Das Radio von Ana Lilia Pérez bringt schon seit Langem keine guten Nachrichten mehr. Der Sprecher des Senders berichtet aus Mexiko , ihrem Heimatland, er spricht von Toten, verstümmelt zur Schau gestellt, von Massengräbern und Schießereien. Pérez lebt  seit vier Monaten in Hamburg , aber noch immer will sie wissen, was zu Hause vor sich geht. "Vielleicht ist das ein bisschen masochistisch", sagt sie. Gewalt sei in ihrem Land einfach allgegenwärtig . "Es ist schlimm, aber wir haben uns fast daran gewöhnt."

Pérez, 36 Jahre alt , ist nach Hamburg gezogen, weil sie in Mexiko um ihr Leben fürchtet. Sie wurde bedroht und beschattet, musste eine kugelsichere Weste tragen, eine Zeit lang wurde sie von Leibwächtern beschützt. Die Journalistin hat aufgedeckt, wie die Drogenkartelle in ihrem Land den staatlichen Erdölgiganten Pemex ausgeplündert haben, vor allem während der Amtszeit der Präsidenten Vicente Fox (2000 bis 2006) und Felipe Calderón (2006 bis 2012). Oft waren mächtige Politiker eingeweiht und profitierten. Pérez glaubt, dass sich auch unter dem neuen Präsidenten Enrique Peña Nieto wenig ändern wird.

In ihrem Buch El cártel negro (Das schwarze Kartell) zeichnet sie die Verbindungen zwischen organisierter Kriminalität, Pemex-Funktionären und Politikern nach. Pemex ist ein Staatskonzern, Öl und Erdgas gehören also eigentlich den Bürgern des Landes – und Mexiko ist eines der größten Ölförderländer der Welt. Dennoch profitiert vor allem die Drogenmafia von den Ölressourcen, sagt Pérez. "Die Branche bringt so gute Profite ein wie der Drogenhandel." Ihr zufolge sind praktisch alle Drogenkartelle am Raubzug beteiligt.

Millionen Dollar für nicht existente Firmen

Die Journalistin beschreibt im Detail, wie der große Erdölraub funktioniert. Sie zeichnet etwa nach, wie Pemex über Ausschreibungen Aufträge an ein Geflecht aus rund 20 Scheinfirmen vergab. Ein großer Teil der Unternehmen existierte gar nicht – dennoch wurden sie von Pemex-Funktionären beauftragt, Fahrzeuge, Maschinen, Bohrgeräte und Bohrlöcher in Schuss zu halten. Die Ölmanager bezahlten Rechnungen in Millionen-Dollar-Höhe für Leistungen, die offenbar nie erbracht worden waren. Gestützt wurde das illegale Netzwerk von Notaren, die gefälschte Dokumente als echt beglaubigten, und Politikern in hohen Ämtern, die ihre schützende Hand über die Beteiligten hielten.

Manchmal wurden auch seriöse Unternehmen von der Drogenmafia gekapert. Im Bundesstaat Tamaulipas in Nordmexiko, wo Pérez zufolge im Jahr 2009 eine Zelle des Zeta-Kartells aufflog, die aus Pemex-Angestellten und Auftragnehmern bestand. "Ihre Tätigkeit bestand darin, Unternehmer zu entführen und zu erpressen, um ihnen ihre Firmen zu nehmen." Auch ein Anwalt sei unter den Kriminellen gewesen.

Kooperation oder Tod

Andernorts zapften die Kartelle Pipelines an, häufig ebenfalls unter der Mithilfe von Pemex-Angestellten oder Auftragnehmern. Das "Melken" der Rohrleitungen sei schon vorgekommen, bevor die Drogenmafia ins Geschäft einstieg, schreibt Pérez. Aber als die Bosse das Feld besetzten, hatten die Kleinkriminellen, die auf eigene Rechnung arbeiteten, keine Chance mehr. Entweder sie kooperierten, oder sie wurden aus dem Weg geräumt.

Am spektakulärsten sind wohl die Fälle, in denen die Kartelle ganze Bohrplattformen vor der mexikanischen Küste abräumten – obwohl diese eigentlich durch einen militärischen Überwachungsring, Schiffspatrouillen und Kontrollflüge geschützt sein sollten. Die Mafia-Kommandos stahlen Türen, Kabel, Batterien und Kontrollpanels; Lichter, Alarmanlagen und Rohrleitungen, die kompletten Bohrvorrichtungen und sogar einen 20 Tonnen schweren Hubschrauberlandeplatz. "So kam es, dass ausgerechnet während der Amtszeit von Felipe Calderón , als man die beste Technologie und Militärintelligenz in die Erdölgebiete schickte, die Kriminellen die Plattformen erreichten", schreibt Pérez. Was für eine Ironie. 

Mafia-Terror im Ölfördergebiet

Besonders schlimm eskalierte die Gewalt offenbar im Becken von Burgos, dem Honigtopf der mexikanischen Ölindustrie. Zeitweise sollen dort rund 40 Prozent des dort geförderten Erdgaskondensats gestohlen und auf dem Schwarzmarkt weiterverkauft worden sein. Das meiste davon ging in die USA . Schwer bewaffnete Mafia-Kommandos terrorisierten die Ölarbeiter und Unternehmen, überfielen Transporte und bedrohten Sicherheitsleute, um die rasant wachsende Nachfrage zu befriedigen.

Manche Förderstellen seien komplett in der Hand der Kartelle gewesen, die Ölunternehmen – Pemex, ausländische Partner oder mit ihnen verbundene Firmen – hätten ihre Angestellten teils verpflichtet, nur noch bis zum frühen Nachmittag zu arbeiten. Am Abend und in der Nacht aber gehörte das Burgos-Becken den Drogenbanden.