SchuldenkriseArgentinien unter Geiern

Ein Gericht in New York verurteilt Argentinien, feindlich gesinnte Hedgefonds auszubezahlen. Hat das Urteil Folgen für Europa? von 

Auf Veranlassung der Investmentfirma Elliott beschlagnahmt: die argentinische Fregatte ARA Libertad im Hafen von Accra, Ghana (Archivbild)

Auf Veranlassung der Investmentfirma Elliott beschlagnahmt: die argentinische Fregatte ARA Libertad im Hafen von Accra, Ghana (Archivbild)  |  © David Adadevoh/AFP/Getty Images

Das Urteil überraschte selbst die Fachleute für Staatsschulden. Ende Oktober entschied ein Gericht in New York : Argentinien , das vor zehn Jahren seine Zahlungsunfähigkeit erklärte, muss auch jene Gläubiger mit Zins- und Tilgungszahlungen bedienen, die ein späteres Umschuldungsangebot der Regierung nicht akzeptiert hatten. Der Richterspruch hat möglicherweise auch für andere überschuldete Länder Folgen.

Geklagt hatten zwei Hedgefonds: Elliott Capital und Aurelius Capital. Beide sind auf Not leidende Schuldtitel spezialisiert. Elliott Capital hat Medienberichten zufolge die argentinischen Staatsanleihen nach dem Staatsbankrott erworben, als sie kaum noch etwas wert waren. Später klagte der Fonds dann auf die volle Rückzahlung der Schuld. Im New Yorker Gerichtsverfahren ging es um rund 1,3 Milliarden Dollar.

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Argentinien weigert sich bislang, den Forderungen der Kläger nachzukommen – trotz des Urteils. "Wir zahlen kein Geld an Geierfonds", sagt der Wirtschaftsminister Hernán Lorenzino. Das werde auch so bleiben, "trotz aller erdenklichen Urteile irgend einer Gerichtsbarkeit, in diesem Fall aus New York ". Die argentinische Regierung unter Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner will gegen den Richterspruch bis vor das US-Bundesverfassungsgericht ziehen. Verliert sie den Streit, könnten auf das Land weit höhere Forderungen zukommen als jene, um die es im Gerichtsverfahren ursprünglich ging.

Ein erneuter Staatsbankrott?

Dabei ist nur ein kleiner Teil der argentinischen Ausstände umstritten. Als das Land um den Jahreswechsel 2001/2002 erklärte, seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen zu können, betrugen seine Schulden mehr als hundert Milliarden Dollar. Aus Sorge, ihre Investitionen komplett zu verlieren, akzeptierten in den folgenden Jahren 93 Prozent der Gläubiger das Angebot der argentinischen Regierung zum Schuldenschnitt. Dadurch verzichteten sie auf fast zwei Drittel ihrer Forderungen.

Eine kleine Gruppe aber, die sogenannten Holdouts, weigerte sich. Die beiden Hedgefonds, die in New York klagten, repräsentieren wiederum nur einen Teil der Verweigerer. Falls sie sich mit ihrer Haltung letztinstanzlich durchsetzen, könnten auch die anderen Holdouts versuchen, ihre Ausstände einzuklagen, Dann könnten weitere Gläubiger ihnen folgen. Im Extremfall könnte Argentinien durch die Folgen des Urteils zwölf Milliarden Dollar verlieren, schätzt Vladimir Werning, Lateinamerika-Experte bei J.P. Morgan.

Eine solche Summe würde die Staatskassen wohl stark belasten – so sehr, dass nach dem Urteil schon über einen möglichen erneuten Bankrott des Landes spekuliert wurde. Die Preise für argentinische Kreditausfallversicherungen stiegen rasant, während die Anleihekurse fielen und die Zinsen in die Höhe schossen. Die Rating-Agentur Standard & Poor's stufte die argentinischen Papiere zurück, die Konkurrenz von Fitch kündigte an, eine Herabstufung zu prüfen. Es nützte nichts, dass Kirchners Finanzminister Lorenzino beteuerte, das Land werde "alles Notwendige tun" , um die umgeschuldeten Anleihen auch weiterhin zu bedienen.

Leserkommentare
  1. 25. na ja

    wenn es eng wird, muss argentien eben das anleihengeschät als solches in frage stellen. die geldschöpfung durch banken ist bis auf die FED nicht legitimiert. die währung ist hoheit der staaten und damit auch die menge an geld. die banken können nicht dinge verleihen, über die sie gar nicht verfügen. machen sie aber per geldschöpfung.

    interessanter weise hat das goethe schon im faust theamtisiert und zumindest bei der bundesbank wird immer öfter auf goethe verwiesen ... ;-)

    • Klüger
    • 11. November 2012 16:08 Uhr

    ... bevor Sie hier Ihre Vorurteile spazieren führen.

    Die klagenden Hedgefonds haben die Bonds NACH dem Schuldenschnitt gekauft, als sie nur noch RAMSCHWERT hatten.

    Sie haben entsprechend wenig dafür bezahlt, wollen aber HEUTE den VOLLEN Emissionswert der Bonds einklagen.

    Das ist reinste Spekulation.

    Das mag ja legal sein, aber vieles, was nichrt verboten ist und deshalb legal, ist deshalb noch lange nicht erlaubt.

    Leider gibt es keinen allgemeinen Sinn mehr für das, was der Jurist Sitte oder Gepflogenheit nennt.

    Deshalb muss wirklich ALLES verboten werden, weil es sonst garantiert jemand tut, mit dem Hine´weis darauf, das sei ja nicht verboten - also legal.

    Das ein Gericht am Sitz der amerikanischen Börse die verwerfliche Haltung der Hedgefonds unterstützt, wundert mich selbst nicht.

    • pitgis
    • 11. November 2012 23:20 Uhr

    So sieht es also aus, wenn der Staatssouverän von der Macht der US-Geldelite in die Knie gezwungen wird. Vertragseinhaltung hin oder her, wenn jemand zahlungsunfähig ist und Insolvenz anmeldet, dann hat man entweder das Nachsehen und muss abschreiben oder die USA als globale Polizei tauchen auf und treiben die Schulden bei. Interessant hier zu lesen, dass die Mehrheit dies durchaus für richtig hält. Anscheinend hat von denen noch keiner gemerkt, dass die FED uns und den Rest der Welt mit wertlosen Dollars zum Narren hält. Nicht umsonst haben diese ein enormes Handelsdefizit, während wir Vollidioten einen Überschuss haben. Hat sich vielleicht schon mal irgendjemand gefragt, was wir denn mit unseren tollen Währungsreserven in Zukunft anfangen werden? Eintauschen in Hamburger oder Turnschuhe?

  2. der Finanzindustrie.
    Unglaublich frech und demütigend!

  3. Wenn sich die Staaten kein ordentliches Staatsinsolvenzrecht geben (weil sie suggerieren wollen, daß sie als Staat nicht Pleite gehen können, was Humbug ist, sofern die Schulden nicht in eigener, kontrollierbarer Währung aufgenommen werden), dann brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn manche versuchen, aus dieser uneindeutigen Rechtslage Kapital zu schlagen. Das Ansinnen auf Rückzahlung ist zwar dreist, aber auch nicht dreister als das Verhalten von Regierungen die Schulden über Schulden machen und dann den Geldgebern sagen: ätschbätsch, ich zahl nix mehr.

  4. ...Distressed Securities Strategie würde ich mal sagen. Die Welt war diesbezüglich noch nie eine andere. Falls die Sachlage gänzlich klar gewesen wäre, wären die Titel nicht mehr gehandelt worden, da komplett wertlos.
    Diejenigen Manager, die damals die Entscheidung getroffen haben, diese "de facto" wertlosen Titel zu kaufen - auf die wird ein "Geldregen" zukommen - wenn man bedenkt, dass die Performance Fee im Normalfall 20% für die Manager beträgt - d.h. diejenigen Manager würden über Nacht zu Millionären (falls sie es nicht schon sind).
    Und jetzt Hand auf's Herz: Jeder dachte vielleicht mal, es solle Geld regnen. Wieweit die jeweilige Person gehen will, ist die andere Frage. In der Finanzwelt, an der Börse ist man halt anonym und entsprechend ist der Skrupel klein solche Situationen nicht auszunutzen. Sonst müsste man jeden der Put-Optionen kauft zum Teufel jagen, denn er 'will' ja, dass der Kurs des Underlyings fällt, d.h. es dem Unternehmen schlechter geht.

    Antwort auf "Ist doch sehr schön,"
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    An alle die sich nun gnadenlos darüber aufregen. Deutschland ist wohl nicht besser betreffend Skandalen. Weshalb ist IG Farbenindustrie DE0005759070 noch nicht liquidiert und wurde sogar dieses Jahr an der London Stock Exchange kotiert - auch wenn de facto kein Umsatz? Wer will denn, dass diese Skandalfirma am Leben bleibt???

  5. An alle die sich nun gnadenlos darüber aufregen. Deutschland ist wohl nicht besser betreffend Skandalen. Weshalb ist IG Farbenindustrie DE0005759070 noch nicht liquidiert und wurde sogar dieses Jahr an der London Stock Exchange kotiert - auch wenn de facto kein Umsatz? Wer will denn, dass diese Skandalfirma am Leben bleibt???

  6. Mir gruselt.
    Das ist doch wunderbar für den "schönsten" und finanzkapitalistischsten Staat der Welt. Endziel: Die amerikanische Hochfinanz beherrscht die Menschheit. Unterdrückt mit Hilfe höriger Gerichte und vom Ausland bezahlter Monsterwaffen,welches als Gegenleistung fast wertloses Papiergeld erhält. Dabei es ist völlig gleich welcher Präsident als Marionette residiert. Eine geringe Hoffnung besteht in der Existenz von China und Russland. Deshalb muss dort auch so energisch für die Freiheit nach USA Verständnis gekämpft werden, weil das Machtkalkül eine ideologische Unterwanderung nicht zulässt.
    Goldman und Sachs hat Draghi vorgeschoben. Troja grüßt!

    Wir sollten uns besinnen und die Mainstreammedien zum realen Journalismus auffordern. So zum Beispiel die abwertende Behandlung von Gold durch diese Zeitung anprangern. Haben wir vielleicht schon "ferngesteuerte Roboter" in der Berichterstattung?
    Die Massen Europas werden aufgehetzt und werden solange rebellieren, bis auch die letzte tragfähige Staatsfinanz im Eimer ist. Dann sind wir endgültig Sklaven der Hochfinanz.

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  • Schlagworte Argentinien | Gerichtsverfahren | Hedgefonds | JPMorgan Chase | New York | Europa
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