Hans-Werner SinnDas Krisenkommando lädt zum Weltuntergang

700 Milliarden Euro, plötzlich futsch: Hans-Werner Sinn, Deutschlands bekanntester Ökonom, stellt in Berlin sein neues Buch "Die Target Falle" vor. von 

Schön ist dieser Freitag, zu schön für den Untergang Europas . Die Sonne scheint in Berlin , die Luft ist knackig. Touristen schlendern durch das Brandenburger Tor. Von der Krise noch immer keine Spur.

In einem silbernen Bürogebäude im Regierungsviertel nehmen drei Herren in dunklen Anzügen Platz, zücken Stift und Papier. Der eine ist Roland Tichy, der Chefredakteur der Wirtschaftswoche . Neben ihm sitzt Roland Berger , der Unternehmensberater. Und dann ist da noch der Mann, der den Deutschen gerade mächtig Angst einjagt: Hans-Werner Sinn , Deutschlands bekanntester Ökonom, wie es sein Verlag schreibt. Die drei Männer sind – so könnte man sagen – das Euro-Krisen-Kommando.

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Sinn hat zur Buchpräsentation geladen. Es ist sein neues Buch, 400 Seiten stark, es heißt: Die Target-Falle . Der Einband erinnert in seinen dunkeln Rotschattierungen ein bisschen an Blut, aber das ist vielleicht auch überinterpretiert. Es ist ein Werk über ein "komplexes, schwer zu durchschauendes Thema", so steht es auf dem Buchrücken. Die Aufmerksamkeit ist dennoch enorm, der Saal ist voll.

Sinn schaut interessiert in die Runde. Sein Vortrag beginnt harmlos. Er zeigt Bilder von Postkutschen aus Amerika , es geht um die Zeit des Goldstandards, als jeder Dollar noch mit echtem Edelmetall besichert war. Dann rast eine brennende Postkutsche vorbei und der "komplexe, schwer durchschaubare" Teil beginnt. Es folgen Charts mit vielen komplexen XY-Diagrammen und bunten Balken, es geht um Kreditflüsse zwischen den Euro-Staaten.

"Gefahr für unsere Kinder"

Plötzlich prangt ein leuchtend gelbes Kästchen auf: "700 Milliarden Euro Target-Forderung". Das ist Sinns zentrale Botschaft. 

Hans-Werner Sinn hat ein Buch über die sogenannten Target-Salden geschrieben. Hinter dem Fachwort verbirgt sich der Zahlungsverkehr der nationalen Notenbanken innerhalb der Euro-Zone. Kurz gesagt geht es darum, dass jedes Mal, wenn über die Grenzen hinweg ein Gut gekauft oder investiert wird, die Notenbanken beteiligt sind und den Fluss der Kredite verbuchen. Einige – wie Deutschland – sammeln Forderungen an, andere dagegen Verbindlichkeiten.

Sinns These lautet nun, dass die Krise alles verändert hat. Dass seit der Krise in diesem System eine gewaltige Gefahr für den deutschen Steuerzahler und "unsere Kinder" schlummere. Um die großen Außenhandelsdefizite auch nach dem Ende des enormen Kapitalflusses in Europas Süden weiter finanzieren zu können, hätten die südeuropäischen Notenbanken die Notenpresse angeschmissen. Das alles sorge wiederum für Forderungen auf deutscher Seite. Diese seien nun in Gefahr.

Leserkommentare
  1. im Dialog mit Prof. Hans-Werner Sinn

    http://goo.gl/7pkTm

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    Noch im Sommer 2008(!) fabulierte Sinn von einer stabilen Konjunktur, obwohl seit Frühjahr 2007 die Probleme im Finanzsystem immer stärker zu Tage traten.

    Außerdem hat er sich als Lobbyist der Finanz- und Versicherungsbranche betätigt und Reklame für die Riester-Rente gemacht: Die Riester-Milliarden haben wesentlich dazu beigetragen, die südeuropäische Staatsschulden- und Immobilienblase mit aufzubauen, laut Sinn eine solide Altersvorsorge.

    Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass Herr Sinn die Gefahren des Lohndumpngs zwischen 2000 und 2008 erkannt hätte

    Er hat außerdem für die Einführung des Euro geworben, obwohl Hankel, Otte u.a. schon damals die offensichtliche Fehlkonstruktion durchschaut hatten.

    Es ist traurig, dass dieser Mensch sich jetzt, garniert mit nationalistischen Sprüchen, als erfolgreicher Populist betätigen kann.

    Inhaltlich stimme ich vielen seiner heutigen Analysen weitgehend zu, bloß was nützt es, wenn man den Leuten 2011 erklärt, was zwischen 2002 und 2008 schief gelaufen ist?

    Dirk Müller (www.cashkurs.com), Wilhelm Hankel und Max Otte halte ich für glaubwürdige Ökonomen, international: Steve Keen und Michael Hudson.

    Also Prof. Bernd Senf hätten Sie aber auch noch aufzählen können :-)

    • genius1
    • 13. Oktober 2012 1:02 Uhr

    http://www.flassbeck.de/p...

    Damit man was zu Vergleichen hat!

  2. Was ich nicht verstehe: Wie können Notenbanken im Süden die Notenpresse anwerfen (wie am Ende von Seite 1 die Kritiker behaupten)? Innerhalb der Eurozone gibt's doch eigentlich nur eine "wirkliche" Notenbank im Wortsinn, also eine, die Banknoten ausgeben darf: die EZB. Die anderen sind doch letztlich nur "Filialen" der EZB.

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    • th
    • 12. Oktober 2012 19:28 Uhr

    und drucken z.B. die EURO-Scheine (die je nach Ausgabeland durch einen Buchstaben gekennzeichnet sind. Sie sind nur durch ein Ausgleichs-System miteinander verbunden, und werden von der EZB kontrolliert.

    Das Target-2-System dient eben dem Ausgleich zwischen den nationalen Notenbanken, und bis zur EURO-Krise waren die Forderungen der einzelnen Nationalbanken gegeneinander auch annähernd ausgeglichen. In den letzten Jahren sind diese Salden aber aus dem Ruder gelaufen, und die Bundesbank hat aus diesem Ausgleichs-System offene Forderungen von mehreren hundert Milliarden EURO an andere EURO-Länder.

    Sollte dieses System zusammenbrechen, müssten diese Forderungen wahrscheinlich in den Wind geschrieben werden - ein Verlust der Bundesbank von entsprechender Höhe: die Bundesbank wäre dann parktisch pleite, sofern der deutsche Staat nicht mehrere hundert Milliarden an die Bundesbank überweist, also den Verlust aus Steuermitteln ausgleicht.

    Nur: so viel Geld hat der deutsche Staat doch auch nicht übrig.

    Die Notenbanken der Südländer geben kein Umlaufgeld aus, ihre Notenbanken hinterlegen bei der EZB im Rahmen des Target-2 Systems Sicherheiten die keine sind. Zum Beispiel eine portugiesische Anleihe über 999 Jahre Laufzeit und 0% Zinsen. Das reicht um das Konto der jeweiligen Notenbank bei der EZB zu decken und damit de-facto Geld zu schöpfen, weil über diese Sicherheiten über Kredit finanzierte Exporte in die Eurozone glatt gestellt werden. Die Kredite für den Export selbst wiederum kann die Notenbank vergeben wie sie will. Das ist ja die Krux des Target-2 Systems, das es eine nationale Geldschöpfung über Kreditvergabe (an Firmen) ohne Sicherheiten nach außen kapselt indem (wertlose) Staatsanleihen zur Deckung verwendet werden.

    Reichen tut es weil die Südländer im EZB Rat die Mehrheit haben und damit auch die Regeln für die Annahme von Sicherheiten kontrollieren können.

    • cenli
    • 13. Oktober 2012 13:39 Uhr

    @Notenpresse: Ursprünglich waren die Sicherheiten an eine Bonität der Stufe "A-" gebunden. Nach Oktober 2008 wurde dieser Schwellenwert von der EZB plötzlich auf "BBB-" abgesenkt, für Gri,Por und Irland wurden die Sicherheiten auf Null geschraubt (Schrott eben). Dieses Runterschrauben der Sicherheiten ermöglichte es den Südstaaten das target2-System als billige Kreditbeschaffungsmaschine zu nutzen (751 Mrd zu Lasten der Buba Ende August).
    Die Archtekten des Eurosystems und der EZB haben, anders als in den USA wo die T2-Salden jeweils im April glattgestellt werden durch Besicherung von Gold oder goldgedeckten Papieren, einen weiteren groben Fehler des Eurosystems gemacht.Auch um diese Fehler zu verdecken, werden immer mehr Haftungen/Zahlungen nötig.
    Von der Ewigkeit des Euros auszugehen, finde ich naiv, ideologisch verbohrt oder einfach nur dumm. Auch das Beispiel Jugoslawiens mit seiner Einheitswährung zeigt, wie auch die anderen historischen Währungsunionen, dass nichts ewig ist, auch wenn die Eurokraten das wollen.
    Ich finde, dass die Architekten und Mitgestalter des Euros, die so massive Mängel (z.B.Stimmgewichtsverteilung im EZB-Rat, jahrelanges Zusehen wie Spa so viele Häuser baut wie D,F und GB zusammen und das noch als Wachstumsvorbild gepriesen wird) zuließen, sich verantworten sollten, anstatt Karlspreise und andere Auszeichnungen entgegenzunehmen.

  3. Man kann es Krise nennen oder ankommen auf dem Boden der Tatsachen. Dass, wir hier in Europa einen vielfach höheren Lebesstandard verdienen als hart arbeitende Afrikaner, Chinesen oder Südamerikaner fällt unter das Thema Doppelmoral. Diese wird nun mit Waffengewalt verteidigt nach der maxime, mein Leben ist mehr wert als das Eure, weil ich Westler bin. Dieses Kartenhaus bricht nun zusammen und das ineffiziente bürokratische Konglomerat unserer Scheindemokratie schlägt kräftig auf dem Boden auf.

  4. Tja, so kann man sein Buch auch vermarkten. Vor Jahren nichts davon zu hören gewesen. Dann plötzlich aufschrecken, in Talkrunden darüber kurz reden (und die Leute anlocken) und dann das Buch verkaufen.

    Target Falle...

    Sollte lieber das, was er jahrelang geprädigt hat, lieber auf den Prüfstand stellen - anstatt es als Axiom von anderen Ökonomen zu kopieren.

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    --
    Wer eine etwas differenzierte Betrachtung des Target2- bzw. Europroblems vorzieht, dem empfehle ich:

    http://deutsche-wirtschaf...

    Hans-Werner Sinn als Gruselgeschichtenerzähler abzuschreiben, erinnert mich an die drei Affenskulpturen in einen japanischem Tempel.

    Der Autor sollte bedenken, Sinn ist für den Euro sogar für die EUSA, er ist bei weitem nicht ihr Feind, aber über Menschen wie Prof. Hankel wollen sie ja lieber gar nicht erst schreiben.

    Der Euro ist und bleibt ein Verbrechen am deutschen Volk, er und seine Verursacher sind die singuläre Ursache für die Probleme, die wir jetzt in ganz Eurostan haben.

    Leugnen hat noch nie geholfen.

    • GeorgKT
    • 15. Oktober 2012 18:45 Uhr

    Als ich zum ersten mal vor etwa einem 3/4 davon gehört habe, waren es noch 500Mrd EUR, heute 700 Mrd EUR

    Das Risiko war nicht einmal den Zentralbankern bekannt. Sinn hat es erst herausgearbeitet.

    Die Salden sind heute unbestritten, die Risiken hängen vom oben geannten "wenn" ab.
    Wenn ich erinnere, wie oft Merkel die rote Linie überschritten hat, kann das RIsiko auch noch realisiert werden.

    Gut, dass einer den Mut hat, nicht so zu tun, als wäre alles in Butter.

    • jagu
    • 12. Oktober 2012 19:04 Uhr

    .. ganz offensichtlich haben Sie sich die Arbeitsleistung (Qualifikation x Arbeitseinsatz x Arbeitszeit) in anderen Ländern noch nicht näher angeschaut.

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    • kurt65
    • 13. Oktober 2012 19:42 Uhr

    Nein Sie sehen nicht über Europa raus!! Die Südeuropäer müssen mit ihren Löhnen billger werden
    (das wollen sie nicht lieber mit dem Kopf nach vorne in den Untergang) oder die Währung abwerten das können Sie mit dem Europa nicht. Aber raus aus dem Euro wollen Sie auch weil ... warum eigentlich???

  5. Also mir jagen in diesem Zusammenhang wirklich viele Leute Angst ein - aber bestimmt nicht Herr Sinn. Im Gegenteil.

    Vielleicht sollte Frau Unken mal "THE BIG SHORT" lesen. Da konnten die Protagonisten auch lange Zeit nicht glauben, dass sie die einzigen sind, die erkannt haben, welche krankee Spiel da mit HypoSubprimeFirlefanz gespielt wurde ...

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    • dachsus
    • 12. Oktober 2012 20:30 Uhr

    "In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat."

    • tinnef
    • 12. Oktober 2012 21:30 Uhr

    Autorin zu ihrem Liebelingsthema EE lesen, dann erklärt sich auch dieser Artikel.

    @Thema
    Herr Sinn ist der Arche Typ eines Volkswirtes, das sind die, die hinterher alles schon gewusst haben und es tut mir leid, Zahlen in Excel einzugeben und dann eine Diskussion darüber starten, kann jeder Bachelor mit halbwegs gesundem Menschenverstand.

    Als die Krise los ging hat Herr Sinn sich wie fast alle Volkswirte auf Tauchstation begeben, denn sie konten mit ihren "einfachen" Modellen (immer unter der Annahme von geschlossenen optimalen Systemen) nichts fachliches zur Lösung oder Prävention beitragen. Aber auch das ist eine Erkenntnis.

  6. Letzten November noch wurde Sinn in der Zeit nicht ernst genommen, nun scheint im Mutterland der Sozialdemokratie zu dämmern, was mit dem deutschen Sozialstaat passiert, wenn Sinns Prophezeihungen eintreten und die Billion Euro an Target Forderungen und ESM Bürgschaften fällig werden.

    http://blog.zeit.de/herde...

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    • ribera
    • 13. Oktober 2012 14:11 Uhr

    Betrachten wir mal die letzten 4 Jahre.
    -Prophezeiungen Schäuble
    -Prophezeiungen EZB
    -Prophezeiungen Troika SPD
    -Prophezeiungen/Meinungen in ZEIT-Artikeln
    -Prophezeiungen Sinn
    Dann wird klar, dass Sinn zwar nicht immer Recht hatte, aber mit Abstand die höchste Trefferquote.

    Forderungen werden nicht fällig, sondern Verbindlichkeiten.

    Man muss dass so sehen: Wir haben Forderungen, die Südländer Verbindlichkeiten. Sollten die Südländer aufgegeben werden, müßten sofort alle Forderungen in den Bilanzen wertbereichtigt werden, viele Unternehmen und Institutionen wären bankrott.

    Dieser Fall darf nicht eintreten. Solange man - und wenn auch sehr lange - Geduld mit den Südländern hat, passiert in dieser Beziehung gar nichts. Gefährlich wirds, wenn man sie aufgibt.

    Man sollte nach den wahren Ursachen der Krise fragen, und den Ländern Zeit geben, allokative Fehlentwicklungen zu korrigieren. Das ist ein mühsamer, zeitaufwendiger Prozeß, der ein gerüttelt Maß an Einsicht und möglicherweise Zwerknirschung induziert und erfordert. Aber der Weg von Herrn Schäuble ist richtig. Wie gesagt: die Katastrophe tritt dann erst recht ein, wenn man die Südländer aufgibt.

    • Sirisee
    • 12. Oktober 2012 19:13 Uhr

    ... bei flüchtigem lesen 4 Stellen, bei denen es nicht um den Text von Sinn geht, sondern um die Message und bei denen jeweils bedeutet wird, die Message sei ncht korrekt.

    Technik: Man hebe eine Text auf eine andere Ebene und destruiere.

    Was hat das mit den Aussagen/Entdeckungen von Sinn zu tun? Wenig. Im Grunde genommen eine Reportage über die Präsentation eines Buches, das dem Autor von seiner Aussage her nicht paßt.

    Der Beginn des Text hätte also einfach lauten müssen: Mir paßt die Aussage des neuen Buches von Herrn Sinn nicht und die Präsentation hat meine Meinung bestätigt.

    Man sollte das aber nicht als inhaltliche Reportage verpacken; denn außer dass es "Wenn-Dann-Konstruktionen" seien - also offenbar nur Theoretikerzeugs erfährt man nichts.

    Einzige Intention des Textes: Man soll das Buch nicht kaufen. Dafür zu durchsichtig, danke.

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    • P229
    • 12. Oktober 2012 22:33 Uhr

    Sie haben diesen sauer-lockeren Artikel (eine Buchrezension war es ja nun nicht) trefflich bewertet.
    Die Voraussetzung einer Rezension wäre dann ja auch, daß man das Buch gelesen und verstanden hat.

    • gorgo
    • 13. Oktober 2012 7:13 Uhr

    Es ist sicher nicht einfach,in der aktuellen Situation eine qualifizierte Einschätzung zu gewinnen. Solche unglaublichen verbalen Abqualifizierungen wie in diesem Artikel hier (als Kommentar wäre er mit Verweis auf den Respekt vor dem Diskussionsteilnehmer mindestens gerügt worden; die sprachlichen Mittel sind treffend beschrieben im Kommentar, auf den ich mich beziehe)werfen allerdings ungewollt die Frage auf, wer hier in offenbar doch recht arge Argumenatationsnot geraten ist...

    dnnn redet er vom Kostenfaktor "Mensch", wenn er schreibt sicher auch. Ja der Kostenfaktor Mensch treibt uns alle in den Untergang. Ich werde das Buch kaufen und an den Kostenfaktor Sinn zurücksenden mit unfreundlichen Grüßen von mir dem Kostenfaktor, auch Mensch genannt.

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