Welternährungstag"Das ist wie eine Zeitbombe"

Die Welt unterschätzt ein gewaltiges Problem: Die Bevölkerung steigt, aber wir verlieren enorme Mengen an Boden. Höchste Zeit zu handeln, sagt Ex-Minister Klaus Töpfer. von 

Erosion in einem Slum von Abidjan, der größten Stadt der Elfenbeinküste

Erosion in einem Slum von Abidjan, der größten Stadt der Elfenbeinküste  |  © Kambou Sia/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Töpfer, kaum ein Politiker in Deutschland hat so intensiv zu Umwelt- und Entwicklungsthemen gearbeitet wie sie. Derzeit engagieren Sie sich vor allem für besseren Bodenschutz. Warum ist das wichtig?

Klaus Töpfer: Boden ist eine nicht erneuerbare Ressource, von der wir jährlich etwa drei Tonnen pro Kopf verlieren – also mehr als zwanzig Milliarden Tonnen weltweit. Viele Menschen sind sich dessen gar nicht bewusst. Fruchtbares Ackerland wird weniger , zugleich müssen wir die Ernährung von bald neun Milliarden Menschen sichern. Das ist wie eine tickende Zeitbombe, die von vielen unterschätzt wird. Es ist hohe Zeit, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren und die Politik zum Handeln zu bewegen. Die Lage ist so dramatisch, dass wir etwas unternehmen müssen.

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ZEIT ONLINE: Was bedeutet ein Bodenverlust in dieser Größenordnung für die Welternährung?

Klaus Töpfer
Klaus Töpfer

Der CDU-Politiker war Bundesumweltminister, später Bauminister unter Helmut Kohl. 1998 ging er als Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen nach Nairobi. Er ist Gründungsdirektor des Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam, dessen Wissenschaftler an der Nahtstelle zwischen Klimawandel und nachhaltiger Ökonomie forschen, und engagiert sich seit 2008 als Vizepräsident der Deutschen Welthungerhilfe.

Töpfer: Das lässt sich seriös nicht beziffern. Es kommt darauf an, wo Boden verloren geht. In China beispielsweise ist die Erosion sehr stark, aber es gibt dort auch eine sehr dicke, fruchtbare Lößschicht, die nicht so schnell abgetragen werden kann. Dennoch ist sie endlich. Vergleichbare Entwicklungen sind auch in den USA zu beobachten.

ZEIT ONLINE: Warum verlieren wir so viel Boden?

Töpfer: Wir nutzen die Böden so stark, dass wir ihre Produktivität vermindern. Abholzung führt dazu, dass durch Wasser und Wind noch mehr Land erodiert als ohnehin. Böden sind in hohem Maße durch die unterschiedlichen Tätigkeiten des Menschen kontaminiert – vom Bergbau bis zum Siedlungswesen. Schauen Sie sich nur an, welche Verwüstungen durch die militärischen Übungsflächen, den Braunkohletagebau und die Wismut in der ehemaligen DDR entstanden sind. Das ist nicht ohne weiteres wieder zu reparieren. Um nur zwei Zentimeter Bodenkrume zu gewinnen, dauert es fünf Jahrhunderte.

ZEIT ONLINE: Wenn das Problem so klar ist, warum geschieht dann so wenig?

Töpfer: Die Politik beruft sich darauf, dass Bodenschutz eine nationale Angelegenheit sei. Die Europäische Union zum Beispiel will eine Bodenschutzrichtlinie durchsetzen. Dies ist bisher vornehmlich am deutschen Widerstand gescheitert. Außerdem ist der Verlust und Kontamination von Böden ein schleichender Vorgang: Ich habe das in China erlebt, wo die Lage dramatisch ist – aber sie hat sich über die Jahre entwickelt. Außerdem sind durch den falschen Umgang mit Wasser in der Landwirtschaft viele Böden versalzen. Aber das Problem betrifft nicht nur die Chinesen.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie keine Anzeichen, dass sich in der Politik etwas bewegt?

Töpfer: Leider nicht. Der steinige Weg von wissenschaftlichen Erkenntnissen und von den konkreten Nachweisen der Schäden zu politischem Handeln ist noch nicht wirklich beschritten. Unser Institut, das Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) Potsdam arbeitet eng mit der Europäischen Union zusammen. Wir beobachten, dass vor allem die Vertreter der Landwirtschaft strengeren Bodenschutz-Regeln skeptisch gegenüberstehen. Sie sorgen sich, dass ihre Arbeit erschwert werden könnte. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Gerade Südeuropa, wo verstärkt durch den Klimawandel viel fruchtbare Erde verloren geht, bräuchte dringend einen besseren Bodenschutz.

ZEIT ONLINE: Wo ist die Lage sonst noch besonders schlimm?

Leserkommentare
    • Kobuk
    • 16. Oktober 2012 17:46 Uhr

    Ich möchte hier mal auf diesen Bericht in der TAZ verweisen, in dem sehr anschaulich beschrieben wird wie westliche Staaten Entwicklungshilfe zugunsten von Nahrungsmittelkonzernen (Monsanto, Unilever & Co.) optimieren:

    Im Visier der Aktivisten ist derzeit besonders die im Mai beschlossene Initiative der großen Industriestaaten und Russland (G 8) gegen den Hunger in Afrika. Durchgesetzt von US-Präsident Barack Obama, soll diese „Neue Allianz für Ernährungssicherung“ vor allem Privatinvestitionen in die Landwirtschaft des Kontinents erhöhen. Zusagen gibt es beispielsweise vom US-Saatgut- und Pestizidhersteller Monsanto, dem holländischen Lebensmittelkonzern Unilever und dem norwegischen Kunstdüngergiganten Yara.

    „Da sitzt das Who is Who der transnationalen Agribusiness- und Ernährungskonzerne am Tisch“, sagt der Landwirtschaftsreferent des Food First Informations- und Aktionsnetzwerks (Fian), Roman Herre. Deshalb wundert es ihn auch nicht, dass die Allianz den Interessen der Branche diene – und langfristig Hunger in Afrika verursache.

    Tatsächlich legt die Allianz in ihrem Strategiepapier für Mosambik als Ziel fest, die „Verteilung von frei verfügbarem und nicht verbessertem Saatgut systematisch zu beenden“. Ausnahme sind lediglich in Notsituationen einige Grundnahrungsmittel. Zudem seien „Regeln zu den Eigentumsrechten an Saatgut umzusetzen, die Privatinvestitionen in die Saatgutproduktion fördern“.

    http://www.taz.de/!103616/

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    diesen Hinweis. Gut, dass manchmal noch Medien den Finger auf die Wunde legen und auf die wirklichen Probleme hinweisen.

    • Sven88
    • 16. Oktober 2012 19:56 Uhr

    Diese Firmen sollten eh mal ein bisschen aufgeteilt werden. Es gibt eine schöne Grafik im Internet, wo gezeigt wird, dass die meisten Marken zu 3 oder 4 großen Konzernen gehören. Das ist widerlich. Die können machen, was sie wollen.

    • RoH
    • 16. Oktober 2012 23:56 Uhr

    Erträge steigen nachweislich dort, wo private Unternehmen in Züchtung investieren.
    Sonst wird den Firmen immer vorgeworfen, sie kümmerten sich gar nicht um die Hungernden, jetzt wollen sie die Voraussetzungen schaffen, das ist aber auch wieder nicht richtig. Was denn nun?

  1. Mein Eindruck ist, dass die Welt mehr und mehr überbevölkert ist. Weder Grundversorgung noch ein minimaler Lebensstandard nach europäischen Vorbild wird bei diesem Wachstum für alle Menschen möglich sein. Wer die globalen Probleme lösen möchte muss auch Anreize dafür setzen, dass die Weltbevölkerung sinkt und zwar überall. Sonst wird sich der Mangel und das Elend in Kriegen entladen. Das ist aber in Zeiten der globalen Vernetzung und atomaren Bewaffnung kein Weg, nicht mal für Zyniker.

  2. Unsere Politiker reden über Praxisgebühr, Betreuungsgeld, Rente, Bankenkrise usw. - ohne zu einem konkreten Ergebnis zu kommen.
    Die wirklich wichtigen Dinge Ernährung, Gesundheit und eben das hier angesprochene Thema finden einen Tag statt und sind morgen vergessen.
    Man brauchte allerdings auch Visionen, um die entscheidenden Fragen unserer Existenz auf Dauer zu lösen.
    In Berlin gibt es derzeit aber offenbar nur Halluszinationen.

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    • em-y
    • 17. Oktober 2012 11:09 Uhr

    Allerdings würde Handlung sehr unbequeme Entscheidungen bedeuten, Veränderungen, ja, Umwälzungen. Das will keiner, es könnte einen das Amt kosten. Ausserdem hängt an der konventionellen Lebensmittelherstellung, vom Anbau bis hin zur industriellen Fertigung von sog. 'Essen' viel zu viel Geld. So schnell wird keiner der, glaube ich, drei Konzerne, wo alle Fäden zusammenlaufen, den Einfluss nicht aufgeben.

    • Gerry10
    • 16. Oktober 2012 18:21 Uhr

    ...und jede Menge Land für die Produktion von Alkohol und Tierfutter verschwenden kann sehe ich keinen Grund zur Sorge.

    (Wer Sarkasmus findet darf ihn behalten.)

  3. Weniger produzierten, weniger wegwerfen = mehr Boden für anderweite Nutzung bzw. für zukünftige Bevölkerungsexplosionen.

    Aber wenn das Hackfleisch nicht mehr 2,50 pro Kilo, der Eisbergsalat nicht mehr 0,99 und die Milch nicht mehr 0,39 Euro kostet, wird es ja wieder Proteststürme hageln - auch teils verständlich, bei stetig sinkendem Reallohn.

    Das Problem kann man nicht einzeln anpacken, sondern nur global. Global bezogen auf die Geographie und auf die Politik. Wir haben ja nur noch Baustellen.

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    Wo kaufen sie Milch ein unter 0,45 € / Liter kriegen Sie keine!

    • Taranis
    • 16. Oktober 2012 18:34 Uhr
    6. Warum?

    "Fruchtbares Ackerland wird weniger, zugleich müssen wir die Ernährung von bald neun Milliarden Menschen sichern."

    Sicher, das ändert das Problem des Bodenverlustes nicht und klingt auch hoffnungslos unsensibel, aber warum müssen wird die Ernährung von neun Milliarden Menschen sichern und warum ist das hier ein Argument? Ist unbegrenztes Bevölkerungswachstum ein unumstößliches Grundrecht?
    Mal ehrlich, wir brauchen nicht über Nachhaltigkeit für die nächsten Generationen diskutieren, wenn wir diese Generationen so groß auslegen, daß kein Platz für sie auf diesem Planeten herrscht. Mehr Weltbevölkerung bedeutet immer mehr Verbraucher und das nicht nur bei der Nahrung. Sieht keiner wie sehr sich all diese Bemühungen in den eigenen Schwanz beissen oder ist es einfach nicht politisch korrekt festzustellen, daß Nachhaltigkeit auch eine Frage der MEnge der Betroffenen auf allen Seiten ist?

  4. Die Politiker, Entscheider, Konzernfürsten sowieso nicht. Aber auch wir, die wir hier in Mitteleuropa wie die Made im Speck sitzen, merken es zunächst nicht.
    Solange die Konzernfürsten, die Spekulanten, die mit Nahrungsmitteln spekulieren, die Medien, die vernebeln statt aufzuklären das Sagen haben, wird sich wenig ändern.

    • Olivar
    • 16. Oktober 2012 18:52 Uhr

    Wir alle wissen doch seit Jahren, dass Fleisch zu viel Boden benötigt und dass die EU mit ihrer Subventionspolitik die Wirtschaft der Dritten Welt kaputt macht und dadurch Hunger verursacht. Dennoch ändern wir unser Verhalten nicht. Ich nehme mich da nicht aus.

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  • Schlagworte Klaus Töpfer | Abholzung | China | DDR | Entwicklungsland | Ernte
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