Gleichberechtigung"Die Bürger wollen keinen Männerverein in der EU"

Sylvie Goulard führt den Aufstand gegen EZB-Kandidat Mersch an. Im Interview verteidigt die Parlamentarierin ihr Non: Die Minister nähmen das Parlament nicht ernst. von 

Die Männer des Direktoriums der Europäischen Zentralbank

Die Männer des Direktoriums der Europäischen Zentralbank  |  © Alberto Estevez/dpa

ZEIT ONLINE: Das EU-Parlament hat am Donnerstag Yves Mersch als Kandidaten für das EZB-Direktorium abgelehnt , weil er ein Mann ist. Auch Sie haben mit Nein gestimmt. Was hat das den Frauen Europas gebracht?

Sylvie Goulard: Es geht hier nicht nur um Gleichberechtigung. Wir brauchen in der EU eine Vielfalt der Argumente und mehr Transparenz. Die Besten müssen die Posten bekommen. Personalentscheidungen dürfen keine Proporzentscheidungen sein. Und sie dürfen nicht hinter geschlossenen Türen getroffen werden, wie es in diesem Fall passiert ist.

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ZEIT ONLINE: Die fachliche Kompetenz von Yves Mersch ist doch unbestritten.

Goulard: Ja, sicher. Aber man kann nicht immer Personen nehmen, die sich schon im System etabliert haben – das geht immer indirekt zu Lasten von Frauen. Man kann sich doch auch Personen mit anderem Hintergrund vorstellen, die genauso gut qualifiziert sind, etwa Akademiker. Oder nehmen Sie Jörg Asmussen , den deutschen Vertreter im EZB-Direktorium, der kein ehemaliger Gouverneur einer Zentralbank ist, sondern Staatssekretär. Der macht doch auch einen hervorragenden Job.

ZEIT ONLINE: Aber dann ist Yves Mersch doch nur ein Sündenbock.

Sylvie Goulard
Sylvie Goulard

Sylvie Goulard, 48, ist französische Abgeordnete des EU-Parlaments. Sie ist Mitglied der Liberalen-Fraktion.

Goulard: Nein, Herr Mersch ist kein Sündenbock. Schauen Sie sich die Chronologie genau an: Das Europaparlament hat schon bei früheren Anhörungen immer auf die fehlende Gleichberechtigung hingewiesen. Das hat die zuständigen Euro-Finanzminister aber nie interessiert. Nur Herr Schäuble hat betont, dass es einen Konsens gebe, dass mindestens eine Frau Mitglied des Direktoriums sein solle. Wir haben auch Herrn Juncker, den Vorsitzenden der Euro-Gruppe, parteiübergreifend auf das Problem hingewiesen – lange bevor Herr Mersch nominiert wurde. Aber die Minister haben einfach versucht, Herrn Mersch in einem Putsch durchzusetzen. Jetzt stellen sie ihn als Sündenbock dar. Das stimmt einfach nicht. Wir haben immer rechtzeitig gewarnt. Der Ministerrat hat uns einfach nicht ernst genommen.

ZEIT ONLINE: Und jetzt ist die Stimmung zwischen Parlament und Ministern im Keller.

Goulard: Das stimmt. Aber die Minister wollten eben auch nicht mit uns diskutieren. Herr Juncker hat nie auf unsere Briefe geantwortet, hat nie Vorschläge gemacht. Das gleiche gilt für EU-Ratspräsident Herman van Rompuy . Der hat noch nicht einmal Vorschläge gemacht, wie denn ein neues Verfahren aussehen könnte.

ZEIT ONLINE: Wie geht es jetzt weiter?

Goulard: Rechtlich darf der Euro-Ministerrat unsere Entscheidung ignorieren. Aber hier geht es um die Grundrechtecharta der EU. Und um gesunden Menschenverstand: Die Bürger wollen doch keinen Männerverein in der EU – genauso wenig wie sie einen Frauenverein wollen. Die Minister und Staatschefs könnten jetzt anfangen, uns zuzuhören, und die Welt so sehen, wie sie 2012 tatsächlich ist.

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Leserkommentare
    • MeÖz
    • 25. Oktober 2012 19:00 Uhr

    "Die Bürger wollen doch keinen Männerverein in der EU - genauso wenig wie sie einen Frauenverein wollen."

    Ich denke so mancher Bürger will nicht mal die EU, wie sie jetzt ist. Frau Goulard spricht für sich und nicht für 500 Millionen Menschen.

    Zum Thema: Mir ist es egal ob ein Mann, eine Frau oder sonstwas dort sitzt, solange er/sie/es seine Arbeit macht. Position nach dem Geschlechterfaktor zu besetzen, halte ich für genauso falsch, wie Positionen nach dem Parteibuch zu besetzen.

    33 Leserempfehlungen
  1. was die Bürger (!) Europas wollen.
    Vielleicht wollen die auch keine Symbolpolitik zu Pseudothemen..

    21 Leserempfehlungen
  2. Soso, "die Bürger wollen keinen Männerverein in der EU". Irgendwie entging mir diese Frage bisher. Aber auch jetzt ist mir das piep-egal :-)

    13 Leserempfehlungen
  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik und beteiligen sich sachlich. Danke, die Redaktion/ls

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Mike M.
    • 25. Oktober 2012 22:59 Uhr

    ...durch die Eurokrise nicht weginflationiert werden. Sie wünschen sich deshalb, dass die Besten an die entscheidenden Schaltstellen kommen.

    Die persönlichen Karrierewünsche von zwei oder drei EU-Funktionärinnen sind den EU-Bürger/innen dagegen ziemlich piep-egal. In Sachen Geldwertstabilität spielen Genderfragen nun wirklich keine Rolle. Ein Zeichen daüfr, wie weltfremd Brüssel geworden ist.

    • RPT
    • 25. Oktober 2012 19:39 Uhr

    1) dass die EZB einen guten Job macht, grade in kritischen Zeiten wie diesen
    2) dass daher ausschließlich die Qualifikation eines Bewerbers zählt. Nicht das Geschlecht, die Religion oder Schuhgröße. Für alberne Befindlichkeiten ist grade jetzt wirklich überhaupt nicht die Zeit.
    3) dass Sylvie Goulard nicht im Namen der Bürger spricht wenn sie die Bürger nicht gefragt hat. Auch wenn sie als EU-Funktionärin nicht versteht würde, was ich damit überhaupt meine.

    21 Leserempfehlungen
    • S0T86
    • 25. Oktober 2012 19:43 Uhr

    Ich will überhaupt keinen Verein in der EU, sondern nur eine Versammlung von den Bürgern verpflichteten integeren Einzelpersonen, deren Geschlecht mir egal ist.

    9 Leserempfehlungen
    • Obscuro
    • 25. Oktober 2012 20:14 Uhr

    "Frau Goulard ist gewählte Abgeordnete und kann sehr wohl im Interesse aller Bürger der EU sprechen."

    Soweit ich informiert bin besteht in Deutschland nicht die Möglichkeit seinen Europa abgeordneten direkt zu Wählen.
    Die Parteien entscheiden wer nach Brüssel geht. Also hat der Bürger hier absolut nichts zu sagen er entscheidet nur wie viel welche Partei entsendet.

    Davon abgesehen ist mir völlig egal wer sich von den Lobbyisten "beeinflussen" lässt.
    Es ist mir egal ob der Abgeordnete Männlich oder Weiblich ist der für Gesetze Stimmt die der Nette Mann mit dem Koffer aufgesetzt hat.

    Ich habe oft den Eindruck das die Bundesregierung schon völlig losgelöst vom Volk agiert.
    Wenn sich einige in Brüssel beschweren das sie nicht die Lobbyisten bekommen die ihnen zustehen......na ja meine Entrüstung hält sich in grenzen.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf
  4. es ist schon wirklich super, wie die politik-welt für unternehmen die frauenquote (schrecklich an sich schon genug!)fordert.

    dann aber mit einem leuchtenden beispiel vorangehen: NEIN, das und genau DAS machen wir doch nicht; das gilt nur für andere.

    => irgendwie erscheint das doch ziemlich 'billig', oder?! ?!

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