BruttoinlandsproduktRegierung kappt Konjunkturprognose

Im kommenden Jahr wird die Wirtschaft weniger wachsen als bisher erwartet. Experten sind uneins, ob danach die Trendwende einsetzt oder die Arbeitslosigkeit steigt. von afp, dpa, reuters, dapd und

Am Containerterminal Altenwerder in Hamburg

Am Containerterminal Altenwerder in Hamburg  |  © Philipp Guelland/dapd

Die Bundesregierung hat ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr wegen der Euro-Krise einem Medienbericht zufolge reduziert. Die Regierung gehe für 2013 nur noch von einem Wachstumsplus von einem Prozent statt der bisher erwarteten 1,6 Prozent aus, hieß es aus Kreisen der Regierung.

In diesem Jahr erwartet die Regierung jedoch noch einen Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes von 0,8 statt bisher von 0,7 Prozent. Diesen Optimismus teilen Wirtschaftsexperten: Das ZEW-Barometer für die Entwicklung der Konjunktur in den kommenden sechs Monaten kletterte den zweiten Monat in Folge – und zwar auf minus 11,5 Zähler von minus 18,2 Punkten. "Das sommerliche Stimmungstief scheint damit überwunden", sagte Postbank-Ökonom Heinrich Bayer. Offenbar zeigt sich, dass die Unsicherheit an den Finanzmärkten schwindet. Grund dafür könnte das Handeln der Europäischen Zentralbank sein. Sie hatte im September angekündigt, mit dem Aufkauf von Staatsanleihen der südeuropäischen Länder deren Finanzierung zu stützen.

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Über die weitere Entwicklung sind sich die Fachleute nicht einig. "Die konjunkturellen Risiken für Deutschland haben sich aus Sicht der Finanzmarktexperten etwas reduziert", hieß es vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Für die Volkswirte der NordLB reichen die leichten Verbesserungen bei den Konjunkturerwartungen jedoch nicht aus, um eine Trendwende auszurufen: "Allerdings kommt hierin schon zum Ausdruck, dass sich die Risiken aus der Schuldenkrise mit den Beschlüssen der EZB und der Arbeitsaufnahme des Europäischen Rettungsschirms ESM deutlich verringert haben."

Anstieg der Arbeitslosigkeit

Aus Sicht des gewerkschaftsnahen IMK aus Düsseldorf ist die Wahrscheinlichkeit, dass die deutsche Wirtschaft in nächster Zeit in eine Rezession gerät, "im vergangenen Monat rasant angestiegen", warnt IMK-Experte Peter Hohlfeld. Die Unternehmen stellten Investitionen zurück, weil ihnen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu schwach erscheine. Die Arbeitslosigkeit werde zunehmen. Ein scharfer Anstieg bleibe zwar vorerst aus. Gleichwohl rät das Institut der Bundesregierung, frühzeitig gegenzusteuern: Sie solle die Regelungen zur Kurzarbeit rasch wieder so großzügig fassen wie während der akuten Wirtschaftskrise 2009/2010.

Die Bundesregierung orientiert sich an den Zahlen der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute . Sie hatten in der vergangenen Woche ihre Prognosen für dieses und nächstes Jahr gesenkt. Im kommenden Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach ihren Erwartungen um 1,0 Prozent zulegen, im laufenden Jahr um 0,8 Prozent. In ihrem Frühjahrsgutachten waren sie noch von höheren Werten ausgegangen.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler will die Prognose der Regierung am Mittwoch offiziell veröffentlichen. Die Zahlen sind die Grundlage aller Berechnungen der öffentlichen Haushalte.

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Leserkommentare
    • Chilly
    • 16. Oktober 2012 16:27 Uhr

    langsam näher. Die krisenverschärfende Austeritätspolitik der "schwäbischen Hausfrau" im Kanzleramt wird auch für die - ach so stabile - deutsche Wirtschaft nicht ohne Folgen bleiben. Die "Wirtschaftswaisen" haben dies klar herausgearbeitet; die BReg erkennt es langsam auch.

    Für den Arbeitsmarkt bin ich noch einigermaßen optimistisch. Hier ist zu bedenken, dass seit den Rot-Grünen Hartz-Reformen die Schwelle des Arbeitsplatzabbaus von ca. 2%-BIP-Wachstum auf knapp 1% sank. In ungefähr dieser Größenordnung länge man, wenn denn die Prognose nicht verfehlt wird und es gar zu einer echten Schrumpfung der Wirtschaftsleistung kommt. Insbesondere ist zu beachten, dass alleine durch den demographischen Übergang pro Jahr rund 200.000 Personen den Arbeitsmarkt entlasten, sprich mehr Menschen in den Ruhestand gehen, als als Schulabgänger/Studierende etc. neu hineindrängen. Die Idee mit der Kurzarbeit ist richtig, könnte aber an der FDP scheitern, die ja lieber Unternehmen pleitegehen lassen will, als mit der öffentlichen Hand zu helfen (siehe Schlecker etc.). Aber kurz vor der Wahl könnte dies anders sein. So kann ich mir vorstellen, dass zwar die Zahl der Arbeitslosen nicht deutlich steigen wird (ev. werden die "arbeitsmarktpolitischen Instrumente" wieder hochgefahren), die Zahl der (sozialversicherungspflichtig) Beschäftigten aber schon merklich sinkt. Das wird dann auch den derzeit noch stabilen Binnenmarkt dämpfen, zumal auch die Tarifabschlüsse schwächer werden dürften.

    CHILLY

  1. Hierzulande können die günstigen Kreditbedingungen zu einer Stärkung der Binnennachfrage beitragen. Zudem muss keine Haushalt konsolidiert werden, was angesichts der neuen Erkenntnisse (oder sollte man sagen: der alten und nun bestätigten) der Auswirkungen von Austerität auf das Wirtschaftswachstum (siehe auch http://makrointelligenz.blogspot.de/2012/10/austeritatspolitik-bei-einem...) verheerende wäre. Frau Merkel steht im Inland gut da, im Ausland hat die verfehlte Konsolidierung in der Krise zum Teil zur Massenarbeitslosigkeit geführt. Der europäische Gedanke wurde von ihr aufgrund von innenpolitisch opportunistischen Erwägungen geopfert. Die guten Wirtschaftsdaten in Deutschland sind ihr durch zyklische Entwicklungen quasi in die Hände gefallen. Angesichts dieser Tatsachen fragt man sich, warum diese Kanzlerin ohne Überzeugung eigentlich so beliebt ist? Offenbar reicht es aus ohne Sachverstand und Überzeugung einfach das zu tun, was aktuelle Umfrage für Mehrheitsfähig halten.

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