ErderwärmungWeniger Wachstum kostet Menschenleben

Alle reden über die Erderwärmung, keiner fragt, wie wir die Ärmsten der Welt vor den Folgen schützen können. Die Antwort lautet: mit mehr Wachstum. von Yascha Mounk

Was Hurrikan Mitch übrigließ: Ein Mann sitzt zwischen Ruinen an einer überschwemmten Straße in Santa Rosa de Aguan in Nordhonduras (Bild vom 31. Oktober 1998).

Was Hurrikan Mitch übrigließ: Ein Mann sitzt zwischen Ruinen an einer überschwemmten Straße in Santa Rosa de Aguan in Nordhonduras (Bild vom 31. Oktober 1998).  |  © Orlando Sierra/AFP/Getty Images

Die Erderwärmung und ihre Folgen sind nicht mehr zu stoppen. In den nächsten hundert Jahren werden gewaltige Fluten, Hurrikane und Dürren unzählige Menschenleben bedrohen. Wir debattieren viel über die zweifellos wichtige Frage, was wir tun können, um das Ausmaß des Klimawandels nicht noch weiter zu verschlimmern. Eine andere, ebenso dringliche Frage vernachlässigen wir dagegen völlig: Wie können wir die Menschen noch retten, deren Leben durch die kommenden Naturkatastrophen besonders bedroht ist?

Für das Schweigen gibt es Gründe. Da sind die vielen Firmen und Politiker, die den Klimawandel aus Eigeninteresse leugnen. Ölproduzenten und Autohersteller fürchten um ihre Profite. Politiker, gerade in den USA , sorgen sich um die großzügigen Spenden aus diesen Branchen. Während reiche Länder ungeniert weiter Energie verschwenden, weigern sich viele Entwicklungsländer, ihr Wachstumstempo zu drosseln. Sie alle verhalten sich, als sei die Erderwärmung keine wirkliche Bedrohung für die Menschheit.

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Umweltschützer stellen solchen Zynismus zu Recht an den Pranger. Aber leider machen sich viele Klima-Aktivisten das Leben ebenfalls zu einfach . Statt offen darüber nachzudenken, wie man den Opfern der Erderwärmung konkret helfen kann, halten sie lieber an ihrer althergebrachten Technologie- und Wachstumsskepsis fest. Manch ein Umweltschützer scheint noch immer zu glauben, dass es im Kampf gegen den Klimawandel und seine Folgen ausreicht, mehr Solarzellen zu bauen oder konsequenter Müll zu trennen.

Die Allerärmsten werden am meisten leiden

Dabei gibt es eine ganz einfache und grundlegende Einsicht, die aber von allen Seiten verdrängt wird: Der wirtschaftliche und technologische Fortschritt ist unser vielleicht bestes Mittel, um die Folgen künftiger Klimakatastrophen noch abzumildern – vor allem ihre Folgen für die Allerärmsten. Sie werden durch die kommenden Umwälzungen besonders hart getroffen, haben aber kaum Mittel, sich dagegen zu wappnen.

Yascha Mounk

ist Doktorand in Harvard und Herausgeber des von ihm mitbegründeten Magazins The Utopian. Als Journalist schreibt Mounk unter anderem für ZEIT ONLINE, die New York Times, den International Herald Tribune oder den Boston Globe.

In einem viel beachteten Essay hat der Politikwissenschaftler Alex Gourevitch einen treffenden Vergleich aufgestellt. Als der Hurrikan Andrew im Jahr 1992 Florida traf, starben durch ihn 80 Menschen. Der Hurrikan Mitch, der sechs Jahre später weite Teile Zentralamerikas verwüstete, war deutlich schwächer. Dennoch kamen durch ihn 11.000 Menschen ums Leben.

Die Erklärung für die unterschiedlichen Zahlen ist denkbar einfach. Florida hat viele Autos, strikte Bauregeln, eine gute Infrastruktur und modern ausgestattete Rettungskräfte. Fast alle seiner Bewohner flohen rechtzeitig vor dem Sturm. Die meisten Häuser hielten dem Unwetter stand, den wenigen Zurückgebliebenen wurde effizient geholfen. In Zentralamerika hingegen waren die meisten Bewohner der Küstenorte zu arm, um sich vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen. Ihre Häuser und Hütten klappten einfach in sich zusammen. Die wenigen Zugangsstraßen blieben tagelang unbefahrbar. Selbst als die lang ersehnte Hilfe ankam, war sie gemessen am Ausmaß der Katastrophe viel zu dürftig.

Anders gesagt: Wären Honduras , Guatemala und Nicaragua so reich und hoch entwickelt wie Florida, würden Tausende Menschen noch leben. Deshalb verlaufen die vermeintlichen Fronten zwischen Industrie und Umwelt nicht annähernd so gradlinig , wie wir oft annehmen. Es stimmt: Wirtschaftswachstum ist eine Ursache für den Klimawandel. Aber es ist auch eines unserer wichtigsten Hilfsmittel im Wettlauf darum, die Ärmsten der Armen in Asien , Afrika und Lateinamerika vor den Naturkatastrophen der nächsten Jahre zu bewahren.

Leserkommentare
  1. wegen der Besiedlung ungeeigenten Geländes infolge von Überbevölkerung zu beklagen sind, darf man sich nach dem Sinn solcher Forderunge fragen.

    MfG KM

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    Menschenleben sind Menschenleben.

    Und: Schreiben Sie den Kommentar morgen auch nach den Folgen des Sturms Sandy an der amerikanischen Ostküste. Überbevölkerung, nicht geeignete Siedlungsgebiete, das gibt es doch in entwickelten Ländern zuhauf. Der einzige Unterschied ist die in Entwicklungsländern fehlenden Investitionen in Sicherheitsmaßnahmen.

  2. der immense Wachstum der Weltbevölkerung. Und die wächst ja bekanntlich nicht da, wo das viele Geld steckt. Mit immer mehr Menschen und immer weniger Ressourcen wird man Wachstum dort nicht generieren können. Der Kampf um die Rohstoffe hat schon begonnen.

    4 Leserempfehlungen
  3. liest sich wie eine Bibelstelle der Profeten.

    Die verausgesagten Klimaveränderungen sind so auch von mehreren Wissenden als völliger Blödsinn beschrieben worden.

    Und die Überschrift ist wirklich nicht so gut gewählt, gerade in der Zeit wo es für uns in Europa immer wichtiger wird zu begreifen das der übertriebene Konsumismus den Ruin bringt, da sehr viel davon auf Pump entsteht für den die Nichtnutzer mit Steuern zahlen dürfen für den Ausgleich.

    Viel mehr sind für den Welthunger die abgreifenden und bestechlichen Politiker dieser Regionen verantwortlich die sich von der Entwicklungshilfe Villen in Steuerpardiesen bauen.

    7 Leserempfehlungen
    • pitgis
    • 29. Oktober 2012 15:24 Uhr

    Lieber Herr Mounk, da muss ich Sie leider etwas desillusionieren: Wirtschaftswachstum ist IMMER Geldmengen- und damit Kreditmengenwachstum. Wenn dieses Wachstum Wohlstand schaffen soll, dann nur durch gerechte Verteilung der Ressourcen. Die armen Länder sind nicht arm, weil sie so viel Bevölkerung und so wenige Rohstoffe haben, sondern weil sie von der ersten Welt gezielt ausgebeutet werden. Die Armen bauen auch nicht aus Unwissenheit ihre Hütten an ungeeigneten Plätzen, sondern weil der Platz ungeeignet ist, dürfen sie dort für umsonst siedeln. Und die Reichen dort sind nicht reich, weil sie intelligenter als die anderen sind, sondern weil sie mit westlichen Firmen formidable Geschäfte machen, dank Wirtschaftsliberalismus meist komplett an der eigenen Bevölkerung vorbei. Die darf dafür nur arbeiten und hat danach den Dreck vor der Hütte.

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    dann Länder wie Korea, China, Taiwan, Singapur - alles ehemalige Entwicklungsländer - zu Ihrem Wohlstand gekommen, trotz der bösen 1. Welt?

    Was Sie beschreiben ist eine weit verbreitet Auffassung - gerade in Deutschland. Aber es ist nicht so. Im Gegenteil:

    Ursache für die Armut in vielen Ländern ist die schlechte Regierungsführung vor Ort: (Bürger)Kriege, Kleptokratie, Korruption, fehlende Rechtsicherheit und Infrastruktur, aber auch zu hohe Geburtenraten.

    Schließlich gibt es zahlreiche Länder, die es seit dem Krieg aus dem Nichts heraus zu beachtlichem Wohlstand gebracht haben - trotz unserer vermeintlichen Ausbeutung.

    Würden wir den Handel mit den ärmsten Ländern einstellen, ginge es dort noch weiter bergab.

    Richtig ist: Unsere Landwirtschaftssubventionen sind mitursächlich. Die sind jedoch das Gegenteil von klassischer Ausbeutung.

  4. Wird brauchen nicht zwangsläufig Wachstum - schon gar nicht, wenn er, wie es der Autor tut, gegen Umweltschutz abgewägt werden muss.

    Ein wenig galoppierender Kapitalismus, gerade in Bezug auf Lebensmittelspekulationen, wäre ja schon mal ein Anfang.

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    • Jalella
    • 29. Oktober 2012 15:41 Uhr

    Die Reichen (genauer: WIR Reichen) sorgen dafür, dass unser Wachstum zur Katastrophe führt. Und nun kommt in diesem Artikel die Aussage "seid doch einfach selber reich, dann wären die Folgen für euch nicht so dramatisch". Armut ist gar nicht so schlimm, solange man nicht selber arm ist, gelle? Da fällt einem ja wirklich nichts mehr zu ein.

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    Ich habe den Autor so verstanden, dass Vorsicht geboten sein muss, wenn Maßnahmen gegen den Klimawandel zu Lasten von Wachstum in den Entwicklungsländern führen. Ich denke, da hat der Autor recht, das wäre dann in der Tat zynisch.

    • meander
    • 29. Oktober 2012 15:42 Uhr

    Wachstum ist KEIN originäres Ziel des Wirtschaftens. Auch gibt es KEINEN Gegensatz zwischen Ökologie und Ökonomie.

    Oiko steht für das Haushalten, die beiden anderen Anhängsel stehen nur für zwei Sichten des gleichen Problems: Lehre vom Haushalt und Durchführen dieser Lehre in der Praxis. Dabei vermittelt die Ökologie die Lehre vom Haushalten. Ökonomos ist die Umsetzung diesen Wissens.

    Die im Kapitalismus übliche Auslegung aber vernichtet zum kurzfritstigen Nutzen weniger die Lebensgrundlagen aller.

    13 Leserempfehlungen
    • meander
    • 29. Oktober 2012 15:44 Uhr
    8. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    2 Leserempfehlungen

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