ZEIT ONLINE: Herr Birol, im jüngsten World Energy Outlook sagen Sie voraus, dass die USA schon bald Saudi-Arabien als weltgrößten Ölproduzenten ablösen werden. Was hat das für Folgen?

Fatih Birol: Diese Tatsache wird nicht nur die Ölmärkte beeinflussen. Es wird die gesamte Außen- und Verteidigungspolitik der USA verändern. Die heimische Energieversorgung war bislang eines der wichtigsten Anliegen Washingtons im Nahen Osten. Nun werden die USA ihre Interessen in dieser Region hinterfragen.

ZEIT ONLINE: Wird sich Amerika neue Verbündete suchen?

Birol: Die USA werden mehr Öl aus Brasilien , Mexiko und Kanada beziehen – anstatt aus dem Nahen Osten. Auch in anderen Regionen wird die Nachfrage aus Amerika sinken. Dazu zwei Zahlen: Im vergangenen Jahr importierten die USA noch zehn Millionen Fass Öl an einem Tag. In zehn Jahren werden es unseren Berechnungen zufolge nur noch vier Millionen Fass sein.

ZEIT ONLINE: Die USA werden autonomer, was ihre Energieversorgung betrifft. Warum ist das so?

Birol: Viele Menschen denken, dass es nur mit der wachsenden heimischen Fördermenge zusammenhängt. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte: Auch die Nachfrage der USA wird zurückgehen.

ZEIT ONLINE: Das klingt unglaublich.

Birol: Ja, das ist unglaublich. Aber Präsident Obama hat in seiner ersten Amtszeit erfolgreich Effizienzstandards für die Autos im Land eingeführt. Diese werden schlicht weniger Benzin verbrauchen – dementsprechend geht die Nachfrage zurück.

ZEIT ONLINE: Wird das in den USA umstrittene Klimaschutzgesetz dadurch wahrscheinlicher?

Birol: In den vergangenen fünf Jahren hat kein Land seine CO2-Emissionen so stark gesenkt wie die USA. Dabei haben sie nicht einmal eine Klimaschutzgesetzgebung – im Unterschied zu Europa , wo es den Handel mit Emissionszertifikaten gibt. Dennoch haben die Europäer unter dem Strich weniger eingespart als die USA.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Birol: Die Antwort ist sehr simpel: Das Schiefergas, das die USA inzwischen so massiv fördern, ersetzt die klimaschädliche Kohle.

ZEIT ONLINE: Mit Schiefergas und Energiesparen schafft Amerika doch noch die Energiewende?

Birol: Soweit würde ich nicht gehen. Das sind zwei Erfolgsstories, aber sie reichen noch nicht aus, damit die USA das Klimaproblem wirklich angehen. Die USA und China sind noch immer für die Hälfte des Ausstoßes von Klimagasen weltweit verantwortlich. Das bedeutet eine enorme Verantwortung. Egal, was Europa macht: Ziehen die USA und China nicht mit, haben wir keine Chance, unsere weltweite Energiepolitik nachhaltig und klimafreundlich zu gestalten. Da bringen die europäischen Anstrengungen gar nichts. Aber natürlich heißt das nicht, dass Europa deswegen weniger ehrgeizig sein kann: Die EU-Politik ist entscheidend, wenn es um Führung und moralische Beispiele geht.

ZEIT ONLINE: Gibt es nach dem Wahlsieg von Obama wieder mehr Hoffnung auf eine Klimagesetzgebung?

Birol: Die internationale Klimapolitik kann sicher dazu beitragen, dass sich die gewachsene Kluft zwischen den USA und Europa wieder verkleinert. Ich habe große Hoffnung, dass die neue Obama-Regierung und Europa einen gemeinsamen Nenner finden.

Rasanter Anstieg der weltweiten Energiesubventionen

ZEIT ONLINE: Das sind Ihre Hoffnungen. Und wie realistisch ist das?

Birol: : Es gibt erste positive Signale, etwa bei der Energieeffizienz. Sicherlich ist es jedoch zu früh für ein Urteil.

ZEIT ONLINE: Der einstige Ölproduzent Nummer eins der Welt, Saudi-Arabien, fällt ihren Projektionen zufolge zurück. Was bedeutet das für das Regime in Riad

Birol: Saudi-Arabien wird nicht zwangsläufig ins Hintertreffen geraten. Die teure Fördermethode Fracking, die in den USA praktiziert wird, lohnt sich nur bei hohen Ölpreisen. Wenn der Ölpreis unter 75 bis 80 Dollar pro Barrel sinkt, hat Saudi-Arabien weiter einen Vorteil. Das Land kann einfach günstiger produzieren.

ZEIT ONLINE: Wohin wird Saudi-Arabien zukünftig exportieren?

Birol: Derzeit nimmt vor allem die Nachfrage aus dem Inland zu.

ZEIT ONLINE: Warum?

Birol: Wegen der hohen staatlichen Subventionen auf Öl. Es ist paradox: Während der Rest der Welt erste Fortschritte darin macht, Energie effizienter zu verbrauchen, wird derzeit im Nahen Osten Energie verschwendet, und zwar, weil sie so billig ist. Im vergangenen Jahr sind die weltweiten Energiesubventionen um 30 Prozent auf 523 Milliarden Dollar gewachsen. Das Wachstum kam vor allem aus dem Nahen Osten. Am Ende schadet das den Volkswirtschaften dort.

ZEIT ONLINE: Warum genau?

Birol: Ganz einfach: Es bleibt weniger Öl übrig, das Saudi-Arabien noch exportieren kann. Das bedeutet eben auch: sinkende Erlöse, mit denen das Land wiederum Energie subventioniert.

ZEIT ONLINE: Was müssen die Staaten dieser Region jetzt tun?

Birol: Sie müssen unbedingt diese Subventionen abbauen. Nur so lässt sich die Energieeffizienz erhöhen, nur so werden alternative Energien wie Solarstrom konkurrenzfähig.

ZEIT ONLINE: Die Subventionen zu streichen, könnte auch zu politischen und gesellschaftlichen Unruhen führen.

Birol: Da bin ich mir nicht sicher. Das Argument, dass diese Subventionen den Armen helfen, stimmt nicht. Unsere Zahlen zeigen: Nur acht Prozent der 523 Milliarden US-Dollar Subventionen weltweit gehen an die zwanzig Prozent Bevölkerung mit dem niedrigsten Einkommen. Der Rest geht an die Mittelklasse und die Gutverdiener – schließlich sind sie die großen Energieverbraucher.