ZEIT ONLINE: Herr Ockenfels, Sie haben gerade eine E-Mail vom neuen Nobelpreisträger erhalten. Was schreibt er?

Axel Ockenfels: Er hat mir einen Smiley geschickt. Für viel mehr hatte er wohl keine Zeit. Er muss gerade bestimmt viele E-Mails beantworten.

ZEIT ONLINE: Auf seinem Blog schreibt Roth, dass er völlig überrascht ist von dem Preis. Sie auch?

Ockenfels: Eigentlich nicht. Ich habe noch heute Morgen gemutmaßt, dass Al Roth ein heißer Kandidat ist. Aber ich dachte, dass er wohl noch zu jung ist für den Nobelpreis. Vielleicht hat das Komitee ja aus dem 60-jährigen Roth und dem 89-jährigen Lloyd Shapley einen Altersdurchschnitt gebildet. Auf jeden Fall ist der Preis hochverdient und es freut mich besonders, dass ihn Vertreter des Economic Engineering erhalten haben. Das wird diesem noch relativ unbekannten Forschungszweig hoffentlich Auftrieb geben.

ZEIT ONLINE: Sie und Roth forschen im selben Feld und haben auch schon mehrfach zusammengearbeitet. Erklären Sie uns, um was es beim Economic Engineering und bei Alvin Roths Spezialdisziplin, den Zuteilungsmärkten, geht.

Ockenfels: Al Roth beschäftigt sich mit Märkten, die ohne Geld funktionieren. Nehmen Sie zum Beispiel den Markt für Studienplätze. Wir haben hier in Köln sehr viel mehr Bewerber als freie Plätze. Wir könnten die Studienplätze versteigern, das wäre aus ökonomischer Sicht vielleicht sogar eine effiziente Lösung. Aber die ist aus guten Gründen nicht gewollt. Also muss man Mechanismen finden, damit dieser Markt ohne Geld funktioniert. Roth hat hierfür hocheffektive Verfahren entwickelt, die in High Schools in den USA umgesetzt wurden, auf diversen Arbeitsmärkten und sogar auf dem Markt für Spendernieren.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert sein Modell für Spendernieren?

Ockenfels: Wenn Menschen eine neue Niere brauchen, gibt es oft Verwandte oder Freunde, die ihr Organ spenden würden. Allerdings passt häufig die Blutgruppe nicht. Roth hat zusammen mit zwei Forscherkollegen ein System entwickelt, bei dem solche Paare aus Patient und Spender auf einem Markt nach anderen derartigen Paaren suchen. Wenn die Blutgruppen der jeweiligen Spender mit denen der beiden Patienten zusammenpassen, werden alle vier gleichzeitig operiert und die Organe getauscht. Roth hat die Theorie dafür entwickelt, dann die Mediziner von seinem Ansatz überzeugen können und schließlich gezeigt, wie solche ökonomischen Mechanismen Leben retten können.

ZEIT ONLINE: Das klingt nach einem sinnvollen Einsatz von ökonomischer Forschung. Wie kommt es, dass sich das Economic Engineering und das Marktdesign trotzdem schwer tun, sich im Mainstream durchzusetzen?

Ockenfels: Viele Ökonomen sind auf der Suche nach eleganten und möglichst allgemeingültigen Formeln. Dabei denken sie oft in einfachen, stark idealisierten Welten. Das ist zwar durchaus wichtig, aber eben nicht alles, was Wirtschaftswissenschaft ausmacht. Unsere Forschung dagegen ist problemorientiert und erlaubt den Blick auf die Komplexität realer Märkte und des realen Verhaltens. Dabei setzen wir nicht nur ökonomische Theorie, sondern auch Simulationen, Laborexperimente und andere Methoden ein. Und wir arbeiten mit Psychologen, Soziologen, Mathematikern und anderen Disziplinen eng zusammen. In Köln haben wir hierfür in den letzten Jahren eines der führenden Zentren für Economic Engineering aufgebaut. Dabei zeigt sich: Komplexe Probleme erfordern zuweilen komplexe Lösungen. Und Märkte funktionieren nicht per se gut. Es kommt auf die Details an.