Fischfang : "Die bisherige Fischereipolitik ist vollkommen verfehlt"

Mit Abwrackprämien für Schiffe Überfischung zu stoppen, ist gescheitert, sagt die zuständige EU-Kommissarin Damanaki. Im Interview sagt sie, was sie besser machen will.

Es ist kurz vor acht Uhr abends, als Maria Damanaki in ihrem Büro in der EU-Kommission zum Interview lädt. Eine zierliche Dame, gekleidet in frischem Lila – selbst das iPhone ist farblich darauf abgestimmt. Die 60-jährige EU-Fischereikommissarin ist gut gelaunt: Weil es in der Ostsee wieder mehr Fische gibt, hat sie gerade dem polnischen Minister eine Erhöhung der Fangquoten in Aussicht stellen können.

ZEIT ONLINE: Frau Damanaki, zwei Tage lang werden die EU-Fischereiminister diese Woche über die milliardenschwere Förderung des Fischfangs in der Europäischen Union streiten. Was schlagen Sie den Ministern vor?

Maria Damanaki : Wir wollen Geld umschichten und einen neuen Europäischen Meeres- und Fischereifonds auflegen. Mit ihm wollen wir die EU-Fischerei grundlegend reformieren. Der Fonds soll ein Volumen von rund 6,5 Milliarden Euro für den Zeitraum 2014 bis 2020 haben – und das Geld sinnvoller ausgeben als bisher. Die bisherige Politik ist vollkommen verfehlt.

ZEIT ONLINE: Warum?

Damanaki : Die EU finanziert das Abwracken von Schiffen, um die Flotte zu reduzieren und so die Überfischung der Bestände in den Griff zu bekommen. Zwischen 2000 und 2015 werden wir knapp 1,3 Milliarden Euro Abwrackprämien gezahlt haben. Das Konzept war aber nicht erfolgreich: Die Zahl der Schiffe ging zwar zurück – aber die Leistung der Flotte insgesamt nahm zu. Die europäische Fangflotte ist also weiterhin viel zu groß. Diese Überkapazitäten führen dazu, dass zu viele Fische gefangen werden. Es ist also klar: Die Abwrackprämien für Schiffe müssen gestrichen werden – und erst recht die Subventionen für den Neubau von Schiffen. Mir ist wichtig, dass die Gelder, die wir für Kontrollen und wissenschaftliche Beratung ausgeben wollen, nicht angerührt werden. Außerdem wollen wir die kleinteilige, handwerkliche Küstenfischerei stärker fördern.

ZEIT ONLINE: Das werden die EU-Fischereiminister kaum gutheißen.

Damanaki: Es werden sicher schwierige Verhandlungen. Die Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten trägt meine Vorschläge nicht mit. Dazu gehören Spanien , Frankreich und Zypern – das Land, das gerade die Ratspräsidentschaft innehat. Sie alle wollen mehr Flexibilität. Es gibt aber auch Staaten wie Deutschland oder die Niederlande , die meine Vorschläge unterstützen und sich bislang keinerlei Veränderungen daran vorstellen können. Ich befürchte, es wird schwer, einen Kompromiss zu finden.

ZEIT ONLINE: Gibt es für Sie eine rote Linie?

Damanaki: Ja, natürlich. Ich kann mir zwar vorstellen, den Mitgliedsstaaten Übergangsfristen zu gewähren. Wenn ein Land etwa für zwei Jahre noch einmal Abwrackprämien für Schiffe benötigt, würde ich sie genehmigen – aber nur, wenn das Land die Flotte auch tatsächlich reduziert hat.

"Geld gibt es nur, wenn es auch Zeitpläne gibt"

ZEIT ONLINE: Aber?

Damanaki: Ich will die Reform der Fischereipolitik auf keinen Fall gefährden, daher darf der geplante Fonds insgesamt nicht gekürzt werden. Außerdem bestehe ich auf die Förderung der kleinteiligen Küstenfischerei, auf Kriterien für nachhaltige Fangquoten und darauf, den Rückwurf von unerwünschtem Beifang künftig zu verbieten. Deshalb muss es Geld für Kontrollen und wissenschaftliche Beratung geben. Ich will einfache, klare Bedingungen. Das heißt: Geld gibt es jetzt nur noch, wenn es klare Zeitpläne gibt.

ZEIT ONLINE: Was stört Sie genau an der bisherigen Praxis?

Damanaki: Es kann doch nicht sein, dass ein Land Abwrackprämien für Schiffe bekommt – ein klares Zeichen für Überkapazitäten – und in der gleichen Zeit auch Subventionen erhält, um die Flotte zu modernisieren. Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Ich kann business-as-usual nicht mehr akzeptieren. Und für die Sitzung des Ministerrats gilt: Wir dürfen die Reform im ganzen doch nicht gefährden, nur weil wir nett zu jedem sein wollen.

ZEIT ONLINE: Das klingt ehrgeizig.

Damanaki: Ja, das ist mir ein wirkliches Anliegen. Natürlich wäre ich froh, wenn die Minister meinen Vorschlag unverändert annehmen. Aber das ist eben unrealistisch – die Mehrheit der Mitgliedsstaaten will Änderungen.

ZEIT ONLINE: Erstmals schreibt auch das Europaparlament am Gesetzentwurf mit. Haben Sie wenigstens die Abgeordneten auf Ihrer Seite?

Damanaki: Um ehrlich zu sein: Ich bin enttäuscht. Ich hätte mehr Unterstützung aus dem EU-Parlament erwartet. Im Juni gab es Parlamentarier, die sich eine noch ambitioniertere Reform wünschten und forderten, dass es schneller gehen müsse. Jetzt gibt es sehr viel Zurückhaltung und schon mehr als 5.000 Änderungswünsche am Gesetzesvorschlag. Sicher, viele denken an ihre eigenen, nationalen Fischereien. Aber jetzt muss man mutig sein und sich auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren.

ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich wenigstens von der deutschen Bundesregierung unterstützt?

Damanaki: Ja, für die deutsche Rückendeckung bin ich dankbar. Gerade Deutschland engagiert sich sehr in internationalen Fragen, egal, ob es die Bekämpfung der illegalen Fischerei, die Fischereiabkommen mit anderen Staaten oder die Umsetzung von EU-Standards dort sind.

ZEIT ONLINE: Wie sehr drängt die Zeit?

Damaniki: Wirklich wichtig ist es, einen Kompromiss zur Finanzierung der Reform zu finden. Dafür brauchen wir eine gute Arbeitsatmosphäre, vor allem, wenn im nächsten Frühjahr EU-Parlament, Ministerrat und Kommission sich einigen müssen. Jede Regierung kann hier beitragen, indem sie die Verhandlungen zu diesem Zeitpunkt nicht blockiert. Die Zeit drängt: Am besten einigen wir uns noch vor 2014. Sonst stecken wir mitten im Wahlkampf zum Europaparlament. Und es gibt noch ein viel wichtigeres Argument: Wenn wir noch zwei, drei Jahre verstreichen lassen, wird es für einige Fischbestände zu spät sein.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

@ 2 Emma das Turbohuhn

Sag ich doch immer. Hätte man früher auf die Armuts -und Verzichtsappelle diverser Religion, und würde man heute auf die Verzichstappelle diverser Parteien und Organisationen hören, wäre die Welt sicher eine Bessere. Vor allem für die, die nicht verzichten. Ich esse selten Fisch.

Immer noch zuviel? Wo wäre also die Grenze für den Einzelnen?

Aber man nähme mal an, alle würden verzichten. Dann spielt Überfluss oder Mangel doch gar kein Rolle mehr. Dann geht es um Naturfragen. Narungsmittelmässig interessiert das so wenig wie die Anzahl der Waldameisen, die wir ja nicht essen.

Also bleibt doch nur Interessenausgleich oder Zwangsrationierung.

Man verschenkt Geld

und erwartet dass der Fischfang zurück geht? Das ist ja absurd!
Die einzige Sprache die die Wirtschaft versteht sind STEIGENDE Kosten.

Diese werden dann zwar an den Kunden weitergegeben aber dann greift man halt seltener zum Fisch und DAS ist das einzige was Überfischung einschrenkt. Wenn weniger gekauft wird.

@ 3 timdaepl

"Diese werden dann zwar an den Kunden weitergegeben aber dann greift man halt seltener zum Fisch und DAS ist das einzige was Überfischung einschrenkt. Wenn weniger gekauft wird."

Dafür sorgte früher das Jagdrecht der Fürsten. Das Ganze hat nur einen Haken. Man kann das Prinzip auf alles anwenden, was es gibt. Auch Herstellungsverweigerung mangels Profit, um durch Verknappung udn admit höhere Preise, mehr Profit zu erzielen. Luxusgüterprinzip.

Genauso ist es.

Die EU sollte alle Subventionen streichen. Aber damit kommt sie aber nicht durch. Die Spanier, wo Fischfang zu den Hauptindustrien gehoert und fuer die das Problem Ueberfischung kein Thema ist ( der Thunfisch rote Flosse ist an der Kueste Galiziens fast ausgestorben ) werden die Plaene boykottieren. Solange mit Fischen Geld verdient werden kann, wird die Ueberfischung weiter gehen.

Bürokratendrohnen

Oder wir könnten keinen einzigen Cent ausgeben und die Bestände schützen, indem wir die Fangrechte verkaufen und es den Geschäftsleuten überlassen ihr Kapital (Fischbestände) zu schützen und konservieren.

Aber da bin ich vielleicht zu einfach gestrickt um die Rafinesse des Plans unserer EU-Overlords zu erkennen: Man nimmt einen Haufen Geld und wirft es in Form von komplizierten Programmen auf den Fischereimarkt, in der Hoffnung, dass diesmal doch alles anders ist, als beim letzten gescheiterten Programm...