Die neue französische Frauenministerin Najat Vallaud-Belkacem © Jacques Brinon/dapd

Wenn Najat Vallaud Belkacem nach ihren Zwillingen gefragt wird, konzentriert sich die Neugierde auf die französisch-marokkanischen Vornamen der beiden. Louis-Abdel und Nour-Chloé heißen die Vierjährigen. Ob sie durch die Vornamenwahl ein Statement abgeben wolle, wird die gebürtige Marokkanerin dann gern gefragt. Wie die 34-Jährige die Erziehung der Kleinen mit ihrem neuen Amt als französische Frauenministerin unter einen Hut bringen will, ist dagegen selten ein Thema.

In Frankreich ist man es gewohnt, dass Frauen arbeiten, selbst wenn sie zwei, drei oder mehr Kinder haben. Rund 70 Prozent der Mütter mit einem oder zwei Kindern waren 2011 berufstätig, geht aus einer Untersuchung des Nationalen Statistikamts hervor. In einem Haushalt mit drei Kindern waren es im Durchschnitt immerhin noch knapp 53 Prozent. Ganztagsschulen und ein weites Krippennetz machten es möglich, lautet die allgemeine Überzeugung. Mütter, die zu Hause bleiben, werden in Frankreich sogar schief angesehen und nicht selten als arbeitsscheu betrachtet.

Dabei sei es auch in Frankreich alles andere als einfach, Berufs- und Familienleben in Einklang zu bringen, sagt die neue Ministerin der sozialistischen Regierung. "Ich denke an all die Besprechungen in den Abendstunden, die ganz offensichtlich die Bedürfnisse einer Familie ausblenden, und die nicht gerade dazu erfunden wurden, das Leben junger Mütter einfacher zu machen." Zu dem Thema, kündigte Vallaud Belkacem deshalb schon bald nach ihrem Amtsantritt im Mai an, werde man von ihr "noch einiges hören".

Erste Frauenministerin seit 25 Jahren

Dazu und zu einigen anderen Themen. Denn ausgerechnet im Land der Simone de Beauvoir scheinen die Sitten ein wenig verkommen, seit zuletzt vor 25 Jahren eine Frauenministerin dem Kabinett angehörte. 1983 zum Beispiel, als Yvette Roudy das Ressort leitete, wurde ein Gesetz beschlossen, das Frauen das Recht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeit gab. Heute beträgt der Unterschied neun Prozent, selbst wenn Aufgabenstellungen und Qualifikationen vergleichbar sind.

Im Durchschnitt verdienen Französinnen 27 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. "Die neun Prozent sind unerklärlich und inakzeptabel", sagt Roudys junge Nachfolgerin. Der übrige Teil der Einkommensschere hänge damit zusammen, dass Frauen vorwiegend in Branchen mit niedrigeren Löhnen arbeiteten und überdurchschnittlich oft Teilzeitbeschäftigungen annähmen, um Berufs- und Familienleben zu vereinbaren. 80 Prozent der Hausarbeit übernehmen in Frankreich die Frauen. "Das sind alles Hebel, wo man ansetzen muss."

Die Jüngste im Kabinett hat allerdings auch das kleinste Budget. Gerade einmal 20 Millionen Euro im Jahr stehen ihr zur Verfügung. Vallaud Belkacem ist dennoch optimistisch, was ihre Hebelwirkung angeht. Sie ist nämlich gleichzeitig Regierungssprecherin und hat schon deshalb von Amts wegen einen direkten Draht zum Premierminister und in alle übrigen Ressorts.