LebensplanungDie Lüge vom chinesischen Traum
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Etliche Schranken rauben Chinas Jugend die Zuversicht

Dabei ist es nicht nur die Angst vor einer ungewissen Zukunft, die jungen Leuten zusetzt, es gibt etliche andere Schranken, die ihnen die Zuversicht rauben. "Jeder hat einen Traum, doch dem stehen jede Menge Probleme entgegen", sagt die 24-jährige Studentin Lin Meng. Wie viele junge Chinesen hatte Lin Meng bis zur Erschöpfung auf die Gaokao gebüffelt, jenen Test, dessen Bestehen als Voraussetzung gilt für ein "erfülltes Leben", wie sie sagt. Die Auslese ist extrem hart, doch Lin Meng war erfolgreich: Sie hat den Sprung aus ihrer Kleinstadt geschafft auf eine der angesehenen Universitäten in Peking.

Die Freude darüber währt allerdings nicht mehr lange. Nach vier Jahren Studium in der Hauptstadt wird sie sich bald den Reglementierungen der Regierung beugen müssen. Sie will in Peking bleiben, doch weil sie in der Provinz geboren wurde, hat sie für Peking keine dauerhafte Wohnberechtigung (hukou). Die Regierung will den Zuzug in die Metropolen erschweren, denn die Städte quellen über und ganze Landstriche bluten aus. Lin Meng aber will über ihren Wohnort selbst entscheiden können und dort gleiche Rechte haben. Nur: Ohne hukuo für Peking hat sie keinen Anspruch auf Sozialhilfe, auf Rente, eine ordentliche Gesundheitsversorgung oder darauf, Wählen zu gehen. Der Traum von der Freiheit, sich ein Leben aufzubauen an einem Ort eigener Wahl, aus und vorbei.

Mit einer Misere ganz anderer Art hat die 29-jährige Wang Yu zu kämpfen. Wie für viele wird für sie der Traum von der Heirat eines Partners ihrer Wahl kaum wahr werden. Ihre Vorstellungen prallen auf jene ihrer unzeitgemäßen Eltern. Seit drei Jahren ist sie mit ihrem Freund zusammen. Ihre Eltern dürfen nichts davon wissen, die Mutter wäre nicht einverstanden. Er sei nicht groß genug gewachsen und verdiene nicht genügend Geld, obwohl sein Job in der IT-Branche nicht schlecht ist und er sich immerhin ein Auto leisten kann, erzählt Wang Yu. "Meiner Mutter geht es hauptsächlich ums Geld", sagt sie. Wenn die Eltern zu Besuch kommen, packt der Freund, mit dem sie sich die Wohnung teilt, seine sieben Sachen und stellt sie bei einer Gepäckabgabe unter. Er selbst zieht für die Zeit des Besuchs in ein Hotel.

Die Beziehung zu ihrem früheren Freund, einem Künstler, war bereits wegen der besorgten Eltern in die Brüche gegangen. Als sie ihn getroffen hatten, machte er mit Wang Yu schweren Herzens Schluss. Obwohl er für ein Gemälde 100.000 Juan (12.600 Euro) bekomme und demnächst in Hongkong ausstelle, habe die Mutter, eine Ärztin, die materielle Absicherung der Tochter nicht garantiert gesehen, sagt Wang Yu.

Nicht einmal der Traum junger Leute vom eigenen Auto geht in Peking ohne weiteres in Erfüllung – selbst wenn man sich eins leisten könnte. Wer ein Auto zulassen will, muss sich neuerdings an einer Lotterie beteiligen. So wollen die Behörden das Verkehrsproblem in den Griff bekommen in einer Stadt, in der 2010 jeden Tag 1.000 neue Autos angemeldet wurden. Wer also das richtige Los zieht, darf ein Auto zulassen, wer Pech hat, kann mitunter Jahre darauf warten.

Das alles sind geplatzte Träume, und sie haben explosives Potenzial. "Wer die Träume des Volkes zerstört, den zerstört das Volk", warnt ein chinesischer Star-Blogger, dessen Name nicht genannt werden soll, und fordert mehr Beteiligung der Menschen an politischen Entscheidungsprozessen. Auch ein hochrangiger westlicher Diplomat in Peking fürchtet negative Folgen für die chinesische Gesellschaft, wenn zu viele Menschen ständig so bitter enttäuscht werden. Das wohl größte Problem, das möglicherweise die meisten Zukunftspläne scheitern lässt, so warnt er, heiße Korruption. "Das wird noch für viel Frust sorgen." Viele Hochschulabgänger kämen nur über Beziehungen in den Job, nicht wegen guter Leistungen. "Diese Art Korruption gefährdet die Effizienz der Meritokratie, dass nämlich die Besten nach oben kommen wie noch in der Mandarinkultur", sagt er.

Der Traum wird noch lange einer bleiben

Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. "Da landen Studenten, die bei der Gaokao nur eine geringe Punktzahl erreicht haben, plötzlich auf den besten Universitäten", sagt Zhang Hui, ein 26-jähriger Student, der sich gerade aufs Examen vorbereitet. Es gebe eine Redewendung in China: "Den Schein unter der Tür durchschieben." Es sei ein großer Unterschied, ob man aus einer wohlhabenden Familie komme oder nicht. Es gebe Schulen, die ihre Schüler nach dem Einkommen der Eltern aussuchten. "Die tanzen bei der Schulleitung an, werden von oben bis unten gemustert und legen ihre Verhältnisse offen", sagt Zhang. Der Bildungssektor in dem kommunistischen Land ist inzwischen total kommerzialisiert. Eine Demütigung für all jene, die nicht auf Herkunft bauen können, sondern auf Leistung angewiesen sind.

Der Traum, von dem die Parteiführer sprechen, jeder könne nach oben kommen und ein sorgenfreies Leben führen, hätte an sich die Strahlkraft, eine Gesellschaft zu beflügeln und umzuwandeln. Doch die Lebenswirklichkeit erscheint vielen so anders, dass viele argwöhnen, der Traum diene eher dazu, von der Realität abzulenken, anstatt sie zu verwandeln.

"Die Regierung hat dem Volk einen Traum beschert", sagt ein chinesischstämmiger langjähriger China-Korrespondent. Der lautet: "Die Regierung lässt euch Geld verdienen." Und er fügt hinzu, was er auch verheißt: "Die Regierung lässt euch nicht über Politik reden." Das ist das Problem: Chinas Propagandisten haben nicht bedacht, dass ein Traum mehr ist als ein voller Geldbeutel. Dass das stille Abkommen "Wirtschaftswachstum entschädigt für fehlende Mitbestimmung" auf Dauer möglicherweise nicht tragfähig ist.

Der schnelle ökonomische Aufstieg der vergangenen drei Jahrzehnte hat China zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt gemacht . Vielen geht es heute deutlich besser als zu Maos Zeiten – wobei weit mehr als 200 Millionen Menschen weiterhin unter der Armutsgrenze leben. Doch der Erfolg erzeugt zugleich einen Druck, dem die junge, verunsicherte Generation kaum noch standhält. Vor allem aber wächst mit dem materiellen Wohlstand die Sehnsucht nach mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Dieser Traum, so empfinden es viele, wird noch lange einer bleiben.

(Alle Namen von der Redaktion geändert)

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Leserkommentare
  1. Entwicklungsländern in Asien oder in Afrika? Absurder Artikel.......

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    auch nicht anders als in Europa.

    Bei den PISA Studien hat China in den MINT Fächern von 65 Ländern am besten abgeschnitten. Die USA ist durchschnittlich auf dem 23sten oder 24sten Platz.

    Anders sieht es dann wieder aus bei Kreativität...

    http://www.nytimes.com/20...

    • Suryo
    • 14. November 2012 12:48 Uhr

    So, welche Länder genau meinen Sie denn jetzt?

    In Indonesien können Jugendliche demonstrieren, es gibt zahlreiche Parteien, Verbände, und unzensierte Medien. In Thailand ebenso. Auch in Indien. Von "Afrika" (was soll das genau sein, bei zig Staaten mit noch mehr Sprachen und Kulturen?) mal ganz zu schweigen.

    Aber Hauptsache, hier schön den politisch unkorrekten advocatus diaboli (bzw sinsensi) spielen...im bequemen Deutschland, mit unzensiertem Internet und dem Wissen, daß die eigene Meinung garantiert nicht die Sicherheitskräfte auf den Plan rufen wird.

  2. auch nicht anders als in Europa.

  3. Europas Oberschicht wird reicher, die Mittelschicht bröckelt und Europas Jugend verharrt in der Aussichtslosigkeit. Im reichsten Land der Eurozone Deutschland bedienen sich die politischen Kader und Alt-Kader wo sie sich bedienen können. Mit Scheingeschäften plündern Sie bereits hochverschuldete Kommunen aus und verkaufen den Bürgern die neue staatliche Schuldenmache als Schuldensenkung.

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    • Psy03
    • 14. November 2012 14:12 Uhr

    Deutschlands Medien sollten mal ganz Stil sein, was eine Kritik Chinas angeht.
    Europas größter Waffenexporteur und Vernichter der europäischen Wirtschaft, dass sind wir.

    Ich möchte zwar auch kein chinesischer Jugendlicher sein, aber noch weniger ein Grieche. Noch viel weniger ein kranker Grieche, der trotz Krankenversicherung beinahe jeden Eingriff und jedes Medikament selbst zahlen muss, aber nicht kann.

    • Bashu
    • 14. November 2012 16:25 Uhr

    Die Medien sollten Ungerechtigkeiten thematisieren. Aber warum denn immer woanders?? Liebe ZEIT, legt doch bitte mal den Finger in die Wunde der Deutschen und der übrigens Europäer.

    Wenn wir immer nur nach Osten oder Amerika schauen erliegen wir der Illusion, hier wäre alles in Ordnung. Aber das stimmt nicht: BER, Elbphilharmonie, Wulff, Guttenberg, Korruption, die klaffende Einkommensschere und viele andere Beispiele zeigen uns, dass hier nicht alles in Ordnung ist.

    Warum schreibt niemand darüber??

  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    • Logeg
    • 14. November 2012 11:07 Uhr

    In China ist der Konkurrenzdruck wie in allen kapitalistischen Ländern groß. Darin unterscheidet sich das Land nicht von anderen kapitalistischen Ländern. Vielleicht wird der Druck noch etwas gefördert durch die chinesische Kultur. Im Übrigen haben wir in China viele der Zustände, die uns immer empfohlen werden, weil dann alles besser wird: niedrige Löhne, keine Arbeitsplatzsicherheit, zwangsweise Mobilität, mangelhafte Alterssicherung, … für die Normalos. Das will man in Europa durch alternativlose Strukturreformen auch erreichen. Die stehen immer in irgendeinem Land an. Aktuell in Griechenland, Portugal, … Deutschland kommt aber auch wieder einmal dran. Dann findet sich in der SPD auch wieder ein Schröder.

  5. Ja, wie das mit Träumen so ist. Irgendwann wacht man dann doch wieder auf. Der Europäische Traum vom ewigen Wohlstand für alle wird derzeit ja auch langsam aber sicher von der Wirklichkeit eingeholt. Zwar schnarchen einige Europäer noch selig vor sich hin, aber das Erwachen wird dafür umso rüder werden. Die Gegenwart mag dabei jetzt schon für viele vergleichsweise trübe sein, ist aber im Vergleich zu dem, was die Zukunft bereit halten wird, relativ zivil.

    Bedenkt man die diversen Prognosen etwa bez. massiver Altersarmut in Deutschland in den nächsten 1 - 2 Dekaden, so werden sich die Träume vieler zunehmend in Alpträume verwandeln.

    Die Frage, inwiefern die Europäer ihre wirtschaftlichen Enttäuschungen in politische Handlungen umsetzen, wird dabei zunehmend virulent. Der Traum von der grosseuropäischen Wohlstandszone gehört jedenfalls der Vergangenheit an, und die Mehrzahl der Europäer wird in ihre Lebensplanung weniger das Bild einer rosigen Zukunft als vielmehr eine spürbare Zunahme und Verschärfung diverser sozialer Konflikte, einen deutlichen Wohlstandsverlust sowie eine Gewöhnung an politische Krisensituationen aufnehmen müssen. Über kurz oder lang wird es auch wieder bewaffnete Konflikte in Europa geben.

    Wie gesagt, auch der europäische Traum entwickelt sich immer mehr zum Alptraum. Aber der eine oder andere schnarcht eben noch selig vor sich hin....

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    in Europa geben."

    Wieso das? Dazu hat die Elite kein Interesse.

    "Wie gesagt, auch der europäische Traum entwickelt sich immer mehr zum Alptraum."

    Für wachsende Bevölkerungsschichten mag das gelten. Grund ist aber nicht, dass Europa ärmer wird, sondern dass der Reichtum sich mehr und mehr auf wenige konzentriert.

    "Aber der eine oder andere schnarcht eben noch selig vor sich hin..."

    Schauen Sie nach Griechenland, Spanien oder Portugal. Diejenigen, die betroffen sind schnarchen keineswegs vor sich hin, sondern den Mächtigen in Europa, China oder Amerika - Demokratie hin oder her - ist es halt ziemlich schnuppe.

    Selbst wenn die Bevölkerung wählen darf, werden die Regierung gekonnt von der Elite vereinnahmt und für ihre Zwecke genutzt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Traum | China | Auto | Eltern | IT-Branche | Kommunistische Partei
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