Erosion in einem Slum von Abidjan, der größten Stadt der Elfenbeinküste © Kambou Sia/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Töpfer, kaum ein Politiker in Deutschland hat so intensiv zu Umwelt- und Entwicklungsthemen gearbeitet wie sie. Derzeit engagieren Sie sich vor allem für besseren Bodenschutz. Warum ist das wichtig?

Klaus Töpfer: Boden ist eine nicht erneuerbare Ressource, von der wir jährlich etwa drei Tonnen pro Kopf verlieren – also mehr als zwanzig Milliarden Tonnen weltweit. Viele Menschen sind sich dessen gar nicht bewusst. Fruchtbares Ackerland wird weniger , zugleich müssen wir die Ernährung von bald neun Milliarden Menschen sichern. Das ist wie eine tickende Zeitbombe, die von vielen unterschätzt wird. Es ist hohe Zeit, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren und die Politik zum Handeln zu bewegen. Die Lage ist so dramatisch, dass wir etwas unternehmen müssen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet ein Bodenverlust in dieser Größenordnung für die Welternährung?

Töpfer: Das lässt sich seriös nicht beziffern. Es kommt darauf an, wo Boden verloren geht. In China beispielsweise ist die Erosion sehr stark, aber es gibt dort auch eine sehr dicke, fruchtbare Lößschicht, die nicht so schnell abgetragen werden kann. Dennoch ist sie endlich. Vergleichbare Entwicklungen sind auch in den USA zu beobachten.

ZEIT ONLINE: Warum verlieren wir so viel Boden?

Töpfer: Wir nutzen die Böden so stark, dass wir ihre Produktivität vermindern. Abholzung führt dazu, dass durch Wasser und Wind noch mehr Land erodiert als ohnehin. Böden sind in hohem Maße durch die unterschiedlichen Tätigkeiten des Menschen kontaminiert – vom Bergbau bis zum Siedlungswesen. Schauen Sie sich nur an, welche Verwüstungen durch die militärischen Übungsflächen, den Braunkohletagebau und die Wismut in der ehemaligen DDR entstanden sind. Das ist nicht ohne weiteres wieder zu reparieren. Um nur zwei Zentimeter Bodenkrume zu gewinnen, dauert es fünf Jahrhunderte.

ZEIT ONLINE: Wenn das Problem so klar ist, warum geschieht dann so wenig?

Töpfer: Die Politik beruft sich darauf, dass Bodenschutz eine nationale Angelegenheit sei. Die Europäische Union zum Beispiel will eine Bodenschutzrichtlinie durchsetzen. Dies ist bisher vornehmlich am deutschen Widerstand gescheitert. Außerdem ist der Verlust und Kontamination von Böden ein schleichender Vorgang: Ich habe das in China erlebt, wo die Lage dramatisch ist – aber sie hat sich über die Jahre entwickelt. Außerdem sind durch den falschen Umgang mit Wasser in der Landwirtschaft viele Böden versalzen. Aber das Problem betrifft nicht nur die Chinesen.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie keine Anzeichen, dass sich in der Politik etwas bewegt?

Töpfer: Leider nicht. Der steinige Weg von wissenschaftlichen Erkenntnissen und von den konkreten Nachweisen der Schäden zu politischem Handeln ist noch nicht wirklich beschritten. Unser Institut, das Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) Potsdam arbeitet eng mit der Europäischen Union zusammen. Wir beobachten, dass vor allem die Vertreter der Landwirtschaft strengeren Bodenschutz-Regeln skeptisch gegenüberstehen. Sie sorgen sich, dass ihre Arbeit erschwert werden könnte. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Gerade Südeuropa, wo verstärkt durch den Klimawandel viel fruchtbare Erde verloren geht, bräuchte dringend einen besseren Bodenschutz.

ZEIT ONLINE: Wo ist die Lage sonst noch besonders schlimm?