Kerviel-BerufungEin Zocker hofft auf Gnade

Letzte Runde im Fall Jérôme Kerviel: In Paris fällt das Urteil über den Skandalbanker – und über mögliche Machenschaften der Société Générale. von 

Der frühere Trader der Société Générale, Jérôme Kerviel

Der frühere Trader der Société Générale, Jérôme Kerviel  |  © Bertrand Guay/AFP/GettyImages

Um Jérôme Kerviel ist es ruhig geworden. Keine Groupies mehr, die vor seiner Wohnung lagern. Keine kreischenden Frauen vor dem Gerichtsgebäude, die bei seinem Eintreffen Transparente mit der Aufschrift "Jérôme, ich will ein Kind von dir" hochhalten.

Ein normaler Angeklagter ist der ehemalige Aktienhändler dennoch nicht, wenn er heute Nachmittag in Paris sein Urteil erwartet. Mit dem Namen Kerviel ist immer noch der größte Spekulationsverlust in der Finanzgeschichte verbunden. 4,9 Milliarden Euro hat der inzwischen 35-Jährige verzockt und soll dafür womöglich für fünf Jahre hinter Gitter. Sein ehemaliger Arbeitgeber, die Großbank Société Générale , will das Geld zurück – und damit gleichzeitig auch den verspielten guten Ruf. Doch da könnte sie nun schlechte Aktien haben.

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Ein Blick zurück auf den 24. Januar 2008: Was die Société Générale an jenem Donnerstag vor Beginn des Börsenhandels bekannt gibt, stellt so ziemlich alles in den Schatten, was die Finanzbranche bis dahin an Desaster erlebte. In den darauffolgenden Monaten wird die angesehene Lehman-Bank zusammenbrechen und die Öffentlichkeit sich an milliardenschwere Rettungspakete für Finanzinstitute und Staaten gewöhnen.

Die Mär vom gierigen Banker war geboren

Doch dass ein einzelner Mann, angestellt, um mit Aktiengeschäften für seinen Arbeitgeber Geld zu verdienen, eine Bank um nahezu 5 Milliarden Euro und damit an den Rand des Zusammenbruchs bringt, entzieht sich damals der Vorstellungskraft. Weltweit fallen die Kurse an den Börsen. Die US-Notenbank senkt daraufhin die Zinsen. Und die Führung der Société Générale lässt es an markigen Worten nicht fehlen. Daniel Bouton, damals noch Vorstandsvorsitzender und Verwaltungsratschef in Personalunion, nennt Kerviel gar einen "Terroristen".

Das Bild vom gierigen Trader versuchen Kerviels Verteidiger seit jenem Tag zu entkräften. In der ersten Instanz ohne Erfolg. Im Herbst 2010 folgte das Gericht nahezu vollständig der Forderung der Anklage und verurteilte den Mann zu drei Jahren Gefängnis, zwei weiteren Jahren auf Bewährung – und zu Schadenersatz in Höhe von 4,9 Milliarden Euro. Wenngleich niemand davon ausgeht, dass der arbeitslose Ex-Trader diese enorme Summe aufbringt, hatte der Schuldspruch für die Nebenklägerin Société Général doch immensen Wert: Sie war damit von jedem Verdacht reingewaschen, sie habe die Spekulationsgeschäfte jahrelang gekannt und ihren Mitarbeiter fallen lassen, als die ursprünglichen Gewinne in Verluste drehten.

Da die These der Mitwisserschaft in der ersten Instanz nicht überzeugte, legte Kerviels – neuer – Verteidiger in der Berufungsverhandlung eine gewaltige Schippe drauf. David Koubbi, ein smarter 39-Jähriger mit Erfahrung in der Verteidigung prominenter Mandanten, beschuldigt die Großbank der Verschwörung. Sie habe Kerviel freie Hand gelassen, um mit seinen Verlusten von den eigenen desaströsen Subprime-Geschäften abzulenken. Eine gewagte Theorie, für die der Prozess keinerlei Beweise erbrachte. Tatsache ist allerdings, dass die Société Générale an jenem 24. Januar 2008 nebenbei auch Verluste in Höhe von 2 Milliarden Euro aus dem Geschäft mit US-Hypothekendarlehen bekannt gab.

Nun auch Ermittlungen gegen Société Générale

Einen wirklichen Treffer konnte Koubbi mit einem anderen Vorwurf landen. Auf seine Anzeige hin ermitteln die Behörden seit dem Sommer gegen die Société Générale wegen Falschaussage und Irreführung der Justiz. Bei ihrer Forderung nach 4,9 Milliarden Euro Schadenersatz hatte die Bank nämlich eine Kleinigkeit unterschlagen: Für ihren Verlust erhielt sie vom Staat eine Steuergutschrift von 1,7 Milliarden Euro. Auch diese Zahlung wirft Fragen auf: Rein rechtlich hätte sie wohl nur erfolgen dürfen, wenn sich die Bank keinerlei Versäumnisse bei der Kontrolle ihrer Händler erlaubt hätte. Genau solche gravierenden Versäumnisse konstatierte aber die französische Bankenkommission und verdonnerte Société Générale zur Zahlung eines Bußgelds von vier Millionen Euro. Das ist die höchste Strafe, die das Gremium aussprechen darf. Bankenchef Bouton und ein weitere knappes Dutzend Führungskräfte mussten gehen.

Warum die Steuergutschrift weder im Zuge der Ermittlungen noch im ersten Prozess Thema war und erst vier Tage nach dem Urteil durch einen Fernsehsender publik wurde, ist vorerst ein Rätsel. Die für Wirtschaftsdelikte zuständige Brigade Financière verlangte dazu im Sommer unter anderem Auskunft von Notenbankchef Christian Noyer und dem Chef der Börsenaufsicht Gérard Rameix. Womöglich wird es noch einmal teuer für das Institut.

Bleibt schließlich die Frage, ob und wie viel die Bank von Kerviels Machenschaften wusste. Die Société Générale hat das rundweg abgestritten. "Sie waren sichtbar, wurden aber nicht gesehen", räumte Claire Dumas, einst Risikospezialistin bei der Société Générale, in der Berufungsverhandlung ein. Sehr unwahrscheinlich, entgegnen Kritiker wie der angesehene Ökonom Elie Cohen vom französischen Forschungsinstitut CNRS. Erwiesen ist, dass die Bank seit 2006 mehr als 70 Warnhinweise, unter anderem der Eurex-Börse, unbeachtet ließ.

Insider bezweifeln Ahnungslosigkeit der Bank

"Die Société Générale kannte die Positionen von Jérôme Kerviel in Echtzeit und ließ ihn so lange gewähren, wie ihr das zugutekam", ist Philippe Houbé überzeugt. Der 56-Jährige beaufsichtigt bei dem Maklerunternehmen Newedge den Handel mit Aktien und Derivaten, welche die Makler im Auftrag der Banktrader tätigen. Bis zur Fusion mit einer Filiale der Bank Crédit Agricole im Januar 2008 war Newedge eine Tochter der Société Générale und hieß Fimat. "Ich kenne den Informationskreislauf", sagte Houbé vor Gericht aus. "Bei der Fimat existierten drei Dateien, die täglich automatisch über Server an die Société Générale übermittelt wurden."

Kerviel hatte zuletzt 50 Milliarden Euro im Einsatz. Das ist weit mehr Geld, als das gesamte Institut wert ist. 2007 machte er für seine Bank tatsächlich 1,5 Milliarden Euro Gewinn. "Bei der Fimat wusste jeder, dass bei der Société jemand schwere Pakete verschickte", sagt der ehemalige Informatikspezialist des Unternehmens, Sylvain Passemar. Von Juli 2007 bis Ende des Jahres habe das Volumen der Transaktionen in einem Umfang zugenommen, dass sich bei der Abwicklung tägliche Verzögerungen von zwei bis drei Stunden ergeben hätten.

Signal in die gesamte Finanzbranche

Kerviels Anwalt hat Freispruch gefordert. Er stellt ihn als Bauernopfer dar, als "Rad im Getriebe", wie auch das Buch zum Prozess heißt. Ein ganz Unschuldiger aber steht da nicht vor Gericht, wenngleich er sich nie persönlich bereichert hat.

Richterin Mireille Filippini wird sich überlegen, welches Urteil sie im Namen des französischen Volkes ausspricht. 80 Prozent der Franzosen sind davon überzeugt, dass ihre Banker keinerlei Lehren aus der Krise von 2008 gezogen haben und nach wie vor zu hohe Risiken eingehen. "Je härter das Urteil, desto wahrscheinlicher ist, dass Händler es im Hinterkopf haben", sagt Hubert de Vauplane, Partner bei der Wirtschaftsanwaltskanzlei Kramer Levin. "Eine Gefängnisstrafe wäre beispielhaft" – bis weit über den Ärmelkanal: In London wartet UBS-Trader Kweku Adoboli auf seinen Prozess.

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Leserkommentare
  1. 1. ......

    Wieviele solcher *Zocker* Prozesse gibt oder gab es denn in den letzten Jahren?
    Sind das noch Einzelfälle?
    Immer wieder liest man von Prozessen gegen Einzelpersonen und Strafzahlungen von Banken und immer geht es um Unsummen von Geld!
    Schafft den Junx endlich ein Monopoly Spielgeldsystem, da können sie dann schadlos weiterspielen!

    • deDude
    • 24. Oktober 2012 8:33 Uhr

    "80 Prozent der Franzosen sind davon überzeugt, dass ihre Banker keinerlei Lehren aus der Krise von 2008 gezogen haben"

    Genauso wie 80% der Deutschen, der Italiener, der Norweger, der Spanier, der Griechen, der Iren, der Polen, der Niederländer, der Belgier (Liste bitte beliebig fortführen).

    Die übrigen 20% müssen wohl die sein die entweder in Lohn und Brot bei einer Bank stehen oder als "Amtsträger" indirekt von den Machenschaften ebendieser profitieren.

    Innerhalb von vier Jahren ist von der durch die Politik versprochenen Regulierung (gerne auch als "Banken an die Kette legen" verkauft) leider nichts zu sehen. Stattdessen lassen sich unsere Politiker durch "die Märkte" wie die Sau durchs Dorf treiben.

    Spätestens wenn die Rechnung für die vielen Retungsmaßnahme auf den Tisch kommt wird es "Regulierungen" geben, allerdings welche die sicher nicht im Sinne von Bankmanagern und Politikern sind und gewiss Parallelen zum Sturz gewisser unliebsamer politischer Würdenträger haben wird.

    Der Hass auf die, die sich auf Kosten des Volkes bereichern hat Menschen schon oft genug dazu bewogen ihre "Könige" hinfortzujagen oder "einen Kopf kürzer zu machen", da sollte sich die Politik mMn lieber überlegen ob sie es soweit kommen lassen will. Der Mensch neigt nämlich dazu ab einem gewissen Grad der Stagnation die Sache selbst in die Hand zu nehmen und wie wir alle wissen nicht unbedingt zimperlich mit denen umgeht die ihn in diese Lage gebracht haben...

    justmy2cents
    deDude

    3 Leserempfehlungen
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    • Afa81
    • 24. Oktober 2012 9:25 Uhr

    "Die übrigen 20% müssen wohl die sein die entweder in Lohn und Brot bei einer Bank stehen oder als "Amtsträger" indirekt von den Machenschaften ebendieser profitieren."

    Autsch!

    • Afa81
    • 24. Oktober 2012 9:25 Uhr

    "Die übrigen 20% müssen wohl die sein die entweder in Lohn und Brot bei einer Bank stehen oder als "Amtsträger" indirekt von den Machenschaften ebendieser profitieren."

    Autsch!

    Antwort auf "80%...."
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    • deDude
    • 24. Oktober 2012 13:59 Uhr

    Halten Sie etwa die bisher getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung des "Zockens" für ausreichend? Ein bisschen mehr als ein trolliges "Autsch" und "Vergewaltigung der Logik" dürfte es schon sein...

    • 2049er
    • 24. Oktober 2012 10:45 Uhr

    Monopoly.

    Das Spiel wurde entschieden. Klar und deutlich.

    Ein Kind wollte aufstehen und gehen.

    Da rief ein anderes Kind: "Bleib sitzen, wir spielen weiter !"

    Dieses Kind war ein böses Kind ( es gibt auch böse Kinder ), denn es fing nun an Scheine zu bemalen, auf denen verschiedene Zahlen standen. Und obwohl die anderen Kinder zuerst ein styroporartigen Geschmack im Mund hatten und ein wenig zitterten, fingen sie langsam an, an die gemalten Scheine zu glauben.

    Sie spielen übrigends noch heute.....

    Eine Leserempfehlung
  2. wie viel noch passieren muss bis das Volk endlich mal einen Schlussstrich zieht. Ich selbst komme mir von der Politik nurnoch hingehalten und verarscht vor. Vor einem Wahlkampf treten die verschiedensten Parteien gegeneinander an. Jede hat ein anderes Paket leerer Versprechungen dabei.

    Banken müssen wie auch normale Bürger eine Entscheidung treffen: Lege ich mein Geld in sichere Anlagen an und bekomme dort 2-3% Zinsen oder investiere ich in Termingeschäfte oder ähnliches und kann damit mein Geld viel stärker vermehren, aber auch von jetzt auf gleich alles verlieren. Da die Banken alle zu Mammon beten fällt ihnen die Wahl nicht schwer.
    Die Politik behauptet ja den Banken derartige Geschäfte weniger schmackhaft machen zu wollen. Daher habe mich bereits sehr auf die Bankenregulierung gefreut und war gespannt wie die Banken damit umgehen würden. Als die Finanztransaktionssteuer in Kraft trat musste ich kurz lächeln, weil das nicht mehr als ein schlechter Witz ist. Leider ist es viel zu wahr um darüber lachen zu können.

    Banken müssen staatlich viel stärker kontrolliert werden. Ich würde mir sogar eine !unabhängige! europäische Behörde wünschen die die Banken kontrolliert und ihnen gegenüber weisungsbefugt ist.

    • deDude
    • 24. Oktober 2012 13:59 Uhr

    Halten Sie etwa die bisher getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung des "Zockens" für ausreichend? Ein bisschen mehr als ein trolliges "Autsch" und "Vergewaltigung der Logik" dürfte es schon sein...

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    passt zum Spielgeldsystem, versteht auch niemand .-)

    • Afa81
    • 24. Oktober 2012 21:07 Uhr

    ...ein Zocker ist.

  3. 7. .....

    passt zum Spielgeldsystem, versteht auch niemand .-)

    • Afa81
    • 24. Oktober 2012 21:07 Uhr

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Euro | US-Notenbank | London | Paris
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