Flughafen BER"Hier ist es wie auf dem Friedhof"

Der Flughafen BER, ein Ort der Entschleunigung: Restaurantbesitzer vernageln ihre Läden, die Eröffnung liegt in weiter Ferne. Thomas Loy hat das Gelände besucht. von Thomas Loy

Die Spatzen proben Sturzflüge an der Böschung und setzten sich dann paarweise auf den provisorischen Gitterzaun. Die losen Stäbe klirren leise im Ostwind. Ein Turmfalke schwebt über die Flughafenwiese vor dem Zaun. Klatschmohn, Margeriten, weißer Klee, violette Taubnesseln blühen unter einem tief verhangenen Herbsthimmel. Zwei Bundespolizisten im Landrover biegen auf den Feldweg ein, fahren im Schritttempo über die Wiese und die Kiefernschonung bis zur Bahntrasse. Nachher werden sich die beiden Männer im Burger-Restaurant an der Total-Tankstelle eine Pause gönnen. Das Restaurant ist schon offen. Tanken geht auch.

Noch ein Jahr bis zur Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt. Fast alles ist fertig, sagt der neue Technikchef Horst Amann, nur die Brandschutzanlage macht noch große Sorgen. "Heerscharen von Programmierern" seien dabei, die Probleme zu lösen. So lange steht der Flughafen still.

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Das neue Kraftwerk pustet hellen Rauch aus seinen schlanken Schornsteinen. In den Büroräumen von Condor ist Licht. Die jungen Linden am Willy-Brandt-Platz verlieren ihre Blätter, die auf dem Pflaster dunkle Flecken bilden. Ein Mann in roter Flughafenweste poliert eine Tafel mit dem Lageplan des Flughafens. Sie steht hinter dem Bauzaun. Unerreichbar. Ein Lkw aus Frankfurt am Main parkt am Platz. Die Firma Stamm Spezialtransporte lädt Geldautomaten aus dem Terminal ein. "Die braucht ja jetzt keiner", sagt der Mann am Ladekran. In einem Jahr wären sie ohnehin technisch veraltet.

Weit weg von hier, auf einer Anhöhe über dem Flughafenzaun, den Kienitzer Bergen, steht Christian Schonack, die Hände tief in den Latzhosentaschen vergraben, und schaut lange in die große baumlose Flughafenebene und den leeren Himmel darüber. Von Westen gesehen wirken Terminal und Tower wie ein gestrandeter flügellahmer Albatros. Vorne rechts, der helle Streifen, das ist die südliche Landebahn, der Vierkilometerauslauf für die Riesenvögel von Boeing und Airbus . Ein friedlicher Anblick, so ohne Turbinendonnern.

Am 21. Dezember soll Schonack, Maschinenschlosser von Beruf, Haus und Garten dem Flughafen ausliefern. Darauf haben sich beide Seiten im Februar geeinigt. Geld gegen Heimat, "der Flughafen hat ein faires Angebot gemacht", sagt Schonack. Im Dezember würde der Lärm der Flugzeuge, die über die Kienitzer Berge hinwegdonnern, längst jedes erträgliche Maß überschritten haben, so durfte er annehmen. Nun wird es im Dezember genauso erträglich sein wie im Februar. Vielleicht liegt auch wieder eine dicke Schneedecke wie auf den Fotos im Familienalbum.

Seit mehr als 30 Jahren baut Schonack an seinem Datschenwohnsitz. Hier sind seine Kinder aufgewachsen. Früher stand vor dem Haus ein Wald, und es gab Tümpel und einen kleinen See. Dort sind die Kinder Boot gefahren und im Winter Schlittschuh gelaufen. War ja fast wie im Gebirge früher, so hoch türmte sich der Schnee auf den Tannen und Torpfosten.

Leserkommentare
  1. die Republik der Inkompetenz.

  2. ...die Republik der inkompetenten Führungslosigkeit. Hierarchie, fachliche Kompetenz und Verantwortung sind verpönt, gefördert wird der verantwortungsbefreite Endlosdiskurs.

    • Varech
    • 01. November 2012 11:31 Uhr

    ... "in einem Jahr sowieso wieder veraltet."

    Und wenn das jetzt in NY den Euro-Kurs einbrechen lässt??

  3. Also sollte er eigentlich gehen müssen. Auch wenn Aufgaben zwangsläufig delegiert werden ist er doch für die Überwachung von deren ordnungsgemäßer Ausführung verantwortlich. Dem kam er nicht nach.

    • war-hog
    • 01. November 2012 12:17 Uhr

    ...wäre dies ohne Korruption und Vetternwirtschaft nicht passiert.
    Und, das mittlerweile fest verankerte "Subunternehmer beauftragen".
    Das Problem ist doch, dass die,die die Arbeit wirklich verrichten, ihrem Geld hinterherrennen müssen und das obwohl sie schon so billig wie nur irgendmöglich arbeiten, weil irgendwelche "hohen Tiere" in die eigenen Taschen wirtschaften.Kompetenz und Qualität am Bau bleiben da zwangsläufig auf der Strecke.

    Meiner Meinung nach ist dieser "Sumpf" des BER eine Zustandsbeschreibung für den gesamten Führungsapparat, sowohl in Politik als auch Wirtschaft, der Republik:

    Nimm' mit! Der kleine Mann/Frau zahlt die Zeche!
    Und nach uns die Sintflut.

  4. unfaehigen Architekten entwerfen und dann von unfaehigen Managern versuchen umsetzen zu lassen! Wenn Deutschland so weiter macht dann gibt es genauso wie in China Geisterstaedte, die kein Mensch braucht, da die Menschen, die sie bauen nur die Steuern von den Zahlern auf den Kopf hauen und dadurch ein angebliches Wachstum schaffen wollen, das sie niemals leisten koennen! Schade Deutschland je mehr das Jahr zu Ende geht, desto mehr meint man/frau dass lediglich der Glaube an die Kirche dieses sinnlose reden und haltlose Verprassen steuert!
    Deutschland windet sich wie ein Aal, wenn es darum geht exakt zu arbeiten und Eins-zu-Eins-Beziehungen herzustellen! So passiert es dann mal dass der Manager zum Bauleiter wird und der FH-Ingenieur zum Statiker! Schade man haette von den Chinesen lernen koennen, aber auch die Amerikaner lachen inzwischen schon ueber die Finanzierungssysteme (wohl Leerverkaeufe) und die angeblicehn Ansprueche von Leuten, die keine Ausbildung haben! Da hilft wirklich nur noch beten!!!!

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    "So passiert es dann mal dass der Manager zum Bauleiter wird und der FH-Ingenieur zum Statiker!"
    näher erläutern? Was soll er besagen, was ist sein Sinn?
    Haben Sie irgend eine Ahnung von Ausbildung, beruflicher Qualifikation und Berufsausübung im Zusammenhang mit Planung und Ausführung von Projekten?

  5. Habe letztens einen Bericht über die Eurokrise im ZDF gesehen. In Spanien sind auch Flughäfen, Straßen ins Nichts, Parkanlagen und Häuser vom Brüsseler Parlament gebaut worden die allesamt leer stehen weil es dort überhaupt keine Verwendung für gibt.

    Es ist nicht nur in Deutschland ein katastrophales Versagen vorzuwerfen sonder auch in Brüssel sitzen Verantwortliche für ein Versagen von Bauten die Millarden verschlugen haben vorzuwerfen.

    Politiker, Minister, Parlamentarier der EU Vorstände von Banken und Versicherung alleine von Gier gefolgt haben diese ganze Krise zu verantworten.

    Und kommen völlig ohne Strafe davon!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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    die strafende Instanz sein?

  6. die strafende Instanz sein?

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