Der Wille zur Kurzarbeit bedeutet natürlich nicht, dass ein ähnliches Niveau der Anträge wie 2009 erreicht werden dürfte. "Aber viele Betriebe warten nur darauf, dass die Lockerungen wieder eingeführt werden", berichtet Peter Spiekermann von der IG Metall in Osnabrück. Vor diesem Sprung dürfte sich die Bundesregierung weniger als ein Jahr vor der Bundestagswahl fürchten.

Selbst wenn die Arbeitsagenturen derzeit streng prüfen, ob Kurzarbeitsanträge genehmigt werden: Auch in der Nürnberger Zentrale rechnet man mit einem deutlichen Anstieg der Fallzahlen. So plant die Behörde für konjunkturelles Kurzarbeitergeld im nächsten Jahr 600 Millionen Euro ein und damit das Dreifache im Vergleich zu 2012. Mit dem Betrag können laut Arbeitsagenturchef Frank-Jürgen Weise durchschnittlich 190.000 Kurzarbeiter finanziert werden. Ende 2012 wird es in Deutschland voraussichtlich 60.000 Kurzarbeiter geben.

Die Lockerung der Kurzarbeiter-Regelung gilt als ein wichtiger Faktor, warum der weltweite Konjunktureinbruch nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers Deutschland vergleichsweise glimpflich getroffen hatte. Die Unternehmen kürzten im Vergleich zu anderen Länder und früheren Rezessionen weniger Jobs. Die Firmen hielten ihre Fachkräfte und mussten sie bei wieder anziehender Konjunktur nicht erst wiedereinstellen. Dadurch hatten viele deutsche Firmen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz.

Derzeit gelten die strengeren Vorschriften aus der Zeit vor der Krise und dennoch gibt es eine leichte Zunahme an Anträgen. Beim Essener Stahlkonzern Thyssen-Krupp befinden sich derzeit rund 1800 Beschäftigte in Kurzarbeit. Einigen Hundert von ihnen drohen ab Februar Probleme, wenn sechs Monate vergangen sind, meint der Betriebsratschef der Thyssen-Krupp-Stahlsparte, Günter Back, und pocht auf die zeitliche Streckung. Eine längere Auszahlung lehnt aber Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) bislang ab. "Dafür gibt es derzeit keinen Anlass", so Rösler. "2008 und 2009 waren wir mit einem massiven Einbruch der Weltwirtschaft konfrontiert". Trotz der schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung könne derzeit von einer solchen Krise nicht die Rede sein, meint Rösler.

Auch die Bundesagentur für Arbeit gibt offiziell noch Entwarnung: Der Anstieg Kurzarbeiterzahl auf 44.000 im Oktober bewege sich noch im normalen Rahmen. Die Zahl spiegle zudem nur die Anträge wider, nicht aber das tatsächlich abgerufene Kurzarbeitergeld, sagt eine Sprecherin auf Anfrage von Handelsblatt Online. "Oftmals reichen Unternehmen nur prophylaktisch einen Antrag auf Kurzarbeit ein", erläutert die Sprecherin.

Der Auftragsbestand in der Industrie hat in den vergangenen Monaten aber deutlich abgenommen. Die Unternehmen reagierten darauf mit Kosteneinsparungen, dem Aufschub von Investitionen und der Drosselung der Produktion, sagt Dekabank-Ökonom Andreas Scheuerle – "oder gar vermehrten Vorbereitungen für Kurzarbeit". Ob tatsächlich bald der Damm bricht und eine Welle der Kurzarbeit losrollt, hängt stark davon ab, in welche Richtung sich Konjunktur und Geschäftsklima in den kommenden Monaten entwickeln: gen Erholung oder Abschwung. Die Pläne für Kurzarbeit liegen in vielen Betrieben in jedem Fall griffbereit in der Schublade.

Erschienen im Handelsblatt