EZB-Chef im BundestagMario erklärt Makroökonomie

Der Mann mit der Bazooka zu Gast im Bundestag: Der EZB-Chef rechtfertigt die Politik der Anleihekäufe – und kann die Skeptiker nicht überzeugen. von  und

Der Mann, dem die Deutschen so sehr misstrauen, ist etwas spät dran. Es ist kurz nach zwei am Nachmittag, als Mario Draghi , Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), im Sitzungssaal der Unionsfraktion Platz nimmt. Neben ihm sitzen Norbert Lammert , der Bundestagspräsident und Jörg Asmussen , der deutsche EZB-Direktor. Draghi ist zu den Mitgliedern des Wirtschafts-, Europa und Haushaltsausschusses gekommen, um zu erklären, warum es richtig ist, dass die Zentralbank jetzt unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten aufkauft. Warum die Kritiker in Deutschland Unrecht haben.

Draghi ist kein Lautsprecher, keiner, der seine Gegner attackiert. Auch an diesem Mittwoch nicht. Der EZB-Chef bedankt sich bei den rund 100 Abgeordneten. Es sei eine Ehre, zu Gast "im Herzen der Demokratie“ zu sein. Draghi weiß, dass es viele Kritiker im Raum gibt. Vor allem die Haushaltspolitiker im Parlament sind besorgt wegen der Risiken, die die jüngsten Entscheidungen der EZB mit sich bringen.

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In keinem Land ist das Misstrauen gegen den EZB-Chef größer als in Deutschland. Angeblich misstrauen 40 Prozent der Bundesbürger dem Notenbankchef, mehr als anderswo. Der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt griff vor wenigen Wochen das Unbehagen über die Notenbankpolitik auf, als er Draghi einen "Falschmünzer" nannte.

"Nein zu allem" geht nicht

Draghi hat deshalb eine Rede vorbereitet, die einfache, klare Botschaften enthält. Zugleich will er die Zusammenhänge erklären. Der EZB-Chef hat schon bei seinem letzten Besuch in Berlin vor wenigen Wochen gesagt, dass er das Handeln der Zentralbank für alternativlos hält, dass es eben immer noch besser war, zu handeln, als nichts zu tun. Es war eine grundsätzliche Rede, die mit der Feststellung endete, dass er die deutsche Haltung "Nein zu allem" nicht teile.

An diesem Mittwoch geht er stärker ins Detail . Draghi erklärt, warum aus seiner Sicht die geldpolitischen Impulse der Zentralbank zuletzt nicht mehr gewirkt haben, warum es immer öfter zu Störungen auf dem Geldmarkt gekommen war. Einige Banken hätten sich weiter günstig finanzieren können, während andere vom Markt abgeschnitten gewesen seien.

Auch seien die Renditen für Staatsanleihen in einigen Ländern in die Höhe geschossen, während sie in anderen Ländern – etwa in Deutschland – extrem niedrig gewesen seien. Es habe schlicht nicht mehr gereicht, die Zinsen zu senken, weil diese Impulse in einigen Ländern nicht mehr gewirkt hätten.

Das ist Draghis zentrales Argument. Anders als seine Kritiker sieht er die Anleihekäufe durch das Mandat der Zentralbank auch deshalb gedeckt, weil sie gewissermaßen wieder dafür sorgen, dass die Geldpolitik überhaupt funktionieren kann. Die "Wiederherstellung des ordnungsgemäßen Funktionierens der geldpolitischen Transmission", nennt Draghi das im Bundestag. Anders gesagt: Die Notenbank musste selbst wieder dafür sorgen, dass sie ihren Job machen kann.

Leserkommentare
    • Vanita
    • 24. Oktober 2012 19:35 Uhr

    Und gehört zu diesen Kritikern nicht auch das Bundesverfassungsgericht?

    Und ist das Aushebeln von Marktgesetzen durch Geldflutung nicht irgendwie "sonderbar"?

    Wer profiert wirklich von solchen Handlungen?

    Sind as nicht die Fragen, die eine kritische Presse stellen sollte?

    Fragen über Fragen, die ich gerne mal geklärt hätte, ich muss wohl noch warten...

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    In der FAZ (Print-Ausgabe) gab es vor kurzem einen interessanten Artikel, der den Zusammenhang zwischen dem von der EZB gedruckten Geld und der Inflationserwartung durchleuchtet hat.

    Für mich interessant war folgendes: Geld wird nicht nur von der EZB gedruckt sondern auch von den Geschäftsbanken (z.B. der Commerzbank) durch Vergabe von Krediten. Die Details habe ich nicht genau verstanden, bitte schauen Sie den Begriff "Geldschöpfung" und "Geldmenge" in Wikipedia nach.

    Sieht man sich den "Wiki-"Plot der maßgeblichen Geldmenge M3 über die Zeit an, stellt man fest, dass diese Geldmenge bis zur Finanzkrise kontinuierlich gestiegen ist. Ab Beginn der Finanzkrise haben die Geschäftsbanken Kredite zurückgefordert, den Trend gebrochen und die Geldmenge REDUZIERT. In diesem Fall ist die Geldwertstabilität und Wirtschaft durch DEFLATION gefährdet.

    Mit ihrem Eingreifen hat die EZB den Fall der Geldmenge M3 aufgehalten. Sie steigt wieder, aber viel langsamer wie in früheren Zeiten. Das heißt, sie ist im Moment außerordentlich konstant.

    Dadurch, dass die EZB die für die Inflation relevante Geldmenge M3 konstant hält tut sie genau, was sie tun soll. Konstante Geldmenge, keine Deflation, keine Inflation... und genau aus dem Grund ist auch keine Inflation zu sehen. Es ist scheinbar eine reine Phantomdiskussion.

    So lange bis die Geschäftsbanken wieder Kredite ausgeben. Dann muss die EZB das Geld wieder einsammeln, was sie auch tun will.

  1. Nach dem Unterricht hatten einige Volkshochschüler noch rote Ohren. Andere gaben sich aufgewühlt, so als hätten sie den Leibhaftigen persönlich erlebt. Der Fragesammler, Fragezeitbegrenzer (Zwei Minuten) und Frageweitergabebeauftragte Lammers bedankte sich nach der Unterrichtsstunde bei dem Vortragenden mit Worten der Beschränktheit.

  2. Zitat: "Draghi sei ein Sürdeuropäer, wenngleich ein 'preußischer'".

    Soll heißen: Deutschen Vorstellungen von Geldpolitik entspricht er zwar nicht, aber der Schaden lässt sich vielleicht einigermaßen in Grenzen halten, wenn es nicht zu hart kommt.

    Lustig ist übrigens auch die Meinung, man könnte Geld einfach wieder einsammeln, wenn Inflation am Horizont dräut. Meistens verpassen Notenbanken sowieso den richtigen Zeitpunkt. Nein, dies ist alles Augenwischerei von Draghi.

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    als Wirklichkeit ist. Wenn man erst mal die Banken geflutet hat und die das Geld in Staatsanleihen angelegt haben, wird das mit dem Einsammeln schwierig. Dann müssten die ja ihre Assets verkaufen, um den Kredit zurückzuzahlen. Oder sie müssen die Firmen- und Konsumentenkredite kürzen.

    • ST_T
    • 24. Oktober 2012 20:30 Uhr

    Wenn ich die Äußerungen dieses Herrn vernehme würde ich gerne seine akademische Karierre eindeutiger überprüfen!

    "Einige Banken hätten sich weiter günstig finanzieren können, während andere vom Markt abgeschnitten gewesen seien."

    Das nennt sich zufällig Markt?
    Es ist eine logische Folge, dass bessere Banken Kredite zu besseren Konditionen bekommen während schlechtere Banken gar keine Kredite bekommen, darauf fußt unser Finanzsystem!
    Einem nicht solventen Schuldner schenkt man auch keinen Kredit zu Niedrigzinsen!

    "Auch seien die Renditen für Staatsanleihen in einigen Ländern in die Höhe geschossen, während sie in anderen Ländern – etwa in Deutschland – extrem niedrig gewesen seien."

    Es ist wieder dasselbe: die PIGS können sich bis auf Italien kaum finanzieren, da eigene Wirtschaft eine mangelhafte Wirtschaftsleistung hat, die Lohnstückkosten dazu im Verhältnis zur Herstellung viel zu hoch sind und die Sozialleistungen in keinem Verhältnis zur eigenen Leistung stehen. Gerade die Positionierung in der Währungsunion hat aber dieses Problem erst so drastisch verschlimmert, nämlich durch die gleichzeitige flächendeckende Geldpolitik die die EZB zu verantworten hat und die sich nach einem übergeordneten Ziel und nicht der Wirtschaft der Länder richtet, darin liegt der Fehler!

    Herr Draghi erklärt keine Makroökonomie, Herr Draghi erklärt hier eine Aushebelung einfachster Marktmechanismen.

    Das musste mal gesagt werden.

  3. Das Thema Inflation wurde von vielen renommierten Ökonomen ausführlich und nachvollziehbar dargelegt- und damit meine ich nicht Leute wie z.b. Hr. Sinn(los)wie auch die Mehrheit der recht gleichgeschalteten deutschen Ökonomen- VWL hat dank Dogmatismus die Bezeichnung Wissenschaft nicht mehr verdient.
    Die Inflationsangst der deutschen ist zu höchst irrational, geschürt von Lobbyisten- vermutlich all die, die von zerbröselnden Südländern und indirekten Staatsanleihenaufkäufen profitieren.
    Im übrigen werden die Krisenstaatenanleihen schon lange aufgekauft, aber über sich eine goldene Nase dabei verdienende Zwischenhändler, den Banken.
    Die Frage die zu stellen wäre ist nicht wer von den aktuellen Änderungen profitiert sondern wer von der bisherigen, nicht funktionierenden Krisenlösungspolitik am meisten profitiert hat

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    Die Inflationsangst bei uns Deutschen ist keineswegs irrational. In einem Papiergeld- und Fiatmoney-System kommt es entscheidend darauf an, dass die Zentralbank die Geldmenge unter strikter Kontrolle hält. Im Moment droht in der Tat keine Inflation, weil die Banken das spottbillige Geld von der EZB nicht in die Realwirtschaft lassen, sondern aus Verunsicherung über die weltwirtschaftliche Lage horten. Wenn aber die Banken irgendwann damit beginnen sollten, diese Geld zinsgünstig zu verleihen, dann wird es zu Preissteigerungen kommen. Dann ist es aber fraglich, ob die EZB entschieden genug gegensteuern wird, denn erstens werden die Südländer dagegen sein, und zweitens ist es enorm schwierig für Geldentnahmen aus dem Markt den richtigen Zeitpunkt zu finden - die Gefahr zu früh oder zu spät zu handeln ist groß.

  4. Claus Vogt: R.I.P. - "Draghi wird zum Totengräber"

    http://goo.gl/WbUO2

  5. das eine Zentralbank die Zinsen nur in gewissen Grenzen beeinflussen kann. Sie hat viele Möglichkeiten die Zinsen nach oben zu schrauben, aber weniger Möglichkeiten die Zinsen nach unten zu drücken.

    "Es habe schlicht nicht mehr gereicht, die Zinsen zu senken, weil diese Impulse in einigen Ländern nicht mehr gewirkt hätten."

    Nun ja, die EZB darf diesen Ländern aus gutem Grund das Geld nicht direkt leihen und Banken sehen vielleicht trotz billiger Refinanzierung bei der EZB zu große Risiken in bestimmten Staatsanleihen.

  6. Die Inflationsangst bei uns Deutschen ist keineswegs irrational. In einem Papiergeld- und Fiatmoney-System kommt es entscheidend darauf an, dass die Zentralbank die Geldmenge unter strikter Kontrolle hält. Im Moment droht in der Tat keine Inflation, weil die Banken das spottbillige Geld von der EZB nicht in die Realwirtschaft lassen, sondern aus Verunsicherung über die weltwirtschaftliche Lage horten. Wenn aber die Banken irgendwann damit beginnen sollten, diese Geld zinsgünstig zu verleihen, dann wird es zu Preissteigerungen kommen. Dann ist es aber fraglich, ob die EZB entschieden genug gegensteuern wird, denn erstens werden die Südländer dagegen sein, und zweitens ist es enorm schwierig für Geldentnahmen aus dem Markt den richtigen Zeitpunkt zu finden - die Gefahr zu früh oder zu spät zu handeln ist groß.

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    • S.Kunze
    • 24. Oktober 2012 22:48 Uhr

    machen die extrem niedrigen Zinsen Investments attraktiv, die unter "normalen" geldpolitischen Umständen es nie wären.

    "dreht" man den geldhahn zu, würgt man auch diese vielen fehlinvestments ab und wir reden wieder über den Eigenkapitalpuffer der Banken...

    • genius1
    • 24. Oktober 2012 23:22 Uhr

    http://www.zeit.de/2010/2...

    Ein Kredit von der Bank wird aus dem Nichts geschöpft. Wird der Kredit zurückgezahlt verschwindet die eigentliche Kreditsumme wieder im Nichts, während die zusätzliche Zinsforderung bei der Bank als Gewinn bleibt!

    "Im Moment droht in der Tat keine Inflation, weil die Banken das spottbillige Geld von der EZB nicht in die Realwirtschaft lassen, sondern aus Verunsicherung über die weltwirtschaftliche Lage horten."

    Das Geld von der EZB ist selbst ein Kredit und muss auch wieder zurückgezahlt werden, und dient im wesentlichen dazu die Eigenkapitalquote der Banken wieder zu erhöhen.

    Schließlich sind viele Staatsanleihen im Kurs zurückgegangen, und haben zum Teil eine Wertberichtigung Erfahren. Und eine Griechenlandanleihe musste zu Teil, Real abgeschrieben werden.

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