Seit der Wiederwahl von Barack Obama erleben Steuerfachleute in der noblen Park Avenue in New York oder der Reichenenklave Boca Raton in Florida eine Hochsaison. Ihre Mandanten wollen ihr Vermögen schnell noch vor Jahresende in Sicherheit bringen. Investoren wie der Casino-Tycoon Steve Wynn aus Las Vegas , der sich und seinen Mit-Anteilseignern vergangene Woche eine Sonderdividende von 750 Millionen Dollar auszahlte, sind keine Seltenheit mehr. Reihenweise lassen sich Großanleger in den USA in bar auszahlen.

Amerikas Vermögende sind in Panik. Denn der Präsident will sie stärker zur Kasse zu bitten. Es sei an der Zeit, dass die Reichen ihren gerechten Beitrag zum Gemeinwohl beitrügen, hatte Obama während des Wahlkampfes immer wieder angekündigt. Einige Steuerflüchtlinge gingen daraufhin soweit, sogar ihren amerikanischen Pass abzugeben. Die Zahl der Bürger, die ihre Staatsbürgerschaft aufgeben wollen, ist auf einem Höchststand.

Besonders peinlich für den Präsidenten: Zu den Steuerflüchtlingen gehört auch Denise Rich, Multimillionärin und Parteifreundin Obamas, die einst für Bill Clintons Wahlkampf spendete und sammelte. Auch Eduardo Saverin, milliardenschwerer Mitgründer von Facebook, hat seinen Pass zurückgegeben. Getauscht hat er ihn gegen die Staatsbürgerschaft von Singapur .

Obama zeigt sich davon unbeirrt. Gleich nach seiner Wiederwahl Anfang des Monats kündigte er an , er wolle über die nächsten zehn Jahre mindestens 1,6 Billionen an neuen Steuereinnahmen von Besserverdienern und Vermögenden einfordern. Dazu rechnet der Präsident Haushalte mit einem Jahreseinkommen von mehr als 250.000 Dollar.

Der Präsident muss vor allem eines tun: nichts

Obama hat gute Chancen, sein Versprechen wahr zu machen. Im Moment würde es reichen, wenn er gar nichts tut. Zum Jahresende laufen die Steuergeschenke seines Vorgängers George W. Bush fristgemäß aus. Die Steuersätze erhöhen sich dann automatisch. Die Dividendensteuer etwa, die vor allem Großanleger trifft, würde von 15 Prozent auf 39,6 Prozent steigen. Auch die Kapitalertragssteuer betrüge dann 20 Prozent – und nicht mehr nur 15 wie bisher. Der kleine Haken an der Sache: Kommt es soweit, stiege nicht nur die Abgabenlast für die Reichen im Land, sondern auch für alle Steuerzahler. Es sei denn, die Opposition würde sich auf einen Kompromiss mit Obama einlassen.

Die Republikaner stecken deshalb in der Klemme: Ohne eine Einigung mit Obama würde ausgerechnet die Partei, die für niedrigere Abgaben einsteht, für die massivsten Steuererhöhungen seit mehr als einem Jahrzehnt verantwortlich sein. Der Präsident, sichtlich gestärkt von seinem Sieg an den Urnen, wird deshalb nicht müde, seinen politischen Gegnern seine Bedingung für eine Einigung zu wiederholen. Der Kompromiss müsse am Ende auf höhere Abgaben für Besserverdiener und Vermögende herauslaufen. Das werde den Reichen im Land schon nicht das Kreuz brechen, scherzte er kürzlich bei einer Pressekonferenz. "Sie werden immer noch reich sein."

 Der Präsident weiß die Wähler hinter sich

Obama weiß, dass er damit einen großen Teil der Amerikaner hinter sich hat. In Umfragen erklärten sieben von zehn Wähler, man solle die Reichen mehr zur Kasse bitten, um die Haushaltslöcher zu stopfen. Die Stimmung im Land war ein Grund, warum der Präsident das Thema erfolgreich zur zentralen Botschaft seines Wahlkampfes machen konnte.

Dabei zahlte das oberste eine Prozent der Verdiener bereits im Jahr 2009 rund 39 Prozent des Aufkommens aus der Bundeseinkommenssteuer. Das sind zumindest die neuesten Zahlen, die das Congressional Budget Office, Amerikas Rechnungshof, zur Verfügung hat. Der Anteil lag damit doppelt so hoch wie noch im Jahr 1981, zu Beginn von Ronald Reagans Präsidentschaft. Da waren es noch 17,6 Prozent. Obamas Unterstützer werden allerdings nicht müde, die Gründe für den Anstieg zu nennen. Die Einkommen der Spitzenverdiener seien in dieser Zeit eben auch deutlich gestiegen.

Das eigentliche Problem verschweigt das Obama-Lager jedoch. Denn selbst wenn Obama mit seinen Plänen durchkommt: Das Steueraufkommen, das die Reichensteuern in die Kassen bringen werden, dürfte nicht annähernd reichen, um die Haushaltslücke zu schließen. David Brown, Gabe Horwitz und David Kendall, ein Expertentrio des unabhängigen Thinktanks Third Way, haben durchgerechnet, wie die Haushaltslage der USA aussehen würde, wenn Obama alle seine Steuerpläne umsetzen könnte – ohne Rücksicht auf die Republikaner. Ihr Ergebnis: Zunächst würde das Defizit tatsächlich von heute rund sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf fast drei Prozent zurückgehen.

Die Mittelschicht wird zahlen müssen

Die wichtigsten Treiber des Haushaltsdefizits, die staatliche Rentenversicherung Social Security und vor allem Medicare, die Gesundheitsversorgung für Rentner, würden jedoch schnell die frischen Einnahmen auffressen. Bis 2040 spätestens würde Washingtons Haushalt eine Rekordlücke von 4,2 Billionen Dollar ausweisen – dreimal so hoch wie derzeit. Die Investoren würden in diesem Fall auf höhere Zinsen für US-Staatsanleihen bestehen. Die Schuldenlast würde weiter steigen, die Haushaltslage sich verschlechtern.

Dann könnten die USA eine Krise ähnlich wie heute die Euro-Länder erleben, prognostizieren die Third-Way-Experten. Ihr Fazit: Allein mit Steuererhöhungen für Wohlhabende lässt sich der Haushalt der USA nicht sanieren. Das geht nur, wenn auch Einschnitte in die Sozialleistungen vorgenommen werden. Ob über weniger Leistungen oder höhere Abgaben: Die Mittelschicht muss sich darauf einstellen, ebenfalls stärker zur Kasse gebeten zu werden. Darüber aber will in Washington niemand reden. In diesem Punkt immerhin herrscht Einigkeit zwischen Obama und den Republikanern.