KonjunkturFünf Gründe, warum wir optimistisch sein sollten

Die Krise zieht Deutschland herab? Kann sein. Wahrscheinlicher aber ist etwas Anderes: Deutschland steht vor einem soliden Aufschwung, schreibt der Ökonom Joachim Möller. von Joachim Möller

Autos in Schutzhüllen im Hafen von Emden

Autos in Schutzhüllen im Hafen von Emden  |  © Sean Gallup/Getty Images

Die Krise in der Euro-Zone verunsichert Investoren und Konsumenten. Deutschland kann sich nicht immunisieren. Die Sparpolitik der Krisenländer hat auch Auswirkungen auf die deutschen Exporte und die deutsche Konjunktur.

Da die Anpassungsprozesse in den Partnerländern schmerzhaft und langwierig sind, droht ein Jahrzehnt schwachen Wachstums in Europa . Dies hat zwangsläufig Rückwirkungen auf die deutsche Wirtschaft und den Arbeitsmarkt. Der schlechteste Fall wäre ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone. Das würde ein Fiasko für die deutsche Wirtschaft bedeuten. Dann würden die Bürgschaften wirksam. Vor allem aber würde eine starke Aufwertung der Währung zu einem erheblichen Rückgang der Konkurrenzfähigkeit führen – wir hätten die "Schweizer Krankheit". In diesem Szenario drohen Massenentlassungen und ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Schockwelle der Krise wäre weltweit zu spüren. Die Weltrezession 2008/09 wäre dagegen ein laues Lüftchen gewesen.

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Für wahrscheinlicher halte ich aber, dass es dazu erst gar nicht kommt. Dann stehen wir mittelfristig vor gar nicht schlechten Aussichten . Dafür gibt es fünf Gründe.

Erstens: Wenn es der Politik und der Europäischen Zentralbank (EZB) gelingt, die Euro-Krise zu meistern , werden wieder starke Auftriebskräfte mobilisiert, die den Nachfrageausfall aus den europäischen Krisenstaaten kompensieren können. Weltweit hat die Euro-Krise die wirtschaftlichen Akteure verunsichert. Wenn sich der Investitionsstau auflöst, ist mit starken Konjunkturimpulsen für die deutschen Exporteure zu rechnen. Die Nachfragesteigerung etwa aus den Schwellenländern Brasilien , Russland , Indien , China und Südafrika könnte dann die unvermeidlichen Nachfrageausfälle aus den europäischen Krisenstaaten auffangen. Schon jetzt gehen 60 Prozent unserer Exporte in Länder außerhalb der Euro-Zone.

Joachim Möller
Joachim Möller

Joachim Möller ist Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

Zweitens: In Deutschland sind höhere Lohnsteigerungen in den nächsten Jahren wahrscheinlich. Allerdings gilt auch hier die Einschränkung: Es sei denn, die Euro-Krise spitzt sich dramatisch zu. Wenn Politik und EZB aber die Krise in den Griff bekommen, ist anzunehmen, dass mittelfristig die Löhne spürbar steigen. Der Wandel des Arbeitsmarktes zu einem sogenannten "Arbeitnehmermarkt" im Bereich der qualifizierten Fachkräfte verändert deren Verhandlungsposition. Wenn Fachkräfte knapper werden, spiegelt sich das über kurz oder lang in den Löhnen wider.

Drittens: Die deutsche Wirtschaft ist im Kern gesund.  Die deutsche Wirtschaft zeichnet sich durch eine außerordentlich hohe Konkurrenzfähigkeit aus – auch deshalb, weil die Löhne in den vergangenen 15 Jahren nur moderat angestiegen sind. Auch wenn sie in den nächsten Jahren steigen werden: Die Kostensituation ist für die meisten Unternehmen günstig, die Rentabilität hoch. Es gibt keine fundamentalen Strukturprobleme in dem Sinne, dass bestimmte Industrien massiv an Boden verlieren und schrumpfen müssten, wie es etwa in Spanien im Bausektor der Fall war oder in Irland im Bankensektor.

Leserkommentare
  1. widersprechen, kann die Analyse aus der Kristallkugel nicht so schlecht sein.

    Nur schade, dass die Bewohner dieser Republik kaum drin vorkommen, aber das kann man dann mit dem nächsten Armustbericht nachholen.

  2. Ich glaube, die negativen Auswirkungen einer Währungsaufwertung werden überschätzt. Die D-Mark hat auch ständig aufgewertet, trotzdem ist Deutschland eine der führenden Industrie- und Exportnationen geworden. Eine starke Währung kann für Unternehmen auch ein Ansporn sein innovativ zu bleiben, haben Sie dann doch den Wettbewerbsvorteil einer schwachen Weichwährung nicht.

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    In der Vergangenheit hat die DM kontinuierlich über längere Zeiträume aufgewertet. Ein plötzlicher Sprung um 30-40% ist aber eine ganz andere Hausnummer.

    ferner sollte man mal begreifen, dass die Welt von vor 25 JAhren nicht mehr existiert. der Fall des Eisernen Vorhanges und der Aufstieg der Schwellenländer hat sämtliche Koordinaten der Weltwirtschaft durcheinander gewürfelt, weshalb Rezepte von damals heute in der Regel falsch sind

    • gquell
    • 26. Oktober 2012 11:31 Uhr

    Wenn ich also die ganzen Argumente lese, warum die Wirtschaft in D nicht einbrechen soll/darf, dann fange ich an, vom Gegenteil auszugehen.
    Da außerdem die Binnenwirtschaft kaum berücksichtigt wird, sind wir auf Grund der Exportabhängigkeit sehr stark von der Weltkonjunktur abhängig. Sollte die einbrechen, können wir diese Einbrüche kaum kompensieren. Wir sollten uns wirklich klar machen, daß die Krise noch lange nicht vorbei ist - daß wahrscheinlich noch gar nicht richtig angefangen hat.

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    • lonetal
    • 26. Oktober 2012 16:34 Uhr

    Sie schreiben: "Da außerdem die Binnenwirtschaft kaum berücksichtigt wird, sind wir auf Grund der Exportabhängigkeit sehr stark von der Weltkonjunktur abhängig. Sollte die einbrechen, können wir diese Einbrüche kaum kompensieren."

    /Zitat SZon von heute
    Die Krise scheint bei den Menschen in Deutschland noch nicht angekommen zu sein. Im Gegenteil: Die Kauflaune der deutschen Verbraucher ist so gut wie seit fünf Jahren nicht mehr. Der Konsumklimaindex für November, das Barometer für die Zukunftserwartungen der Verbraucher, stieg um 0,2 auf 6,3 Punkte. Das teilte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) mit. Das ist der höchste Stand seit Oktober 2007.
    Zitat/
    (http://www.sueddeutsche.d...)

  3. dass ein abgeschossener Pfeil in der Luft stehenbleibt oder Achilles als schnellster Läufer der Welt keine Schildkröte überholen kann. Aber inwieweit dies mit der Realität zusammenpasst ist eine andere Frage. (NB: Zenons Paradoxa zielen m.E. genau darauf ab).

    • Gerry10
    • 26. Oktober 2012 11:50 Uhr

    ...allein mir fehlt der Glaube.
    Die nächsten Jahre bringen bestenfalls Stillstand, schlimmstenfalls soziale Aufstände.
    Letzten Endes entscheidet der Ölpreis wie es weiter geht und sonst nichts...

    • sabu420
    • 26. Oktober 2012 11:55 Uhr

    Irgendwie habe ich das Interesse an solchen Berichten verloren. Entweder es heißt "Es könnte schlimmer sein", "seid optimistisch" oder "uns geht es besser als xy". Hier die neue Version x Gründe gut drauf zu sein, weil...

    • Ethan
    • 26. Oktober 2012 12:00 Uhr

    Die "Schweizer Krankheit" besteht aus einer Arbeitslosenrate, die deutlich besser ist als die des besten Eurostaates, eines moderaten Wirtschaftswachstums, das im Gegensatz zur Euro-Rezession steht und in enormer Aussen-Kaufkraft für Schweizer Bürger. Deutschland sollte sich beeilen, sich diese Krankheit einzufangen.

    All die hypothetischen Lohnsteigerungen nutzen zudem nichts, wenn sie von Inflation und den höheren Steuern, die die Euroretterei mit sich bringen wird, aufgefressen werden.

    So wie die Folgen des Euros verniedlicht und ausgeblendet werden, wird wie üblich demgegenüber ein Horrorszenario eines Austritts herbeiphantasiert und nur dessen Negativ-, nicht aber die langfristen Positivfolgen gesehen. In der Summe also die übliche euromantische Traumtänzerei.

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    Ja, genau. Alle bringen ihr Geld in die Schweiz. Die Reichen werden so sehr hofiert, dass sie hordenweise einströmen. Das übermäßig vorhandene Geld erlaubt sehr geringe Steuern. Die Löhne sind höchst anständig.

    Wirklich schlimm, diese "Schweizer Krankheit". Um die Krankheit ein bisschen zu lindern, protegiert die Schweiz ihre Exporteure, indem sie den Franken an den Euro koppelt. Das ist nichts weiter als das Aspirin der aufrechten Liberalen.

  4. Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, befürchtet beim auseinanderbrechen der Eurozone die
    "Schweizer Krankheit".

    Das wäre doch schön, wenn wir die "Schweizer Krankheit" hätten.

    Schweizerische Arbeitslosenquote für Monat September unverändert 2,8 Prozent.
    Deutsche Arbeitslosenquote für Monat September 6,5 Prozent.

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