ESMEin Rettungsschirm, viele Milliarden und etwas Hoffnung

Die Finanzminister der Euro-Zone setzen heute den Rettungsfonds ESM in Kraft. Ein guter Tag für Europa, ein schlechter für Deutschland?

Besonders feierlich werden sich die wenigsten Deutschen fühlen, wenn sie an diesem Montag den Finanzministern der 17 Euroländer bei der Arbeit zusehen. Die Politiker treffen sich in Luxemburg, um den ESM aus der Taufe zu heben. Das Misstrauen vieler Deutscher vor dem Europäischen Stabilitätsmechanismus ist enorm, denn vielleicht entwickelt sich das neue Baby der Euroretter ja zu einem Monster, das sich verselbstständigt und unseren Wohlstand auffrisst. Kompliziert waren die Geburtsumstände allemal, das Bundesverfassungsgericht brauchte Monate, um den neuen Rettungsschirm zu begutachten. Nun also wird er aufgespannt. Ein guter Tag für Europa, ein schlechter Tag für Deutschland?

Der ESM löst den bisherigen Rettungsschirm EFSF ab, die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität. Kein Wunder, wenn die Leute bei solchen Begriffen misstrauisch werden, sich die Taschen zuhalten und Mutmaßungen über den Sinn der Eurorettung anstellen. Der EFSF war ein Provisorium, aus der Not geboren und auf Zeit angelegt: Weil sich Griechenland, Irland und Portugal auf dem Kapitalmarkt nicht mehr mit Krediten zu halbwegs verträglichen Konditionen versorgen konnten, übernahm das der EFSF. Dafür müssen die betroffenen Länder sparen und Strukturen so ändern, dass die Wirtschaft wieder in Schwung kommt.

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Der ESM ist dagegen auf Dauer angelegt, gewissermaßen als europäisches Pendant zum Internationalen Währungsfonds (IWF). Eine Art Feuerwehrfonds, auf den Staaten in Not zurückgreifen können. Und dafür die bittere Pille der Auflagen schlucken müssen – oftmals tiefe Schnitte in das staatliche Leistungsspektrum, die fast immer zulasten der Schwächsten in der Gesellschaft gehen. Aber so funktioniert das Spiel im Finanzkapitalismus: Der Gläubiger hat das letzte Wort und zwingt den Schuldnern seine Bedingungen auf. Aus der Sicht der Geldgeber klingt das anders. ESM-Chef Klaus Regling spricht von einer Brückenfinanzierung, die den Krisenstaaten solange hilft, bis die Reformen greifen.

Wir sind jedenfalls dabei. Zum Eigenkapital des ESM steuert die Bundesrepublik 21,7 Milliarden Euro bei, dazu kommen 168,3 Milliarden Euro an Garantien. Wenn es ganz dumm kommt, dann kostet die neue Finanzorganisation den deutschen Steuerzahler also 190 Milliarden Euro. Kann sein, ist aber nach jetzigem Stand nicht wahrscheinlich. Bis heute ist die Bundesrepublik gut aus allen Krisenprogrammen rausgekommen – und zwar eher mit Gewinn als mit Verlust, weil die gewährten Garantien nicht fällig wurden.

Garantien der Euro-Länder braucht auch der ESM, um Anleihen auszugeben, sich also Geld auf dem Kapitalmarkt zu besorgen, das er dann an Krisenländer weiterreicht. Vielleicht an Spanien. Dann kommt die Doppelstrategie zum Einsatz: Wenn etwa Madrid beim ESM Hilfe beantragt und dafür Reformzusagen macht, steht auch die Europäische Zentralbank bereit, um spanische Anleihen zu erträglichen Zinsen zu kaufen. Im Ergebnis wird so das Ausbluten Spaniens verhindert.

Das ist das Kalkül von Europas Politikern. Es könnte aufgehen. Allein schon die Ankündigung der EZB, Anleihen von Krisenländern kaufen zu wollen, hat die Risikoprämien von spanischen und italienischen Staatsanleihen gedrückt. Die Märkte funktionieren über Erwartungen, und das "So-tun-als-ob" wirkt manchmal ganz vorzüglich. Jedenfalls kurzfristig. Auf mittlere Sicht hilft nur eine bessere Wettbewerbsfähigkeit. Die erforderliche Zeit bis dahin können sich die Krisenländer nun mithilfe des ESM kaufen.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leserkommentare
    • gkh
    • 08.10.2012 um 12:51 Uhr

    Auf mittlere Sicht hilft nur eine bessere Wettbewerbsfähigkeit. Die erforderliche Zeit bis dahin können sich die Krisenländer nun mithilfe des ESM kaufen.

    Eine bessere Wettberwerbsfähigkeit bedeutet, dass die Handelsbilanz mit Deutschland ausgeglichen werden kann. Dazu bräuchte es aber keinen ESM. Deutschland müsste lediglich mehr importieren und weniger exportieren.

    Damit mehr Waren importiert werden können muss die Kaufkraft der Verbraucher gestärkt werden. Damit weniger Waren exportiert werden müssten die Preise steigen. Aus beidem folgt logisch, dass Löhne und Gehälter - sprich die Gewinne aus dem bisherigen Exporten - steigen müssten. Und die Sozialleistungen, denn schließlich haben viele das deutsche Exportwunder durch den Verlust ihres Arbeitsplatzes finanziert.

    Wenn es aber ohne ginge, warum braucht man dann den ESM?

    Ich meine, um zu verschleiern, dass der gegenwärtige Kurs eigentlich nicht zu halten ist.

    8 Leserempfehlungen
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    • gkh
    • 08.10.2012 um 12:53 Uhr

    Aus beidem folgt logisch, dass Löhne und Gehälter - sprich die Gewinne aus dem bisherigen Exporten - steigen müssten.

    Soll heißen:

    Aus beidem folgt logisch, dass Löhne und Gehälter steigen - sprich: sprich die Gewinne aus dem bisherigen Exporten gerechter verteilt werden - müssten.

    • gkh
    • 08.10.2012 um 12:53 Uhr

    Aus beidem folgt logisch, dass Löhne und Gehälter - sprich die Gewinne aus dem bisherigen Exporten - steigen müssten.

    Soll heißen:

    Aus beidem folgt logisch, dass Löhne und Gehälter steigen - sprich: sprich die Gewinne aus dem bisherigen Exporten gerechter verteilt werden - müssten.

    • gkh
    • 08.10.2012 um 12:53 Uhr

    Aus beidem folgt logisch, dass Löhne und Gehälter - sprich die Gewinne aus dem bisherigen Exporten - steigen müssten.

    Soll heißen:

    Aus beidem folgt logisch, dass Löhne und Gehälter steigen - sprich: sprich die Gewinne aus dem bisherigen Exporten gerechter verteilt werden - müssten.

    Antwort auf "Schein und Sein"
  1. Die neue Session beginnt. Bei realistischer Sicht (ZEIT: Wenn es ganz dumm kommt) dürften die deutschen 190 Milliarden bald im Orkus verschwinden. Warum? Der Sparwille der Nehmerstaaten dürfte sich trotz offiziellen Verlautbarungen über die Wahnsinnsreformanstrengungen in Grenzen halten. Zweitens ist nicht davon auszugehen, dass sich zukünftig vor den Toren der PIGS-Staaten lange Käuferschlangen bilden. Der Finger der Weltkonjunktur zeigt deutlich nach unten.

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    • Marula
    • 08.10.2012 um 13:23 Uhr

    Die Mittel des ESM sind ja praktisch schon verteilt. Jeder weiß, dass demnächst ein spanischer Antrag kommt. Auch die Lage in Zypern, Slowenien ist bekannt. Irland möchte rückwirkend Bankenhilfe. Italien hat einen Antrag nicht ausgeschlossen und in dem Fall wäre das Konto des ESM schon im Minus.
    Lächerlich.
    Der IWF wurde eigentlich für Staaten in wirtschaftlichen Schwierigkeiten gegründet und nie hatte dabei jemand an Europa gedacht. Nun sind wir soweit, dass wir einen ständigen (!) europäischen "IWF" brauchen.
    Wahrscheinlich bräuchten wir auch ein unabhängiges Schiedsgericht für all die Konflikte, die sich aufgrund der Schuldenkrise zwischen Gebern und Nehmern entwickelt haben und noch entwickeln werden.
    Europa hat es wirklich weit gebracht.

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    • Ron777
    • 08.10.2012 um 13:47 Uhr

    Ein Gutteil des Geldes aus dem ESM ist bereits ausgegeben oder fest verplant. 190 Mrd. Euro sind für Deutschland verloren. Schon kommen Forderungen, den Rettungsschirm weiter zu erhöhen, zu hebeln, zu ergänzen oder gleich ganz auf den unbegrenzten Druck von Baumwollblüten auszuweichen. Das ist alles absoluter Wahnsinn und wird nicht zur Beendigung der Krise beitragen. Europa, Brüssel und seine Eliten haben auf ganzer Linie versagt. Nun werden sie sich bald auf die Suche nach einer Dolchstoßlegende machen und uns erzählen, dass die bösen Ereignisse, nicht aber sie für dieses Desaster verantwortlich sind. Dabei ist ganz offensichtlich: Ohne den Euro hätte es diese verheerenden Zustände niemals gegeben. Mit nationalen Währungen würden zumindest unsere jetzigen Probleme heilbar sein. Doch Brüssel will dies nicht eingestehen, sieht vielmehr die Chaoswährung als mächtigen Hebel zur Zwangsvereinigung der europäischen Länder unter dem Dach eines Brüssler Gulags un d einer sosialistischen Drangsalierungsbürokratie. Wir werden noch viel Spaß haben.

    4 Leserempfehlungen
  2. weil sie Ihrem Ende schneller entgegen schlittern.
    Um so schneller diese Geldschieber-Bande die Auswirkungen Ihres Handeln sieht, desto eher können Sie dingfest gemacht werden.

    2 Leserempfehlungen
    • th
    • 08.10.2012 um 13:52 Uhr

    Zu Ronald Reagans Zeiten sprach man von "Voodoo economics" ...

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  3. Nun sehe ich mich auch noch gezwungen den EURO zu verteidigen. Ich bin ein EURO Gegner zumindest in seiner jetzigen Form.

    Als der EURO eingeführt, aufgezwungen wurde, gab es schon sehr kritische Stimmen, die Politik typisch, einfach ignoriert wurden. Unliebsames wird gerne mit einer bestimmten Vergangenheits Keule bei Seite gewischt.

    Ich dachte mir damals, in ein Paar Jahren werdet ihr sehen was ihr davon habt, euer verdrängen wird euch einholen. Nun die Zeit ist gekommen, 2008 man spielte auf Zeit und man spielt 2012 erneut auf Zeit. Unter den Teppich kehrt man dabei, dass der Haufen unter selbigem immer grösser wird und verschliesst man nicht die Augen vollends, auch nicht mehr zu übersehen ist.

    Trotzdem der EURO ist unschuldig, würden die Regeln so geändert das Geldschöpfung nicht mehr per Kredit sondern über Bedarf geregelt würde, könnte man den EURO für Europa retten.
    Allerdings müssten dann die Finanzregeln so geändert werden das die Banken das Geldschöpfungsmonopol zumindest verlieren, wenn nicht besser ganz gestrichen bekommen.

    Das einzige was fehlt ist der entsprechende Wille dies zu tun und jedem Bürger Europas Geld zu zu gestehen für das er nichts tun muss, ausser es nach Erhalt auch auszugeben.

    Ein Grundeinkommen für Europa.

    Nicht nach dem Motto;
    Zum Sterben zu viel,
    zum Leben zu wenig.

    Sondern nach dem Motto;
    Zum Leben genug,
    zum Schlemmen zu wenig.

    An der Krise schuld sind die, welche die Regeln gebrochen haben.

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