Hurrikan Sandy : Haiti ist die schlechtere Show

Der Hurrikan Sandy hat New York schwer getroffen. In Haiti waren die Folgen aber viel schlimmer. Warum will uns das einfach nicht interessieren?
Zwei Kinder in einer Zeltstadt in Canapé Vert, einem Viertel der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince © Thony Belizaire/AFP/Getty Images

Wie bebildert man einen Text über die Zerstörung, die der Hurrikan Sandy in Haiti hinterlassen hat, dem vermutlich ärmsten Land Amerikas? Natürlich könnte man überschwemmte Landschaften zeigen. Haitianer, die hilflos auf die Fluten schauen oder Truppen der Vereinten Nationen, die zerstörte Brücken bewachen . Man könnte Menschen zeigen, die sich bei der Ausgabe von Lebensmitteln drängen oder eine weinende Frau in einer Zeltstadt , die nach dem schweren Erdbeben vor zwei Jahren Unterschlupf bot.

Stattdessen zeigen wir Ihnen hier zwei Kinder. Ein Mädchen, ordentlich gekleidet und akkurat frisiert, steht zwischen Zelten und Sandsäcken und hält ein Kleinkind im Arm. Freundlich und neugierig schauen sie in die Kamera. Das Foto wurde von uns ausgewählt, weil Kinder Aufmerksamkeit bekommen. Kinderbilder klicken oft sehr gut, das Kindchenschema funktioniert auch in den Medien. Und ist es nicht das, worum es letztlich geht: den Leser für das Thema zu interessieren?

Haiti hat zuletzt nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Auch nicht vor zwei Wochen, als Sandy in der Karibik wütete. In Haiti starben durch den Sturm Dutzende, exakte Zahlen gibt es nicht. Hilfsorganisationen zufolge sind mehr als 200.000 Menschen direkt von Sandys Folgen betroffen – und das in einem Land, das sich immer noch nicht von dem schweren Erdbeben von vor zwei Jahren erholt hat.

Nur eine Randnotiz

Den meisten Medien waren die Verwüstungen allenfalls eine Randnotiz wert. Auch ZEIT ONLINE zeigte nur ein Reuters-Video von etwas mehr als einer Minute Länge. Erst als Sandy Fahrt aufnahm und Richtung New York zog, erhielt die Berichterstattung über den Sturm mehr Raum als zuvor , und zwar viel mehr Raum.

Erklärungen dafür finden sich leicht. Die ungleiche Berichterstattung hat mit den Mechanismen zu tun, nach denen der Medienbetrieb funktioniert und damit, wie die Masse des Publikums Nachrichten aufnimmt.

Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Mehr denn je ist das Mediengeschäft heutzutage ein Kampf um Aufmerksamkeit. Auch Medienunternehmen müssen sich finanzieren, und das geht nur, wenn das Publikum Interesse spendet. Deshalb werden Nachrichten immer häufiger entlang von Personen erzählt, deshalb polarisieren Medien und spitzen zu – ob in zulässiger oder unzulässiger Weise, sei erst einmal dahingestellt. Auch den seriösen Medien geht es dabei oft um ein wenig Show. Um die Auflage, um Einschaltquoten oder Klicks geht es allen.

Dass die feinen Details, die stillen Geschichten, die Randthemen in der Aufmerksamkeitsökonomie allzu häufig unberücksichtigt bleiben, mag man bedauern. Aber es sind eben alle daran beteiligt, die Leser, Zuschauer, Hörer – und die Schreiber, Sender, Sprecher, die so selten den Mut haben, sich vom Quotendruck zu befreien.

Zugegeben: Ein Stück weit mag es auch gerechtfertigt sein, dass der Hurrikan, als er über New York tobte, mehr Aufmerksamkeit von uns erfahren hat als zuvor. Die USA sind uns näher als die Entwicklungsländer der Karibik. Wegen der nahenden Präsidentschaftswahlen war die Aufmerksamkeit der Medienhäuser ohnehin dorthin gerichtet. Und was lag näher, als die Korrespondenten in der Zwangspause, die Sandy dem Wahlkampf verschaffte, über den Sturm berichten zu lassen? 

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

68 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Medieninteresse

Auch in über Kuba ging der Sturm hinweg.
Dort waren durch den Hurrikan am vergangenen Donnerstag elf Menschen umgekommen und Verwüstungen in den Ostprovinzen angerichtet worden.
Entgegen der Panikmache hinsichtlich neuer Cholerafälle durch Kuba-Kritiker melden offizielle Stellen wie das Auswärtige Amt oder das tropenmedizinische Beratungsportal »Tropeninstitut.de« dagegen, daß ihnen derzeit keine aktuellen Informationen über neue Cholera­infektioen auf Kuba vorliegen.
http://www.jungewelt.de/2...

Demut

Man stimmt der Autorin zu, fragt sich aber, ob die Demut an sich nicht auch schon Teil des Problems ist.

Mir wäre es lieber, wenn die Schwerpunktverlagerung gar nicht erst stattfände. Dass wir jetzt auf Haiti blicken (sollen), nachdem der US-Wahlkampf sich dem Ende neigt, kann man als ehrlicheren Journalismus ansehen oder einfach als Regievorgabe.

Wer gleich richtig handelt, muss sich später nicht entschuldigen.