Staatsdefizit : Japan ertrinkt in Schulden

Nur wenige im Westen ahnen, wie riesig das Schuldenproblem Japans inzwischen geworden ist. Bald könnte das Land ausländische Geldgeber benötigen – mit fatalen Folgen.
Straße in Tokios Bezirk Shinjuko (Archivbild) © Yuriko Nakao/Reuters

Aus japanischer Sicht muten Europas Schuldenprobleme geradezu harmlos an. Das asiatische Land hat einen Schuldenberg aufgehäuft , der den von Griechenland , Portugal und Spanien weit in den Schatten stellt. Japans Staatsschulden überragen die jährliche Wirtschaftsleistung inzwischen um mehr als das Doppelte – in Griechenland liegen die Staatsschulden derzeit beim 1,5-Fachen der Wirtschaftsleistung.

Von einer Schuldenkrise fehlt in Japan trotzdem bislang jede Spur. Die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen liegt bei unter einem Prozent.

Denn anders als Europa hat sich der japanische Staat vor allem im eigenen Land verschuldet. Rund 95 Prozent der Staatsanleihen gehören heimischen Banken, Versicherungen und den eigenen Bürgern.

Und die greifen immer wieder gerne zu, wenn die Regierung neue Anleihen versteigert. Noch, jedenfalls. Bald könnte es mit der Leichtigkeit des Schuldenmachens für Japans Regierung aber vorbei sein, glauben die Ökonomen Takeo Hoshi (University of California, San Diego ) und Takatoshi Ito (Universität Tokio).

In einer Studie mit dem Titel Defying Gravity (deutsch: "Der Schwerkraft trotzen") werfen sie einen Blick in die Zukunft der japanischen Staatsfinanzen und zeichnen ein düsteres Szenario: Das Land steuert laut Hoshi und Ito geradewegs auf eine Schuldenkrise zu .

Denn die inländischen Geldquellen, aus denen sich die Regierung seit Jahrzehnten bequem bedienen kann, sprudeln immer schwächer. Schuld ist der demografische Wandel, der Japan besonders hart trifft. Innerhalb der vergangenen 20 Jahre ist der Anteil der über 64-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von zehn auf 25 Prozent gestiegen. Alte Menschen sparen in der Regel weniger als junge, da sie nicht mehr in das Rentensystem einzahlen und von ihren Ersparnissen leben. Je älter eine Gesellschaft, desto kleiner daher in aller Regel die Gesamtersparnis, die dem Staat potenziell zur Verfügung steht.

Gleichzeitig steigen die japanischen Staatsschulden immer weiter. Knapp die Hälfte des Staatshaushalts finanziert die Regierung mit Krediten. Zuletzt musste Japan allein für den Wiederaufbau nach dem Tsunami und dem Atomunglück von Fukushima neue Schulden in Höhe von mehreren Hundertmilliarden Euro aufnehmen.

Steigende Staatsschulden und sinkende Ersparnisse sind eine gefährliche Mischung für Regierungen, die sich vor allem im eigenen Land verschulden. Erreicht Japan den Punkt, an dem der Kreditbedarf des Staates die gesamtwirtschaftliche Ersparnis übersteigt, könnte das Land schnell auf die schiefe Bahn geraten.

Denn dann müsste die Regierung verstärkt ausländische Investoren um Geld bitten, und die verlangen meistens höhere Zinsen. Bei einem derart riesigen Schuldenberg, wie ihn Japan aufgetürmt hat, bedeuten aber schon kleine Zinserhöhungen Mehrausgaben in Millionenhöhe. Die Staatsschuld droht zu explodieren.

Das Szenario könnte schon bald Realität werden, fürchten die beiden Ökonomen. Macht die Regierung weiter wie bisher und kommt es nicht zu einem plötzlichen Wirtschaftswunder, werde der kritische Punkt im Laufe der kommenden zwölf Jahre erreicht.

Eine Schuldenkrise in Japan hätte fatale Folgen. Fallen japanische Staatsanleihen im Wert, geraten die Banken im Land mächtig ins Wanken. Sie könnten laut den Berechnungen der Ökonomen über 40 Milliarden Euro verlieren. Da angeschlagene Banken weniger Kredite an Unternehmen vergeben, droht ein Übergreifen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft in der drittgrößten Ökonomie der Welt. Außerdem könnte die Politik die Zentralbank dazu drängen, die Staatsschulden über die Notenpresse zu finanzieren – das könnte hohe Inflation heraufbeschwören, warnen die Forscher.

Noch sei allerdings Zeit gegenzusteuern – die Regierung solle unter anderem die Steuern erhöhen. "Der Spielraum dafür ist riesig", schreiben die Ökonomen. Die Steuerbelastung liege in Japan deutlich niedriger als in den meisten anderen Industrienationen. Bis 2029 müsste die gesamte Steuerbelastung dabei von rund 30 auf mindestens 46 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, um den Kreditbedarf so weit senken zu können, dass sie sich auch weiterhin aus inländischen Ersparnissen finanzieren kann. Zwar soll die Mehrwertsteuer bis 2015 von fünf auf zehn Prozent steigen, aber trotzdem sehen die Forscher bei den Konsumsteuern noch Luft nach oben: "Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 23 Prozent würde den japanischen Staatshaushalt komplett ausgleichen."

Kein populäres Wahlprogramm in einer ohnehin schwachen Wirtschaft, doch die Forscher warnen: "Wenn die Politik nicht reagiert, wird der Markt Reformen erzwingen."

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Kommentare

54 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Schaden durch Tsunami und GAU

Ich glaube kaum, daß der GAU keinen finanziellen Schaden angerichtet hat. Sicherlich, der finanzielle Initialschock war bei dem Tsunami höher, aber man darf nicht vergessen was der GAU für die Präfektur Fukushima bedeutet. Tausende sind geflohen, und die die nicht fliehen wollen oder können haben es nun mit einer teilweise verseuchten Region zu tun, die nicht so mal eben dekontaminiert werden kann. Die Schäden an der Küste sind in 10 Jahren behoben, aber die Schäden in Fukushima bleiben. Mal ganz abgesehen davon was die Kontamination für Spätschäden hervorrufen wird. Wer der Schönfärberei der japanischen Regierung glaubt, kann sich ja gerne ein Häuschen in Fukushima kaufen. Die sind grad recht billig.

Japan hat warscheinlich auch deshalb die stärksteVolkswirtschaft

Das weltweite funktionierende Währungssystem, steht entgegen dieser behauptung. Ansonsten kann ich nur dem 1. Kommentar 1 zu 1 beipflichten. Inselstaaten weisen eine sehr hohe nationalitätspflicht auf, erst recht Japan. Sie werden alles geben, weil es für sie keine alternative gibt. Japan mit seiner Inovativen Power, kann jederzeit dem Volk was zumuten, ohne gemaule und genörgel. Also so würde ich das auch sehen, aber das ist eine sehr persönliche meinung, und nicht Fundiert.

Daran glaube ich leider nicht..

Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist in Japan zwar in der Tat recht stark ausgeprägt, aber es definiert sich in erster Linie als Ablehnung der Außenwelt. Nach Innen gibt es nicht sehr viel Solidarität im aller entgegenstehenden Propaganda noch sehr stark ausgeprägten Kastensystem. Außerdem lässt mich das völlig verrottete politische System an einer wirksamen Kursänderung zweifeln. Seit Ende der achtziger befindet sich das Land in der Krise, ohne das gegengesteuert wird. Fast ebenso lang wurde die Mehrwertsteuererhöhung diskutiert. Beide großen Parteien waren seit langem dafür, aus wahltaktischen Gründen wurde sie aber ewig nicht umgesetzt.

Und das wird als Lösung ....

... für den EURO-Raum von "führenden" Ökonomen und IWF empfohlen. Erst wenn die Politik zu ihrem Auftrag zurückkehrt, kann die "Welt"wirtschaft gesunden. Ich weiß, sie wird es nicht tun, da die Angst der Politikerklasse - egal welcher couleur - viel zu groß ist. So schlendern wir dem - hoffentlich nur - Wirtschaftsknall entgegen. Ich hoffe nur, es kommt kein neuer linker Experiment raus.

Was ist "linke Agenda" ? @sackstark

Zugegeben, der Begriff hat Unschärfe. Das liegt an denen, die sich als politisch links verstehen. Also, die Partei die Linke, die Linken in der SPD und bei den Grünen, z. T. Gewerkschaften, mitunter in den Kirchen und manche andere.
Genau diese Unschärfe macht es den Nicht-Linken im politischen Spektrum Deutschlands möglich, sich auf bestimmt Aspekte linker Politik einzulassen und andere vehement zu blockieren. Das "Einlassen auf", verschafft den eher rechts verorteten Parteien Möglichkeiten, den Einfluss der linken Kräfte zu begrenzen.
Am Wirksamsten ist dabei soziales Entgegenkommen. Denn danach richten sich auch sehr viele Leute.
Beispiel: Die Mehrheit der Deutschen steht Auslandseinsätzen der Bundeswehr ablehnend gegenüber. Ihre Wahlentscheidungen machen sie letztlich aber nicht davon abhängig - wenn solche Einsätze eine gewisse Dimension nicht überschreiten.

Immer dieses Gerede vom Markt und äußeren Zwängen...

Warum macht sich eigentlich kaum jemand klar, dass wir es hier mit einem menschengemachten System zu tun haben? Wir tun regelrecht so, als seien es Naturgesetze, die uns zwingen, dieses und jenes zu tun, hier zu kürzen, dort zu sparen,...

Es wird Zeit, dass wir uns ein System schaffen, das FÜR die Menschen agiert statt gegen sie.

Märkte als Ausdruck menschlicher Freiheiten und Rechte

Kommentar 4 argumentiert, "...dass wir es hier [bei Märkten] mit einem menschengemachten System zu tun haben? Wir tun regelrecht so, als seien es Naturgesetze, die uns zwingen, dieses und jenes zu tun, hier zu kürzen,..."

Klingt zunächst richtig. Aber Märkte entstehen im Zusammensspiel menschlicher Rechte: (a) von Eigentumsrechten, (b) von Freiheitrechten, hier: Kaufen/Verkaufen und (c) Gerechtigkeitsvorstellungen (beim Tausch). Man kann nun Märkte abschaffen oder beeinflussen, indem man Eigentumsrechte nimmt, einschränkt, verändert oder ausweitet oder indem man bestimmte Handlungsweisen ge- oder verbietet. Das wird bei Markteingriffen auch dauernd getan.

Aber so etwas ist problematisch. Einmal liegen die Rechtsvorstellungen, die zu Märkten führen (Eigentumsrechte, Freiheitsrechte, Tauschgerechtigkeit (in Rohform) in der Natur des Menschen. Eingriffe werden als Unrecht empfunden; es gibt politischen Widerstand. Keiner will in die Sklaverei zurück.

Zweitens können Fehlentwicklungen entstehen. Wirtschaftliches Handeln beruht auf Rechtssicherheit; wer die abschafft, macht wirtschaftliches Handeln schwer bis unmöglich. Beispiele: Menschen sparen/investieren nicht mehr, wenn sie mit Enteignung rechnen müssen. Menschen weichen auf den Schwarzmarkt aus, wenn es keine Rechtsgarantien gibt. Menschen strengen sich nicht an, wenn man ihnen den Erfolg ihrer Bemühungen wegnimmt.

Märkte haben also etwas Naturgesetzliches, man kann mit ihnen nicht einfach rumspielen.

Natürlich!

Ich selbst habe viele Ideen, würde aber niemals für mich beanspruchen, DIE Lösung zu kennen; wir reden hier schließlich von Prozessen, von menschlichem Handeln - vieles muss und wird sich zwangsläufig ergeben, ohne dass sich dafür Blaupausen entwerfen lassen (was nicht heißen soll, dass wir als - sofern man davon sprechen mag - Gesamtheit darauf keinen Einfluss hätten).

Dennoch: Es gibt zumindest einige gute Ansätze. Einer, mit dem ich in fast vollem Umfang übereinstimme, ist folgender:
www.iopsociety.org

Es handelt sich dabei um die u.a. von Noam Chomsky, David Graeber und John Pilger mitgegründete "International Organization for a Participatory Society". Es geht dabei um die (echt!) demokratische Verbindung von Menschen, auf politischer, aber eben insbesondere auch auf ökonomischer Ebene. Lesen Sie sich einmal "Mission" und "Vision" durch, dürfte Sie interessieren.

Das ist genau der Irrglauben, gegen den es anzugehen gilt...

Nein, Märkte sind eben so nichts Naturgegebenes; wir schaffen uns unsere ökonomischen Realitäten selbst - bzw. eine kleine Elite tut das, nichtsdestoweniger: sie sind menschengemacht.

Ich empfehle Ihnen, Karl Polanyi zu lesen, oder noch besser David Graeber. Dank dieser Lektüre wird Ihnen klar werden, dass es viele der wirtschaftlichen Realitäten, mit denen heutzutage argumentiert wird, erst seit vergleichsweise kurzer Zeit gibt. Lohnarbeit und Privateigentum an Boden bspw. sind nur einige, wenn auch wohl mit die wichtigsten Aspekte, die wir für "natürlich" halten, bei denen es sich jedoch um recht junge Phänomene handelt.
Auch das Konzept der "Ökonomie" als einer vom Rest der Gesellschaft getrennten Sphäre ist ein neues. In vielen anderen Gesellschaften war/ist die Produktion von Gütern untrennbar mit anderen Bereichen, seien sie nun sozial oder religiös, verbunden - eine Güterproduktion um ihrer selbst willen ist aus dieser Sicht (und aus der Sicht des gesunden Menschenverstandes) unvorstellbar, ja töricht.
Auch das Konzept des Sparens und des Investierens ist kein Naturgesetz, v.a. dann nicht, wenn sie es aus finanzieller Sicht betrachten; ja, man könnte doch (problemlos!) so weit gehen zu sagen, dass Geld und Zins menschengemacht sind. Gleiches gilt für heutiges Denken über Eigentum, die Art des Tausches; ach ja: Vorsicht, wenn Sie mit der "Natur des Menschen" argumentieren. Sie könnten sich hier leicht die Finger verbrennen - anthropologische Kenntnisse tun hier Not.

Markteingriffe können zu Problemen führen

Da haben Sie recht. Dasselbe gilt aber auch beim Verzicht auf solche Eingriffe.

Das freie Spiel der Kräfte führt nicht zwangsläufig zu Stabilität. Das Zinssystem als Teil der freien Entfaltung ist positiv rückkoppelnd (Geld fließt in Richtung des größeren Vermögens) und damit ein Weg in den Abgrund, wenn ihm nicht negative Rückkopplungsmechanismen entgegen stehen.

Verallgemeinert : Macht verstärkt sich selbst durch Ausbeutung der weniger Mächtigen, bis sich letztere zusammenschließen. Dazu ist der Staat da.

Ordoliberalismus

Kommentar 26: "Verallgemeinert : Macht verstärkt sich selbst durch Ausbeutung der weniger Mächtigen, bis sich letztere zusammenschließen. Dazu ist der Staat da."

Man findet das Meiste dieser Art von Kritik an den Märkten bei den Ordoliberalen oder der Freiburger Schule. Anderes bei der Theorie des Marktversagens. Ich will das hier nicht wiederholen.

Mein Kommentar N. 16, auf den Kommentar 26 erwidert, war auch keine Verteidigung aller freier Märkte, er war eine Reaktion auf einen Vorkommentar, der fragte, warum man so etwas Menschengemachtem wie dem Markt immer so viel Bedeutung gäbe, als sei er naturgesetzlich. Meine Antwort: Märkte sind etwas mehr als nur eine willkürlich gesetzte soziale Institution, sie haben tiefere rechtliche und anthropologische Wurzeln. Ich füge hinzu: sie sind zudem ein Element eines komplexen rechtlich-sozial-psychologisch-gesellschaftlichen Systems, bei dem die Veränderung eines Elementes weitreichende Folgen ganz woanders haben kann. Beispiel: Einführung des Euro führt zu Hakenkreuzen in Athen. Wer hätte das gedacht?

Fazit: Man *kann* an Märkten rumspielen, aber man sollte wirklich wissen, was man tut, sonst endet man wie der Zauberlehrling.

Ja.klar!

Das System in welchem wir leben ist von Menschen gemacht worden und ja nicht von Gott oder Aliens.Davon abgesehen:Jammern und motzen bringt nix.

Kapitalismus an und für sich ist keine schlechte Sache,aber der Kapitalismus der letzten 30 Jahren (Reagan-Thatcher-Version)ist an Grenzen gestossen,die Heute auf schmerzhafte Weise sichtbar sind.Diese Art von kapitalismus und ihre Unselige Interpretation hat 2008 Schiffbruch erlitten,aber Kapitalismus ist trotzdem der sozialistischen Gleichmacherei vorzuziehen.

Der Sozialismus geht von einem falschen Menschensbild aus,das ist in einem kapitalistischen System eher nicht der Fall.Insofern hat Wolfhai Recht wenn er behauptet,dass Märkte eine naturgegebene Komponente besitzen.

Richtig und falsch

Zu Kommentar 20:
1. Ich hatte in meinem Vorkommentar Nr. 16 den Markt nicht als *einziges* Koordinierungsinstrument wirtschaftlichen Handelns bezeichnet.
2. Es gab in der Geschichte Wirtschaften, in denen der Markt nicht dominant war. Eigentum und Tauschbeziehungen, die Grundvoraussetzungen des Marktes, gab es aber vermutlich schon immer (wie auch auf dem Schulhof). Wenn es kein persönliches Eigentum war, dann doch Stammeseigentum oder ähnliches, jedenfalls in dem Moment, in dem Menschen verschiedener Stämme aufeinandertrafen.
3. Die moderne Wirtschaft mit ihrer unglaublichen Arbeitsteilung ist ohne Markt nicht denkbar. Wer zurück zu Subsistenzwirtschaft will, kann gern versuchen, ohne Markt auszukommen.
4. Sozialistische oder quasi-sozialistische Gemeinschaften mit industrieller Produktionsweise sind m.W. mehr oder weniger alle gescheitert, wenn sie eine gewisse Größe überschritten haben. Ausnahmen gibt es möglicherweise für religiös bestimmte Gemeinschaften wie Kibbuzim, Klöster o.ä. Große Unternehmen haben in den inneren Beziehungen den Markt auch ausgeschaltet. Sie funktionieren aber nur in einem marktlichen Umfeld; Unternehmen in nicht-marktlichen Umfeldern wie im alten Ostblock waren Meister der Verschwendung.

Kurz und gut: Es gibt andere Koordinationsmechanismen, aber in hochgradig arbeitsteiligen industriellen Großgesellschaften kommt man ohne Markt nicht aus.

Die Welt ist tatsächlich dreidimensional... (2)

Ad 4. Dies sollte uns lehren, die Dimensionen klein zu halten und uns wieder eher lokal zu organisieren bzw. Netzwerke zu bilden, statt die Herrschaft einer Gruppe von Eliten zu überlassen. Das Problem ihrer genannten Beispiele war stets, dass sie auf dem Prinzip der Hierarchie und der Herrschaft basierten - hier liegt das Grundübel. Ach ja: Und Verschwendung geschieht in unserem System auch - auf Makro-Ebene. Was sonst ist die Prämisse, immer mehr zu produzieren, wenn nicht Verschwendung von Ressourcen?

Seien Sie gewarnt vor Leuten, die Ihnen erzählen, dass es "so und nicht anders" gehen müsse, weil es ja alternativlos sei, denn so sei ja schließlich der Mensch o.ä. Wer Ihnen das erzählt, ist entweder ein Tor - oder ein Lügner.

Märkte basieren gerade nicht auf Hierarchie

Kommentar 44 kritisiert: "Das Problem ihrer genannten Beispiele war stets, dass sie auf dem Prinzip der Hierarchie und der Herrschaft basierten - hier liegt das Grundübel."

Ich weiß nun nicht, ob sich das auf Märkte beziehen soll. Denn Märkte sind nun eher unhierarchisch, unhierarchischer jedenfalls als Planwirtschaft, bürokratische Zuteilung, Familie, oder Stammesgesellschaft. Aber vielfach kritisieren Menschen Märkte, wenn sie in Wirklichkeit etwas anderes kritisieren wollen.

Und wie will Kommentator 44 einen Toaster, einen Kühlschrank, ein Krebsmedikament oder Kinderlähmungsimpfung mit gleichberechtigten lokal organisierten Netzwerken herstellen?

Zunächst einmal:

"Kommentar X" kritisiert nicht - wenn, dann bin ICH das DURCH meinen Kommentar. Und wenn Sie mich schon fragen, lieber WolfHai, warum dann auf solchen Umwegen ("Kommentator X")? :-)

Zum Thema: Als ich von Hierarchie sprach, spielte ich auf das von Ihnen genannte Beispiel der zentralen Planwirtschaft an, das wohl nur autokratisch funktionieren kann.

Es ist richtig, der Marktaustausch an sich basiert auf einer angenommenen, zumindest formalen Gleichheit. Nichtsdestoweniger lässt sich zeigen (Graeber 2011: Debt), dass Märkte in staatenlosen Gesellschaften nicht existieren; Staaten schaffen sie - sie bauen also in gewisser Weise doch auf einem hierarchischen Prinzip auf, denn was ist der Staat anderes als institutionalisierte Hierarchie (mit zusätzlich eingebauter "legitimer Gewaltanwendung")?
Zudem ist das *Ergebnis* von Marktwirtschaften hierarchisch, da sie große Ungleichgewichte schaffen; ökonomische Ungleichheit und Schuldverhältnisse bedeuten nur eine andere Form von Hierarchie, als dies bei politischen Herrschaftsverhältnissen der Fall ist. Ergo lässt sich problemlos argumentieren, dass Marktwirtschaften und Hierarchie sich vertragen.

Mir ist nicht ganz klar, wieso Sie davon ausgehen, dass es für komplizierte Produkte "Märkte" braucht, womöglich sogar den Kapitalismus in seiner heutigen Form. Warum ist es so unvorstellbar für Sie, dass man die Produktion demokratisch organisiert?

Sehen Sie sich mal, wenn Sie Zeit haben, diese Seite an:
www.iopsociety.org

Die Grenze der demokratischen Produktion

a) Warum ich Kommentatoren nicht direkt anspreche? Um die Debatte nicht persönlich werden zu lassen. Wenn ich kritisiere, geht es mir ja nicht um die Person des Kommentators, sondern um das, was er sagt. Es gibt m.E. schon zu viele persönliche Angriffe in diesen Kommentaren, und Namensnennung unterstützt solche persönlichen Angriffe.

b) Kommentar 46: "Warum ist es so unvorstellbar für Sie, dass man die Produktion demokratisch organisiert?" Unvorstellbar ist es nicht. Es hat nur im industriellen Bereich nie funktioniert, nicht in den Zentralverwaltungswirtschaften ("Planwirtschaften") des Ostblocks, und auch China hebt ab seit es marktwirtschaftlich ist. Auch sozialistische Experimente im 19. Jahrhundert sind schief gegangen. Im Kleineren, z.B. bei der Gründung von Genossenschaften, kann es klappen. Gerade in Deutschland gibt es viele Genossenschaften, allerdings scheinen sie undemokratischer zu werden, wenn sie größer werden. Eine Konsumgenossenschaft ist dann am Ende nicht viel anders als eine große Einkaufskette.

Wie allerdings Produktion transkontinental demokratisch zu organisieren ist, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn jemand einen Rohstoff aus den Tropen braucht, vielleicht für ein Medikament, soll er dann mit den Lieferanten eine Abstimmung anberaumen? Wenn REWE Äpfel aus Neuseeland braucht oder auch nur aus Südtirol, sollen dann die Apfelanbauer Teile der REWE-Familie werden und übers ganze Sortiment mitbetimmen? Wird auf die Dauer nicht klappen.

Märkte und Knappheitspreise

Und jetzt noch ein theoretisches Argument: Um wirtschaftlich zu arbeiten (also "das Allokationsproblem zu lösen"), muss man wissen, wie teuer ein Gut ist. Hat man keine Knappheitspreise, so kann man mangels Information nicht entscheiden.

Märkte produzieren quasi als Nebenwirkung Knappheitspreise für Millionen verschiedener Güter. (Zur Kritik an diesen Preisen: siehe Theorie des Marktversagens.) Demokratische oder planwirtschaftliche Methoden produzieren aber keine solche Preise, jedenfalls nicht solche, die an den wirklichen Knappheiten ausgerichtet sind. Also kann man das Allokationsproblem nicht lösen. Die sozialistischen Wirtschaften sind auch an ihrer Unwirtschaftlichkeit zu Grunde gegangen: sie wussten nicht einmal, was wirtschaftlich war und was nicht ("Tonnensozialismus"), und konnten daher auch nicht wirtschaftlich produzieren.

*Innerhalb* eines Marktsystems, welches Knappheitspreise liefert, kann es allerdings nicht-marktliche Organisationen geben. Die verwenden für ihre inneren Kalkulationen häufig die von außen gegebenen Knappheitspreise. Das klappt gut.

Und niemand soll sich gehindert fühlen, es einmal mit einer demokratischen Produktionsgenossenschaft zu probieren. Allerdings bitte auf eigene Rechnung, nicht auf meine.

Ich fasse mich kurz,

da ich leider nicht viel Zeit habe...

Ad a) Nun, das ehrt Sie zumindest, auch wenn es zuweilen seltsam anmutet.

Ad b) Es ist lustig, dass die Beispiele, die Sie anführen, eben gerade NICHT demokratisch waren - nicht einmal im Ansatz. (Wann bitte waren die UdSSR und China jemals demokratisch?) Dies erscheint mir somit wohl kaum als ein valides Argument. Sie erwähnen "sozialistische Experimente"; dabei lassen Sie aber z.B. - wie der Mainstream das gerne tut - aus, dass große Teile Spaniens einige Jahre anarchistisch organisiert waren, was, gerade in Anbetracht der Umstände, ziemlich gut funktioniert hat.
Es ist erschreckend, wie schnell Dinge von der Hand gewiesen werden, nur weil man "mal gehört" hat, dass das ja nicht klappen könne; ist doch logisch, dass die, die das derzeitige System organisieren bzw. davon profitieren, Ihnen nichts anderes erzählen werden.

"Wird auf die Dauer nicht klappen." > WAS auf die Dauer nicht klappen wird, ist ein System, das auf ewiges Wachstum setzt und das Privateigentum an mittlerweile fast allem auf dieser Erde zulässt; ein solches System wird zwangsläufig die Erde zerstören, während es gleichzeitig mindestens 95-99% der Menschen quasi versklavt. Daher gilt es, ökonomische Prozess völlig neu zu erdenken und v.a. vom Privateigentum an Produktionsmitteln, insbesondere an natürlichen Ressourcen, wegzukommen - es ist inhärent unmoralisch; aber man muss es nicht mal moralisch sehen: es ist schlicht nicht nachhaltig.

Machbarkeit

Sie fragen nach der konkreten Machbarkeit und weisen Sie von der Hand, dabei haben wir doch gerade heute die technischen Möglichkeiten, um so etwas zu organisieren.

Zu 48:
Dass es sich bei Marktpreisen um Knappheitspreise handelt, hört sich ja in der Theorie schön an, ist aber natürlich vollkommener Unsinn; ansonsten wäre bspw. Erdöl viel teurer, und Arbeitspreise wären auch anders (oder herrscht an Bankern so viel Knappheit, dass sie so viel verdienen müssen?).

Noch einmal: "Unwirtschaftlich" ist ein System, dessen Ziel es ist, immer mehr zu produzieren, trotz Knappheit und um jeden Preis. Wie man das nicht sehen kann, ist mir schleierhaft.

Und, man kann über die UdSSR viel sagen - und ich bin sicherlich kein Freund dieses Modells -, aber sie hatte immerhin 70 Jahre Bestand und schaffte es, einen rückständigen Agrar- in einen recht modernen Industriestaat zu verwandeln.

Ich habe in einem vorigen Kommentar geschrieben, dass es so etwas wie die Sphäre der Ökonomie früher gar nicht gegeben hat. Wenn die Produktion kein Selbstzweck mehr ist, dann muss man auch nicht mehr so sehr in "Knappheitspreisen" etc. denken.
Es steht Ihnen natürlich frei, sich bestimmte Aspekte dessen, was ich schreibe, herauszupicken und darauf zu reagieren; dass Sie aber sämtliche grundsätzliche Argumente meinerseits, in denen ich auf Mythen der modernen Ökonomie hinweise, schlicht übergehen, nimmt mir irgendwie die Lust, hier weiter zu argumentieren.

Noch einmal der Hinweis auf Graebers "Debt"!