Stra ßenszene in Neu-Delhi, Indien © Andrew Caballero-Reynolds/AFP/GettyImages

Noch liegen sie an den Kiosken, die vielen indischen Wirtschaftsmagazine, die endlich mal wieder jubeln durften: "Schritt über die Klippe", titelt Business Today , "ein durchsetzungsfähiger Premierminister setzt alles aufs Spiel, um die Wirtschaft wiederzubeleben."

Die Wirtschaftszeitung frohlockt über die ersten marktliberalen Wirtschaftsreformen von Premier Manmohan Singh , die er kürzlich angekündigt hat. Doch der Jubel für das Reformpaket und für den Regierungschef, der seit acht Jahren im Amt ist, kommt etwas früh.

Bei genauem Hinsehen handelt es sich nämlich eher um Reförmchen: Singh will die Subventionen von Dieselbenzin von 17 Rupien auf 13 Rupien je Liter kürzen. Statt zehn sollen die Inder in Zukunft nur noch sechs subventionierte Kochgas-Zylinder pro Jahr erstehen können. Zudem will Singh ausländische Teilhaber bei den angeschlagenen indischen Fluggesellschaften zulassen – wenngleich nur bis 49 Prozent der Aktienanteile. Fluggesellschaften wie Kingfisher sind allerdings mit Milliardensummen verschuldet und kaum attraktive Partner.

Bleibt noch die mit dem größten Trommelwirbel begleitete Reform: Ausländischen Ketten wie Walmart oder Carrefour soll der Weg in den 450 Milliarden Dollar schweren indischen Einzelhandel eröffnet werden. Sie sollen mit indischen Konzernen Joint Ventures eingehen dürfen. Sogar bis zu 51 Prozent der Anteile sollen sie kontrollieren können. Allerdings gelten dabei besondere Auflagen für die Einkaufspolitik der Ketten, darunter die Verpflichtung, bei indischen Bauern zu kaufen.

Singh lebt vom alten Ruhm

All das feierten indische Kommentatoren in den letzten Tagen als Big Bang und "Wiedergeburt eines Premierministers", der einmal als größter Wirtschaftsreformer des Landes gegolten hatte. Dessen große Taten aber datierten inzwischen auf 1991 zurück, als Manmohan Singh als Finanzminister in einer Zahlungskrise das Ende von Indiens Sozialismus verfügte. Damals öffnete er das Land erstmals für ausländisches Kapital. Für neue Branchen wie Automobil, Software und Kommunikation galten in Indien nun die Regeln des globalen Marktes.

Bald boomte die Wirtschaft nachhaltig. Als Singh 2004 nach langen Jahren in der Opposition erstmals als Regierungschef an die Macht kam, profitierte das Land immer noch von seinen Reformen. Jahrelang musste er nichts unternehmen und regierte trotzdem über die nach China am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt.

Erst 2010, nachdem Indien die Finanzkrise von 2008 aufgrund der Abgeschottetheit seines Bankensystems noch gut überstanden hatte, begann der Wachstumsmotor zu stottern. Seitdem aber befindet sich Indien auf einer anhaltenden Talfahrt. Der Wachstum liegt bei nur noch fünf Prozent, die Inflation ununterbrochen hoch bei acht Prozent.

Schon türmt sich ein großes Außenhandelsdefizit bei einem zunehmenden Staatsdefizit auf. Und überall wächst die Arbeitslosigkeit , weil die vielen jungen Menschen keine neuen Arbeitsplätze mehr finden. Deren Zahl stagniert schon seit 2005.