Strafzoll für ChinaEuropas Solarbranche kann hoffen

Die EU-Kommission erwägt, auf Solarzellen aus China Strafzoll zu erheben. Hersteller in China warnen vor Handelskrieg, EU-Unternehmen in Fernost fürchten Vergeltung. von 

Herstellung von Solarmodulen bei Solon Nord in Greifswald

Herstellung von Solarmodulen bei Solon Nord in Greifswald  |  © Jens Koehler/ddp/dapd

Die große deutsche Solarfirma Solon ist pleite, der einstige Marktführer Q-Cells hat sich an seine Gläubiger verkauft . First Solar gab sein Werk in Frankfurt an der Oder mit 1.200 Mitarbeitern auf – drei Beispiele aus diesem Jahr, die die schwierige Lage der Branche zeigen. Schon 2011 kürzte die Hälfte aller Solaranlagenhersteller in Deutschland ihre Investitionen um mehr als 15 Prozent. Die Unternehmen leiden unter Preisverfall infolge von Überkapazitäten und der preisgünstigen Konkurrenz aus China . Zudem schwinden die Einnahmen der Solarzellenbetreiber, weil der Staat die garantierten Abnahmepreise für Solarstrom senkte.

Im Streit gegen die Dumpingpreise droht die Europäische Union China jetzt mit Strafzöllen. Die Kommission in Brüssel prüft, ob China seine Solarmodule zu Schleuderpreisen auf den europäischen Markt drückt. "Es gibt genug Beweise, die eine Einleitung des Verfahrens rechtfertigen", hieß es in Brüssel. Die Kommission tue das nicht aus politischen Gründen, der Anlass sei vielmehr ein wirtschaftlich-rechtlicher, sagte ein Sprecher von Handelskommissar Karel de Gucht. In der EU sind etwa vier von fünf Solarpaneelen aus China.

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Die offizielle Einleitung des EU-Prüfverfahrens ist vor allem ein Erfolg für den Bonner Solarworld-Konzern. Er hatte zusammen mit 24 Solarfirmen aus Deutschland , Italien, Spanien und anderen EU-Ländern das Verfahren angeregt. Sie hatten gegen die Billig-Konkurrenz aus Fernost Klage in Brüssel eingereicht. Sie hoffen auf einen ähnlichen Erfolg wie in den USA, wo das Handelsministerium vorläufig Anti-Dumping-Zölle gegen China einführte – ebenfalls auf Drängen von Solarworld.

Die Kommission könnte nun frühestens von November an chinesische Solarpaneele, Solarzellen und Solarwafer verteuern, indem sie vorläufig an der EU-Außengrenze Zoll verlangt. Endgültig darüber entscheiden müsste 2013 der Ministerrat. Bei ihrem jüngsten Besuch in China hatte Bundeskanzlerin Merkel noch darauf gedrängt, dass sich China und die EU auf informellem Wege einigen.

Auch Chinas Hersteller leiden

China vermutet eine politische Aktion und warnt nun vor globalen Auswirkungen: Den Handel mit chinesischen Solarprodukten zu beschränken, werde nicht nur die Interessen der europäischen und chinesischen Industrie schädigen, sondern auch die weltweite Entwicklung der Sonnenenergie, sagte ein Sprecher des Handelsministeriums. Die EU solle die Spannungen durch Gespräche und Kooperation beseitigen.

Anpassungen

Einschnitte bei der Solarförderung: Angesichts der massiv fallenden Modulpreise und zur Vermeidung von Schlusskäufen vor Kürzungsstichtagen wird es ab Mai monatliche Kürzungen von 0,15 Cent je Kilowattstunde geben.

Kürzungen

Strom aus kleinen Dachanlagen bis 10 Kilowatt erhält statt 24,43 nur noch 19,5 Cent je Kilowattstunde an Förderung. Anlagen bis 1.000 Kilowatt bekommen 16,5 Cent. Große Freiflächenanlagen bis 10 Megawatt erhalten 13,5 Cent. Darüber hinaus soll es keine Förderung geben. Dachanlagen auf neu errichteten Nichtwohngebäuden erhalten den Tarif wie bei Freiflächen, um hier eine Fehlsteuerung zu vermeiden, etwa das Errichten von Scheunen, nur um sie mit Modulen zu bestücken und so die hohe Hausdach-Vergütung zu bekommen. Für alle Anlagen, die vor dem 9. März ans Netz gegangen sind, gibt es einen Bestandsschutz: Sie erhalten auf 20 Jahre garantiert die zum Zeitpunkt der Installation gültigen Vergütungssätze.

Beschränkungen

Bei kleinen Dachanlagen wird ab Januar 2013 nur noch 85 Prozent des erzeugten Stroms vergütet; der Rest kann zum Eigenverbrauch genutzt werden. Der bisherige Eigenverbrauchsbonus entfällt. Solarparks bekommen nur 90 Prozent des Stroms vergütet, den Rest müssen sie am Markt verkaufen. Damit soll der Solarstrom stärker an den Markt heran und vom Subventionsmodell weggeführt werden.

Ausbauziele

Es gibt zwar keine feste Deckelung der jährlichen Ausbaumenge, aber die Regierung will den Ausbau durch die Kürzungen auf 2500 bis 3500 Megawatt in diesem und im kommenden Jahr begrenzen. Ab 2014 soll der Ausbaukorridor um jährlich 400 Megawatt gesenkt werden, also auf 2100 bis 3100 Megawatt. Bis 2017 liegt er bei 900 bis 1900 Megawatt. Werden mehr Anlagen gebaut, als im Zielkorridor festgelegt, kann bei der Förderung per Verordnung kurzfristig weiter gekürzt werden.

Denn auch Chinas Herstellern geht es nicht gut: Wegen des Preiskampfes machen auch die Solar-Riesen Canadian Solar und Trina Verlust – wie die meisten deutschen und asiatischen Konzerne. Die Vorstände fürchten angesichts der Ankündigung aus Brüssel nun erst Recht um ihr Geschäft und verteidigen sich: "Wir betreiben kein Dumping", sagte der Europa-Chef von Canadian Solar, Gregory Spanoudakis . Der weltweit präsente Konzern werde sich im internationalen Handel auch in Zukunft fair verhalten. Trina-Chef Jifan Gao sagte, dass seine Solar-Produkte "weder verschleudert noch staatlich subventioniert" würden.

Chinesische Branchengrößen wie Yingli, Suntech, Trina und Canadian Solar hatten bereits in den vergangenen Wochen mit einem Handelskrieg gedroht, "der auf beiden Seiten nur zu enormen Verlusten führen wird".

Unternehmen aus der EU fürchten Vergeltung

Die Klage der europäischen Solarfirmen stößt indes nicht nur in China auf Kritik. So haben sich zahlreiche Unternehmen wie S.A.G. Solarstrom, der Technologiekonzern Heraeus oder der Projektentwickler Soventix zu der Allianz AFASE (Alliance for Affordable Solar Energy) gegen die EU-Kommission verbündet. "Protektionistische Maßnahmen sind kurzsichtig, nicht nur im Solarsektor, sondern auch in anderen Branchen", sagte Soventix-Chef Thorsten Preugschas. Die Gegner sehen das internationale Geschäftsklima und das Wirtschaftswachstum gefährdet. Auch Konzerne wie Bosch oder Wacker Chemie , die als Zulieferer unter der Solarkrise leiden, hatten sich gegen eine Klage ausgesprochen.

EU-Unternehmen in China fürchten Vergeltung, sollte die EU Zoll erheben. "Uns besorgt, dass wir jedes Mal eine Retourkutsche sehen, wenn es einen solchen Fall gibt", sagte Präsident der Europäischen Handelskammer in China, Davide Cucino. Die beste Lösung wäre, konstruktiv zu verhandeln.

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Leserkommentare
  1. ... könnte es richten, tut er aber bestimmt nicht. Jedenfalls in der Mehrzahl nicht.

  2. Höchstens eine Athempause lang, aber die entsprechenden Firmen haben fast 10 Jahre davon schon verschlafen

    Fakten:
    - billige Solarzellen sind toll, freuen wir uns doch darüber, das jemand anders dafür zahlt.
    - Produktion von Photovoltaik ist sehr einfach, d.h. technisch nicht besonders aufwendig (zumindest die Standartvariante). Hier haben die genannten, insolventen Konzerne verpasst sich auf hochtechnologische Varianten zu Konzentrieren und in Technologie/Forschung zu inverstieren ... das war allerdings schon vor bestimmt 10 Jahren bekannt.
    - Kostenfaktoren sind lediglich das Silizium + Energie und die Arbeitskosten + Kosten durch Umweltauflagen (auch für den Siliziumabbau), diese sind in der EU hoch
    - selbst wenn China wegen geringer Kosten ausfällt, die Firmen werden den Standort relativ schnell wechseln (China wird ja auch teurer) und in billigere und weniger umweltorientierte Länder abwandern.
    - Gesund sind in D in diesem Bereich Unternehmen, die Produktionstechnik, Individuallösungen und allgemein mehr auf den Prozess, PLM und Technik legen als die pure Produktion ... diese Firmen verkaufen ihre Produkte dorthin. Diese Firmen machen auch ordentlich Gewinn ohne subventioniert zu werden.

    PS: auch in der EU und D wird in dermassen vielen Varianten subventioniert oder durch Forschungssubvention, Steuervorteile, ... quersubventioniert, dass sich auch in China irgendetwas finden lässt.

  3. Ob in China ein Sack Reis umkippt oder Herr Asbeck seine Milliarden loswird, interessiert auch in China niemand.
    Das kommt davon wenn man auf Energiegewinnungsspielzeug, wie Solarmodule, setzt und die Hochtechnologie, wie die Kernkraft, vertreibt.
    China braucht doch bloss keine seltenen Erden mehr liefert, dann hört die Produktion von Windrädern in Deutschland auf.
    http://www.selteneerden.de/

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "China braucht doch bloss keine seltenen Erden mehr liefert, dann hört die Produktion von Windrädern in Deutschland auf."

    Es braucht keine Seltenen Erden dafür. Schauen Sie hier:

    http://www.enercon.de/p/d...

    Enercon ist immerhin Marktführer in Deutschland mit 60% Marktanteil.

  4. "China braucht doch bloss keine seltenen Erden mehr liefert, dann hört die Produktion von Windrädern in Deutschland auf."

    Es braucht keine Seltenen Erden dafür. Schauen Sie hier:

    http://www.enercon.de/p/d...

    Enercon ist immerhin Marktführer in Deutschland mit 60% Marktanteil.

  5. ...sollte doch wenigstens willens und fähig sein, den gemeinsamen Markt zu schützen!

  6. Jetzt wo in der EU der PV Markt zusammenbricht, wo bestehende Lieferverträge gekündigt werden und die Großhändler, wie auch die kleinen Installateure versuchen ihre Lager zu räumen, da beschließt die EU Strafzölle auf Module aus China.

    Sieht im ersten Moment komisch aus, aber manches dauert eben auf politischer Ebene. Und am Ende spielt das Ergebnis manchmal gar keine Rolle mehr.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte China | Bosch AG | Karel De Gucht | Wacker Chemie | Zoll | Spanien
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