WirtschaftskriseGriechenland rechnet mit noch tieferer Rezession

Die Wirtschaft in Europas Krisenland Nummer eins schrumpft im kommenden Jahr stärker als bisher angenommen. Das lässt auch die Schulden weiter wachsen. von dpa, reuters und dapd

Griechenlands Premierminister Antonis Samaras

Griechenlands Premierminister Antonis Samaras  |  © Louisa Goulimaki/AFP/GettyImages

Die griechische Regierung hat ihre wichtigsten Ziele für das kommende Jahr korrigiert. Das Bruttoinlandsprodukt wird demnach um 4,5 Prozent einbrechen. Dies geht aus dem neuen Haushaltsentwurf für 2013 hervor. Bislang war ein Minus von 3,8 Prozent erwartet worden. Nach sechs Rezessionsjahren in Folge soll es 2014 eine Rückkehr zu Wachstum geben, das dann bei 0,2 Prozent liegen soll.

Die wirtschaftliche Misere lässt auch die Neuverschuldung steigen: Erwartet wird ein Defizit von 5,2 Prozent. Anfang Oktober war noch von 4,2 Prozent die Rede gewesen. Der sogenannte Primärhaushalt – bei dem die Kosten für den Schuldendienst ausgeklammert werden – soll erstmals seit 2002 wieder ein Plus ausweisen. Es dürfte aber mit 0,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes nicht einmal halb so groß ausfallen wie bislang mit 1,1 Prozent angestrebt. 2016 soll er 4,5 Prozent betragen.

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Auch die Schulden werden stärker wachsen als angenommen . Sie werden voraussichtlich 189,1 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung erreichen. Zuvor waren 179,3 Prozent prognostiziert worden. Bis 2016 sollen sie nur leicht auf 184,9 Prozent fallen. Die höheren Zahlen begründete die Regierung mit den Folgen der Sparmaßnahmen, die sich negativ auf die Wirtschaftsentwicklung auswirkten.

Bisher keine Einigung mit Troika

Die EU-Kommission wies Angaben über eine abschließende Einigung zwischen der griechischen Regierung Athen und ihren Gläubigern über neue Spar- und Reformmaßnahmen zurück. "Wir verringern fortlaufend die Zahl der offenen Fragen", sagte der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn vor einer Telefonkonferenz der Euro-Gruppe zur Lage des Landes. Die Kommission sei jedoch "zuversichtlich", dass "bald" eine Einigung erreicht werden könne, fügte der Sprecher hinzu.

Rettungspakete für Athen: Mai 2010

Bislang erhielt Griechenland zweimal finanzielle Unterstützung, erstmals im Mai 2010. Damals war endgültig klar, dass die Regierung in Athen ihre Finanzprobleme nicht mehr allein in den Griff bekommt. Das Land konnte sich an den internationalen Finanzmärkten kein Geld mehr leihen und war vom Staatsbankrott bedroht.

Europäische Union (EU), Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) sprangen ein und gewährten Griechenland Notkredite in Höhe von 110 Milliarden Euro für die kommenden drei Jahre. Der IWF übernahm davon bis zu 30 Milliarden Euro, Deutschlands Anteil betrug 22,4 Milliarden Euro.

Im Gegenzug sagte Athen ein Spar- und Reformprogramm zu. Die Umsetzung sollte regelmäßig und streng kontrolliert werden. Dabei wurde immer wieder festgestellt, dass Griechenland hinter dem Soll liegt.

Februar 2012

14 Monate nach dem ersten Rettungspaket war klar: Die bisherigen Hilfen reichen nicht aus. Die EU, die EZB und der IWF beschlossen im Juli 2011 eine zweite Tranche, die aber aufgrund unerfüllter Sparvorgaben dann doch nicht ausreichte.

Im Februar 2012 schließlich sagten Euro-Zone und IWF der Regierung in Athen bis Ende 2014 weitere 130 Milliarden Euro zu, die über den Euro-Rettungsfonds EFSF ausgezahlt werden. Außerdem werden – im Gegenzug für weitere Einsparungen und Reformen – die Zinsen für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket gesenkt.

Auch die privaten Gläubiger Griechenlands kamen dem Land entgegen. Banken und Investmentfonds verzichteten auf mehr als die Hälfte ihrer Forderungen, das entspricht rund 107 Milliarden Euro.

November 2012?

Im Laufe des Jahres 2012 wurde deutlich: Der bisherige Reformzeitplan ist erneut hinfällig. Dies liegt zum einen an der schlechten Wirtschaftslage in Griechenland und an den lange instabilen politischen Verhältnissen: Die Griechen mussten im ersten Halbjahr zweimal eine neue Regierung wählen.

Athen forderte daraufhin zwei Jahre mehr Zeit zur Erfüllung der Sparauflagen. Mögliche Zusatzkosten: bis zu 30 Milliarden Euro.

EU, EZB und IWF diskutieren nun verschiedene Optionen: weitere Hilfszahlungen, ein Schuldenschnitt für öffentliche Gläubiger wie die Euro-Länder oder eine erneute Senkung der Zinsen für bereits gewährte Kredite.

Möglich ist auch, dass Griechenland eigene Schuldpapiere wieder zurückkauft und sich dafür vom Euro-Rettungsfonds ESM Geld leiht.

Griechenlands Regierungschef Antonis Samaras hatte zuvor gesagt: "Wir haben die Verhandlungen über die Maßnahmen und den Haushalt heute beendet." In der vergangenen Woche hatte Finanzminister Ioannis Stournaras bereits eine Einigung mit den internationalen Gläubigern verkündet und erklärt, sein Land erhalte zwei Jahre Aufschub zur Erreichung der Spar- und Reformziele. Diese Darstellung wiesen die Verhandlungspartner zurück.

Ein neuer Schuldenschnitt steht nach Angaben des Chefs der Arbeitsgruppe der Euro-Finanzminister trotz der düsteren Aussichten derzeit nicht zur Debatte. Er sei in dieser Woche mehrfach mit Vertretern der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds zusammengetroffen, sagte der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Thomas Wieser, im Deutschlandradio Kultur. "In keiner dieser Diskussionsrunden und Verhandlungsrunden wurde jemals das Wort Schuldenschnitt erwähnt."

Er sprach sich dafür aus, Griechenland mehr Zeit zum Erreichen der vereinbarten Ziele einzuräumen. So sei ein Überschuss im Primärhaushalt von 4,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes derzeit kaum erreichbar. "Angesichts des Einbruchs der griechischen Wirtschaft halten wir das nur für sehr, sehr schwer erreichbar", sagte der Österreicher. "Wir haben noch keine Entscheidung darüber getroffen, aber es könnte sein, dass das um ein Jahr oder zwei verschoben werden könnte."

In Athen ist die Regierung mit ihrem Reformbemühungen einen Schritt vorangekommen. Die Koalition überstand im Parlament eine Abstimmung über die Privatisierung staatlicher Betriebe. Dafür stimmten 148 Abgeordnete, dagegen 139 Parlamentarier. Allerdings hat das Land das Ziel der angestrebten Privatisierungserlöse schon wieder gesenkt.

Zwei weitere schwere Entscheidungen stehen nun an: Der neue Haushalt und das 13,5 Milliarden Euro schwere Sparprogramm müssen noch gebilligt werden. Das sind Voraussetzungen für die Auszahlung der nächsten Tranche der Hilfen für Griechenland in Höhe von 31,5 Milliarden Euro.

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Leserkommentare
  1. ... sowas von überrascht, nicht wahr?
    Aber die Hauptsache ist ja, daß Griechenland in 2014 ganz, ganz sicher zurück auf den tugendhaften Weg des Wachstums gelangt. Man kann jetzt auch schon berechnen, wie hoch das Wachstum in 2014 sein wir, nämlich 0,2 %.
    Wenn die Sache nicht so ernst wäre, könnte ich mich totlachen.

    9 Leserempfehlungen
    • barttt
    • 31. Oktober 2012 16:17 Uhr

    Wenn ich es richtig verstanden habe, haben die Griechen durch falsche Zahlen den Euro-Beitritt erlangt. Da sich die Politikerkaste in Griechenland nicht wirklich erneuert hat, frage ich mich warum Zeitungen Zahlen aus Giechenland weiterhin unkritisch uebernehmen. Wer ueberprueft die griechischen Zahlen? Kann es sein, dass die neuen Zahlen benuetzt werden, um einen erneuten Schuldenschnitt zu erreichen oder weiteren Zeitaufschub zu rechtfertigen?

    6 Leserempfehlungen
    • Wrange
    • 31. Oktober 2012 16:27 Uhr

    Irgendwann begreift es auch der Letzte, dass Griechenland ein Faß ohne Boden ist.

    6 Leserempfehlungen
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    dass keiner sich fragt, wohin das Geld fließt....

    Unsere Leser wissen aus eigener Erfahrung und merken es an ihrem Geldbeutel, daß alte Finanzmogeleien dem Volk eine Staatsschuld von 800.000.000 Pfd.St. aufgebürdet haben.
    Das Volk weiß sehr wohl aus Erfahrungen am eigenen Beutel, wie schwer die Staatsschuld auf der Besteuerung lastet; doch nur wenige wissen, unter welchen eigentümlichen Verhältnissen diese Schuld kontrahiert wurde und weiter besteht. Der "Staat", dieses gemeinsame Machtmittel der miteinander verfilzten Land- und Börsenspekulanten, braucht Geld, um die Unterdrückung im Inland wie im Ausland durchzuführen. Von Kapitalisten und Wucherern leiht er Geld aus und gibt ihnen dafür ein Stück Papier, in dem er verpflichtet, für jede geliehenen 100 Pfd.St. soundso viel an Zinsen zu zahlen. Mittel, um diese Gelder zu bezahlen, zieht er in Form von Steuern aus den Taschen der Arbeiterklasse, so daß es also das Volk selbst ist, das seinen Bedrückern als Bürge jenen Leuten gegenüber dienen muß, die ihr Geld herleihen, damit dem Volk der Hals abgeschnitten werden kann. ...
    http://www.mlwerke.de/me/...

    • RPT
    • 31. Oktober 2012 16:41 Uhr

    ihre Reeder zu besteuern und das Geld an die verteilen, die in dem Land am meisten leiden.

    4 Leserempfehlungen
  2. und ohne ständige Drohungen was wäre wenn könnte dem Teampartner der EU Griechenland insbesonder der griechischen Bevölkerung mehr helfen als jeder Euro.

    Die EU ist kein Teamplayer und das muß sie wieder werden.

    Und die in den Leserbriefen der letzten Wochen ständig angeprangerten Versäumnisse und Beschuldigungen der Griechen sind als Herausstellungsmerkmal im Vergleich mehr als überzogen, vergleichen wir doch mit der BRD da gibt es Subventionsbetrug, Steuerflucht von Sportlern und Unternehmern, Leistungsbetrug, Steuerbetrug, nicht ordentlich vorgelegte Zusatzeinkommen von Komunal-Landes- und Bundespolitikern, Bestechlichkeit im Amt, keine sinnvolle Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden (NSU-Affäre) und und und

    2 Leserempfehlungen
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    • RPT
    • 31. Oktober 2012 17:05 Uhr

    Es gibt einen internationalen Vergleich der Korrution durch die NGO Tranparancy International (Link ist unten). Deuschland ist keineswegs das Musterland, was allerdings auch keine wirkliche Überraschung ist. Deutschland steht im Ranking auf Platz 14, zwischen von Japan und Östereich. Es gibt also vieles zu verbessern in Deutschland, das ist wahr. Aber Griechenland steht hier nun mal auf Platz 80, zwischen Lesotho und Thailand. Schon ein ziemlicher Unterschied.

    Abgesehen davon, würde Deuschland von anderen Ländern finanziell "gerettet" werden, hätte ich das allergrößte Verständnis, wenn von den Rettern verlangt wird, dass gegen die Korruption vorgegangen wird. Ich wäre den Rettern sogar sehr dankbar dafür, denn Korruktion schadet dem Staat und damit allen Bürgern die den Staat bezahlen sehr.

    http://www.laenderdaten.d...

    Stimmt, alles was Sie hier anführen findet in unserem Wunderland statt.
    Als Leser der Zeit, der Sie ja sind, haben Sie aber bestimmt schon mal Ihren Kiez verlassen.
    Also andere Länder, ob beruflich oder als Tourist, bereist.
    Wohin auch immer es Sie verschlagen hat, es war das Paradies, im Verhältnis zu Deutschland.

    Wie gesagt und geschrieben,
    Mir sind Menschen suspekt die meinen dass ihr Lebensmittelpunkt zum "kotzen" ist.
    Meine Eindrücke, auf Auslandsaufenthalte bezogen, sind die, dass ich des öfteren Freude empfand in diesem Land (Deutschland) leben zu dürfen.
    Grenzaufenthalte, willkürlich erhobene Gebühren, "nix verstehen" vor der Zahlung von Bakschisch, usw.

    Hier können Sie nach Gusto Seiten füllen.

    Nicht dass ich Ihnen etwas unterstellen möchte, aber ist Ihre Unzufriedenheit auf persönliches Ungemach zurück zu führen ?

    gab es gestern eine Sendung unter dem Titel „Kampf um den Euro“
    Ein spanischer Politiker gab darin eine Kostprobe südländischer Mentalität zum besten. Er sagte in dem Beitrag sinngemäß:
    „Ja, Spanien hat Fehler gemacht. Aber, das war nur möglich, weil uns andere Länder das Geld geliehen haben. Ohne dieses Geld hätte es auch keine Fehler gegeben. Im übrigen hat Deutschland am meisten davon profitiert.“
    Ein seriöser Geschäftspartner sieht anders aus.
    Sie sollten einmal in Griechenland arbeiten (kein Urlaub). Übrigens zu Teamplayer fällt mir Fairness und Realitätsferne ein.

    • RPT
    • 31. Oktober 2012 17:05 Uhr

    Es gibt einen internationalen Vergleich der Korrution durch die NGO Tranparancy International (Link ist unten). Deuschland ist keineswegs das Musterland, was allerdings auch keine wirkliche Überraschung ist. Deutschland steht im Ranking auf Platz 14, zwischen von Japan und Östereich. Es gibt also vieles zu verbessern in Deutschland, das ist wahr. Aber Griechenland steht hier nun mal auf Platz 80, zwischen Lesotho und Thailand. Schon ein ziemlicher Unterschied.

    Abgesehen davon, würde Deuschland von anderen Ländern finanziell "gerettet" werden, hätte ich das allergrößte Verständnis, wenn von den Rettern verlangt wird, dass gegen die Korruption vorgegangen wird. Ich wäre den Rettern sogar sehr dankbar dafür, denn Korruktion schadet dem Staat und damit allen Bürgern die den Staat bezahlen sehr.

    http://www.laenderdaten.d...

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    Antwort auf "ein Weg mit Güte"
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    Von anderen Ländern gerettet werden ?
    Gnade uns Gott, da ist Niemand.

  3. Die armen armen Griechen. Denen wird erzählt - wie uns auch - sie bräuchten den Euro wirklich. Wäre ich Grieche, mir wäre die Währung egal und auch die Finanzmärkte, mir wäre die EZB egal und setzte mich für eine eigene Währung ein. Was erzählt man uns und denen bloss: So wird es eine Genaration laufen, so lange es gut läuft, bis sie wieder auf die Beine gekommen sind. Sie müssen den Euro verlassen, nicht wegen uns, für sich selbst, alle Zahlungen stoppen und alles neu verhandeln. Die Milliarden können wir den französischen Banken auch so geben.

    4 Leserempfehlungen
  4. Stimmt, alles was Sie hier anführen findet in unserem Wunderland statt.
    Als Leser der Zeit, der Sie ja sind, haben Sie aber bestimmt schon mal Ihren Kiez verlassen.
    Also andere Länder, ob beruflich oder als Tourist, bereist.
    Wohin auch immer es Sie verschlagen hat, es war das Paradies, im Verhältnis zu Deutschland.

    Wie gesagt und geschrieben,
    Mir sind Menschen suspekt die meinen dass ihr Lebensmittelpunkt zum "kotzen" ist.
    Meine Eindrücke, auf Auslandsaufenthalte bezogen, sind die, dass ich des öfteren Freude empfand in diesem Land (Deutschland) leben zu dürfen.
    Grenzaufenthalte, willkürlich erhobene Gebühren, "nix verstehen" vor der Zahlung von Bakschisch, usw.

    Hier können Sie nach Gusto Seiten füllen.

    Nicht dass ich Ihnen etwas unterstellen möchte, aber ist Ihre Unzufriedenheit auf persönliches Ungemach zurück zu führen ?

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    Antwort auf "ein Weg mit Güte"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Reuters, dapd, dpa, zz
  • Schlagworte EU-Kommission | Antonis Samaras | Bruttoinlandsprodukt | Euro | Haushalt | Haushaltsentwurf
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