Den ganzen Sonntag über schleppten Arbeiter Säcke aus der Fabrik. Weiße Säcke mit verkohlten Leichen, bis zum Montag sind es mehr als 120, noch immer ist die genaue Zahl unbekannt. Die verbrannten Toten, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, stapeln sich vor der Textilfabrik Tazreen Fashion Limited, die in der Nacht zum Sonntag nördlich von Dhaka in Flammen aufging. Ein Kurzschluss führte wohl zur Tragödie. 

Das Unglück wirft mehrere Fragen auf. Tazreen Fashion Limited lieferte unter anderem Waren an C&A. Der Düsseldorfer Modekonzern gilt unter Fachleuten als relativ sorgsam, wenn es um "Corporate Social Responsibility" (CSR) geht. Das Unternehmen bemüht sich, nur mit zuverlässigen und fairen Lieferanten zu arbeiten. Trotzdem waren in dem siebenstöckigen Betonbau offenbar Fluchttreppen versperrt. Mehr als 200 Menschen verletzten sich, als sie dem Feuer durch die Fenster entkommen wollten.

Ferner stellt sich die Frage, warum überhaupt in der Nacht zum Sonntag mehr als 1.000 Beschäftigte in der Fabrik tätig waren. Theoretisch gibt es auch in Bangladesch Arbeitszeitbegrenzungen – wenngleich diese oft ignoriert werden. Und überhaupt: Wenn nicht einmal redlich bemühte Kaufleute wie die C&A-Eigentümerfamilie Brenninkmeijer die Sicherheit bei ihren Lieferanten garantieren können, ist dann eine faire Textilproduktion in Billiglohnländern wie Bangladesch überhaupt noch denkbar?

Fairness und Billigproduktion passen nicht zusammen

Die Antwort lautet: Absolut saubere Kleidung, unter sozial verträglichen Bedingungen produziert, kann der deutsche Einzelhandel nicht liefern. Fairness passt nicht zusammen mit kaum regulierter Billigproduktion, wofür Bangladesch als Paradebeispiel steht. Das gilt auch für ähnlich arme Länder wie Pakistan. Dort starben im September rund 300 Menschen in einer Fabrik, die für den Textil-Discounter Kik produzierte.

Zwei Gründe verhindern bessere Arbeitsbedingungen: Zum einen fragt gerade der deutsche Verbraucher die Billigstware der Discounter ohne Sinn und Verstand nach. Verdorben spätestens durch die "Geiz-ist-geil"-Kampagne von Saturn, erwartet der Kunde inzwischen, dass er ein T-Shirt für zehn Euro bekommt. Das wiederum kann ein Händler nur liefern, wenn er die Ware in Bangladesch einkauft und seine Lieferanten den Näherinnen lediglich den Mindestlohn von 30 Euro im Monat zahlen. Überstunden sind oftmals selbstverständlich, für die Slum-Baracke müssen die Arbeiterinnen noch extra zahlen.

Zweitens scheren sich die Konzerne aus dem Westen wenig um die Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten. Die meisten Kontrollsysteme funktionieren nicht. Kaum ein Hersteller beschäftigt eigene Mitarbeiter in den Lieferländern. Weder der Politik noch den großen Handelsketten ist es bisher gelungen, Druck auf die Regierung in Bangladesch aufzubauen, um bessere Arbeitsbedingungen gesetzlich verankern zu lassen. Die Regierung kuscht vor dem bengalischen Unternehmerverband BGMEA, der seine Gefolgsleute sogar im Parlament installiert hat.