Erdöl"Die Entwicklung in den USA ist unglaublich"

Die USA werden bald mehr Öl fördern und zugleich weniger verbrauchen, sagt Fatih Birol von der Internationalen Energieagentur. Das habe erhebliche geopolitische Folgen. von 

Ölpumpe in North Dakota, USA

Ölpumpe in North Dakota, USA  |  © Mark Schmeets/AFP/GettyImages

ZEIT ONLINE: Herr Birol, im jüngsten World Energy Outlook sagen Sie voraus, dass die USA schon bald Saudi-Arabien als weltgrößten Ölproduzenten ablösen werden. Was hat das für Folgen?

Fatih Birol: Diese Tatsache wird nicht nur die Ölmärkte beeinflussen. Es wird die gesamte Außen- und Verteidigungspolitik der USA verändern. Die heimische Energieversorgung war bislang eines der wichtigsten Anliegen Washingtons im Nahen Osten. Nun werden die USA ihre Interessen in dieser Region hinterfragen.

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ZEIT ONLINE: Wird sich Amerika neue Verbündete suchen?

Birol: Die USA werden mehr Öl aus Brasilien , Mexiko und Kanada beziehen – anstatt aus dem Nahen Osten. Auch in anderen Regionen wird die Nachfrage aus Amerika sinken. Dazu zwei Zahlen: Im vergangenen Jahr importierten die USA noch zehn Millionen Fass Öl an einem Tag. In zehn Jahren werden es unseren Berechnungen zufolge nur noch vier Millionen Fass sein.

ZEIT ONLINE: Die USA werden autonomer, was ihre Energieversorgung betrifft. Warum ist das so?

Fatih Birol
Fatih Birol

ist Chefökonom der Internationalen Energieagentur in Paris. Bis Ende des Jahres ist er auf Roadshow: Weltweit stellt er die Ergebnisse des World Energy Outlooks vor, der wichtigsten Publikation der Energiewirtschaft.

Birol: Viele Menschen denken, dass es nur mit der wachsenden heimischen Fördermenge zusammenhängt. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte: Auch die Nachfrage der USA wird zurückgehen.

ZEIT ONLINE: Das klingt unglaublich.

Birol: Ja, das ist unglaublich. Aber Präsident Obama hat in seiner ersten Amtszeit erfolgreich Effizienzstandards für die Autos im Land eingeführt. Diese werden schlicht weniger Benzin verbrauchen – dementsprechend geht die Nachfrage zurück.

ZEIT ONLINE: Wird das in den USA umstrittene Klimaschutzgesetz dadurch wahrscheinlicher?

Birol: In den vergangenen fünf Jahren hat kein Land seine CO2-Emissionen so stark gesenkt wie die USA. Dabei haben sie nicht einmal eine Klimaschutzgesetzgebung – im Unterschied zu Europa , wo es den Handel mit Emissionszertifikaten gibt. Dennoch haben die Europäer unter dem Strich weniger eingespart als die USA.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Birol: Die Antwort ist sehr simpel: Das Schiefergas, das die USA inzwischen so massiv fördern, ersetzt die klimaschädliche Kohle.

ZEIT ONLINE: Mit Schiefergas und Energiesparen schafft Amerika doch noch die Energiewende?

Birol: Soweit würde ich nicht gehen. Das sind zwei Erfolgsstories, aber sie reichen noch nicht aus, damit die USA das Klimaproblem wirklich angehen. Die USA und China sind noch immer für die Hälfte des Ausstoßes von Klimagasen weltweit verantwortlich. Das bedeutet eine enorme Verantwortung. Egal, was Europa macht: Ziehen die USA und China nicht mit, haben wir keine Chance, unsere weltweite Energiepolitik nachhaltig und klimafreundlich zu gestalten. Da bringen die europäischen Anstrengungen gar nichts. Aber natürlich heißt das nicht, dass Europa deswegen weniger ehrgeizig sein kann: Die EU-Politik ist entscheidend, wenn es um Führung und moralische Beispiele geht.

ZEIT ONLINE: Gibt es nach dem Wahlsieg von Obama wieder mehr Hoffnung auf eine Klimagesetzgebung?

Birol: Die internationale Klimapolitik kann sicher dazu beitragen, dass sich die gewachsene Kluft zwischen den USA und Europa wieder verkleinert. Ich habe große Hoffnung, dass die neue Obama-Regierung und Europa einen gemeinsamen Nenner finden.

Leserkommentare
    • Moika
    • 13. November 2012 18:56 Uhr

    Es wird in den Betrachtungen der IEA ja nicht nur über Schiefergas, sondern auch über ein neues Verfahren, auch Öl aus dem Schiefer zu gewinnen, gesprochen.

    Nur, wann diese Produktion in großem Stile anlaufen kann, wird nicht genauer gesagt. Von daher halte ich diese Prognose schon für etwas abenteuerlich. Und eins ist sicher: Die Preise des neu gewonnenen Öls werden sich an den Weltmarktpreisen orientieren und ausrichten, die ausbeutenden Unternehmen - vermutlich die Ölmultis, haben nichts zu verschenken.

    Ich fürchte weiter, daß sich schon nach wenigen Jahren eine große Ernüchterung breitmachen wird: wer die Berichte über die ökologischen Schäden des Gas-Fracking gesehen hat, kann sich gut vorstellen, wie weite Regionen des Landes aussehen werden, wenn die erst mit dem Ol-Fracking beginnen, denn Öl löst sich nicht so leicht aus dem gestein wie Gas....

    Und welche neuen produktiven Industrien sollen denn dort auf Grund der "billigen" Energie (diese Explorationen werden im Endeffekt sehr, sehr teuer werden) neu enstehen? Nägel und Schrauben werden in China und Indien billiger hergestellt - T-Shirts und Hemden kommen aus Pakistan, die Autos aus Japan und Korea - auch wenn sie in den USA montiert werden - ja welche denn nun?

    Diese Euphorie ist mir einfach nicht geheuer. Aber wir werden es erleben.

    Antwort auf "IEA-Prognosen"
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    wird bereits massiv aufgebaut. Genau daher kommt doch die "Goldgräberstimmung" ebenso wie die Annahme, die USA bräuchten in absehbarer Zeit (10-15 Jahre) keine Importe mehr aus dem Nahen Osten.

    Nur ein Artikel unter vielen dazu:
    http://www.zeit.de/wirtsc...

  1. Kanada, dem die OECD eben erst das höchste Wachstum der
    G-7 für die nächsten 25 Jahre garantierte, liefert täglich zweieinhalb Millionen Fass Öl an die USA. Wegen der Entdeckung von Tausenden von neuen Ölquellen in vielen Staaten der USA sucht Kanada jetzt nach neuen Kunden. Die Öllager sind überfüllt, da die Produktion den Absatz übersteigt. China, Norwegen und Frankreich sind bereits eingestiegen.

  2. Im Artikel dürfte die Reduzierung in absoluten Zahlen, möglicherweise der pro-Kopf-Ausstoß gemeint sein. Und der Ausstoß der USA ist einfach vorsinnflutlich.

    Hypothetischer Vergleich: A produziert täglich 100 Säcke Müll, B nur 2 Säcke.

    A reduziert seinen Ausstoss auf 95 Säcke, B auf 1 Sack.

    In absoluten Zahlen hat A seinen Müllausstoss um das Fünffache der Reduzierung B's zurückgefahren, in prozentualer Darstellung liegt B dagegen in seiner Einsparung trotzdem 50% gegenüber 5% vorne.

    Merke: Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.

  3. wird bereits massiv aufgebaut. Genau daher kommt doch die "Goldgräberstimmung" ebenso wie die Annahme, die USA bräuchten in absehbarer Zeit (10-15 Jahre) keine Importe mehr aus dem Nahen Osten.

    Nur ein Artikel unter vielen dazu:
    http://www.zeit.de/wirtsc...

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    • Moika
    • 13. November 2012 20:09 Uhr

    Vielleicht lesen Sie den Artikel noch einmal genau durch, bevor Sie sich dazu äußern. Denn er strotzt nur so von Konjunktiven und ca. Angaben - aber nichts Genaues weiß man nicht.

    Der IEA-Bericht dazu sagt:

    1. Ab 2020 wird voraussichtlich genau so viel Gas ex- wie importiert werden.
    2. Ab 2035 werdem die USA vermutlich genau so viel Öl ex- wie importieren.

    Das heißt: Auch im Jahre 2035 würden die USA noch erhebliche Mengen Rohöl einführen.

    Aber das sind eben auch nur alles sehr optimistische Schätzungen und Vermutungen, die sicherlich auch einen politischen Hintergrund haben und bestimmte Zwecke erfüllen sollen. Und ob die Bevölkerung die systematische Zerstörung ihrer Umwelt - und das wird sie - die Konzerne so schalten und walten lassen wie die wollen - da bin ich mir gar nicht so sicher.

  4. Erstere Zielsetzung ist einfach nur schwachsinnig, wenn sie dazu führt, dass man weiterhin fossile Brennstoffe benutzt, denn sie ist allenfalls eine Zeitlang durchzuhalten und führt zu Umweltverschmutzung bzw. -zerstörung durch Fracking und durch das Bohren in Alaska, ohne dabei jegliche Nachhaltigkeit aufzuweisen, denn man verbraucht weiterhin in hohem Maße endliche (!) Ressourcen.
    Dieser Ansatz ist also wieder ein hervorragendes Beispiel für die Behandlung eines Symptoms statt seiner tiefergehenden Ursachen.

    Antwort auf "Rebound-Effekt ..."
  5. Antworten aus der Redaktion Redaktionsempfehlungen zu geben.
    Das ist peinlich-lächerliches Eigenlob.

    Antwort auf "IEA-Prognosen"
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    Redaktion

    Hallo Grellseher,

    die Redaktionsempfehlungen sollen Sie und andere Leser auf Abschnitte der Debatte hinweisen, von denen wir glauben, dass Sie sie lesen wollen. Versetzen Sie sich bitte vor allem in Leser, die an der Debatte nicht aktiv teilnehmen wollen und aber einen raschen Überblick über die wichtigsten Standpunkte unter 200 abgegebenen Kommentaren suchen - wahrscheinlich fänden Sie es lesenswert, dass der Autor eines Beitrags weitere Informationen streut oder eine Diskussion mit einem anderen Leser führt. Darum werden diese Beiträge von uns empfohlen. Und damit Sie das nachvollziehen können, empfehlen wir den beantworteten Leserkommentar gleich mit.

    Allerdings haben auch wir überlegt, ob es eine treffendere Bezeichnung für solche Kommentare gibt. Wir befürchten aber: Eine unmissverständliche Regelung gibt es nicht. Wenn Sie uns dennoch Vorschläge machen wollen oder eine andere Kritik für uns haben, freuen wir uns über Ihr Schreiben an unser Postfach community@zeit.de. Wir machen uns derweil darüber Gedanken, wie wir Ihnen unser Vorgehen transparent machen können. Und ansonsten gilt hier wie immer: Bitte kommentieren Sie das Artikelthema.

    Mit bestem Gruß

    David Schmidt

  6. 32. Nanu?

    Ist es denn nicht mehr so, dass alle der deutschen Energiewende folgen oder war das dann doch reine Demagogie zum Zweck des Geldverdienens aus der EEG-Förderung.

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