Klimadebatte : Das Zwei-Grad-Ziel täuscht Handeln nur vor

Wer sagt, die Erderwärmung sei nicht mehr auf zwei Grad zu begrenzen, beginnt eine wichtige Debatte. Er macht klar, wie dramatisch die Lage wirklich ist. Von O. Geden
Klima-Aktivisten demonstrieren am Strand von Rio de Janeiro gegen Subventionen für fossile Brennstoffe (Archivbild). © Vanderlei Almeida/AFP/Getty Images

Im zwanzigsten Jahr des Bestehens der UN-Klimarahmenkonvention ist es Zeit für eine ehrliche Bestandsaufnahme. Die Treibhausgasemissionen sind seit 1992 um mehr als ein Drittel gestiegen. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Doch das von den Vereinten Nationen beschlossene Zwei-Grad-Ziel wird – nach dem heutigen Stand der Wissenschaft – nicht einzuhalten sein, wenn wir unsere Emissionen nicht rasch und spätestens von 2020 an wirklich drastisch reduzieren. 

Niklas Höhne und Frank Drieschner streiten darüber, ob die Trendumkehr dauerhaft zu schaffen ist. Im Kern geht es um die Frage, welchen Status ökonomische Modelle in der klimapolitischen Debatte haben.

Der europäische Klimadiskurs ist von einer bemerkenswerten Kombination geprägt. In ihm mischen sich düstere Klimawandelszenarien mit optimistischen Politikprognosen. Das Ergebnis: Schon seit Mitte der 1980er Jahre scheint es konstant fünf vor zwölf zu sein. Das Mantra: Die Klimakatastrophe droht schon bald, aber noch ist Rettung möglich – wenn wir endlich umkehren und immer ehrgeizigere politische Maßnahmen beschließen.

Wie schlimm ist die Lage wirklich?

Frank Drieschners Beitrag ist Ausdruck einer völlig berechtigten Skepsis: Müsste unsere Lage inzwischen nicht viel dramatischer sein, wenn die Emissionen immer weiter angestiegen sind?

Oliver Geden

Oliver Geden leitet bei der Stiftung Wissenschaft und Politik die Forschungsgruppe EU/Europa

Das eigentlich Bemerkenswerte an dem Streit ist nicht, dass hier jemand zu dem Ergebnis kommt, das Zwei-Grad-Ziel sei längst nicht mehr erreichbar, und ein anderer das vehement bestreitet. Erstaunlich ist vielmehr, dass der Journalist mit Zahlenmaterial aus der wissenschaftlichen Fachliteratur argumentiert, während es der klimawissenschaftliche Politikberater vermeidet, auf die präsentierten Zahlen im Detail einzugehen.

Ein Beispiel: Wenn der angesehene Emissions Gap Report 2011 des UN-Umweltprogramms UNEP, an dem Höhne selbst als Leitautor beteiligt war, zu dem zentralen Ergebnis kommt, dass das globale Niveau der Treibhausgasemissionen 2009 bereits bei 50 Gigatonnen lag, im Jahr 2020 jedoch 44 Gigatonnen nicht überschreiten darf, um das Zwei-Grad-Ziel noch in Reichweite zu halten, dann stellt sich sofort die Frage nach der Machbarkeit eines solchen Emissionsreduktionspfads.

Ausschließlich technologisch betrachtet mag es noch angehen, wie Höhne davon zu sprechen, dass wir alle nur an einem Strang ziehen und in den nächsten acht Jahren lediglich "eine Reihe von Einsparungen" vornehmen müssten. Politisch betrachtet ist die Erwartung, zwischen 2012 und 2020 könnten sich die weltweiten Emissionen um rund 15 Prozent reduzieren, aber völlig illusorisch. Die Emissionen sind seit 2009 weiter im Steigen begriffen. Und selbst der überaus optimistische UN-Fahrplan sieht das Inkrafttreten eines ehrgeizigen Weltklimavertrags erst für 2020 vor.

Noch dramatischer stellt sich die Situation für die Zeit nach 2020 dar, wenn die Emissionsreduktionsraten weltweit noch weit ehrgeiziger ausfallen müssten, um die angestrebte Zielmarke zu erreichen. Frank Drieschner weist darauf hin, dass Zwei-Grad-kompatible Szenarien vorsehen, zur Mitte des Jahrhunderts in großem Umfang negative Emissionen zu erzeugen. Erreicht werden soll dies durch den Anbau von Energiepflanzen, deren anschließende Verbrennung in Kraftwerken sowie die Abscheidung und unterirdischen Lagerung des bei der Verbrennung freigesetzten Kohlendioxids (CCS). 

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

43 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

ICH MACHE NICHT MIT

solange der einfluss der sonne auf das klima nicht miteinberechnet wird, bin ich nicht bereit dieses 2-grad-bloedsinn zu hoeren oder zu lesen.

vor 1000 jahren konnte man weinstoecke in england anbauen und waehrend der eiszeit lag ganz europa unter dem eis. alles menschengemacht?

da kann man alle kraftwerke und autos wegwerfen und es wird nichts nutzen, wenn die sonne sich in einer aktiveren phase befindet.

Ich kann es nicht mehr hören...

>>ICH MACHE NICHT MIT solange der einfluss der sonne auf das klima nicht miteinberechnet wird, bin ich nicht bereit dieses 2-grad-bloedsinn zu hoeren oder zu lesen.<<

Und wenn man die Sonnenaktivität mit einberechnet und wir dann feststellen, daß in den nächsten zehn Jahren eine Aktivitätsabnahme droht?
Oder das Gegenteil, daß also die Sonnenaktivität zunimmt?

Erstens hätten wir ein weiteres Jahrzehnt Zeit verloren. Und in beiden Fällen würden Sie doch den Schluß ziehen, daß mehr CO2 überhaupt nicht schlimm ist oder wir eben gegen die Erwärmung überhaupt nichts tun können, da wir auf die Sonne nun echt keinen Einfluß haben. Quod erat demonstrandum.

Sagen Sie doch einfach, daß es Ihnen schlicht - mit Verlaub - scheißegal ist, auf welchem Planeten ihre Kinder (haben Sie welche?) und Enkel leben werden. Besten Dank, schön, daß wir das mal geklärt haben.

Und genau diese Grundhaltung ist es, die dafür sorgt, daß Mensch gegen sowas wie den Klimawandel keine Chance hat und wir alle - ebenfalls mit Verlaub - schlicht und einfach im Arsch sind.
Wir werden nicht so schnell weniger Auto fahren können, wie China neue Kohlekraftwerke in Betrieb nimmt, um nur ein Beispiel zu nennen.

qualitative Argumentation

Woher nehmen Sie denn ihre Informationen? Was, wenn die Sonne sich gerade in einer "kühleren" Phase befindet und andernfalls der Klimawandel schon deutlich stärker spürbar wäre? Ich meine, vor nicht allzu langer Zeit mal genau so etwas gelesen zu haben, aber bei der Qualität der vorgebrachten "Argumente" ist es mir gerade zu blöd, nach der Quelle zu fahnden und deren Aussagekraft zu verifizieren.
Dass die Sonne mit ihrer Aktivität einen größeren Einfluss auf die mittlere Erdtemperatur haben kann, als die aktuellen, mutmaßlich durch den Treibhauseffekt verursachten Temperaturschwankungen, kann die Geschwindigkeit des derzeitigen Temperaturanstiegs beispielsweise kaum erklären. Nicht ohne Grund zweifelt kaum ein vernünftiger Mensch daran, dass unser derzeitiges Verhalten das Klima nachhaltig und in unerwünschter Form beeinflusst. Die Absicht, dem entgegen zu wirken, verflüchtigt sich bei den meisten Menschen allerdings schnell, sobald sie erkennen, dass sie sich in ihrer gewohnten Bequemlichtkeit einschränken müssten. Macht aber nix, im Gegensatz zu irgendwelchen Dritte-Welt-Staaten können wir uns die notwendigen Schutzmaßnahmen schließlich leisten...

1% kann entscheidend sein

>>wenn die sonne einen 99%igen einfluss auf die erde hat und die menschheit einen 1%igen, dann wird das menschliche handeln keinen einfluss auf das klima haben, egal was wir tun. d.h. wir verpulvern hundert miliarden von dollar "einfach so" ohne jeden nutzen.<<

Wenn wir 100 Milliarden in 10 Jahren verballern und dann feststellen, daß der menschliche Einfluß tatsächlich nur 1% beträgt, haben wir die Erkenntnis gewonnen, daß wir mit allem anderen auf dem Holzweg wwaren. Auch negative Ergebnisse erhöhen nämlich den Kenntnisstand der Wissenschaften.
Und das zu einem Spottpreis. 100 Milliarden, das ist ein Waffen-Großprojekt im Pentagon.

Außerdem sind klimatische Effekte kumulativ. Wir ballern seit 150 Jahren mit wachsender Begeisterung Energie in das irdische Klima, das letztlich nichts weiter ist als ein gigantisches Energieverteilungssystem.
Was immer auch genau passiert: Wir können nicht erwarten, daß NICHTS passiert, das wäre absolut unwissenschaftlich.
Was folgenden Schluß offensichtlich macht: Da geschieht etwas und es könnte durchaus unangenehm werden.

Und wir wissen genau, daß wir zumindest unser menschliches Verhalten ändern können- rein theoretisch zumindest. Stellt sich dann heraus, daß es nicht ausreicht, weil die Sonne schuld ist oder das fliegende Spaghettimonster, haben wir uns da wenigstens nichts vorzuwerfen.
Dann müssen wir uns eben auf die Folgen einstellen, was wir aber ohnehin tun müssen. Also auch hier kein Verlust an Zeit oder finanziellen Anstrengungen.

@mondgesicht - es gibt keine quelle

es ging um "angenommen". mir erscheind es so, als ob man die einfluesse auf die zimmertemperatur anhand von einem fernseher oder kuehlschrank ueberprueft ohne eine 1500 watt starke klimaanlage/heizung zu berurecksichtigen.

alle prognossen nuetzen nichts, wenn man die sonne nicht miteinberechnet. die sonne hat einen kleineren 22 jahre zyklus. dann gibt es einen viel laengeren. die achse der erde verschiebt sich staendig in einem 22 000 jahre zyklus usw. das alles wurde NIE miteinberechnet.

@stefan balker

und was, wenn die sonne demnaechst in eine kaeltere phase kommen wird. oder was, wenn die erdneigung, welche sich staendig aendert dazu fuehren wird, dass es kaelter wird. vielleicht sollten wir mehr "abgase schaffen" damit es nicht zu kalt wird?

oder mit anderen worten, wieso sollte man das klima in eine bestimmte richtung beinfluessen, wenn man nicht alle richtungen erforscht hat? vielleicht stehen wir vor einer globalen abkuehlung?

@ stefan b

der anthropogene Einfluß ist minimal auch wenn das den (Pseudo-)Wissenschaftlern beim IPCC, dem PIK und weltweit dergleichen Institute nicht paßt, weil sie um ihre Subventionen und Pfründe bangen(nicht nur Pachauri vom IPCC, der mit CO2 Zertif. verdient) und es gibt keine Korrelation von CO2 und Erdtemperatur-änderung; auch bei M. Weber (8)zu lesen; seriöse Wissenschaftler zur gesamten Klimathematik und der Fragwürdigkeit der Kimamodelle findet man bei EIKE.

Schulterzucken

Ob es ein 2 Grad Ziel gibt und es sinnvoll ist oder nicht spielt doch ueberhaupt keine Rolle. Das ist etwa wie die Diskussion unter Heroinabhaengigen, ob sie nicht aus gesundheitlichen Gruenden das Zigarettenrauchen reduzieren sollten.

Mit der steigenden Zahl an Menschen auf ca 10 Mrd im Jahr 2050 haben wir doch keine Chance mehr irgendetwas aufzuhalten. Selbst wenn die 3 Zusatzmilliarden auf niedrigstem Niveau leben werden, ihre Anwesenheit wird genuegen, um den CO2 Ausstoss zu ver-x-fachen.

Was koennen wir tun? Eigentlich nur uns vorbereiten: Daemme und Deiche bauen, wegen der Fluten, den Hochwasserschutz ausbauen, Versicherungen abschliessen bzw. Regelwerke in Kraft setzen, damit sich jeder gut absichern kann und evtl. noch ein bisschen in Mauertechnologie investieren, wenn dann die Massen aus Bangladesch und Sahel-Afrika kommen.

Alles andere wird nichts mehr bringen, dafuer ist es zu spaet, dafuer ist es politisch zu dumm.

Selbst wenn alles ideal laufen wuerde und niemand mehr kuenstlich CO2 verursacht, dann wuerden die USA hingehen und auch noch den letzten Tropfen (dann wieder billiges) Oel verbrennen.

That's life. Freuen wir uns doch lieber auf mediterranes Wetter in DE!

WBGU ontologie

Wenn das Ziel eingebettet ist in einem normativen Gerüst, einem naturwissenschaftlichen Paradigma und einer deutschen akademischen Gemeinschaft (WBGU), dann können für die Wirkung dieses Ziels aus allen 3 Fundamenten Barrieren erwachsen.
Klimaökonomische Modelle dagegen sind so variabel das sie in keiner Richtung wirken. Das scheint mir auch die historische Lehre aus der Verwendung des RAINS Modells bei der Entstehung des Transboundary Pollution Agreement von 1985 zu sein, welches den sauren Regen in Europa beendet hat.