Viele in den USA hatten nicht geglaubt, dass es soweit kommen würde. Im Juni 2010 unterzeichnete Barack Obama das 849 Seiten starke Gesetz tatsächlich. "Nie wieder", schwor der US-Präsident, werde das amerikanische Volk gebeten, "die Zeche für die Fehler der Wall Street zu bezahlen". Mit seiner umfassenden Finanzreform werde die Branche so stark reguliert, dass sie keine weltweite Wirtschaftskrise mehr auslösen könne.

Zwei Jahre nach der Unterzeichnung des Gesetzes ist die Euphorie verflogen. Bis heute konnte nur knapp ein Drittel der Reform ausgearbeitet werden. Der Umsetzungsprozess ist mühsam, die mächtige Lobby der Wall Street, Republikaner und Finanzinstitute versuchen, die 398 Regeln zu ihren Gunsten zu ändern und abzuschwächen. Kritiker schimpfen, das Gesetz habe vor allem die Verwaltungskosten erhöht, aber wenig zur Sicherheit der Märkte beigetragen.

Umso erstaunter blicken nun viele nach Deutschland. Dort legte Peer Steinbrück, der mögliche Kanzlerkandidat der SPD , am Dienstag ein Arbeitspapier "zur Bändigung der Finanzmärkte" vor. Und vieles in dem Konzept erinnert an die Ideen aus den USA.

"Die Deutschen sollten aus unseren Fehlern lernen"

"Die US-Regulierer haben darin versagt, das System tatsächlich sicherer zu machen", sagt James Angel, Finanzprofessor an der McDonough School of Business in Washington. "Ich hoffe sehr, dass die Deutschen aus unseren Fehlern lernen und sie nicht einfach wiederholen."

Im Zentrum von Steinbrücks Forderungen steht die Trennung von Investmentbanking und Einlagengeschäft . "Angetrieben durch Renditehunger und ermöglicht durch Deregulierung tätigen viele Banken spekulative Handelsgeschäfte auf eigene Rechnung", heißt es in dem Papier.

Ähnlich argumentierten auch die US-Regulierer – vor mehr als 80 Jahren nach dem großen Börsencrash von 1929. Sie setzten ein Zeichen: Der Glass-Steagall Act sollte dafür sorgen, dass Interessenkonflikte und eine Ansteckung zwischen den verschiedenen Bereichen in Zukunft vermieden wird.

Über sechzig Jahre galt das Gesetz, bis es 1999, nach jahrelanger Lobbyarbeit der Industrie, gekippt wurde. "Das Ironische ist, dass es unter anderem aufgehoben wurde, um besser mit den deutschen Universalbanken konkurrieren zu können", sagt William Black, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Missouri . Die Entscheidung bezeichnet der Finanzexperte als "riesigen Fehler". Die Formel aus mehr Freiheit und weniger Aufsicht habe aus harmlosen Geschäftsbanken aggressive Zocker gemacht. "Das hat uns direkt ins Desaster geführt", sagt Black.

Eine Rückkehr zum Glass-Steagall Act in den USA galt bei Obamas Reform als politisch nicht machbar. Der Kerngedanke findet sich dennoch auch in seinem Gesetz von 2010 wieder. Die Volcker-Regel, benannt nach dem früheren US-Notenbankchef, verbietet Großbanken, Handel auf eigene Rechnung und Hedge-Fonds oder Beteiligungsgesellschaften zu besitzen. Das soll das Risiko für Anleger und Finanzmärkte senken. "Die Sorgen hinter beiden Regeln sind sehr ähnlich", sagt Black. Viele Banken haben sich bereits von den umstrittenen Aktivitäten getrennt, weil sie hohe Kosten fürchten.