FinanzmarktBertelsmann Stiftung stellt Modell für Rating-Agentur vor

Die neue Rating-Agentur der deutschen Stiftung soll etablierten Branchengrößen heftig Konkurrenz machen. Europäische Krisenstaaten würden bei ihr besser abschneiden. von afp und dpa

Die Bertelsmann Stiftung treibt ihre Pläne für eine internationale Ratingagentur als Gegengewicht zu den drei Marktgrößen voran. In Berlin stellte die Stiftung einen Testlauf vor, bei dem Experten die Kreditwürdigkeit von fünf Staaten bewerteten. In dem alternativen Modell schnitten einige europäische Krisenstaaten besser ab als in den herkömmlichen Ratings.

Die geplante Ratingagentur Incra (International Non-Profit Credit Rating Agency) soll nicht gewinnorientiert arbeiten und eine Alternative zu Moody's, Fitch und Standard & Poor's aufzeigen. Den drei Unternehmen wird ein zu großer Einfluss auf die Finanzmärkte in der Euro-Schuldenkrise vorgehalten.

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In dem alternativen Rating landete Italien auf Platz drei, nach Deutschland und Frankreich . Im Sommer hatte die Rating-Agentur Moody's Italien herabgestuft . Damit liegt die Bewertung nur noch zwei Stufen über dem Niveau, das Papiere als spekulative Anlagen ausweist. In dem Bertelsmann-Modell sei die positive Bewertung Italiens den Fähigkeiten des Landes geschuldet, gut mit der Krise umzugehen, hieß es bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Schulden und schwaches Wirtschaftswachstum

Frankreich, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone, die bereits im Januar bei Standard & Poor's und in der Nacht zum Dienstag bei Moody's ihre Topbonität verloren hat, bekommt auch in der Studie der Bertelsmann Stiftung nur die zweitbeste Bonitätsbewertung. Die Probleme Frankreichs sehen die Experten unter anderem in wachsenden Schulden und einem schwachen Wirtschaftswachstum.

"Für Deutschland hat unsere Analyse gezeigt, dass es nach wie vor in Europa an der Spitze liegt, aber dass es sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen darf", sagte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Aart de Geus. "Als eines der drängendsten Reformprojekte gilt es dabei, den demografischen Wandel aktiv zu gestalten. Dazu gehört es auch für Talente weltweit attraktiver zu werden." Als Risiken werden die Haftung für die Euro-Krisenstaaten und die hohe Staatsverschuldung angeführt.

Für ihre Länderanalyse haben die Experten ein Modell mit verschiedenen Indikatoren erarbeitet. Berücksichtigt werden dabei klassische makroökonomische Faktoren wie Bruttoinlandsprodukt und Schuldenstand. Aber auch vorausschauende Indikatoren wie Krisenbewältigung, Umsetzung von Reformen und Investitionen spielten eine wichtige Rolle, sagte die zuständige Managerin bei der Bertelsmann Stiftung, Annette Heuser.

Von ihrem Vorschlag will die Bertelsmann Stiftung die G-20-Gruppe der Industrie- und Schwellenländer überzeugen. Die Incra soll von einem Fonds im Volumen von 400 Millionen Dollar finanziert werden, aus dessen Ausschüttungen die laufenden Kosten getragen werden. Beteiligen sollen sich Regierungen, Unternehmen, Stiftungen und Privatleute. Incra soll sich ausschließlich auf Länder-Ratings und Benotungen internationaler Organisationen beschränken. Diese sollen kostenlos sein.

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Leserkommentare
    • DubWize
    • 20. November 2012 19:11 Uhr

    Nur der Bertelsmann-Stiftung sollte man in finanzpolitischen Fragen nicht vertrauen. Kaum eine Organisation in Deutschland, nicht mal die FDP, hat dermaßen großen Einfluß auf die Durchsetzung von marktfundamentalistischen neoliberalen Ideologie wie die Bertelsmann-Stiftung in Deutschland (siehe http://de.wikipedia.org/w...). Eine solche Rating Agentur wird selbstverständlich nicht unabhängig sein, sondern wird ein weiteres Instrument sein Lobbyinteressen durchsetzen zu können.

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  1. Das ist ja prima, Griechenland ist dann gar nicht ausgefallen, Spanien hat keine Probleme, Frankreich ist wieder Spitze.
    Wenn wir nur dran glauben ...

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  2. halte ich einen Artikel der deutschen Wikipedia für geeignet, ein wenig hinter die Kulissen der Bertelsmann-Stiftung zu schauen.
    Denn man sollte schon wissen, wer da auf der großen Bühne handelt.
    http://de.wikipedia.org/w...

    Neben anderem Aufschlußreichem ist dort dieser Telepolis-Text verlinkt:
    http://www.heise.de/tp/ar...

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  3. Da ich gerade einen Artikel zur Entstehung der Agenda 2010 gelesen habe, möchte ich hier nochmal den link dazu stellen, der die Hintergrundaktivitäten der Bertelsmann-Stiftung darin zu beleuchten versucht:
    http://www.nachdenkseiten...

    Und in Anbetracht der Verstrickung dieser 'Stiftung' wage ich zu bezweifeln, dass es sich um ein allgemeingesellschaftlich positives, demokratisches, transparentes Projekt handelt, sondern eher mit der Strategie dieser Stiftung einhergeht: Vertrauen schaffen.

    Wenn man sich überlegt, dass die Stiftung maßgeblich beteiligt ist, dass die Deregulierung des Arbeitsmarktes und alle in diesem Bereich an gesellschaftlichen Rückschritten erfolgten, so ist die Etablierung einer Ratingagentur durch diese 'Stiftung' in meinen Augen nur ein Zeichen für den Versuch einer erhöhten Machtstellung und Einflussnahme.

    Private Ratingagenturen sollten in Deutschland und Europa nicht etabliert werden.

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  4. Entfernt, bitte verzichten Sie auf Verschwörungstheorien. Danke, die Redaktion/se

    Eine Leserempfehlung
  5. Der Erfolg einer ratingagentur hängt von dem Vertrauen ab, das die Märkte in sie haben. In der derzeitigen Situation ist jede europäische Ratingagentur in Gefahr, skeptisches Lächeln auszulösen nach dem Miotto: "Der Schüler ist mit der Benotung unzufrieden, deshalb erteilt er sich jetzt selbst Noten und glaubt, irgendjemand würde das ernst nehmen."

    GEGENVORSCHLAG: Warum nicht eine chinesische oder südamerikanische Agentur, die Europäer und Nordamerikaner bewertet, während deren Ratingagenturen umgekehrt für Asien und Südamerika zuständig wären?

    JEDE SELBSTBEWERTUNG STINKT.

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    Zu Risiken und Nebenwirkungen konsultieren Sie ihren Hauswirtschaftswissenschaftler.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, zz
  • Schlagworte Finanzmarkt | Bertelsmann Stiftung | Bertelsmann AG | Bruttoinlandsprodukt | Euro-Zone | Fonds
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