Rund eine Stunde verhandelten die Staats- und Regierungschef in der vergangenen Nacht – über nur einen Satz für die Schlusserklärung. Die Frage: Wann tritt die neue Bankenaufsicht für Europas Bankhäuser in Kraft? Früh am Morgen wurde es, weil sich vor allem zwei Länder nicht einig waren: Frankreich und Deutschland. Paris will die Aufsicht schnell, Deutschland will Gründlichkeit walten lassen.

Die 60 Minuten am Brüsseler Verhandlungstisch zeigen, wohin die Reise in Europa künftig gehen wird. Mit dem sozialistischen Staatspräsidenten François Hollande hat die deutsche Kanzlerin einen völlig anderen Mitstreiter an ihrer Seite als es der Vorgänger Nicolas Sarkozy war.

Der stand am Ende seiner Amtszeit meistens eng zu Merkel. Hollande hingegen liebt es, den Nachbarn zu provozieren – sicherlich auch aus innenpolitischen Gründen. Nur einen Tag vor Gipfelbeginn fordert er im Interview ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten und die Einführung von Euro-Bonds. Beides Themen, mit denen Berlin bekanntlich wenig anzufangen weiß. Hinzu kam die Unterstellung, Merkels Europapolitik sei vor allem von ihrem Wahlkampfkalender bestimmt. Selten war ein französischer Präsident so angriffslustig. Und selten hat Merkel so deutlich durchblicken lassen, wie sehr sie das für überflüssig hält.

Diese neue, abgekühlte Atmosphäre zwischen Deutschland und Frankreich muss nicht schlecht sein. Im Gegenteil: Vielleicht hat Europa an diesem Wochenende sogar etwas gewonnen. Was erst einmal widersprüchlich klingt, wird klarer, wenn man noch einmal an die vergangenen Merkel-Sarkozy-Zeiten denkt. Da war Europa de facto ein exklusiver Club der beiden mächtigsten und wirtschaftlich bedeutendsten Staaten. Ohne die beiden und gegen ihren Willen ging gar nichts.

Und jetzt? Jetzt sind plötzlich die Fronten klar. Es gibt klare Positionen, klare Unterschiede. Und es gibt neue Zusammenschlüsse – je nach Themengebiet. Das deutsche Vorgehen zur Bankenaufsicht unterstützten etwa ausdrücklich zwei Staaten, die noch nicht Euro-Mitglied sind: Schweden und Tschechien . Frankreichs Verbündete waren Italien und Spanien . Die alten Seilschaften, sie gelten in dieser Krisen-Union nicht mehr. Aus der exklusiven Zweier-Veranstaltung wird ein vielfältigeres Europa. Eines, in dem unterschiedliche Positionen Platz haben.

Solange Europa am Ende handlungsfähig bleibt – der doch noch gefundene Kompromiss zeigt das – hat Europa Wichtiges gewonnen: mehr Transparenz und mehr Vielfalt.