ZEIT ONLINE: Warum ist die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen so ein großes Wahlkampfthema in den USA geworden?

Michael Lind: Bei der Occupy-Bewegung ist zwar irgendwie die Luft raus. Aber sie hat es erreicht, dass dieses Thema plötzlich wahrgenommen wurde. Seit Jahren haben Soziologen und Ökonomen darüber debattiert, dass ein immer größerer Anteil des Wirtschaftswachstums an die oberen zehn Prozent der Bevölkerung geht. Das war jedoch eine Diskussion in elitären Kreisen, wenn man so will. Occupy hat das geändert.

ZEIT ONLINE: Gibt es nicht drängendere Probleme mit der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit und der lahmenden Wirtschaftserholung?

Lind: Es hat sich immer wieder gezeigt, dass eine Gesellschaft mit extremer Ungleichverteilung keine stabile Demokratie hervorbringen kann. Schauen Sie sich doch Lateinamerika an: Auf dem Papier sind das alles Verfassungen und Systeme, die sich kaum von unseren hier unterscheiden. Doch in Wirklichkeit herrscht entweder eine militärische Diktatur, die im Auftrag reicher Familien regiert. Oder aber es herrscht eine populistische Diktatur, die sich mit Hilfe der verarmten Masse durchgesetzt hat. Ich finde, dass diese Sorge über die zunehmende Ungleichverteilung durchaus ihre Berechtigung hat.

ZEIT ONLINE: Viele Libertäre und Konservative verteidigen die Ungleichverteilung als Teil des amerikanischen Systems, das Erfinder und Entrepreneure eben hoch belohnt...

Lind: Das behaupten nur Leute, die reich sind oder Leute, die von Reichen bezahlt werden, damit sie so was behaupten. Wirtschaftsjournalisten oder Experten in sogenannten Think Tanks zum Beispiel. Ich weiß das, weil ich selbst da gearbeitet habe.

ZEIT ONLINE: Was ist mit dem Argument, dass das vergleichsweise egalitäre Europa kein Google , kein Facebook und so weiter hervorgebracht hat?

Lind: Das ist Quatsch. Nehmen wir nur mal das World Wide Web. Es war ein Brite, der das für eine europäische Forschungseinrichtung erfunden hat. Und das ist nur ein Beispiel. Natürlich werden wir mit 300 Millionen Einwohnern im internationalen Vergleich eine überdurchschnittliche Zahl von Erfindern stellen. Aber schauen Sie doch auf internationale Vergleiche von Wettbewerbsfähigkeit wie etwa des World Economic Forums. Da finden sich doch auf den oberen Plätzen neben den USA und Singapur doch fast ausschließlich Europäer.

ZEIT ONLINE: Aber es ist doch nicht zu bestreiten, dass umwälzende neue Unternehmen wie Google und neue Industrien wie Social Media oder Big Data aus den USA kommen.

Lind: Wir sind zunehmend eine Finanz-Oligarchie hier in den USA. Sie hat erst mal die Industriebasis des Landes zerstört, um die Gewinne der China-Öffnung abschöpfen zu können. Das ökonomische Wachstumsmodell dieser Finanzelite ist der Börsengang. Irgendwer erfindet was, das wird ein Unternehmen und dann werden Aktien an die Leichtgläubigen verkauft, die nicht sehen, wie überbewertet die Anteile sind. Das andere Modell ist, dass man Unternehmen überschuldet, auseinander bricht und dann die Teile weiterverkauft. Bei beiden Varianten ziehen die Initiatoren den Cash raus und haben nach dem Abstoßen nichts mehr mit dem Unternehmen zu tun. Das ist total fremd für den Industriekapitalismus wie in Europa oder Japan .

ZEIT ONLINE: Hat Wall Street also gar keine Berechtigung?

Lind: Die Wall-Street-Leute sind keine Erfinder. Also schieben sie gerne etwa Bill Gates vor, jemanden, der tatsächlich etwas herstellt, etwas macht. Aber in Wirklichkeit sind sie Banker. Und es gibt einfach keine Rechtfertigung für deren enorme Bezahlung. Also tun sie so, als ob die Finanziers selbst die Entrepreneure wären. Finanziers bringen das Kapital auf, aber sie erfinden nichts. Ihr einziger Beitrag zur Innovation ist das Kapital. Wissen, die andere Komponente, kommt vor allem aus staatlicher Forschung und von Universitäten – und dann ist da noch ein Element, über das die Finanziers ungern reden, nämlich Arbeit.

ZEIT ONLINE: Es gibt in den USA zunehmend Streit um die Rolle des Staates.

Lind: Tatsache ist doch, dass wir es uns den USA erlauben, dass etwa die beiden Typen, die Google gestartet haben, ihre Ideen mit einem Stipendium des Verteidigungsministeriums und den Ressourcen öffentlicher Unis entwickeln konnten. Heute sind sie Milliardäre. Es gibt eine Menge technologischer Innovationen in Japan, aber so gut wie keine japanischen Tech-Milliardäre.