Die Erderwärmung und ihre Folgen sind nicht mehr zu stoppen. In den nächsten hundert Jahren werden gewaltige Fluten, Hurrikane und Dürren unzählige Menschenleben bedrohen. Wir debattieren viel über die zweifellos wichtige Frage, was wir tun können, um das Ausmaß des Klimawandels nicht noch weiter zu verschlimmern. Eine andere, ebenso dringliche Frage vernachlässigen wir dagegen völlig: Wie können wir die Menschen noch retten, deren Leben durch die kommenden Naturkatastrophen besonders bedroht ist?

Für das Schweigen gibt es Gründe. Da sind die vielen Firmen und Politiker, die den Klimawandel aus Eigeninteresse leugnen. Ölproduzenten und Autohersteller fürchten um ihre Profite. Politiker, gerade in den USA , sorgen sich um die großzügigen Spenden aus diesen Branchen. Während reiche Länder ungeniert weiter Energie verschwenden, weigern sich viele Entwicklungsländer, ihr Wachstumstempo zu drosseln. Sie alle verhalten sich, als sei die Erderwärmung keine wirkliche Bedrohung für die Menschheit.

Umweltschützer stellen solchen Zynismus zu Recht an den Pranger. Aber leider machen sich viele Klima-Aktivisten das Leben ebenfalls zu einfach . Statt offen darüber nachzudenken, wie man den Opfern der Erderwärmung konkret helfen kann, halten sie lieber an ihrer althergebrachten Technologie- und Wachstumsskepsis fest. Manch ein Umweltschützer scheint noch immer zu glauben, dass es im Kampf gegen den Klimawandel und seine Folgen ausreicht, mehr Solarzellen zu bauen oder konsequenter Müll zu trennen.

Die Allerärmsten werden am meisten leiden

Dabei gibt es eine ganz einfache und grundlegende Einsicht, die aber von allen Seiten verdrängt wird: Der wirtschaftliche und technologische Fortschritt ist unser vielleicht bestes Mittel, um die Folgen künftiger Klimakatastrophen noch abzumildern – vor allem ihre Folgen für die Allerärmsten. Sie werden durch die kommenden Umwälzungen besonders hart getroffen, haben aber kaum Mittel, sich dagegen zu wappnen.

In einem viel beachteten Essay hat der Politikwissenschaftler Alex Gourevitch einen treffenden Vergleich aufgestellt. Als der Hurrikan Andrew im Jahr 1992 Florida traf, starben durch ihn 80 Menschen. Der Hurrikan Mitch, der sechs Jahre später weite Teile Zentralamerikas verwüstete, war deutlich schwächer. Dennoch kamen durch ihn 11.000 Menschen ums Leben.

Die Erklärung für die unterschiedlichen Zahlen ist denkbar einfach. Florida hat viele Autos, strikte Bauregeln, eine gute Infrastruktur und modern ausgestattete Rettungskräfte. Fast alle seiner Bewohner flohen rechtzeitig vor dem Sturm. Die meisten Häuser hielten dem Unwetter stand, den wenigen Zurückgebliebenen wurde effizient geholfen. In Zentralamerika hingegen waren die meisten Bewohner der Küstenorte zu arm, um sich vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen. Ihre Häuser und Hütten klappten einfach in sich zusammen. Die wenigen Zugangsstraßen blieben tagelang unbefahrbar. Selbst als die lang ersehnte Hilfe ankam, war sie gemessen am Ausmaß der Katastrophe viel zu dürftig.

Anders gesagt: Wären Honduras , Guatemala und Nicaragua so reich und hoch entwickelt wie Florida, würden Tausende Menschen noch leben. Deshalb verlaufen die vermeintlichen Fronten zwischen Industrie und Umwelt nicht annähernd so gradlinig , wie wir oft annehmen. Es stimmt: Wirtschaftswachstum ist eine Ursache für den Klimawandel. Aber es ist auch eines unserer wichtigsten Hilfsmittel im Wettlauf darum, die Ärmsten der Armen in Asien , Afrika und Lateinamerika vor den Naturkatastrophen der nächsten Jahre zu bewahren.