IWF-TagungLagarde sieht Schuldenstand wie "in Kriegszeiten"

IWF-Chefin Lagarde und Bundesbankchef Weidmann sehen zwar Fortschritte in der Bekämpfung der Schuldenkrise. Dennoch drängen beide die Euro-Regierungen zu mehr Tatkraft.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, spricht in Tokio.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, spricht in Tokio.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, hat ihre Forderung nach einer tatkräftigeren Stabilisierung der internationalen Finanzmärkte erneuert. Auch fünf Jahre nach der verheerenden Bankenkrise sei das Weltfinanzsystem weiterhin zu verwundbar, sagte Lagarde zum Auftakt der IWF- und Weltbank-Jahrestagung in Tokio. Die öffentlichen Schulden in den reichen Ländern befinden sich Lagarde zufolge auf einem so hohen Stand "wie in Kriegszeiten". Trotz aller erfreulichen Fortschritte seien die nötigen Reformen längst nicht abgeschlossen, mahnte sie. Die Regierungen in der Euro-Zone müssten noch entschlossener gegen die Schieflage vorgehen, da sie weltweit das Wachstum und die Finanzmärkte bedrohe. Aber auch die USA und Japan müssten ihre Defizitprobleme schnell in den Griff bekommen, um Rezessionsgefahren zu vermeiden.

Gleichzeitig warnte Largarde davor, das Wachstum der Sparpolitik zu opfern. Stattdessen müssten die Krisenbewältigung Priorität haben und mittelfristig Schulden gesenkt werden. Strukturelle Reformen seien dann nötig, um langfristiges Wachstum sicherzustellen. "Das ist das Paket, das benötigt wird", sagte Lagarde. "Ohne Wachstum ist die Zukunft der Weltwirtschaft in Gefahr." Die weltweite wirtschaftliche Erholung sei noch zu schwach. Für Millionen Menschen seien die Aussichten auf einen Arbeitsplatz noch immer zu schlecht, die Kluft zwischen Armen und Reichen sei noch immer viel zu groß.

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Geldpolitik sei keine Wunderwaffe

Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann nutzte die IWF-Tagung für Mahnungen an die Regierungen. In seiner Rede warnte er davor, bei der Lösung der Schulden- und Konjunkturkrise verstärkt die Notenbanken einzuspannen. Dies betreffe nicht nur die Euro-Zone, sondern auch andere Währungsräume, sagte der Bundesbank-Chef, der das geplante Anleihen-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank zugunsten von strauchelnden Euro-Staaten mehrfach kritisiert hatte. Die Geldpolitik sei kein Allheilmittel und auch keine Wunderwaffe. Sie könne die Probleme der Krise nicht grundlegend lösen, sondern "nur unter Dehnung ihres Mandats kurzfristig" einspringen. Die Regierungen müssten die Ursache der aktuellen Krise ausräumen – allen voran die hohen Staatsschulden, forderte Weidmann.

Mit Blick auf die Debatte zum Abbau globaler Ungleichgewichte sagte der Bundesbank-Chef, der Leistungsbilanzüberschuss der Exportnation Deutschland habe sich seit dem Höchststand im Jahr 2007 bis Ende 2011 halbiert.

Finanzminister Wolfgang Schäuble zufolge steht Europa anders als bei früheren IWF-Konferenzen nicht mehr allein im Mittelpunkt der Kritik. Die These, dass Europa die Ursache aller Probleme sei, habe kaum noch Unterstützer. Gleichzeitig sprach sich Schäuble gegen Lagardes Forderung aus, Griechenland mehr Zeit für die Haushaltssanierung zu geben. Er empfahl, erst einmal solle der Bericht der Troika abgewartet werden, ehe man Entscheidungen trifft. "Wir sollten nicht darüber spekulieren", warnte er. Das schaffe nur neue Unsicherheiten. Im Übrigen sei die Lage in Griechenland einzigartig in Europa und nicht mit anderen Krisenfällen zu vergleichen.

 
Leserkommentare
    • Chali
    • 12.10.2012 um 7:49 Uhr

    dass man dem kleinen Mann in die Tasche greifen will?

    Dass der Gemeine Stromverbraucher die Export-Industir subventionieren soll, und
    der Gemeine Arbeitnehmer seine Kollegen auf dem Niedriglohn-Sektor?

    Warum nur fällt mir bei "Abbau der hohen Staatsschulden" als Allheilmittel nur Erhöhung der MwSt ein?

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    es gibt so viele kleine und schmale Schultern, die sich nicht wegducken können. Aber die ganz breiten Schultern haben sich vorn solchen "Operationen" immer schon in Sicherheit gebracht. Daran können die vielen Schultern nur etwas ändern, wenn sie bestimmt und in Massen auftreten würden. Aber das ist wohl nicht zu schaffen.

    es gibt so viele kleine und schmale Schultern, die sich nicht wegducken können. Aber die ganz breiten Schultern haben sich vorn solchen "Operationen" immer schon in Sicherheit gebracht. Daran können die vielen Schultern nur etwas ändern, wenn sie bestimmt und in Massen auftreten würden. Aber das ist wohl nicht zu schaffen.

  1. es gibt so viele kleine und schmale Schultern, die sich nicht wegducken können. Aber die ganz breiten Schultern haben sich vorn solchen "Operationen" immer schon in Sicherheit gebracht. Daran können die vielen Schultern nur etwas ändern, wenn sie bestimmt und in Massen auftreten würden. Aber das ist wohl nicht zu schaffen.

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  2. Jedenfalls kann man sich bei der Lektüre des Artikels an Luttwak's "Weltwirtschaftskrieg" erinnert empfinden. Natürlich wirkt auch das in Anbetracht der Entwicklungen etwas überholt von der Wirklichkeit.

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    • TDU
    • 12.10.2012 um 9:01 Uhr

    zit " Die öffentlichen Schulden in den reichen Ländern befinden sich Lagarde zufolge auf einem so hohen Stand "wie in Kriegszeiten". Trotz aller erfreulichen Fortschritte seien die nötigen Reformen längst nicht abgeschlossen, mahnte sie..."

    zit "Gleichzeitig warnte Largarde davor, das Wachstum der Sparpolitik zu opfern. Stattdessen müssten die Krisenbewältigung Priorität haben und mittelfristig Schulden gesenkt werden. Strukturelle Reformen seien dann nötig, um langfristiges Wachstum sicherzustellen."

    zit"Ohne Wachstum ist die Zukunft der Weltwirtschaft in Gefahr." Die weltweite wirtschaftliche Erholung sei noch zu schwach. Für Millionen Menschen seien die Aussichten auf einen Arbeitsplatz noch immer zu schlecht, die Kluft zwischen Armen und Reichen sei noch immer viel zu groß.

    Notwendige Reformen - welche?
    Strukturreformen- welche?

    Die Aussichten auf einen Arbeitsplatz für Millionen Menschen seien immer noch schlecht. Was hat das mit der Staatsverschuldung zu tun.?

    Ich lasse mich gerne eins Anderen belehren, aber für mich heisst das ganz nichts Anderes als Sozialabbau mit Billiglohn und Kürzung der staalichen Leistungen auf der Ebene der Bürger. Dass die strukturellen Apparatismen zurückgefahren werden, glaubt sie doch wohl selbst nicht.

    Und der letze Halbsatz ist ein nachgeschobenes Pralinchen der "Melange populaire".

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    "Ich lasse mich gerne eins Anderen belehren, aber für mich heisst das ganz nichts Anderes als Sozialabbau mit Billiglohn und Kürzung der staalichen Leistungen auf der Ebene der Bürger. Dass die strukturellen Apparatismen zurückgefahren werden, glaubt sie doch wohl selbst nicht."
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    Es wird mehr als das kommen. Des einen Vermögen sind des anderen Schulden. Wenn man jetzt der ganzen Welt Reformen verpassen will, werden sich die Schuldner auch über die ganze Welt verteilen, welche sich im Moment noch in den Ländern der 2. und 3. Welt konzentrieren.
    Ergo brauchen wir eine weltweite Unterschicht. In reichen Länderen wie unserem heißt das selbstverständlich Sozialabbau.
    (...)

    Gekürzt. Fragen zu unserer Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de.

    "Ich lasse mich gerne eins Anderen belehren, aber für mich heisst das ganz nichts Anderes als Sozialabbau mit Billiglohn und Kürzung der staalichen Leistungen auf der Ebene der Bürger. Dass die strukturellen Apparatismen zurückgefahren werden, glaubt sie doch wohl selbst nicht."
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    Es wird mehr als das kommen. Des einen Vermögen sind des anderen Schulden. Wenn man jetzt der ganzen Welt Reformen verpassen will, werden sich die Schuldner auch über die ganze Welt verteilen, welche sich im Moment noch in den Ländern der 2. und 3. Welt konzentrieren.
    Ergo brauchen wir eine weltweite Unterschicht. In reichen Länderen wie unserem heißt das selbstverständlich Sozialabbau.
    (...)

    Gekürzt. Fragen zu unserer Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de.

  3. ..."Ich lasse mich gerne eins Anderen belehren, aber für mich heisst das ganz nichts Anderes als Sozialabbau mit Billiglohn und Kürzung der staalichen Leistungen auf der Ebene der Bürger. Dass die strukturellen Apparatismen zurückgefahren werden"...
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    Strukturreformen will keiner wirklich und könnte kaum jemand wirklich bewerkstelligen können angesichts der zu erwartenden Widerstände - wirkliche Strukturreformen wirkten fast revolutionär und daher kaum durchführbar.

    Gleichwohl muß die fehlende Bereitschaft zu wirklichen Strukturreformen nicht zwangsläufig mit einem auf ewig festgeschriebenen Sozialabbau, Billiglöhnen und Kürzung der staatlichen Leistungen auf Ebene der Bürger verbunden sein, sieht man sich bereit, die gegenwärtigen Entwicklungen euphemistisch als Preis des Fortschritts zu betrachten.

    Lagarde scheint indes lediglich eine Position des IWF anzudeuten, der vergleichbar wäre mit der der katholischen Kirche zur Zeit der Lehnsherrschaft.

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    Natürlich sollte es richtig so heißen:

    ...Lagarde scheint indes lediglich eine Position des IWF anzudeuten, die vergleichbar wäre mit der der katholischen Kirche zur Zeit der Lehnsherrschaft.

    Natürlich sollte es richtig so heißen:

    ...Lagarde scheint indes lediglich eine Position des IWF anzudeuten, die vergleichbar wäre mit der der katholischen Kirche zur Zeit der Lehnsherrschaft.

    • hareck
    • 12.10.2012 um 9:32 Uhr

    kommt mir ein Aspekt zu kurz, nämlich die Guthaben. Mit anderen Worten: Wem gehört eigentlich das Geld, das die Staaten schulden? Wer sind die Gläubiger?

    Höhere Schulden auf der einen Seite bedeutet doch nur, dass auf der anderen Seite irgendwo riesige, weiter wachsende Vermögen angehäuft werden.

    Laut eines anderen Artikels ist die Gruppe der reichsten Amerikaner im letzten Jahr um weitere 13% reicher geworden. So reich, dass es für sie völlig unmöglich ist, das Geld sinnvoll auszugeben.

    Nicht umsonst sind die Zinsen trotz riesiger Schuldenberge auf Allzeittiefs. Stichwort Anlagenotstand: Die Reichen wissen nicht mehr, wohin mit dem ganzen Geld.

    Wen wundert es, dass da mehr und mehr Menschen die Systemfrage stellen.

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    Anlagenotstand besteht ganz ohne Zweifel und entsprechend werden Anlegergelder an den Börsen zuweilen ja auch verbrannt. Um es Gleichgewichts willen möchte man, fast polemisch wirkend, hinzufügen.

    Imao geht es nicht um eine Systemsfrage, beide Systeme, das eine früher, das andere später - sieht man es gewohnt bipolar - verfügen über Kollabierungsenergien.

    Anlagenotstand besteht ganz ohne Zweifel und entsprechend werden Anlegergelder an den Börsen zuweilen ja auch verbrannt. Um es Gleichgewichts willen möchte man, fast polemisch wirkend, hinzufügen.

    Imao geht es nicht um eine Systemsfrage, beide Systeme, das eine früher, das andere später - sieht man es gewohnt bipolar - verfügen über Kollabierungsenergien.

  4. Natürlich sollte es richtig so heißen:

    ...Lagarde scheint indes lediglich eine Position des IWF anzudeuten, die vergleichbar wäre mit der der katholischen Kirche zur Zeit der Lehnsherrschaft.

    Antwort auf "furthered"
  5. Anlagenotstand besteht ganz ohne Zweifel und entsprechend werden Anlegergelder an den Börsen zuweilen ja auch verbrannt. Um es Gleichgewichts willen möchte man, fast polemisch wirkend, hinzufügen.

    Imao geht es nicht um eine Systemsfrage, beide Systeme, das eine früher, das andere später - sieht man es gewohnt bipolar - verfügen über Kollabierungsenergien.

    Eine Leserempfehlung
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    Wenn Kommunismus und Kapitalismus nicht auf Dauer funktionieren, sollte man mal was Neues versuchen.
    Vordenker gibt es genug.
    Wie wäre es mit Silvio Gesell oder was aktuelleres wäre der Plan B der Wissensmanufaktur.

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