EnergiewendeSchwarz-Gelb belohnt Großindustrie fürs Abschalten

Die Regierung will energieintensive Firmen belohnen, wenn sie bei Engpässen den Verbrauch drosseln. Das macht Strom teurer – ganz falsch ist es nicht. von 

Energieintensive Stahlproduktion von ThyssenKrupp in Duisburg

Energieintensive Stahlproduktion von ThyssenKrupp in Duisburg  |  © Sean Gallup/Getty Images

Aluminiumhütten, Zementfabriken oder Kühlhäuser sollen zukünftig eine Vergütung erhalten, wenn sie zu Spitzenzeiten ihre Stromnachfrage drosseln oder gar komplett vom Netz gehen. Eine entsprechende Verordnung hat das Bundeskabinett am Mittwoch verabschiedet . Am Donnerstag soll der Bundestag darüber abstimmen.

Eine flexiblere Stromnachfrage wird zunehmend wichtig, weil das Netz immer größere Mengen Ökostrom aufnehmen muss. Wird etwa besonders viel oder wenig Wind- oder Solarstrom ins Netz eingespeist, kann es zu Stromausfällen kommen. Damit das nicht passiert, ist es sinnvoll, die Nachfrage entsprechend des Angebots zu steuern. Schon jetzt nehmen Stromnetzbetreiber zu bestimmten Zeiten konventionelle Kraftwerke vom Netz, um Schwankungen auszugleichen. Bisher konnten sie das nur im Notfall auch mit Unternehmen machen.

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Für Großverbraucher ist die neue Flexibilität ein gutes Geschäft. Nimmt ein Unternehmen das Angebot wahr und verspricht den Netzbetreibern, auf Anfrage seine Produktion spontan zu drosseln, erhält es für jedes Megawatt, auf das es theoretisch verzichten kann, rund 20.000 Euro im Jahr. Bittet der Netzbetreiber dann tatsächlich darum, bekommt das Unternehmen je Megawattstunde bis zu 500 Euro zusätzlich.

Die Regelung ist vor allem für Firmen interessant, die viel Strom verbrauchen und flexibel produzieren. Typische Kandidaten sind etwa Kühlhäuser oder Aluminiumhütten wie Trimet aus Gelsenkirchen. Im Sommer hatte das Unternehmen auf eine Abschaltverordnung gedrängt

Der neue Bonus könnte zugleich dazu führen, dass ein neuer Markt für Energiedienstleistungen entsteht. Schon jetzt entdecken erste Firmen eine Geschäftsidee und beraten Unternehmen dabei, wie sie besonders gut von Stromlücken profitieren. Entelios aus München etwa hilft der Paulaner Brauerei darin, ihre Stromnachfrage zu flexibilisieren .

Der Strompreis steigt

Zwei Jahre hat die Bundesregierung über die Verordnung gestritten. Der ursprüngliche Entwurf des Bundeswirtschaftsministeriums sah noch viel höhere Vergütungssätze für die Megawattstunde vor, bis zu 60.000 Euro waren im Gespräch. Diese Zahl wurde jetzt gesenkt, auch auf Druck des Umweltministeriums.

Der Abschaltbonus wird sich am Ende als Kostenfaktor auf der Strompreisrechnung der Privathaushalte wiederfinden. Laut Kabinettsvorlage, die ZEIT ONLINE vorliegt, wird ein Durchschnittshaushalt deshalb jährlich ein bis zwei Euro mehr zahlen müssen. Maximal rechnet die Regierung mit vier Euro. "Dem steht ein Stabilitätsgewinn für die Netze gegenüber", argumentiert das Wirtschaftsministerium .

In den kommenden Wochen werden allerdings noch weitere Umlagen die Strompreise erhöhen. Neben dem Abschaltbonus will die Bundesregierung eine Umlage für Offshore-Windparks einführen, die Haushalte bis zu neun Euro im Jahr kosten könnte. Die Ökostromumlage wird im kommenden Jahr die Stromrechnung um geschätzte 60 Euro erhöhen. Auch die zunehmenden Ausnahmen für energieintensive Unternehmen bei den Netzentgelten werden de facto von den Privatkunden bezahlt - die Höhe ist allerdings schwer zu beziffern.

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Leserkommentare
  1. Für noch ne Wende in der Energiewende.

  2. Gestern Abend wurde bei Fakt (ARD) berichtet, dass Unternehmen absichtlich mehr Strom verbrauchen, indem sie sinnlos ihre Maschinen auch bei Nichtbenutzung laufen lassen um somit besonders viel Strom zu verbrauchen. Ist der Stromverbrauch dann hoch genug, gilt man dann nämlich als "energieintensiver Betrieb", was die Stromrechnung dann im Gesamtergebnis deutlich reduziert. Unternehmen, die hingegen in den letzten Jahren deutlich in energieärmere Anlagen investiert haben, sind die Dummen.

    Wen es interessiert:
    http://www.mdr.de/mdr-im-...

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    • Glik
    • 28. November 2012 18:13 Uhr

    Das ist nicht nur Fernseh-Geplauder.

    Mir sind persönlich Firmen bekannt, die genau das tun. Die zB Druckmaschinen völlig leer die Nacht durchlaufen lassen oder sich überdimensioniert fette Maschinen anschaffen, weil das im Zuge unserer tollen Energiewende letztlich sogar billiger kommt.

    Im Rahmen der internen Betriebswirtschaft ist das sogar nachvollziehbar. Der Wahnsinn liegt einzig bei der Politik, die sich in eine Energie-"Idee" verrannt hat, die dem Land unbeschreiblichen Schaden zufügt.
    Bei Apple werden Manager vor die Tür gesetzt, die mal ein paar falsche Karten auf dem Handy zu verantworten haben - warum passiert hierzulande nichts mit den Energiewahn-Verantwortlichen? Wäre doch eine schöne Aufgabe für den Bundespräsidenten, diese Regierung bei dem Thema in die Schranken zu weisen.

    Wie irrsinnig das alles hier ist, ist schon daran zu ersehen, dass auch nach bald zwei Jahren kein anderes Land diesen Unfug mitmacht - im Gegenteil. Von wegen 'Vorreiterrolle Deutschlands' - es ist schlicht ein Skandal.

    • DBZO
    • 28. November 2012 17:55 Uhr

    Im keinen anderem Land der Welt wird so ein Blödsinn betrieben wie in Deutschland! Mit der Aktuellen Strompreiserhöhung, hat Deutschland den höchsten Strompreis in ganzen EU! In Frankreich kostet der Strom nicht mal halb soviel wie in Deutschland!

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    Aber auch 2002 hatten wir schon zweit-höchsten Strompreise in Europa. Nur Italien war noch vor uns.

    Mein Strompreis 2013, nach Anbieterwechsel: 25 Cent / Kilowattstunde.

    Toll, oder?

    Ach so: Benzinpreise 2002: unter 1 Euro / Liter.

    Was ein Glück haben wir keine Inflation. So heißt es doch immer...

    Mein Einkommen hat sich leider in den letzten 10 Jahren nicht verdoppelt.

    Die Preise der dt. Strombörse sind mit die günstigsten in Europa!

    Der Unterschied ist daß in Frankreich die Strompreise staatlich festgelegt werden. Man stelle sich das mal bei uns vor!
    Schon 2009 wollte ein EDF-Manage die franz. Strompreise um 20% erhöhen.
    Dieser wurde darauf von Sarkozy abgesetzt.
    EDF ist auch deshalb einer der am höchsten verschuldeten Konzerne Europas. Und Rücklagen für den Abbau der Schrott-AKWs gibts dort so gut wie keine, in Dtl schon! Da wird noch einiges auf die franz. Steuerzahler zukommen!

  3. in voller Aktion. Und das Beste daran ist, dass die mit dem Gedöns eines sozialistischen Fünfjahresplans vorgetragene Energiewende genauso enden wird, wie einst Helmut Kohls geistig moralisches Wendemanöver: Völlig wirkungslos in einem Sumpf aus Gemauschel, an den sich nach wenigen Jahren bereits niemand mehr gern erinnern will.

    • Flari
    • 28. November 2012 18:09 Uhr

    "..erhält es für jede (1)Megawattstunde, auf die es theoretisch verzichten kann, rund 20.000 Euro im Jahr. Bittet der Netzbetreiber dann tatsächlich darum, bekommt das Unternehmen je (2)Megawattstunde bis zu 500 Euro zusätzlich."

    Im ersten Fall dürfte es sich um die Leistung in Megawatt handeln, also ohne die "Stunde" hinten dran.

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    Redaktion

    Hallo Flari
    herzlichen Dank für den Hinweis, es wurde korrigiert.
    Einen schönen Tag, M. Uken

  4. zusammenzufassen:

    Wir Verbraucher zahlen Aufschläge auf unsere Stromrechnung, damit Firmen absichtlich mehr und zwar soviel Srom verbrauchen können, dass sie von diesen Aufschlägen - die dann wir bezahlen - befreit sind. Im nächsten Schritt erhalten diese Firmen dann eine Belohnung dafür, dass sie zeitweise keinen Strom (den sie womöglich ohnehin nicht wirklich brauchen) verbrauchen; diese Belohnung wird abermals in Form von Preisaufschlägen dem Verbraucher aufgebürdet.

    Gleichzeitig entsteht durch diese Politik der Eindruck, in Deutschland bestehe keine Versorgungssicherheit mehr (nur deshalb muss ja Nichtverbrauch "belohnt" werden), was sicherlich einen eklatanten Wettbewerbsnachteil im Konkurrenzkampf um Industrieansiedlungen darstellt. Ergo: Wir zahlen mit unseren Zwangsabgaben die Verschlechterung der Jobaussichten in Deutschland - mit unserer Arbeit also die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen.

    Darf wenigstens ich als kleine Null (bloßes Wahlvieh und sonst nichts) meinen Nicht-Verbrauch irgend jemandem in Rechnung stellen?

    Wem?

    Vielleicht Herrn Altmaier?

    Die Befürworter der EEG sollten endlich Farbe bekennen und erklären, welchen Teil der von Ihnen der von niemandem je befragten Bevölkerung aufgebürdeten Lasten sie übernehmen wollen.

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    Das Gesetz wurde bereits mit drohender "Abwanderung" und "Arbeitsplatzverlust" besiegelt. Damit nimmt man den Bürger schon seit mindestens 10 Jahren in die Mangel. Ändern wird sich nichts, das wird auch das Ergebnis der nächsten Bundestagswahl zeigen...

    • Glik
    • 28. November 2012 18:13 Uhr

    Das ist nicht nur Fernseh-Geplauder.

    Mir sind persönlich Firmen bekannt, die genau das tun. Die zB Druckmaschinen völlig leer die Nacht durchlaufen lassen oder sich überdimensioniert fette Maschinen anschaffen, weil das im Zuge unserer tollen Energiewende letztlich sogar billiger kommt.

    Im Rahmen der internen Betriebswirtschaft ist das sogar nachvollziehbar. Der Wahnsinn liegt einzig bei der Politik, die sich in eine Energie-"Idee" verrannt hat, die dem Land unbeschreiblichen Schaden zufügt.
    Bei Apple werden Manager vor die Tür gesetzt, die mal ein paar falsche Karten auf dem Handy zu verantworten haben - warum passiert hierzulande nichts mit den Energiewahn-Verantwortlichen? Wäre doch eine schöne Aufgabe für den Bundespräsidenten, diese Regierung bei dem Thema in die Schranken zu weisen.

    Wie irrsinnig das alles hier ist, ist schon daran zu ersehen, dass auch nach bald zwei Jahren kein anderes Land diesen Unfug mitmacht - im Gegenteil. Von wegen 'Vorreiterrolle Deutschlands' - es ist schlicht ein Skandal.

    Antwort auf "Perverses System"
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    • J.S.
    • 28. November 2012 23:17 Uhr

    "Bei Apple werden Manager vor die Tür gesetzt, die mal ein paar falsche Karten auf dem Handy zu verantworten haben - warum passiert hierzulande nichts mit den Energiewahn-Verantwortlichen?"

    Weil wir dann keine Politiker/Verantwortlichen mehr hätten.

    Weil für große Firmen Schlupflöcher geschaffen wurden, die diese schamlos ausnutzen, ist also die ganze Energiewende Schwachsinn? Ihre Argumentation ist … nun ja, sagen wir mal: Interessant.

  5. ich bin für EE, aber das Hochtreiben der Kosten geht auf keine Kuhhaut.

    In Norddeutschland via Windkraft überflüssig produzierter Strom kann doch leicht zum Sonderpreis an Norddeutsche Verbraucher für den Betrieb von Wärmepumpen verwendet werden.
    Der regionale Abnehmer speichert diese Energie in Form von heißem Wasser und das Problem der Energietrassen ist zu 80% vom Tisch.

    Jetzt zaubert die Regierung wieder einen Vorschlag auf den Tisch, der dazu gedacht ist, die erforderlichen Investionen für die Energieversorgungsunternehmen zu reduzieren. Dadurch wir ja nicht Strom eingespart, er wird nur zu anderen Zeiten abgegeben. Das zahlen die Kleinverbraucher durch höhere Tarife und der Energieversorger spart ein Kraftwerk.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bundesregierung | Bundeskabinett | Wirtschaftsministerium | Bonus | Bundestag | Euro
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