LebensplanungDie Lüge vom chinesischen Traum

Chinas Mittelschicht wächst, die Führung des Landes verspricht steigende Einkommen. Doch die Jugend des Landes verharrt in Angst. von 

Zhang Liyong schlug sich zehn Jahre lang als Wanderarbeiter in Peking durch. Dann bestand er den Toefl-Test . Zhang hatte die Schule auf dem Land abgebrochen, weil seine Eltern das Geld dafür nicht zahlen konnten. Wie Dutzende Millionen seiner Landsleute zog es ihn in die Stadt. Mit 21 Jahren nahm er einen Posten als Koch an, in einer der 23 Mensen der Tsinghua-Universität.

Nebenher lernte er Englisch, acht Jahre lang. Jeden Morgen stand er um vier Uhr auf und paukte Vokabeln und Grammatik vor seinem Acht-, Neun-Stunden-Tag in der Mensaküche. Abends büffelte er weiter bis Mitternacht. Seine Anstrengungen wurden belohnt. Als 29-Jähriger bestand er den anspruchsvollen Sprachentest , der selbst für eingeschriebene Anglistik-Studenten nicht einfach ist.

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Jia Zuosheng erzählt eine ähnliche Geschichte. Auch er kam vom Lande. Auch er verließ die Schule, weil seine Familie zu arm war, sie ihm zu finanzieren. In der Stadt kam er mit verschiedenen Jobs so über die Runden, wollte jedoch unbedingt studieren. Er heuerte als Sicherheitsmann an einer Pekinger Universität an, in einem der am schlechtesten bezahlten Jobs des Landes. Jia hatte Glück: Ausgerechnet die Bibliothek musste er bewachen. Wann immer er Gelegenheit fand, las er dort Bücher oder setzte sich in Vorlesungen. Mit 27 bestand er die Gaokao , die zentrale Prüfung, die über die Hochschulzulassung entscheidet, und immatrikulierte sich an der Universität seiner Heimatprovinz Shandong.

Solche Episoden und Helden-Sagen des chinesischen Alltags lesen sich wie moderne Märchen. Es sind Geschichten, wie sie von den Staatsmedien landauf landab erzählt werden, um die Idee eines von der Regierung propagierten "chinesischen Traums" zu verbreiten, eines Mythos, der besagt: Jeder kann es schaffen, der sich nur genügend anstrengt und seine Chance nutzt. Abgekupfert haben ihn Chinas PR-Agenten vom amerikanischen Traum. Schafft es ein Tellerwäscher zum Millionär, so kann es ein Mensa-Koch zum Professor bringen.

Doch wie realistisch ist dieser Traum? Tatsächlich leben viele junge Chinesen in einer Zeit, in der sich der Konkurrenzkampf verschärft hat. Sechs Millionen Hochschulabgänger drängen Jahr für Jahr auf den Arbeitsmarkt . Ihr Ziel: Sich ein Leben leisten zu können, wie es der neue Mittelstand hat, der jährlich um rund zehn Millionen Menschen wächst: eigenes Auto, eigene Wohnung und genügend Geld für schicke Kleidung, Urlaub und Bildung. Daneben gibt es ein Heer ungezählter junger Menschen, die ohne Bildung und Mittel um ein Auskommen kämpfen. Von ihnen wagen die allerwenigsten zu träumen. Wanderarbeiter, die im Schnitt 500 Yuan (63 Euro) im Monat verdienen, können sich nicht einmal Träume leisten .

"Es gibt in meinem Leben keine Wende zum Besseren"

Wer junge Leute in China nach ihrem "chinesischen Traum" fragt, der erfährt schnell: Kaum einer kann mit diesem Schlagwort der Parteikader etwas anfangen. Alleingelassen zwischen Kommunismus und Kapitalismus, zwischen modernem Lebensgefühl und überkommenem Konfuzianismus, neigen selbst gebildete junge Menschen heute eher zu Resignation, als dass sie einer Vision folgten, die sie für eine Schimäre halten.

Der Autor Fu Guoyong zitiert in einem Essay über 30 Jahre Reformpolitik einen Freund aus der Generation der nach 1980 Geborenen: "Es gibt in meinem Leben keine Wende zum Besseren. Ich unterscheide mich nicht von Millionen anderer orientierungsloser junger Leute." Mit einem Zitat des Schriftstellers Lu Xun (1886-1936) gibt Fu die Stimmung dieser Generation wieder: "Das schlimmste im Leben ist, aus einem Traum zu erwachen und keinen Weg zu wissen."

Denken sie an ihre Zukunft, berichten viele junge Chinesen von Alpträumen. Erwartungsdruck und Versagensängste lähmen sie. Sie klagen darüber, dass es immer schwieriger werde, einen Job zu finden. Und wer einen hat, könne den sehr leicht wieder verlieren. Für Arbeitnehmerrechte wie Kündigungsschutz hat die kommunistische Partei wenig übrig. Auch stiegen die Preise zuletzt viel zu schnell, vor allem für Wohnungen. Dazu komme die Furcht vor hohen Zusatzkosten im Krankheitsfall und für die Kinderbetreuung (für einen guten Kindergartenplatz werden gerne mal einige Tausend Euro allein an Schmiergeld fällig – eine Menge Geld für Jungakademiker, deren Durchschnittseinkommen bei 450 Euro im Monat liegt). Und selbst wer es zu etwas gebracht hat, sei ständig vom sozialen Absturz bedroht. Chinas Jugend fürchtet sich davor, angesichts der rasenden ökonomischen Entwicklung unter die Räder zu kommen.

Leserkommentare
  1. Die Angst vor der "gelben Gefahr" entbehrt jeder Grundlage, und die Aufstiegsschwierigkeiten vieler junger Chinesen wundern einen nicht, wenn man sich die China-Ökonomie näher anschaut.
    Dan Rosen (Columbia) hat in 2011 einen informativen Vortrag gehalten. Darin wird deutlich, dass Chinas technologisches know how noch so niedrig ist, dass die vorhandenen Devisenreserven gar nicht gewinnbringend in westliche Technologieparks investiert werden können. Seit Mitte 2000 hat es zwar einen sehr starken Anstieg der Auslandsinvestitionen gegeben, aber sie sind in absoluten Zahlen noch ziemlich gering. Vor allem aber: Diese Investitionen wanderten vor allem in den Energie-Rohstoff-Sektor.

    Zudem gibt es einen natürlichen Schutzschild, den westliche Firmen vor dem Aufkauf durch Chinesen haben: Investitionen auf der grünen Wiese (greenfields) im Westen versprechen für die Chinesen weniger Renditesteigerungen als Investitionen im Inland. Hinzu kommt, wie erwähnt, die fehlende Kompetenz bei der Unternehmensführung. Dan Rosen meint, dass es ein grosser Unterschied ist, ob man Bonds kauft (am leichtesten), sich an Energiefirmen beteiligt und Rohstoffe abbaut (etwas schwieriger), oder ein Unternehmen der Hochtechnologie führt. Wobei noch erwähnt werden, dass es nicht nur um die technische Kompetenz geht, sondern auch um die Fähigkeit, betriebsinterne compliments und Umweltauflagen zu erfüllen. Da hapert es an allen Enden.

    http://www.youtube.com/wa...

  2. Wenn man Chinas (positive) ökonomische Entwicklung der letzten Jahre betrachtet, kann man sehr froh darüber sein, dass die Amerikaner als Ex-Unilatermacht die wachsende Bedeutung Chinas entspannt begleiten. Wirft man einen Blick in die Geschichtsbücher, ist dieses Verhalten keineswegs selbstverständlich. Eine Hauptursache für den ersten Weltkrieg war die technologische Entwicklung Deutschlands, das die englische Industrie auf vielen Gebieten überflügelte. Das sogenannte "checks-and-balance" der Briten war damals nichts anderes als Platzhirschverhalten, das am Ende unermesslichen Schaden verursachte.

    Viele stellen sich die Frage: "Is America in decline?", und beantworten sie aufgrund der schrumpfenden Weltmarktanteile der USA mit Ja. Diese Schlussfolgerung ist aber völlig falsch, weil es nicht in der Mentalität der Amerikaner liegt, anderen den Erfolg zu missgönnen. Wäre es anders, hätten sie nach dem Krieg nicht massgeblich zum Wiederaufbau vieler europäischer Länder sowie Japans beigetragen.
    Wenn es im Interesse der entwickelten Staaten liegt, dass sich unterentwickelte Länder ebenfalls entwickeln (ökonomisch, sozial und kulturell), dann sind ihre schrumpfenden Marktanteile gewissermassen ein Zeichen von Macht-Zuwachs!

    • knacks
    • 14. November 2012 18:20 Uhr
    59. Soso...

    Haben Sie schon einmal von individuellen Freiheiten wie Freizügigkeit gehört? Warum brauchen die jetzt auch noch ein Auto? Nur weil Sie sich dafür entschieden haben, kein Auto besitzen zu wollen, muss das jetzt nicht für den Rest der Welt gelten.

    Antwort auf "Auto und Umzug"
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    Naja, Freizügigkeit gilt ja (ähnlich der EU), allerdings können sie auch auf Malorca kein Harz4 mehr bekommen. Griechen würden auch grad gern in das skandinavische Sozialsystem aufgenommen werden oder Polen die Rente aus den Niederlanden bekommen. Verwechseln sie China nicht mit einem Föderalstaat a la Deutschland, vergleichen Sie lieber mit der EU.

    Das Autobeispiel im Text als Beispiel für willkürliche Eingriffe des Staates in die Gesellschaft ist sicherlich schlecht gewählt, zumal es in anderen Magazinen frenetisch gefeiert wird. Elektrofahrzeuge werden ohne Verzögerung zugelassen, ein solches Auto muss man sich aber erstmal leisten.

    Modelle wie das indische Mitfahrergesetz oder gerade/ungerade Nummernschilder Prinzip wären eine Alternative. Eine Plakette, Tüv oder direkte steuerliche Maßnahmen zur Begrenzung der Neuzulassungen nach Geldbeutel eine Andere. Allerdings wären Artikel der Form: "Nur Reiche können sich ein Auto leisten." die Folge.
    Kurz: eine Begrenzung muss sein, die Infrastruktur einer Innenstadt ist irgendwann an seiner Grenze. Losverfahren gepaart mit Korruption ist sicherlich nicht die klügste Lösung, aber auch nicht die schlechtete der genannten.

  3. Naja, Freizügigkeit gilt ja (ähnlich der EU), allerdings können sie auch auf Malorca kein Harz4 mehr bekommen. Griechen würden auch grad gern in das skandinavische Sozialsystem aufgenommen werden oder Polen die Rente aus den Niederlanden bekommen. Verwechseln sie China nicht mit einem Föderalstaat a la Deutschland, vergleichen Sie lieber mit der EU.

    Das Autobeispiel im Text als Beispiel für willkürliche Eingriffe des Staates in die Gesellschaft ist sicherlich schlecht gewählt, zumal es in anderen Magazinen frenetisch gefeiert wird. Elektrofahrzeuge werden ohne Verzögerung zugelassen, ein solches Auto muss man sich aber erstmal leisten.

    Modelle wie das indische Mitfahrergesetz oder gerade/ungerade Nummernschilder Prinzip wären eine Alternative. Eine Plakette, Tüv oder direkte steuerliche Maßnahmen zur Begrenzung der Neuzulassungen nach Geldbeutel eine Andere. Allerdings wären Artikel der Form: "Nur Reiche können sich ein Auto leisten." die Folge.
    Kurz: eine Begrenzung muss sein, die Infrastruktur einer Innenstadt ist irgendwann an seiner Grenze. Losverfahren gepaart mit Korruption ist sicherlich nicht die klügste Lösung, aber auch nicht die schlechtete der genannten.

    Antwort auf "Soso..."
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    • knacks
    • 14. November 2012 19:43 Uhr

    darauf hinzuweisen, dass auch in China der Drang der Bevölkerung hin zu mehr Bürgerrechten wächst und ich nicht sehe, warum man ihnen diese von Europa aus absprechen sollte.
    So weit ich weiß, ist China EIN Staat. Wenn nun jemand ohne Erlaubnis seine Region verlässt, hält er sich illegal in seinem eigenen Land auf und kann dann nicht nur keine Sozialleistungen empfangen, sondern hat schlichtweg keinen Bürgerstatus mehr. Während ich, wenn ich nach Malloze ziehe, dort sogar an Kommunalwahlen teilnehmen kann, legal arbeiten kann, meine Kinder auf die Schule schicken kann, etc.

    Der Einwand mit den unterschiedlichsten staatlichen Eingriffen hinsichtlich KFZ - Neuzulassungen ist gut. Mir ist auch klar, dass eine Milliarde Autos oder so zu viele sind. Mir geht es eben darum, dass es schwierig ist, den Chinesen das jetzt verweigern zu wollen Bekanntlich ist es so, dass man seinen sozialen, wirtschaftlichen Aufstieg bzw, seinen Status gerne zeigt. Meist in Form von Statussymbolen. In der chinesischen Mittelschicht ist es das Auto, in der deutschen Unterschicht die Markenkleidung, in der oberen Mittelschicht Secondhand-Kleidung, in allen Schichten das smarte Telefon und speziell in Berlin das Rennrad inklusive Mütze dazu.

    • knacks
    • 14. November 2012 19:43 Uhr

    darauf hinzuweisen, dass auch in China der Drang der Bevölkerung hin zu mehr Bürgerrechten wächst und ich nicht sehe, warum man ihnen diese von Europa aus absprechen sollte.
    So weit ich weiß, ist China EIN Staat. Wenn nun jemand ohne Erlaubnis seine Region verlässt, hält er sich illegal in seinem eigenen Land auf und kann dann nicht nur keine Sozialleistungen empfangen, sondern hat schlichtweg keinen Bürgerstatus mehr. Während ich, wenn ich nach Malloze ziehe, dort sogar an Kommunalwahlen teilnehmen kann, legal arbeiten kann, meine Kinder auf die Schule schicken kann, etc.

    Der Einwand mit den unterschiedlichsten staatlichen Eingriffen hinsichtlich KFZ - Neuzulassungen ist gut. Mir ist auch klar, dass eine Milliarde Autos oder so zu viele sind. Mir geht es eben darum, dass es schwierig ist, den Chinesen das jetzt verweigern zu wollen Bekanntlich ist es so, dass man seinen sozialen, wirtschaftlichen Aufstieg bzw, seinen Status gerne zeigt. Meist in Form von Statussymbolen. In der chinesischen Mittelschicht ist es das Auto, in der deutschen Unterschicht die Markenkleidung, in der oberen Mittelschicht Secondhand-Kleidung, in allen Schichten das smarte Telefon und speziell in Berlin das Rennrad inklusive Mütze dazu.

    Antwort auf "Freizügigkeit"
    • Bashu
    • 14. November 2012 22:05 Uhr

    Über Einzelfälle wurde berichtet, ja, aber auch über den Sumpf als Ganzes? Über die Mechanismen und die Politkultur, die dies ermöglicht?

    Kann sein, dass mir das entgangen ist, über einen link wäre ich dann dankbar...

    Antwort auf "Was!?"
  4. Die Entwicklungsdiktaturen versagen ihren jungen Bürgern die Chancen, die sie versprechen, ob in China oder in Vietnam (vgl. http://www.zeit.de/politi... ) oder andersowo.
    Ein-Parteien-Herrschaft und Kapitalismus bedeutet nunmal die negativen Seiten der beiden Systeme, die es im Kalten Krieg gab, miteinander zu kombinieren.

  5. und das ebenso funktionierende Erziehungssystem führen zu wenig konfliktfähigen Menschen.
    Wenn dann, geprägt durch das traditionelle Beamtenideal, der einzige Wunsch in einem prestigeträchtigen Job in einer großen Stadt besteht, summieren sich gerade in Krisenzeiten die unlösbaren Proleme.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Traum | China | Auto | Eltern | IT-Branche | Kommunistische Partei
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