Protest : Warum Europa nicht auf die Barrikaden geht

Quer durch Europa demonstrieren Menschen gegen den Sparkurs ihrer Regierung. Doch anders als bei Acta protestieren sie nicht zusammen. Warum?
Demonstranten in Madrid, Spanien © Manu Fernandez/AP/dapd

Ein Polizist in schwarzer Uniform schlägt zu. Die Demonstranten heben schützend die Hände, wollen beschwichtigen. Der Gummiknüppel trifft sie in die Kniekehlen.

Der YouTube-Nutzer Tim Pool hat das Video von dem Polizeieinsatz ins Netz gestellt. Es zeigt das Ende der Großdemonstration gegen die Sparpläne der spanischen Regierung am Abend des 25. September in Madrid . Glaubt man den Veranstaltern, hatten sich dazu Zehntausende versammelt, die Behörden sprachen von 6.000 Teilnehmern. Einig waren sich beide Seiten darin, dass der Abend in Gewalt endete.

Das Video verbreitete sich auf Twitter, es erhielt zahlreiche Retweets und wurde sogar vom spanischen Fernsehen aufgegriffen. Dank des Hashtags #25s , der für das Datum der Demonstration stand, erschien der Film auch in den Trending Topics von Twitter, wo die am meisten diskutierten Themen eines Tages erfasst sind. Ähnlich war es mit dem Hashtag #26s am Folgetag des Protests.

Dennoch hatte die Aufmerksamkeit für den Film Grenzen. Auf Twitter etwa zirkulierte das Video in den Tagen darauf vor allem unter spanischen Nutzern (siehe Karte). Es war wie so oft in den vergangenen Monaten: Wenn es zum Protest gegen die Sparpolitik in  Europa kommt, dann meist nur in nationalen Teilöffentlichkeiten. Das nimmt dem Widerspruch seine Schlagkraft. Man stelle sich vor, ein Generalstreik wie vor wenigen Tagen in Griechenland träfe nicht nur ein Land, sondern drei oder vier gleichzeitig. Europa wäre schnell lahm gelegt.

Die Verteilung der Tweets mit dem Hashtag #25s, gezählt von Trendsmap.com am 27. September 2012 © Trendsmap.com

Dabei ist es nicht unmöglich, Protest europaweit zu koordinieren. Gegen das Handelsabkommen Acta etwa protestierten im Februar dieses Jahres auf der ganzen Welt Tausende Menschen. Mobilisiert wurden sie durch Aufrufe im Netz. Warum gelingt das bei den aktuellen Demonstrationen nicht?

Ein Grund könnte sein, dass die Protestierenden die EU nicht als gemeinsamen Gegner sehen – und das, obwohl die Sparpolitik an den Verhandlungstischen in Brüssel beschlossen wurde. Die Proteste richten sich stattdessen gegen die nationalen Regierungen. Das sagt zumindest Nicole Doerr, die an der Universität Harvard zum Entstehen grenzüberschreitender politischer Bewegungen forscht. Sie bescheinigt dem Staatenbund ein Übersetzungsproblem. "Den EU-Bürgern ist nicht klar, dass sie selbst die Politik der EU machen und ändern können." Sprachbarrieren zwischen den Ländern seien da noch ein kleines Hindernis. "Das Beispiel Schweiz zeigt, dass politische Bewegungen keine gemeinsame Sprache brauchen, wenn sie gemeinsam gegen etwas vorgehen wollen." Stattdessen sei ein gemeinsames Problembewusstsein die Voraussetzung für gemeinsames Handeln. Daran fehle es eben.

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Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Besser noch: Nach den Alternativen

Sie haben Recht. Die Forderungen unterscheiden sich ganz gewaltig.

Bei ACTA gab es einen gemeinsamen Nenner, der in etwa lautete: "ACTA bringt im Wesentlichen Nachteile mit sich. Eine ersatzlose Streichung von ACTA ist besser als eine Verabschiedung".

Bei den aktuellen Protesten ist nicht so offensichtlich, was die Alternative ist. Wenn jemand gegen ein Sparprogramm demonstriert, weis ich erstmal nicht, ob derjenige jetzt für Steuererhöhungen (und wenn ja: welche Steuern) ist, oder eher für Schuldenschnitte (bei wem und wer trägt dann die Verluste?), Transferleistungen (wenn ja: von wo nach wo?), Inkaufnehmen höherer Inflation (und wie hoch?), Ausgabenkürzungen (welche Ausgaben?) usw.

Es fehlt die Idee udn das Gemeinsame. Es geht um Protest gegen die Regierung. Und die ist noch in erster Linie verantwortlich für die Bedingungen. Und da hat jedes Land seine eigenen.

Würde der deutsche Hartz IV Empfänger mit einem Griechen oder Spanier protestieren, könnte er sich anhören müssen, was willst du hier?. Dir gehts doch gut.

Zu früh: Also noch mal: das ist das Problem:

Wenn ich mir viele Kommentare zu diesen Themen durchlese, dann hat etwas wunderbar funktioniert:
Die Menschen in den verschiedenen Ländern lassen sich gegeneinander aufhetzen. Wie hier Z.T. über DIE Griechen hergezogen wird und die selbstgerechte Erbarmungslosigkeit, die da aus nicht wenigen Kommentaren quillt, ist schon erschreckend.
Wir begreifen es offenbar erst, wenn bei uns die selben Verhältnisse herrschen wie in Spanien, Portugal und Griechenland, dass der Gegner nicht die anderen Völker sind, sind die, die uns mit ihrer maßlosen Gier und viel krimineller Energie in den Abgrund treiben.
Dass da auch ein paar nicht so reiche Leute absahnen, wäre hier wohl kaum anders, wenn es denn so leicht ginge. Ich brauche mir nur auf anderer Ebene anschauen, wie Firmen gesetzliche Löcher nutzen und mit üblen Tricks sich z.B. die Befreiung von der EEG-Umlage zu erreichen, ist auch nicht so weit weg von diesen Machenschaften.

Hetze der Politiker

Daran, dass sich die Menschen nicht zusammentun lässt sich doch ganz gut erkennen, dass die Menschen selbst sich vielleicht gar nicht "vereint" im "vereinten Europa" fühlen. Es stellt sich eher so dar: "Liebes Fußvolk, Europa muss zusammenhalten! Aber die Griechen sind schon ziemlich faul und Portugal hat doch ganz fiese Zahlen! Nein, Ihr lieben Deutschen, eure Rente bekommt ihr natürlich erstmal nicht. Aber Europa MUSS ZUSAMMENHALTEN!

Wie soll das gehen, wenn dank Euro ("Gemeinschaftswährung") alle Länder Europas gegeneinander aufgehetzt werden durch billige Meinungsmache von Politikern und Medien???

Am Schönsten wäre es, wenn sich tatsächlich die Protestierenden länderübergreifend zusammentun würden und unseren Politikern mal zeigen würden, was wirklich "vereint" bedeutet. Nämlich: Vereint als Europäisches Volk gegen die ganzen Politikverbrecher.
Aber das ist Wunschdenken meinerseits. Bis es soweit ist muss noch einige Zeit vergehen. Leider.