Strompreise"Die Preissteigerung ist überschaubar"

Die Debatte um steigende Strompreise ist übertrieben, sagt der Energieökonom Rolf Wüstenhagen. Sie verschleiere den wahren Konflikt: Der Markt ordne sich radikal neu. von 

Windpark in Schleswig-Holstein

Windpark in Schleswig-Holstein  |  © Carsten Rehder/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Wüstenhagen, Deutschland streitet über die Ökostrom-Umlage . Verbraucherschützer warnen vor einer Explosion der Stromrechnung. Sie leben und arbeiten in der Schweiz . Halten Sie die Diskussion in Deutschland für übertrieben?

Rolf Wüstenhagen: Man muss sich schon fragen, ob die Aufregung im Verhältnis zur Nachricht steht. Die Umlage erhöht sich um 1,7 Cent je Kilowattstunde, also etwa fünf Euro pro Monat für den Durchschnittshaushalt. Das ist ein überschaubarer Betrag. Das gilt erst recht, wenn man sich anschaut, wie viel Geld die deutschen Haushalte monatlich beispielsweise für die Krankenversicherung ausgeben. Die Aufregung wirkt zum Teil etwas künstlich, dahinter steht wohl eher ein grundlegender Richtungsstreit.

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ZEIT ONLINE: Der da wäre?

Rolf Wüstenhagen
Rolf Wüstenhagen

Rolf Wüstenhagen, 42, ist Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Schweizer Universität St. Gallen. Der studierte Wirtschaftsingenieur hat dort den Lehrstuhl für Management Erneuerbare Energien inne, den die Investmentgesellschaft Good Energies gesponsert hat. Hinter Good Energies steckt der Textilkonzern C&A.

Wüstenhagen: Wir erleben gerade, dass unsere Energieversorgung komplett neu geordnet wird. Die großen Energieversorger stehen vor erheblichen Herausforderungen. Sie haben bis zum Unglück in Fukushima auf zentrale Kraftwerke gesetzt. Dabei ändern sich gerade die Machtverhältnisse im Energiemarkt. 80 Prozent aller Investoren in Ökostromprojekte sind heute neue Akteure wie private Haushalte, Landwirte, Gewerbetreibende. In der aktuellen Diskussion geht es also vor allem auch darum, wer im künftigen Energiemarkt die besseren Karten hat.

ZEIT ONLINE: Wer gewinnt denn, wenn der Strom erst einmal teurer wird?

Wüstenhagen: Einerseits wir alle, weil wir unsere Abhängigkeit von nicht-erneuerbaren Energien überwinden. Die EEG-Umlage ist eine Art Versicherungsprämie gegen die Risiken von Atom- und Kohlestrom. Andererseits die vielen Privatleute, die in Solar- und Windprojekte investieren. Sie können wegen der garantierten EEG-Vergütung gute Renditen zu vergleichsweise geringem Risiko erzielen.

ZEIT ONLINE: Trotzdem steht das EEG doch in der Kritik, weil es uns alle Geld kostet. Ist das Gesetz noch sinnvoll?

Wüstenhagen: Das EEG ist der Motor der Energiewende und ist Vorbild für die Politik vieler Staaten. Es muss weiterentwickelt werden, natürlich. Aber der riesige Vorteil ist die Investitionssicherheit, die es schafft. Das hat dazu geführt, dass Produktionskapazitäten geschaffen und Kosten gesenkt wurden. Heute wird eine Kilowattstunde Solarstrom aus neuen Anlagen mit zwölf bis 18 Cent vergütet. Vor zehn Jahren waren es noch 50 bis 60 Cent. Dass die Umlage nun angehoben werden muss, hat mehr mit den hohen Fördersätzen von damals zu tun als mit dem Status Quo. Wer das EEG heute abschafft, der schafft das Kostenproblem nicht aus der Welt. Im Gegenteil: Er hat kein sinnvolles Förderinstrument mehr.

ZEIT ONLINE: Bundesumweltminister Altmaier will die Förderung für Wind- und Biomassestrom deckeln. Auch schlägt er vor, dass sich die Bundesländer stärker absprechen, wie viel Ökostrom sie herstellen. Damit will er verhindern, dass zu schnell zu viel grüner Strom entsteht. Ist das eine Lösung?

Wüstenhagen: Man muss da sorgfältig abwägen. Einerseits ist es richtig, den Markt zu koordinieren. Andererseits aber besteht die Gefahr, dass die Politik ihn abwürgt. Die Schweiz hat zuletzt die Ökostromumlage auf maximal 0,75 Cent je Kilowattstunde begrenzt. Das hat dazu geführt, dass heute über 25.000 Ökostromprojekte auf der Warteliste stehen und nicht realisiert werden.

ZEIT ONLINE: Die Schweiz ist kaum vergleichbar mit Deutschland.

Wüstenhagen: Beide Ländern verfolgen ehrgeizige energiepolitische Ziele. Auch die Schweiz wird aus der Atomkraft aussteigen – der Atomstromanteil liegt zurzeit bei rund 40 Prozent. Die Energiewende gelingt nicht ohne Mobilisierung von privatem Kapital. Investoren verhalten sich überall ähnlich: Wenn eine Regierung die Ökostromförderung deckelt, stellt das für Investoren ein politisches Risiko dar, für das sie entschädigt werden wollen. Diese Risikoprämie macht die Energiewende teurer, als wenn Investoren stabile Rahmenbedingungen vorfinden. Die Bundesregierung muss deshalb aufpassen, das Thema nicht auf die lange Bank zu schieben.

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Leserkommentare
  1. Deshalb regen sich die Leute auf. Die Leute fragen sich, in welchen Kanälen die Milliarden an Subvention versanden, ob die Politik in der Lage ist ein solches Projekt pragmatisch zu begleiten und ob die Versorgung mit bezahlbarer Energie auch künftig gesichert ist.

    Eine Leserempfehlung
    • gooder
    • 15. Oktober 2012 18:35 Uhr

    "Das EEG ist der Motor der Energiewende und ist Vorbild für die Politik vieler Staaten"

    Man schaue sich anhand der Atomenergie an, für wie viele Staaten die sogenannte Energiewende der Bundesrepublik als Vorbild dient.

    http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Nuclear_power_worldwide-...

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    litauen hat sich als nächstes land von der atomkirche verabschiedet > http://www.heise.de/tp/blogs/2/152989

    die pv wird das "internet" der strom- und später der kompletten energiewirtschaft - dezentral - unabhängig - vernetzt > http://commonman.de/wp/?page_id=4238

    • 2eco
    • 15. Oktober 2012 18:39 Uhr

    Eine einmalige Erhöhung von 10% ist überschaubar? Vermutlich genauso überschaubar wie die Steigerung der Strompreise i.H.v. 25%? Na klar!
    Im Gegenzug gibts dann schließlich Energieberatungsgutscheine, weil die Politik Millionen von Haushalten für dumm und dämlich hält.

    Und Benzin sowie Gas bzw. Öl für die Heizung ist ja auch nur moderat gestiegen....

  2. ...bei Ihrem Gehalt würde mich der Strompreis auch nicht aufregen; schon gar nicht, wenn man wie Sie auf andere, höhere Kosten hinweisen. Aber wie immer kann man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Hinzu kommt, dass die Energiekonzerne regelmäßig Milliardengewinne vermelden und damit leider auch immer zugeben müsen, dass die Energiepreise exorbitant hoch sind, ungerechtfertigt hoch. Allerdings bleibt auch zu bedenken, dass der Staat mittlerweise bei Strom und Gas fast die Hälfte des Preises für sich selbst durch Umlagen, Steuern, etc. kasssiert und hiervon immer gern ablenkt.

    • Salera
    • 15. Oktober 2012 18:58 Uhr

    dass die aktuelle Preissteigerung hauptsächlich aus zu hohen Vergütungssätzen aus der Vergangenheit stammt, die aber für 20 Jahre fixiert wurden.

    Wer etwa im Juli 2009 eine Fotovoltaik-Anlage auf sein Dach hat montieren lassen, kassiert dafür 20 Jahre lang 43,01 Cent/kWh.
    Ein viel zu hoher Wert, der für den Betreiber zwar finaziell lohnend ist, der Gemeinschaft allerdings Geld kostet.
    Verantwortlich hierfür ist meines Erachtens nach die Politik, denn die hat es versäumt, trotz drastisch sinkender Preise etwa für PV-Anlagen die Sätze entsprechend frühzeitig anzupassen.

    Und so stand für manchen Anlagenbauer eher die "Rendtite" im Vordergrund, als ein ökologisch sinnvolles Investment.

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    • Flari
    • 15. Oktober 2012 20:48 Uhr

    Zitat: "Und so stand für manchen Anlagenbauer eher die "Rendtite" im Vordergrund, als ein ökologisch sinnvolles Investment."

    Für grosse Investments stehen auf privater Seite fast ausschliesslich Renditeüberlegungen im Focus.
    Der kleine Rest ist wenigen Idealisten vorbehalten.

    Die EEG von 2000 und 2004 unter Rot-Grün sind auch aus heutiger Sicht noch als wegweisend und vernünftig anzusehen, wenn auch schon damals die Überprüfungsintervalle etwas zu lang angesetzt waren und man auch kritisieren muss, dass die EEG-Umlage schon da eine weitere Vermögensumverteilung von unten nach oben darstellte.

    Ab 2008/2009 hätte man erkennen können, dass die Rendite insbesondere für PV-Neuanlagen durch sinkende Anlagenpreise schneller steigt, als die Einspeisevergütungen für Neueanlagen sinken.
    Schon hier hätte man eingreifen müssen.

    Insbesondere der PV-Markt ist ab 2009 nach der Wirtschaftkrise von 2008 regelrecht explodiert, da es kaum eine sicherere Anlage bit einer derart hohen und gleichzeitig staatlich garantierten Rendite gab.

    Und gleichzeitig behält sich der Staat vor, wer diese Rendite zu bezahlen hat und wer nicht.
    Insbesondere ab Ende 2009 unter Schwarz-Gelb tendierte man vermehrt zu der Ansicht, dass dieses überwiegend die Aufgabe der Niedrigverdiener sei.

    Wenn man stromintensive Betriebe staatlich subventionieren möchte, ist das ggf.(!) ok.
    Aber dann hat das aus dem allg. Steuertopf zu geschehen und nicht aus dem Topf der Stromkunden.

    • Infamia
    • 16. Oktober 2012 6:47 Uhr

    "Und so stand für manchen Anlagenbauer eher die "Rendtite" im Vordergrund, als ein ökologisch sinnvolles Investment."

    Für einen Bauern mag das gelten, der neben seinem landwirtschaftlichen Betrieb noch mal einen schnellen Euro machen kann. Für die meisten Hausbesitzer war und ist es wohl auch die Entscheidung, sich von Kohl, Öl und Atom unabhängig machen zu können. Denn langfristig werden diese Energieträger eben knapp, bzw. ist Atom keine Alternative. Wenn man damit dann auch noch Geld verdienen kann, ist es eine doppelt kluge Entscheidung. Die EEG-Umlage war, als sie eingeführt wurde, richtig, denn ohne sie wären wir heute nicht da, wo wir heute sind.

    Gesetze gehören halt regelmäßig auf dem Prüfstand, bevor sie ausufern. Das macht ein Gesetz deswegen nicht falsch, wenn man den Urpsprung kennt. Politik würde generell besser funktionieren, wenn Gesetze ein Haltbarkeitsdatum hätten, wo sie wieder auf die Agenda kommen, statt sie vor sich herzuschieben, bis die Eskalation da ist.

    Was die Investments betrifft, letztlich ist es mir egal, warum jemand investiert, solange das Investment sinnvoll ist. Und das war es und wird es auch weiterhin bleiben, auch wenn es angepasst gehört. Ich würde auch ohne EEG-Umlage in PV investieren, hätte ich die Möglichkeit dazu. Der Gedanke, mich von den Stromkonzernen unabhängig(er) zu machen, ist einfach zu verlockend.

    Zitat:"Und so stand für manchen Anlagenbauer eher die "Rendtite" im Vordergrund, als ein ökologisch sinnvolles Investment."
    Im Vordergrund steht bei allen Beteiligten ausschließlich die Rendite. Die, die nicht die Möglichkeit haben eine Anlage bauen zu lassen zahlen diesen Irrsinn.

  3. Mit dieser Aussage ist alles gesagt. Diejenigen die genügend Eigenkapital haben um es in Anlagen für erneuerbare Energie zu investieren beanspruchen ihren Gewinnanteil am Energie-Poker.
    Für die große Mehrheit der Bürger, die keine Mittel übrig haben um an der Verteilung des Energie-Poker-Gewinns teil zu haben, bleibt keine Alternative zum Abzocken durch die am Poker beteiligten.

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    Genau.

    Für diesen Plan der Energiewende sind einfach zu wenige Leute in der Lage "Eigenkapital zu mobilisieren". Investoren, auch für kleine Energieprojekte, brauchen Land (oder eigenes Dach) und nen Kredit. Solange das nicht für alle möglich ist, ist das EEG ungerecht.

    Aber der Zweck des EEG ist unbestritten der zwingendste unserer Zeit: Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern! Nur heilgt dieser die Mittel?

    • TddK
    • 15. Oktober 2012 19:13 Uhr

    <strong>"Die Preissteigerung ist überschaubar"<strong>

    Seit 2000 hat sich der Strompreis in Deutschland mehr als verdoppelt. Mit der jetzigen Strompreissteigerung, dürfte der Strompreis in Deutschland zu den höchsten der EU zählen.

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    • meander
    • 16. Oktober 2012 7:48 Uhr

    Das liegt aber nicht an den erneuerbaren Energien. Es liegt an der Lebenslüge einer Wirtschaftsordnung, die auf dem Verbrauch von fossilen Brennstoffend und Uran basiert. Der billige Strom vergangener Generationen wurde auf Kosten der nachfolgenden Generationen erkauft.

    Kohle und Öl sind endlich, denn sie brauchen millionen von Jahren zum Entstehen, wir verbrennuen beides in einem Zeitraum von weniger als 300 Jahren. Nun steigt der weltweite Verbrauch gerade auch zur Herstellung von Stahl und Aluminium, für Produkte, die wir im Sinne der Industrie möglich alle drei Jahre wegwerfen. Ein solches System ist ineffizient und hat von jeher zum Vorteil eines kurzfristigen Profits für wenige die Kosten auf die Masse und spätere Generationen verschoben. Das konnte und kann nicht funktionieren.

    In die Kosten für Atomstrom wurde nie der Aufwand für Atommülllagerung und der teure Rückbau der Altanlagen sowie Sicherheitsmassnahmen für ausgebrannte Kraftwerke eingerechnet. Auch hier hatte man die Kosten einfach auf die Zukunft verschoben. Gewinne wurden privatisiert und die hohen Kosten der Nachsorgung vom Atom darf nun die Allgemeinheit tragen. Außerdem benötigen sie mindestens zwei solcher Kraftwerke, um die Leistung eines zu garantieren, da es sonst bei Wartung oder technischen Problemen (ganz normal bei jedem Kraftwerk) zu gefährlichen Ausfällen der Leistung kommen würde.

  4. Genau.

    Für diesen Plan der Energiewende sind einfach zu wenige Leute in der Lage "Eigenkapital zu mobilisieren". Investoren, auch für kleine Energieprojekte, brauchen Land (oder eigenes Dach) und nen Kredit. Solange das nicht für alle möglich ist, ist das EEG ungerecht.

    Aber der Zweck des EEG ist unbestritten der zwingendste unserer Zeit: Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern! Nur heilgt dieser die Mittel?

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