Wirtschaftsordnung : "Die Märkte, ein quasi-chaotisches System"

Die Wirtschaft gleicht einer Herde wilder Pferde, sagt Andrew Haldane, Leiter Finanzmarktstabilität der Bank of England. Die Ökonomie trage dem noch zu wenig Rechnung.

Frage: Sie sind ein lautstarker Kritiker der Mainstream-Makroökonomie . Wie passt das damit zusammen, dass Zentralbanken traditionell sehr konservative Institutionen sind?

Andrew Haldane: Ich bin mir nicht sicher, ob das, was Sie über Zentralbanken sagen, wirklich stimmt. Richtig ist: Viele Leute denken, dass Ideen erst ausführlich getestet werden sollten, bevor man sie in der Praxis nutzt. Und in der jüngeren Vergangenheit entstanden viele Ideen tatsächlich an den Hochschulen und wurden dann erst später in der konkreten Wirtschaftspolitik angewendet. Ein Beispiel dafür ist der Monetarismus . Auch die Vorstellung einer regelgebundenen Geldpolitik ist aus der wissenschaftlichen Literatur entstanden. Aber es gibt auch eine Reihe von Beispielen, wo die Reihenfolge umgekehrt war. In der aktuellen Wirtschaftskrise haben wir nach Orientierung in der Wissenschaft gesucht, aber da war nicht besonders viel zu holen.

Frage: Heißt das, dass Hochschulvolkswirte den Entwicklungen hinterherlaufen?

Haldane: Wir alle müssen aus Erfahrungen lernen. Wenn Sie in einer Institution wie einer Zentralbank arbeiten, haben sie dafür weniger Zeit - weil Sie direkt auf die Geschehnisse reagieren müssen. Wir können es uns nicht erlauben, fünf Jahre zu warten und dann erst zu handeln.

Frage: Sie arbeiten eng mit Wissenschaftlern aus einer Reihe von anderen Fachgebieten zusammen, zum Beispiel mit Biologen, Physikern und Epidemiologen. Warum machen Sie das?

Haldane: Ich versuche einfach nur, die Wirklichkeit zu verstehen. Die Standard-Modelle, die wir in der Volkswirtschaftslehre benutzen, funktionieren nicht mehr richtig. Deshalb sind wir gezwungen, neu zu denken. Da gehört es dazu, auch bei anderen Disziplinen nach Erkenntnissen zu suchen. Ich suche nach Systemen, die sich ähnlich verhalten wie das Finanzsystem. In gewisser Weise leihe ich mir dafür bei anderen Disziplinen die Kleidung aus.

Frage: Was sind die Probleme der gängigen Makroökonomie ?

Haldane: Rückblickend ist klar, dass wir ein Theorie-Gebäude aufgebaut haben, das auf ziemlich eigenartigen Annahmen basiert. Wir haben uns zum Beispiel von dem Gedanken entfernt, dass es in der Wirtschaft eine Vielzahl von Gleichgewichten geben kann. Wir haben auch vergessen, dass wir sogar in dem falschen Gleichgewicht gefangen sein können - das ist eine Möglichkeit, um die derzeitige Situation erklären zu können. Und wir haben aus dem Blick verloren, dass Systeme im Zeitablauf instabil werden können, wenn sie zu sehr unter Druck kommen. Es ist ziemlich schwierig, sich außerhalb der ökonomischen Theorie - sei es in der Natur oder in den Sozialwissenschaften - ein System vorzustellen, das nicht eine Vielzahl von Gleichgewichten hat, das sich nicht anders verhält, nicht instabil wird, wenn es unter Stress gerät. Trotzdem herrschte in der modernen Makroökonomik die Überzeugung, dass ein Gleichgewicht ein eindeutig definierter und ein stabiler Zustand ist.

Frage: Können Sie dafür ein konkretes Beispiel geben?

Haldane: In den 20er Jahren, als die Makroökonomik ganz am Anfang stand, verglich Knut Wicksel die Gesamtwirtschaft mit einem Schaukelpferd. Stellen Sie sich vor, sie schlagen ein Schaukelpferd mit einem Stock - dann bewegt es sich in einem ziemlich regelmäßigem Muster. Mit dieser Vorstellung sind wir fast ein Jahrhundert lang theoretisch und empirisch an das ökonomische Modellieren herangegangen.

Frage: Wenn die Wirtschaft kein Schaukelpferd ist, was ist sie dann?

Haldane: Stellen Sie sich statt eines Schaukelpferds eine Gruppe wilder Pferde vor, die sie mit einem Stock schlagen. Was passiert dann? Die Wahrheit ist: Das kann man vorher nicht sagen. Eine Möglichkeit ist, dass gar nichts passiert. Vielleicht rennt das Pferd, das Sie geschlagen haben, weg. Die wahrscheinlichste Sache ist, dass das Pferd flüchtet und dabei alle anderen Pferde verrückt macht und in Panik versetzt. Die rennen dann auch weg - in welche Richtung, wissen Sie aber vorher nicht.

Frage: Das klingt ziemlich chaotisch.

Haldane: Genau. Wir haben es mit einem quasi-chaotischen System zu tun, das getrieben wird von Interaktionen zwischen lebenden Akteuren, die gegenseitig von einander abhängen. Viele verschiedene Gleichgewichte sind darin möglich, manche davon sind gut, andere schlecht.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Die einen nennen es Herde

Die anderen nenen es Matthäus-Effekt. Ich meine ich wäre ja froh, wenn ich einem Angloami-Finanz-Dilettanten irgendwas glauben könnte und es wäre wirklich vergleichbar mit einer Herde. Dann hätte ich wenigstens mal die Wahl und könnte wirklich mal anders laufen und was anderes kaufen und es wäre nicht jedes zweite Auto von VW, jedes zweite Waschmittel von Henkel, jede zweite Süssigkeit von Ferrero und jede zweite Dosensuppe von Errasco.

Markt und Verteilungsgerechtigkeit

Ich finde das immer toll, wenn über den Markt referiert wird. Keiner kennt "den Markt", aber alle wissen, wie er - oder sie? - funktioniert. Und wenn Märkte beruhigt werden müssen, dann weiss sogar die Kanzlerin, was zu tun ist. Das Entscheidende sagen sie in ihrem Schlussplädoyer: es gibt keinen Markt, nur Monopole. Viele Ökonomen behandeln ein Thema, das nur in ihrer Theorie vorkommt. Deswegen sind die Prognosen auch so verfehlt und bescheiden. Die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Marktökonomie wäre Verteilungsgerechtigkeit. Dies erklärt auch, warum der Markt nicht funktioniert.

Die Makroökonomie entwickelt sich stetig weiter

Wissenschaft, auch die ökonomische, ist ein Prozess, in dem nichts bleibt, wie es ist. Die Forschungsansätze, Methoden und Erkenntnisse werden darin stetig verändert und erweitert. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob und inwieweit einer seine persönliche Sicht der Dinge revidiert. Es reicht, dass andere Menschen permanent neue Ansätze und Erkenntnisse schaffen. Das passiert genau so, auch wenn es von der allgemeinen Öffentlichkeit unbemerkt bleibt.

Eine andere Frage ist, wer sich in seinem wirtschaftlichen oder wirtschaftspolitischen Handeln an welchen Erkenntnissen orientiert. Und da ist es sicher so, dass die Berater und Entscheidungsträger, die indirekt und direkt Einfluss auf die Gestaltung des Systems nehmen, umso konservativer agieren, je weitreichender und komplexer die potenziellen Auswirkungen einer bestimmten Entscheidung auf Wirtschaft und Gesellschaft sein könnten (was eigentlich auch nicht unvernünftig ist).

Das Hauptproblem, das einer vernünftigen Wirtschaftspolitik entgegensteht, aber sind (meist ideologiebedingte, nicht wissenschaftlich fundierte) Vorurteile/Meinungen jedweder Art, die auch im Hinblick auf die tatsächlich verfolgten Ziele zu inkonsitentem Handeln führen.

Schlussendlich orientiert sich jegliches Handeln immer an Interessen. Diese sind daher immer wichtiger und damit deutlich handlungsprägender als irgenwelche wissenschaftlichen Erkenntnisse, und mögen sie noch zu zutreffend sein.