ZEIT ONLINE: Herr Wüstenhagen, Deutschland streitet über die Ökostrom-Umlage . Verbraucherschützer warnen vor einer Explosion der Stromrechnung. Sie leben und arbeiten in der Schweiz . Halten Sie die Diskussion in Deutschland für übertrieben?

Rolf Wüstenhagen: Man muss sich schon fragen, ob die Aufregung im Verhältnis zur Nachricht steht. Die Umlage erhöht sich um 1,7 Cent je Kilowattstunde, also etwa fünf Euro pro Monat für den Durchschnittshaushalt. Das ist ein überschaubarer Betrag. Das gilt erst recht, wenn man sich anschaut, wie viel Geld die deutschen Haushalte monatlich beispielsweise für die Krankenversicherung ausgeben. Die Aufregung wirkt zum Teil etwas künstlich, dahinter steht wohl eher ein grundlegender Richtungsstreit.

ZEIT ONLINE: Der da wäre?

Wüstenhagen: Wir erleben gerade, dass unsere Energieversorgung komplett neu geordnet wird. Die großen Energieversorger stehen vor erheblichen Herausforderungen. Sie haben bis zum Unglück in Fukushima auf zentrale Kraftwerke gesetzt. Dabei ändern sich gerade die Machtverhältnisse im Energiemarkt. 80 Prozent aller Investoren in Ökostromprojekte sind heute neue Akteure wie private Haushalte, Landwirte, Gewerbetreibende. In der aktuellen Diskussion geht es also vor allem auch darum, wer im künftigen Energiemarkt die besseren Karten hat.

ZEIT ONLINE: Wer gewinnt denn, wenn der Strom erst einmal teurer wird?

Wüstenhagen: Einerseits wir alle, weil wir unsere Abhängigkeit von nicht-erneuerbaren Energien überwinden. Die EEG-Umlage ist eine Art Versicherungsprämie gegen die Risiken von Atom- und Kohlestrom. Andererseits die vielen Privatleute, die in Solar- und Windprojekte investieren. Sie können wegen der garantierten EEG-Vergütung gute Renditen zu vergleichsweise geringem Risiko erzielen.

ZEIT ONLINE: Trotzdem steht das EEG doch in der Kritik, weil es uns alle Geld kostet. Ist das Gesetz noch sinnvoll?

Wüstenhagen: Das EEG ist der Motor der Energiewende und ist Vorbild für die Politik vieler Staaten. Es muss weiterentwickelt werden, natürlich. Aber der riesige Vorteil ist die Investitionssicherheit, die es schafft. Das hat dazu geführt, dass Produktionskapazitäten geschaffen und Kosten gesenkt wurden. Heute wird eine Kilowattstunde Solarstrom aus neuen Anlagen mit zwölf bis 18 Cent vergütet. Vor zehn Jahren waren es noch 50 bis 60 Cent. Dass die Umlage nun angehoben werden muss, hat mehr mit den hohen Fördersätzen von damals zu tun als mit dem Status Quo. Wer das EEG heute abschafft, der schafft das Kostenproblem nicht aus der Welt. Im Gegenteil: Er hat kein sinnvolles Förderinstrument mehr.

ZEIT ONLINE: Bundesumweltminister Altmaier will die Förderung für Wind- und Biomassestrom deckeln. Auch schlägt er vor, dass sich die Bundesländer stärker absprechen, wie viel Ökostrom sie herstellen. Damit will er verhindern, dass zu schnell zu viel grüner Strom entsteht. Ist das eine Lösung?

Wüstenhagen: Man muss da sorgfältig abwägen. Einerseits ist es richtig, den Markt zu koordinieren. Andererseits aber besteht die Gefahr, dass die Politik ihn abwürgt. Die Schweiz hat zuletzt die Ökostromumlage auf maximal 0,75 Cent je Kilowattstunde begrenzt. Das hat dazu geführt, dass heute über 25.000 Ökostromprojekte auf der Warteliste stehen und nicht realisiert werden.

ZEIT ONLINE: Die Schweiz ist kaum vergleichbar mit Deutschland.

Wüstenhagen: Beide Ländern verfolgen ehrgeizige energiepolitische Ziele. Auch die Schweiz wird aus der Atomkraft aussteigen – der Atomstromanteil liegt zurzeit bei rund 40 Prozent. Die Energiewende gelingt nicht ohne Mobilisierung von privatem Kapital. Investoren verhalten sich überall ähnlich: Wenn eine Regierung die Ökostromförderung deckelt, stellt das für Investoren ein politisches Risiko dar, für das sie entschädigt werden wollen. Diese Risikoprämie macht die Energiewende teurer, als wenn Investoren stabile Rahmenbedingungen vorfinden. Die Bundesregierung muss deshalb aufpassen, das Thema nicht auf die lange Bank zu schieben.