damit höher als in der gesamten deutschen Bevölkerung. Mehrere empirische Studien zeigen, dass der Arbeitsmarkt, die Gesamtwirtschaft und der Sozialstaat in Deutschland von den neuen Einwanderern profitieren.

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Doch was bedeutet die Abwanderung für die Herkunftsländer? Flieht im Zuge der Euro-Krise nicht nur Kapital aus den Krisenstaaten, sondern auch Humankapital? Verlieren diese Länder ihre besten Köpfe? Verschärft sich dadurch die Euro-Krise?

Weniger Wachstum durch Abwanderung

Wäre dem so, müssten die Lehrbuchmodelle von Währungsunionen überdacht werden. Für den Nobelpreisträger Robert Mundell ist eine hohe Arbeitsmobilität eine wichtige Voraussetzung dafür, dass eine Währungsunion überhaupt funktioniert. Mundell argumentiert so: Kommt es zu einem negativen Schock in einem Mitgliedsland, wandert die Arbeit so lange in andere Mitgliedsstaaten mit günstigeren Arbeitsmarktbedingungen, bis sich die Arbeitslosigkeit und Löhne angleichen. Das führt nicht nur zu einem produktiveren Einsatz von Arbeit und damit zu einer höheren Wirtschaftsleistung. Es ermöglicht auch eine konsistente Geldpolitik. 

Herbert Brücker
Herbert Brücker

ist einer der führenden Migrationsforscher in Deutschland. Brücker leitet den Forschungsbereich "Internationale Vergleiche und Europäische Integration" des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Dort erforscht er unter anderem, wie Migration auf den Arbeitsmarkt und den Sozialstaat wirkt.

Die Abwanderung von gut qualifizierten Arbeitskräften hat jedoch noch eine andere Seite. Der Handels- und Entwicklungsökonom Jagdish Bhagwati hat bereits in den siebziger Jahren darauf hingewiesen, dass ein Brain Drain qualifizierter Arbeitskräfte zu Verlusten in den Herkunftsländern führt. Diese zahlen schließlich die Ausbildungskosten, während die Erträge dieser Investitionen meist den Zielländern zugutekommen.

Auch der öffentliche Sektor dieser Staaten profitiert von der Zuwanderung, etwa durch höhere Steuereinnahmen. Bhagwati schlug deshalb sogar die Besteuerung von Auswanderern vor. Neue Ergebnisse der Wachstums- und Regionalökonomie zeigen außerdem, dass die Wanderung von hoch qualifizierten Arbeitskräften dazu führen kann, dass die Wachstumschancen der Süd- und Nordstaaten weiter auseinander driften. Die Einkommen im armen Süden könnten demnach weiter stagnieren und sinken, im Norden dafür steigen.

Ganz so schlimm wird es allerdings nicht kommen. Die Erfahrung lehrt, dass immer nur ein vergleichsweise kleiner Kreis der Bevölkerung wandert. Die sozialen und wirtschaftlichen Kosten der Wanderung sind vielen Menschen schlicht zu hoch – selbst in Krisenzeiten. Auch fallen die Wanderungsanreize für die hochqualifizierten Personen sehr unterschiedlich aus. Das erworbene Humankapital kann häufig nur mit sehr hohen Kosten oder gar nicht in ein anderes Land transferiert werden, etwa weil sich Bildungsabschlüsse zwischen den Staaten unterscheiden. Oft müssen die Betreffenden eine ganz neue Sprache lernen, was eine erhebliche Investition darstellt. Das erklärt auch, warum die Wanderung aus dem Süden in den Norden der EU trotz der sehr unterschiedlichen Entwicklung der Arbeitsmärkte bislang moderat ausgefallen ist.

Leserkommentare
  1. Wenn die Menschen freundlich und wohl gesinnt sind, also sich auch etwas zu benehmen wissen was das Leben im Alltag miteinander angeht, vielleicht sogar noch etwas kommuniktiver sind und mehr Leben bringen aber auch hoffentlich verstaendniss(also zumindest an der Oberflaeche) haben fuer andere die schon lange in diesem Land leben. Faend ich das gut,super, toll.
    Ansonsten. Nein danke. Ich weiss vielleicht nicht wirklich wie ich mich da zu benehmen habe, aber der "gute" und der "boese", ueberhaupt der "Auslaender" an sich existiert ja nur in einer Welt von kulturellen Differnzen und geographisch gezogenen Linien. Diese Sachen die uns ja schon Jahrhunderte lange nur Sorgen und Aerger machen.

    Apropos: Die Leute die ja jetzt schon SEIT Jahrzehnten bei uns sind, sollten wir vielleicht endilch auch mal mit mehr offenen Armen emmpfangen. Ihr Schraubschluessel.

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    Ich komme hier aus dem staunen gar nicht mehr raus. Was ich da an Rechtschreibfehlern durchgehen lasse bei mir passt doch hoffentlich in gar kein Rechtsgesinntes, Recchtschreibkabinet. Oder ich bin einfach nur Faul.

  2. abzusehen. Europa wird dasselbe passieren wie vor 150 Jahren den Nationalstaaten: es wird Wachstumszentren geben und Abwanderungsgebiete - nur diesmal in europäischem Maßstab. Und die Abwanderung geht natürlich dorthin, wo das Geld ist, wo es Chancen gibt. Man lebt dort nicht unbedingt besser als zu Hause, aber mit der Hoffnung auf Verbesserung - spannend wird sein, ob Deutschland endlich eine offene Gesellschaft wird, die Deutschen wie Zuwanderern beiderlei Geschlechts sozialen Aufstieg erleichtert, oder ob alle möglichen Sonderregelungen, Privilegien, Quotierungen, Zugangsberechtigungen etc. zu Frust führen, in Folge dessen dann viele der Zuwanderer sich den vielen deutschen Männern anschließen dürften, die entweder aus Deutschland oder in den Sumpf der Totalverweigerung abwandern.

    Osteuropa war um 1900 Abwanderungsgebiet aus ebensolchen Gründen. Deutschland kann es werden.

    Eine Leserempfehlung
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    • Otto2
    • 27. September 2012 19:10 Uhr

    und selbst in jüngster Zeit in Deutschland zu besichtigen. Per Saldo sind etwa 1,5 - 2 Mio. meist junge Ostdeutsche in den Westen gegangen. Auch hier gilt: Wer die jungen und qualifizierten Arbeitskräfte durch Zuwanderung gewinnt, profitiert auf Kosten des Abwanderungsgebietes. Das lässt sich dann auch nicht durch zeitweilige Ausgleichszahlungen reparieren. Junge ausgebildete Arbeitskräfte zu gewinnen ist wertvoller als Geld. Es ist ein höheres Sozialprodukt, es sind junge Familien mit Kindern, es ist praktisch die Zukunft schlechthin!

  3. Migration sorgt vielleicht kurzzeitig für stabile Demographische Werte, aber wenn man nichts für den Nachwuchs tut kann Migration nicht die Antwort sein. Zumal auch Deutschland schwächelt, Monat für Monat nimmt die Konjunktur ab, 4 mio Arbeitslose wieso gibt man denen nicht erstmal ein Job bevor man weitere Migration zulässt.

    Gut, hier handelt es sich um viele Hochschulabsolventen, doch was ist mit den anderen 60%?

    "Mehrere empirische Studien zeigen, dass der Arbeitsmarkt, die Gesamtwirtschaft und der Sozialstaat in Deutschland von den neuen Einwanderern profitieren."

    Wenn man mehr Einwanderung als Arbeitsplätze hat, weiß ich nicht woher man wieder diese geschönten Studien über einen positiven Arbeitsmarkt und Sozialstaat hernimmt.

    "etwa weil sich Bildungsabschlüsse zwischen den Staaten unterscheiden."

    Das tun sie auch innerhalb Deutschlands, ein Abitur aus Bremen, heißt noch lange nicht das man auch in Bayern Abitur hat, dank des großzügigen Föderalismus.

    Auch "Einkommensunterschiede", dafür braucht man nicht in den Süden schauen, man sollte lieber die eigenen Probleme lösen, bevor man Anstalten macht, andere Sorgen zu übernehmen.

    2 Leserempfehlungen
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    Für einen Humanisten ist das aber ganz schön starker Tobak, den sie hier von sich geben - das geht ja stark in Richtung von "Deutsche zu erst".

    Fakt ist:
    1.) trotz Zuwanderung sinkt die Bevölkerung in D-Land
    2.) dennoch steigt die Zahl an Stellen (auch an sozialversicherungspflichtigen)
    3.) nutzen all die Arbeitslosen keinem Unternehmer, wenn sie für die vorhandenen Stellen nicht geeignet sind. Jeder vernünftige Unternehmer wird eher einen gut ausgebildeten Spanier einstellen, als einen langzeitarbeitslosen Deutschen.
    Alles andere wäre ökonomischer Unsinn.
    4.) wird umgekehrt kein Grieche ohne Ausbildung einem Deutschen Meister die Arbeit wegnehmen.
    5.) als D-Land noch wirklich viele Arbeitslose hatte (90er/2000er), sind ettliche qualifizierte Deutsche ins Ausland ausgewandert. Wer weiß, wie die Welt in 20 Jahren aussieht...
    6.) Es wird allgemein ja auch akzeptiert, das Brandenburger nach Bayern gehen (wegen der Jobs). Neuerdings auch zunehmend nach Polen!

    Ich bin Anfang 30 und in D-Land@Europa aufgewachsen. Ich hätte kein Problem damit, in F, NL, S, IT ... zu arbeiten. Umgekehrt habe ich auch kein Problem damit, wenn Leute aus unseren Nachbarländern hierher kommen.

  4. Ich komme hier aus dem staunen gar nicht mehr raus. Was ich da an Rechtschreibfehlern durchgehen lasse bei mir passt doch hoffentlich in gar kein Rechtsgesinntes, Recchtschreibkabinet. Oder ich bin einfach nur Faul.

    Antwort auf "Undsoweiter."
  5. Es gibt genügend qualifizierte Deutsche die in die Schweiz oder Kanada auswandern. Da hört es sich doch ausgezeichnet an, wenn qualifizierte Arbeitskräfte nach Deutschland einwandern.

    Aber was soll das bitte schön mit der Rückwanderung? Das hört sich ja so an, als würde man die Einwanderer nicht ganz aufnehmen wollen??

    Rückgewandert in den schönen Süden wird wohl erst im Pensionsalter, meistens, oder?

    Außerdem spiegelt der Artikel eine fürchterliche paternalistische Haltung wieder. Die Jugendlichen sollen nach Deutschland kommen um zu lernen, wie wirkliche Wirtschaft funktioniert und dann zurückwandern, um das Gelernte weiter zu vermitteln.

    Völlig unverständlich der Aspekt der Anerkennung von Abschlüssen. Es mag ja eine Realität sein, daß Abschlüße nicht anerkannt oder nicht ausreichend anerkannt werden, aber wozu hatten wir denn eigentlich den Euro? Und diese Bachelor-Reformen?

    Und noch etwas: wird nicht immer der Spruch abgelassen über die Geringverdiener in Deutschland: besser schlechtbezahlte Arbeit als gar keine Arbeit? So sieht es wohl aus mit den sozialen und ausbildungsmässigen Investionen eines Auswanderers:

    Besser weiter investieren als gar keine Arbeit.

    Hier scheint jemand davor Angst zu haben, daß die Krise anhält und der Rush nach Deutschland erst am Anfang steht.

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    leider, denn besonders nach Canada wandern viele sehr Hochqualifizierte aus und ich bezweifle einfach mal die These das nach D die 40% Hochqualifizierte einwandern, obwohl habe letztens von einem Schulfreund in D gehört, das in seiner Anchbarschaft jetzt eine Physikerin aus der Ukraine arbeitet, als Altenpflegerin bei einem Ehepaar.

    Das ganze wird explodieren, und ist auch so gewollt, damit wird der Lohndruck in D noch weiter verstärkt werden, denn warum sollte man dt. Akademiker für 2k brutto einstellen, wenn es PIGGS Akademiker schon für 1300 brutto machen. Man wird also kurz überlang wie zu Verhältnissen in den USA kommen, dass 50% der arbeitsfähigen Bevölkerung keine Einkommenssteuer mehr bezahlen muss.

    Wie dann natürlich die ganzen Rettungsschirme und der ÖD bezahlt werden soll, steht auf einem anderen Blatt. Gebe D selber noch 5 Jahre, dann geht auch dort alles Krachen und dagegen wird das was gerade bei den PIGGS passiert, wie ein Kindergeburtstag aussehen.

  6. Das ist wieder der Beweis dass keine überzeugten Europäeischen Politiker am Werk sind , das ist möglich weil sobald diese den Kopf aus Wasser heben werden sie von der nationalen Abwehren abrasiert.
    Das Verbreiten der Unsicherheiten hat Anleger aus anderen Länder verscheucht um nach sicheren Häfen zu steuern , ob das alles gewollt ist Angst zu verbreiten um die Hühner danach in der Falle zu locken , kann man darüber nur spekulieren , wer aber oft unterwegs innerhalb Europa ist und die Situation Täglich spürt , weisst dass diese Tendenz schon lange in Gange ist , und hat man sich gewundert warum die Deutsche Politik sehr viel Zeit für Entscheidungen die schnell erfolgen sollten sich genommen hat , eine so lange und so offene Debatte über die ESM gabs nicht mal bei der Wiedervereinigung.
    Wenn gute Köpfen und Kapitalen Randländer verlassen und ins Zentrum sich verlagern kann man Rückzahlungen für teure Kredite schon jetzt vergessen , damit wir es wissen.
    Solange man lässt das Geld machen was es will und wohin es will , desto lange wird die Schicksale vieler Menschen von Investoren und Banken zentral bestimmt,

  7. willkommen!!! Viel Erfolg bei der Jobsuche und dem Aufbau eines glücklichen Lebens zum Wohle von uns allen...

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    wenn nicht!

  8. wenn nicht!

    Antwort auf "Herzlich..."

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