ZEIT ONLINE: Sie sind Risikospezialist der Allianz Versicherung und modellieren Naturkatastrophen. Was macht Sandy besonders?

Markus Stowasser: Ein Hurrikan vor New York ist prinzipiell nichts Ungewöhnliches – darauf sind wir in unseren Risikomodellen vorbereitet. Aber Sandy war auf eine andere Weise ungewöhnlich : Zwar waren die Windgeschwindigkeiten nicht so spektakulär, aber er hat ein sehr großes Gebiet getroffen. Der Verlauf war ungewöhnlich: Sandy zog erst entlang der Küste und knickte dann scharf nach Westen ab.

ZEIT ONLINE: Selbst für einen solchen Verlauf haben Sie ein passendes Modell?

Stowasser: Die Risikomodelle sind so aufgebaut, dass sie verschiedene Sturm- und Zugbahnen enthalten. Das sind nicht Hunderte, sondern Tausende Zugbahnen, die erzeugt werden – vergleichbare zu Sandy sind auch dabei.

ZEIT ONLINE: Wie ermitteln Sie denn den Schaden?

Stowasser: Unsere Modelle bestehen aus verschiedenen Faktoren. Da ist erst einmal die Gefahrenkomponente: Man versucht, die Stürme physikalisch zu modellieren, lässt sie über Gebiete ziehen und schaut dann, welche Windgeschwindigkeiten am Boden auftreten – und eben auch am versicherten Objekt. Dann erstellen wir Schadensanfälligkeitskurven: Wie viel Schaden entsteht bei einer bestimmten Windgeschwindigkeit? Da ist natürlich entscheidend, ob es sich um ein Holzhaus, ein Betongebäude oder ein Industriegebäude handelt. Jedes reagiert anders auf die gleiche Windgeschwindigkeit. Und dann müssen wir noch wissen, wo unsere versicherten Werte überhaupt stehen. Diese Werte sind jeweils in einer Datenbank mit Adresse hinterlegt, mit ihren jeweiligen Charakteristika wie Wohngebäude oder Industriegebäude.

ZEIT ONLINE: Können Sie eine erste Abschätzung zur Schadenshöhe machen?

Stowasser: Nein, dafür ist es noch zu früh. Es wird neben den Schäden durch Wind auch viele Schäden durch Sturmfluten geben. Da müssen wir noch warten, bis klar ist, wo welche Sturmflut welche Höhe erreicht hat. Das wird noch Tage oder gar Wochen dauern, bis man ein klares Bild hat.

ZEIT ONLINE: Sind die Schäden eher niedriger, weil in den USA die Holzbauweise vorherrscht?

Stowasser: Die Wohngebäude an der Ostküste sind tatsächlich oft Holzkonstruktionen. Bei diesen Windgeschwindigkeiten gibt es noch keine strukturellen Schäden: Die Häuser bleiben stehen, vielleicht nimmt das Dach Schaden. Erst bei höheren Windgeschwindigkeiten sind Holzhäuser deutlich empfindlicher als Gebäude aus Stein.

ZEIT ONLINE: Und die Schadenshöhe?

Stowasser: Das kommt darauf an. Neben dem Material ist die entscheidendere Größe, mit welchem Wert das Haus versichert ist. Ein Holzhaus in New York ist sicherlich mehr wert als ein Holzhaus in Südtexas. Dementsprechend wird sich der Schaden auch ändern.

ZEIT ONLINE: Sind Flutschäden teurer als Windschäden?

Stowasser: Wenn Holzhäuser in einem ganz engen Streifen entlang der Küste stehen, können wir strukturelle Schäden erkennen, wenn es zu Sturmfluten kommt. Etwa dann, wenn Wasser durch den Wind in das Holzhaus gedrückt wird. Im Inland kommt es durch den vielen Regen zu Überflutungen. Hier sind Holzhäuser empfindlicher als Steinhäuser, weil sie, wenn es eine Zeitlang im Wasser stehen, anfangen zu moddern.

ZEIT ONLINE. Sandy war nicht so windgewaltig wie Katrina. Heißt das zwangsläufig, dass der Schaden nicht so hoch sein wird?

Stowasser: Sandy hat ein großes, dicht bevölkertes Gebiet getroffen. Auch wenn die Windgeschwindigkeit geringer ist, ist das Schadenspotenzial sehr hoch. Schon geringere Windstärken reichen aus , um über einem großen Gebiet viele kleine Schäden aufzusummieren und dann am Ende des Tages einen recht großen Schaden zu haben. Die Folgen der Sturmflut sind noch recht schwierig abzuschätzen. Aber die Sturmflut wird sicherlich maßgeblich für die Schäden sein.