KonjunkturUnternehmen weniger optimistisch als die Börse

Der ifo-Index ist auf dem niedrigsten Stand seit Mai. Euro-Krise und die weltweite Konjunkturschwäche drücken auf die Stimmung in der deutschen Wirtschaft. von afp, dpa, reuters und dapd

Ein Arbeiter einer Baustoff-Firma in Mecklenburg-Vorpommern

Ein Arbeiter einer Baustoff-Firma in Mecklenburg-Vorpommern  |  © Jens Koehler/dapd

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich den sechsten Monat in Folge verschlechtert. Nach Angaben des Münchner ifo Instituts fiel der entsprechende Geschäftsklimaindex im Oktober auf 100,0 Punkte. Im Vormonat lag dieser noch bei 101,4 Zählern.

Befragt wurden auch diesmal Manager von 7.000 deutschen Unternehmen. Laut ifo beurteilten sie ihre aktuelle Geschäftslage schlechter als im September. Das entsprechende Barometer fiel auf 107,3 von 110,3 im Vormonat. Die Geschäftserwartungen bleiben aber unverändert, wenn auch auf dem niedrigen Niveau von 93,2 Punkten.

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"Die Wolken am deutschen Konjunkturhimmel verdunkeln sich", bewertete Institutspräsident Hans-Werner Sinn die Lage. Sie wird geprägt durch die ungelöste Schuldenkrise in Europa und die weltweit schlechteren Konjunkturaussichten.

Ökonomen sind überrascht, aber optimistisch

Dennoch kommt dieses Ergebnis für Ökonomen überraschend. Sie hatten angesichts der stabilen Finanzmärkte mit einem Anstieg gerechnet. "Das ist insgesamt enttäuschend", sagt Holger Schmieding von der Berenberg Bank, verweist aber auf einen "kleinen Hoffnungsschimmer": Die Erwartungen seien nicht weiter gefallen.

Dieser Meinung ist auch Andreas Rees. "Es stellt sich die Frage: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Trotz des starken Rückgangs ist es meiner Meinung nach halb voll", meint der Banker von der Unicredit . "Denn das Geschäftsklima ist ausschließlich wegen der schlechteren Lage zurückgegangen, weil die Unternehmen jetzt ihre Auftragsbestände abarbeiten." Das sei ein natürlicher Prozess.

Andreas Scheuerle von der Dekabank prognostiziert dennoch eine "Abkühlung der Konjunktur im vierten Quartal". Im Übrigen habe es viele Vorboten für die Haltung der Manager gegeben: "Die Unternehmen sprachen in immer düsteren Tönen über ihre Geschäftsentwicklung, sie berichteten von Kosteneinsparungsprogrammen, Investitionsaufschub, Produktionsdrosselungen und zuletzt wieder vermehrt von Kurzarbeit."

Diskrepanz zwischen Börse und Werkbank

Offenbar teilen die Unternehmen nicht den Optimismus an den Börsen. "Wir haben eine Diskrepanz zwischen den Erwartungen an den Finanzmärkten und in den Unternehmen", sagte ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe. Die Unsicherheit der Firmen habe sich durch die EZB-Ankündigung, notfalls unbegrenzt Anleihen der schuldengeplagten Staaten aufzukaufen , nicht verringert. Dagegen hat sich der Euro stabilisiert, die Kurse an den Aktienmärkten sind gestiegen und die Risikoaufschläge bei Anleihe-Emissionen von Krisenländern in vielen Fällen gesunken .

Wohlrabe ergänzte, die wirtschaftlichen Perspektiven seien dennoch nicht schlecht. " Eine Rezession ist in Deutschland erst einmal nicht in Sicht , wenn sich die Schuldenkrise nicht wieder verschärft." Die Münchner Wirtschaftsforscher rechnen auch im vierten Quartal 2012 nicht mit einer schrumpfenden, sondern einer stagnierenden Wirtschaftsleistung. " Der Konsum zeigt sich robust . Die Bürger haben weiterhin nicht das Gefühl, dass die Krise bei Ihnen ankommt." Zudem gebe es einige positive Signale wie etwa die geplante Senkung der Rentenbeiträge .

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Leserkommentare
    • Chali
    • 24. Oktober 2012 10:59 Uhr

    Ihre Angestellten auch. Da gleicht sich was an.

    Aber! Weihnachten!! Konsumrausch!!!

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  1. wie Volker Pispers den wissenschaftlichen Teil der Erhebung rund um den Ifo-Index beschrieb.

    Damit muss er nicht mal im Recht gewesen sein, aber die Satzbauteile Ifo-Index und Hans-Werner Sinn sorgen bei mir auch unabhängig davon immer für Erheiterung.

    Der Ifo-Index: Anrufen, fragen wie's geht, fragen wie's wohl weiter geht, auflegen und in die Liste eintragen, was "och ja" wohl in Zahlen bedeuten könnte.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    hier kann man´s nochmal schauen: http://www.youtube.com/wa...

    • Chilly
    • 24. Oktober 2012 11:45 Uhr

    und dies gilt v.a. für die stark exportorientiern Wirtschaftszweige. Nicht nur weite Teile der EU fallen als Kunden aus, auch den BRIC-Staaten geht es nicht mehr so gut, weshalb etwa China auch nicht mehr soviel in D einkauft.

    Es ist auch nicht so, dass auf diesen Zusammenhang nicht schon früher hingewiesen worden wäre. Aber der Superökonomien Merkel waren ja hohe Zustimmungswerte in Umfragen wichtiger, als eine zukunftsorientierte Wirtschafts- und Währungspolitik. Schade, dass dies voraussichtlich funktionieren wird und damit die politische Kultur in D weiter sinkt. Schade um die Menschen, die ihren Job verlieren werden, schade um die vielen Schicksale, aber Hauptsache, Frau Dr. Merkel bleibt im Kanzleramt.

    CHILLY

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  2. ... wer unterliegt denn noch der absurden Auffassung, daß die Finanzmärkte eng mit der Realwirtschaft verbunden seien?

  3. ablöst und Verschuldung steigt und steigt macht die BRD die höchsten Steuereinnahmen in der Geschichte. Wie lange soll das denn noch gut gehen? Denkt man in Berlin die anderen schauen da noch lange zu?

  4. hier kann man´s nochmal schauen: http://www.youtube.com/wa...

    Eine Leserempfehlung
  5. Das verträgt sich scheinbar(!!) nicht, die heutige Jubelm3eldung aus den Unternehmeretagen.
    Es passt aber doch: Während die Unternehmen auf der einen Seite viele zehntausend normal bezahlte Stellen zur Disposition stellen, entstehen auf der anderen Seite, geradezu heuschreckenübrfallhaft, ausschliesslich Stellen im Niedrigstlohnbereich. Man sehe mal, was da zu x-zehntausenden gesucht werden soll: Zimmermädchen, Verkäuferinnen (für was eigentlich?) Bedienungen, Zeitarbeiter und Wachleute.

    Die deutsche Wirtschaft schafft so weiter die Rahmenbedingungen für Ausbeutung und Übervorteilung von Millionen Menschen.

    Nehmen wir den Ifo-Index als gutes Omen und hoffen, dass die deutschen Unternehmer (sinnbildlich!!)ausgeräuchert werden und auch keine Lust mehr dazu haben, die Bevölkerung zu veralbern und hinters Licht zu führen.

  6. im gegensatz zu vielen seriösen mittelständischen unternehmen verfügen sehr viele börsenspieler dank der ausschweifenden geldpolitik der notenbanken über ausreichend billiges geld.
    somit ist dieses "phänomen" einfach auf den punkt gebracht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, AFP, dapd, kg
  • Schlagworte Unternehmen | Börse | Konjunktur | Hans-Werner Sinn | Aktienmarkt | Anleihe
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