YouTubeEin Biss und 500 Millionen Klicks

YouTube macht den Fernsehsendern auf dem Werbemarkt zunehmend Konkurrenz. Das beweist auch der erfolgreichste Film der Plattform: "Charlie bit me". von Sophie Schimansky

Ein Biss, der um die Welt ging: Ausschnitt aus dem Youtube-Video "Charlie bit me"

Ein Biss, der um die Welt ging: Ausschnitt aus dem Youtube-Video "Charlie bit me"  |  © Davies-Carr

An einem Tag im Mai 2007, wenige Kilometer von London entfernt, klickt Howard Davies-Carr eine Datei an und lädt sie auf eine Videoplattform, die er gerade entdeckt hat. Es ist ein wackeliger Film, 56 Sekunden lang, zu sehen sind seine beiden Söhne, Charlie und Harry, sie sitzen auf einem Sessel im Wohnzimmer. Harry steckt seinem einjährigen Bruder einen Finger in den Mund. Der beißt zu. Harry verzieht vor Schmerz das Gesicht, Charlie, der kleinere, lacht. Charlie bit my finger – again! heißt das Video.

Howard Davies-Carr will nicht, dass die Welt die Szene sieht. Er will den Film einem Patenonkel zeigen, der in den USA lebt und nicht oft zu Besuch kommt. Er hat von dieser Plattform im Internet gehört: YouTube . Am Abend mailt er den Link zu dem Video in die USA. Kurz darauf verliert er die Kontrolle, über das, was geschieht.

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Im Dezember, keine sieben Monate später, haben 14 Millionen Menschen das Video angeschaut. In vielen Ländern versenden Menschen das Video per Mail an ihre Freunde, der Film verbreitet sich auf der ganzen Welt. "Ich wusste erst nicht, wie ich damit umgehen sollte", sagt Davies-Carr.

Er entscheidet sich, die Aufmerksamkeit zu nutzen. In den Monaten darauf dreht Davies-Carr weitere 45 Filme von seinen Söhnen und lädt sie bei YouTube hoch. Das Video Charlie bit me – again , wurde bisher 500 Millionen Mail aufgerufen. Es ist damit das erfolgreichste YouTube-Video aller Zeiten. Der Video-Kanal der Familie Davies-Carr auf dem Portal hat mittlerweile 160.000 Abonnenten, rund 600 Millionen Mal wurde der Kanal aufgerufen. "Wir haben wohl das Beste daraus gemacht", sagt Davies-Carr.

Längst geht es dabei für den 43-Jährigen nicht mehr nur um Aufmerksamkeit und Ruhm. Die Filme haben Davies-Carr viel Geld eingebracht. Seit 2007 bietet YouTube das sogenannte Partnerprogramm an, dessen Grundregel lautet: Ihr liefert uns das Material, wir vermitteln Werbekunden, bieten euch eine Plattform und beteiligen euch an den Umsätzen. Die meisten Partner sucht YouTube sich selbst aus und schreibt sie an. Wer nicht darauf warten will, kann sich bewerben. Die Vergütungen pro Klick variieren, je nachdem wie oft die Videos aufgerufen werden und wie viele Abonnenten ein User hat. Eine Rolle spielt auch, wie oft jemand Videos veröffentlicht und wie hoch die Qualität der Filme ist.

Mehr als 120.000 Euro sind drin

YouTube selbst verspricht, die Nutzer an mehr als der Hälfte der Werbeeinnahmen zu beteiligen. Das Geld wird dem jeweiligen Account beim Internetgiganten Google gutgeschrieben, zu dem das Videoportal mittlerweile gehört. Über genaue Beträge schweigt das Unternehmen. In der Statistik des Unternehmens heißt es lediglich, dass Hunderte Partner derzeit Gewinne im sechsstelligen Bereich erwirtschaften. Davies-Carr selbst hat nach eigenen Angaben mehr als 120.000 Euro mit seinen Videos verdient. Das sagt er zumindest der New York Times . Genauer will er nicht werden, aber seine Einnahmen seien ausreichend, um seinen vier Söhnen eine gute Schulausbildung zu finanzieren.

Auch in Deutschland versuchen Nutzer, auf diese Weise zu Geld zu kommen. Die beiden Cousins Dima und Sascha Koslowski, die sich im Netz " Die Außenseiter " nennen, haben inzwischen 800.000 Abonnenten und verdienen nach eigenen Angaben Geld mit ihren Filmen. Drei andere junge Männer, die sich " Y-Titty " nennen, haben immerhin 650.000 Abonnenten gesammelt.

Für Werbekunden sind einige dieser Videos durchaus attraktiv. Erfolgreiche Filme wie jene von Howard Davies-Carr erreichen oftmals mehr Menschen als das Programm der klassischen Fernsehsender. Zum Vergleich: Die Tagesschau , Deutschlands meistgesehene Nachrichtensendung, erreicht insgesamt jeden Abend rund neun Millionen Menschen, das Fingerbiss-Video hatte rund 50 Mal mehr Aufrufe. Insgesamt verzeichnete YouTube im vergangenen Jahr mehr als eine Billion Aufrufe. Das ist das 140-fache der Weltbevölkerung.

Leserkommentare
    • pappel
    • 20. September 2012 16:01 Uhr

    und nun wissen wir auf warum die GEZ umgestellt wird. Die heranwachsende Generation schaut einfach kein Fernsehen!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 15thMD
    • 20. September 2012 16:48 Uhr

    Diese Generation (meine) schaut durchaus Sendungen, die für das Fernsehen produziert wurden. Aber sie sieht sich eben diese Sendungen viel lieber im Internet an (meist bevor sie im deutschen TV ausgestrahlt werden, im Falle von größtenteils amerikanischen Inhalten) oder kauft die entsprechenden Staffeln (bevor jetzt wieder irgendwelche Vorurteile kommen: Meistens läuft es so, dass man die ersten Folgen im Internet sieht und wenn man an der Serie gefallen findet, kauft man sich die Staffeln. Kenne ich von vielen Bekannten so und entspricht der Realität. Dies ist aber natürlich nicht der Fall, wenn die Zeitspanne zwischen Auftauchen im Internet und Staffelboxen Release zu groß ist. Dann ist die Sendung geschaut, bevor die Staffeln überhaupt erscheinen.).

    Ein anderes Beipiel ist die Sendung "Roche & Böhmermann". Hier kann man die neueste Folge immer ab Samstag 20:15 im Internet (ZDF Mediathek) sehen, SOnntag 22:00 läuft sie dann im TV.

    Aber ja, es ist richtig, dass junge LEute weniger bereit sind Sendungen dann anzusehen, wenn Sie im TV laufen, sondern wir erwarten, dass die Inhalte immer und überall abzurufen sind.

    Das heißt ein Teil des Fernsehkonsums junger Leute verlagert sich zunehmend ins Internet. Dennoch ist z.B. das Kino hiervon kaum betroffen.

    Zu dem angesprochenen YouTube-Video: Ich halte das Beispiel für schlecht gewählt. Ein 1 min Clip ist wohl kaum mit einer TV-Sendung zu vergleichen. Das Video ist mal eben geguckt, 50% der views wurden nach 5 sek weggeklickt.

    • hairy
    • 20. September 2012 16:11 Uhr

    und schon ist man den Werbeärger los. Ich spende lieber, sofern mir die Inhalte gefallen.

    • 15thMD
    • 20. September 2012 16:48 Uhr

    Diese Generation (meine) schaut durchaus Sendungen, die für das Fernsehen produziert wurden. Aber sie sieht sich eben diese Sendungen viel lieber im Internet an (meist bevor sie im deutschen TV ausgestrahlt werden, im Falle von größtenteils amerikanischen Inhalten) oder kauft die entsprechenden Staffeln (bevor jetzt wieder irgendwelche Vorurteile kommen: Meistens läuft es so, dass man die ersten Folgen im Internet sieht und wenn man an der Serie gefallen findet, kauft man sich die Staffeln. Kenne ich von vielen Bekannten so und entspricht der Realität. Dies ist aber natürlich nicht der Fall, wenn die Zeitspanne zwischen Auftauchen im Internet und Staffelboxen Release zu groß ist. Dann ist die Sendung geschaut, bevor die Staffeln überhaupt erscheinen.).

    Ein anderes Beipiel ist die Sendung "Roche & Böhmermann". Hier kann man die neueste Folge immer ab Samstag 20:15 im Internet (ZDF Mediathek) sehen, SOnntag 22:00 läuft sie dann im TV.

    Aber ja, es ist richtig, dass junge LEute weniger bereit sind Sendungen dann anzusehen, wenn Sie im TV laufen, sondern wir erwarten, dass die Inhalte immer und überall abzurufen sind.

    Das heißt ein Teil des Fernsehkonsums junger Leute verlagert sich zunehmend ins Internet. Dennoch ist z.B. das Kino hiervon kaum betroffen.

    Zu dem angesprochenen YouTube-Video: Ich halte das Beispiel für schlecht gewählt. Ein 1 min Clip ist wohl kaum mit einer TV-Sendung zu vergleichen. Das Video ist mal eben geguckt, 50% der views wurden nach 5 sek weggeklickt.

    Antwort auf "Fernsehen"
    • Marobod
    • 20. September 2012 17:00 Uhr

    kann mir herzlich egal sein. Ich schaue selber ab und an auf Youtube Filme/Videos, gehe wenn ich nen Kinofilm sehe mit Freunden ins Kino.

    Sender wie pro7 haben doch auch schon ein wenig auf diese Internetvideo-Angelegenheit reagiert und sich doch MyVideo gekauft, jetzt werden dort ihre Serien verbeitet und das voellig legal und kostenlos. Manche sogar bevor sie im regulaeren fernsehen zu sehen sind.

    Ich selbst habe uebrigens seit der Umstellung auf Digital meinen kaum genutzten Fernseher in ein anderes Zimmer gestellt und nutze ihn jetzt maximal um auf meinen alten Konsolen zu spielen (NES PSX ..) Ich kann also gut ohne das fernsehen leben :)

  1. Redaktion

    Liebe/r 15thMD,

    danke für Ihre Einschätzung. Sie haben sicher Recht, dass eine TV-Sendung und ein kurzer Youtube-Spot sehr unterschiedliche Formate sind. Aber genau das ist doch das Interessante daran, wenn man bedenkt wie bekannt das Video geworden ist! Den viralen Aspekt kann das Medium TV ja gar nicht bedienen. Und unter anderem deswegen ist Charlie bit my finger so bekannt geworden - weil unzählige Menschen ihn geteilt haben.

    Viel Spaß bei der weiteren Diskussion!

    Grüße
    Sophie Schimansky

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    • 15thMD
    • 20. September 2012 17:46 Uhr

    Der Grundgedanke der Gründer von YouTube waren ja meines Wissen nach viel mehr solche Clips, als das, was heute haupsächlich verbreitet wird. Und diese kann das normale Fernsehprogramm natürlich, wie Sie sagen, nur sehr schwer bedienen (Wobei einzele versuche in diversen RTL-Formaten ja schon gestartet wurden, z.B. Ups - die Pannenshow https://de.wikipedia.org/... ). Was man heute haupsächlich auf YouTube findet (was im Partnerprogramm ist und was nicht, kann ich als Adblock-Nutzer nur schwer beurteilen), sind ja vor allem Musik(videos) (VEVO, Kanäle der Musiker, Kanäle mit unbekannter Musik/Promoter), Let's Plays (Gronkh etc.) und eben Kanäle wie "die Außenseiter" (nicht mein Ding) und "Ray William Johnson", nach Wikipedia der meist abonnierte Kanal weltweit (mein Account zählte auch lange Zeit zu den Abonnenten). Dieser Kanal fehlt mir im Artikel ein wenig, die Aufrufzahlen sind wirklich beeindruckend (http://www.youtube.com/us...). Im Gegensatz zu den kurzen Clips stehen diese Formate in echter Konkurrenz zum TV-Programm.
    Das Musikfernsehen wurde ja quasi schon abgelöst, mal sehen, wie das weitergehen wird. TV-Komedie wird sich vorsehen müssen, denn auf YouTube kann man inzwischen auch richtig Geld verdienen.

    Eine Frage, die mich schon länger beschäftigt: Bekommt der Uploader Geld für den Aufruf, wenn der Nutzer einen Adblock verwendet? Wissen Sie dazu etwas?

    Außerdem: Guter Artikel! :)

    I'm 15thMD and I approve this message. ;)

    • 15thMD
    • 20. September 2012 17:46 Uhr

    Der Grundgedanke der Gründer von YouTube waren ja meines Wissen nach viel mehr solche Clips, als das, was heute haupsächlich verbreitet wird. Und diese kann das normale Fernsehprogramm natürlich, wie Sie sagen, nur sehr schwer bedienen (Wobei einzele versuche in diversen RTL-Formaten ja schon gestartet wurden, z.B. Ups - die Pannenshow https://de.wikipedia.org/... ). Was man heute haupsächlich auf YouTube findet (was im Partnerprogramm ist und was nicht, kann ich als Adblock-Nutzer nur schwer beurteilen), sind ja vor allem Musik(videos) (VEVO, Kanäle der Musiker, Kanäle mit unbekannter Musik/Promoter), Let's Plays (Gronkh etc.) und eben Kanäle wie "die Außenseiter" (nicht mein Ding) und "Ray William Johnson", nach Wikipedia der meist abonnierte Kanal weltweit (mein Account zählte auch lange Zeit zu den Abonnenten). Dieser Kanal fehlt mir im Artikel ein wenig, die Aufrufzahlen sind wirklich beeindruckend (http://www.youtube.com/us...). Im Gegensatz zu den kurzen Clips stehen diese Formate in echter Konkurrenz zum TV-Programm.
    Das Musikfernsehen wurde ja quasi schon abgelöst, mal sehen, wie das weitergehen wird. TV-Komedie wird sich vorsehen müssen, denn auf YouTube kann man inzwischen auch richtig Geld verdienen.

    Eine Frage, die mich schon länger beschäftigt: Bekommt der Uploader Geld für den Aufruf, wenn der Nutzer einen Adblock verwendet? Wissen Sie dazu etwas?

    Außerdem: Guter Artikel! :)

    I'm 15thMD and I approve this message. ;)

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    Redaktion

    Die Videoplattform wandelt sich enorm, ja. Besonders der genannte Kanal "wigs" könnte TV-Formaten Konkurrenz machen.

    Zu Ihrer Frage: Ich weiß, dass der Urheber eines Videos kein Geld von Youtube bekommt, wenn der Spot weggekklickt wird. Deswegen gehe ich davon aus, dass es bei einem Adblock genauso ist. Denn das Unternehmen zahlt ja nur, wenn seine Werbung auch angesehen wird. Allerdings werde ich da noch einmal nachforschen.

    Danke für den Kanal von Ray William Johnson. Auch ein gutes Beispiel für die Professionalisierung von YouTube.

    Grüße
    Sophie Schimansky

    • Glik
    • 20. September 2012 18:03 Uhr

    Das zeigt drastisch die Evolution des Internets in diesen seinen rund 15 Jahren:

    Dereinst Informationsquelle und Medium zum Datentausch mutiert es weitgehend in eine widerwärtige Reklameklitsche - und alle findens auch noch toll.

    Diese Kommerzialisierung des Internets ist ein guter Grund, sich von Vielem dort zu verabschieden - oder alle technischen Möglichkeiten zu nutzen, sich der Kommerzauswüchse zu entledigen.

    Jede Sekunde Reklame ist eine Sekunde verlorene Lebenszeit (Ausnahme: historische Reklame ist ein interessanter Spiegel des Zeitgeistes).

  2. Redaktion

    Die Videoplattform wandelt sich enorm, ja. Besonders der genannte Kanal "wigs" könnte TV-Formaten Konkurrenz machen.

    Zu Ihrer Frage: Ich weiß, dass der Urheber eines Videos kein Geld von Youtube bekommt, wenn der Spot weggekklickt wird. Deswegen gehe ich davon aus, dass es bei einem Adblock genauso ist. Denn das Unternehmen zahlt ja nur, wenn seine Werbung auch angesehen wird. Allerdings werde ich da noch einmal nachforschen.

    Danke für den Kanal von Ray William Johnson. Auch ein gutes Beispiel für die Professionalisierung von YouTube.

    Grüße
    Sophie Schimansky

    Antwort auf "Grundgedanke."
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    • Glik
    • 20. September 2012 19:10 Uhr

    Sie bezeichnen die Kommerzialisierung von youtube als 'Professionalisierung'.
    Das kann man zwar so sehen - aber halten Sie das für richtig ?
    Für Wikipedia (als Beispiel) besteht langfristig eventuell auch diese Gefahr - man stelle sie die Folgen vor !
    Mir sind solche Aussichten nicht geheuer.

    Gruss gf

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  • Schlagworte Google | Film | App | Gesellschaft für Konsumforschung | Video | Werbung
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