Frage: Herr Schauf, heutzutage soll ein Manager im Team arbeiten können, ein Organisationstalent sein und am besten noch vor Kreativität sprühen. Zeichnet das Ihrer Meinung nach einen guten Manager aus?

Malcolm Schauf: Nein, auch wenn es gewünscht ist – so eine eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht bei Führungspersönlichkeiten. Ich kann aus einem Kreativen keinen Top-Projektmanager machen. Manager sollten ihre Stärken ausbauen und nicht zu viel Zeit darauf verwenden, ihre Schwächen auszugleichen. Das wird in Unternehmen häufig falsch gemacht.

Frage: Sie arbeiten mit einem Verfahren, das Abhilfe schaffen soll. Wie funktioniert das?

Schauf: Es basiert vor allem auf einem Modell, das der amerikanische Psychologe David Keirsey entwickelt hat. Er unterscheidet grundsätzlich vier Managertypen : den Beschützer, den Künstler, den Rationalisten und den Idealisten. Jeder weiß nach dem Test, welchem Typ er am ehesten entspricht, welche Aufgaben ihm liegen und welche eher nicht.

Frage: Zum Beispiel?

Schauf: Prozessplanung etwa ist eher was für Rationalisten, Künstlern liegt das weniger. Die wollen sich nicht hinsetzen und eine Woche lang ein Projekt planen.

Frage: Ach …

Schauf: Klingt vielleicht banal. Aber ich höre einfach sehr oft: Oh ja, das hasse ich auch. Aber ich muss es immer machen.

Frage: Welchen Ausweg empfehlen Sie?

Schauf: Auch wenn es im Unternehmen erwünscht ist super zu planen, gibt es trotzdem Leute, denen das nicht liegt. Wenn jemand größtenteils Dinge erledigen muss, die ihm nicht liegen oder keinen Spaß machen, ist es der falsche Job. Eigentlich muss jeder erst gucken, welcher Typ er ist und dann, welcher Job zu ihm passt. Ein Künstler ist einfach nicht der Typ, der im Außendienst die Akquise macht. Er sollte mit seinem kreativen Potential lieber Projektideen entwickeln.

Frage: Dass jeder den ganzen Tag nur das macht, wozu er hundertprozentig Lust hat, ist doch illusorisch.

Schauf: Richtig, irgendwann kommt in jedem Job der Punkt, wo man sich über sein Naturell hinwegsetzen muss. Ich hatte mal jemandem im Coaching, der hat gesagt: Ich hasse Menschen. Ich habe ihm geraten nicht authentisch zu sein und bei den Menschen den Anschein zu erwecken, dass er sich für sie interessiert – sonst hätte er kaum eine Chance auf eine Führungsposition gehabt. Auch wenn du ein Schwein bist, musst du effektiv führen können.

Management ist wie eine Ehe

Frage: Sich selbst finden oder sich verstellen – was denn nun?

Schauf: Es geht zum einen darum zu erkennen, wer man ist und zum anderen, zu wissen, was andere von einem erwarten. Das ist im Arbeitsalltag wie in einer Ehe : Viele Frauen sagen, sie hätten ihren Ehemann erzogen und oft stimmt das auch. Aber nach zwanzig Jahren Ehe merkt der Partner, dass er zu jemandem geworden ist, der er nie sein wollte und trennt sich von seiner Frau. Auf der anderen Seite sagt der Mann vielleicht nicht gerne "Ich liebe dich", aber er weiß, seine Frau hört es gerne. Dann wird er lernen, diese drei ominösen Worte über seine Lippen zu bringen. Das bedeutet nicht, dass er es auch sagen will. Aber er muss sich dafür nicht grundlegend verändern.

Frage: Die Konsequenz?

Schauf: Wer merkt, dass die Erwartungen der anderen Seite absolut nicht zu einem selbst passen, sollte sich eine andere Frau suchen. Oder, wenn es um die Arbeit geht, eben einen anderen Job.

"Es bringt nichts, jeder Managementmode hinterherzurennen"

Frage: Leichter gesagt als getan …

Schauf: Seine persönlichen Eigenschaften zu kennen, ist auf Dauer unerlässlich, um langfristig erfolgreich zu sein. Ich kann nicht Top-Manager werden, wenn ich mich selbst noch nicht erkannt habe. Wer sich selbst völlig überschätzt, wird scheitern. Vielleicht kann er sich zu Beginn noch gut verkaufen, aber früher oder später wird er von anderen das Feedback bekommen: Pass auf, wir haben dich durchschaut. Du glaubst zwar, du bist hier der Anführer, aber diese Fähigkeiten hast du nicht.

Frage: Können Führungskräfte diese Fähigkeiten dann auch nicht mehr erwerben?

Schauf: Das funktioniert meist nicht mehr – das sind in der Regel gefestigte Persönlichkeiten. Aus denen mache ich nicht mehr einen komplett anderen Managertyp. Der Führungsstil muss zu dem jeweiligen Manager passen. Es bringt nichts, jeder Managementmode hinterherzurennen.

Frage: Wenn mein Management-Typ gerade nicht in den Zeitgeist passt, habe ich also Pech gehabt?

Schauf: Nein. Welche Eigenschaften gefragt sind, variiert von Branche zu Branche . Nehmen wir mal einen Idealisten mit der Ausprägung Lehrer. Diese Typen sind an Hochschulen als Führungskräfte sehr erfolgreich. Der Aufseher hingegen ist in sehr konservativen, hierarchischen Unternehmen gut aufgehoben, weil er selbst gerne das Zepter in der Hand hat und klare Anweisungen gibt, was mir persönlich zum Beispiel auch mehr liegt.

Gruppenleiter statt Aufseher

Frage: Sie unterrichten unter anderem an einer Hochschule. Wie passt das denn mit einer Aufseher-Attitüde zusammen?

Schauf: Ich würde mich nicht als Aufseher, sondern eher als Gruppenleiter bezeichnen. Ich habe früh erkannt, dass es für mich nichts ist, als Angestellter oder Befehlsempfänger zu arbeiten. Es gefällt mir nicht, wenn andere mir sagen, was ich tun oder lassen soll. Natürlich muss ich mich ab und zu ein bisschen zurücknehmen, denn ich würde am liebsten jedem in der Gruppe sagen, was er zu tun hat. Aber ich weiß natürlich, dass das für den Gruppenerfolg nicht vorteilhaft ist. Diese Erkenntnis über mich selbst hat mir gezeigt, dass ich nicht in einer starken Hierarchie angestellt arbeiten sollte.

Frage: Sie sind doch an der Hochschule angestellt …

Schauf: Klar. Aber Professoren haben eine gewisse Freiheit der Lehre und so lässt sich das gut vereinbaren.

Erschienen in der WirtschaftsWoche