ZEIT ONLINE: Das EU-Parlament hat am Donnerstag Yves Mersch als Kandidaten für das EZB-Direktorium abgelehnt , weil er ein Mann ist. Auch Sie haben mit Nein gestimmt. Was hat das den Frauen Europas gebracht?

Sylvie Goulard: Es geht hier nicht nur um Gleichberechtigung. Wir brauchen in der EU eine Vielfalt der Argumente und mehr Transparenz. Die Besten müssen die Posten bekommen. Personalentscheidungen dürfen keine Proporzentscheidungen sein. Und sie dürfen nicht hinter geschlossenen Türen getroffen werden, wie es in diesem Fall passiert ist.

ZEIT ONLINE: Die fachliche Kompetenz von Yves Mersch ist doch unbestritten.

Goulard: Ja, sicher. Aber man kann nicht immer Personen nehmen, die sich schon im System etabliert haben – das geht immer indirekt zu Lasten von Frauen. Man kann sich doch auch Personen mit anderem Hintergrund vorstellen, die genauso gut qualifiziert sind, etwa Akademiker. Oder nehmen Sie Jörg Asmussen , den deutschen Vertreter im EZB-Direktorium, der kein ehemaliger Gouverneur einer Zentralbank ist, sondern Staatssekretär. Der macht doch auch einen hervorragenden Job.

ZEIT ONLINE: Aber dann ist Yves Mersch doch nur ein Sündenbock.

Goulard: Nein, Herr Mersch ist kein Sündenbock. Schauen Sie sich die Chronologie genau an: Das Europaparlament hat schon bei früheren Anhörungen immer auf die fehlende Gleichberechtigung hingewiesen. Das hat die zuständigen Euro-Finanzminister aber nie interessiert. Nur Herr Schäuble hat betont, dass es einen Konsens gebe, dass mindestens eine Frau Mitglied des Direktoriums sein solle. Wir haben auch Herrn Juncker, den Vorsitzenden der Euro-Gruppe, parteiübergreifend auf das Problem hingewiesen – lange bevor Herr Mersch nominiert wurde. Aber die Minister haben einfach versucht, Herrn Mersch in einem Putsch durchzusetzen. Jetzt stellen sie ihn als Sündenbock dar. Das stimmt einfach nicht. Wir haben immer rechtzeitig gewarnt. Der Ministerrat hat uns einfach nicht ernst genommen.

ZEIT ONLINE: Und jetzt ist die Stimmung zwischen Parlament und Ministern im Keller.

Goulard: Das stimmt. Aber die Minister wollten eben auch nicht mit uns diskutieren. Herr Juncker hat nie auf unsere Briefe geantwortet, hat nie Vorschläge gemacht. Das gleiche gilt für EU-Ratspräsident Herman van Rompuy . Der hat noch nicht einmal Vorschläge gemacht, wie denn ein neues Verfahren aussehen könnte.

ZEIT ONLINE: Wie geht es jetzt weiter?

Goulard: Rechtlich darf der Euro-Ministerrat unsere Entscheidung ignorieren. Aber hier geht es um die Grundrechtecharta der EU. Und um gesunden Menschenverstand: Die Bürger wollen doch keinen Männerverein in der EU – genauso wenig wie sie einen Frauenverein wollen. Die Minister und Staatschefs könnten jetzt anfangen, uns zuzuhören, und die Welt so sehen, wie sie 2012 tatsächlich ist.