Protest gegen SparkursStraßenschlachten in Rom, Lissabon, Madrid und Barcelona

In den EU-Krisenländern haben Hunderttausende gegen die Sparpolitik ihrer Regierung demonstriert. Einige Protestmärsche eskalierten. Dutzende Menschen wurden verletzt. von dpa und dapd

Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Polizisten in Lissabon, Portugal

Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Polizisten in Lissabon, Portugal  |  © Hugo Correia/Reuters

Die Proteste in mehreren Ländern Europas gegen die Sparpolitik haben zum Teil zu schweren Krawallen geführt. In Spanien wurden insgesamt mehr als 74 Menschen verletzt, darunter 18 Polizisten. Nach Angaben der Sicherheitsbehörden gab es 142 Festnahmen.

In Madrid und Barcelona lieferten sich radikale Gruppen in der Nacht Straßenschlachten mit der Polizei. Randalierer setzten Müllcontainer und Polizeifahrzeuge in Brand. In beiden Städten wurden dabei 30 Menschen verletzt und 28 mutmaßliche Gewalttäter festgenommen. Auch in Lissabon artete eine Protestkundgebung von Tausenden von Menschen am Rande eines Generalstreiks in Gewalt aus. In Rom sprachen Reporter von Guerilla-ähnlichen Szenen.

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Millionen Beschäftigte hatten in mehreren Euro-Krisenländern die Arbeit niedergelegt. In Spanien und Portugal brachten 24-stündige Generalstreiks ganze Wirtschaftsbereiche zum Erliegen. Von den Aktionen waren auch der internationale Flug- und Bahnverkehr betroffen. Ein Verkehrschaos blieb jedoch weitgehend aus.

Farbbeutel, Böller, Sprengsätze

Hunderttausende Spanier und Portugiesen protestierten auf den zunächst friedlich verlaufenden Massendemonstrationen gegen die Sparpolitik ihrer Regierungen. In Spanien bezifferte das Innenministerium die Zahl der Demonstranten auf 800.000. Die Gewerkschaften sprachen allein in Madrid und Barcelona von zwei Millionen. In beiden Städten kam es im Anschluss an die Kundgebungen zu Auseinandersetzungen zwischen radikalen Gruppen und der Polizei. Die Beamten gingen mit Tränengas, Gummigeschossen und Schlagstöcken gegen Randalierer vor.

In Lissabon wurden Polizisten in der Nähe des Parlaments mit Steinen, Flaschen, Böllern und Farbbeuteln beworfen. Nach Angaben der portugiesischen Nachrichtenagentur Lusa feuerten die Beamten Schüsse in die Luft ab, um Demonstranten auseinanderzutreiben. In Rom warfen Schüler und Studenten Steine, Flaschen und Sprengsätze auf die Polizei, die Sicherheitskräfte rückten mit gepanzerten Fahrzeugen vor.

In Spanien brachte der Generalstreik die Produktion in den Autowerken von Konzernen wie Volkswagen , Seat , Opel oder Nissan weitgehend zum Erliegen. Die Gewerkschaften bezifferten die Beteiligung am Generalstreik auf über 70 Prozent der Beschäftigten. Bei den Bahnen, U-Bahnen und Bussen war ein Mindestbetrieb vereinbart worden. In Portugal waren vor allem der Verkehrsbereich und der öffentliche Dienst betroffen. In Lissabon fuhr die U-Bahn nicht, im ganzen Land blieben Züge und Busse stehen. Auch die Post, Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen wurden bestreikt.

"Für Beschäftigung und Solidarität – gegen Sparmaßnahmen"

In Griechenland legten Zehntausende Beschäftigte, hauptsächlich Staatsbedienstete, für drei Stunden die Arbeit nieder. Auch in Paris protestierten mehrere Tausend Menschen unter dem Motto "Für Beschäftigung und Solidarität – gegen Sparmaßnahmen". Rund 250 Demonstranten versammelten sich am Brandenburger Tor in Berlin . Der Europäische Gewerkschaftsbund hatte den Mittwoch zum "Solidaritätstag" erklärt.

Durch die Streiks kam es zu erheblichen Behinderungen und Ausfällen im Bahn- und Flugverkehr. Dutzende Verbindungen von und nach Deutschland wurden gestrichen. In Spanien und Portugal sagten die Fluggesellschaften Hunderte Flüge ab. In Belgien legte ein 24-stündiger Streik der Bahnmitarbeiter den Zugverkehr weitgehend lahm. Die Deutsche Bahn setzte auf der ICE-Verbindung von Aachen nach Lüttich Ersatzbusse ein. Der Hochgeschwindigkeitszug Thalys zwischen Deutschland und Belgien verkehrte nicht.

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Leserkommentare
  1. Spaniens Regierung will Demonstranten verbieten, Übergriffe von Polizisten zu dokumentieren und ins Netz zu stellen.
    http://www.freitag.de/aut...

    Gestern war sogar in der Wochenschau, also in den heute Nachrichten, von Übergriffen der spanischen Polizei die rede.

    Die "Schlacht" ging nicht von den Demonstranten aus.

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "SPRACHE"
  2. Im Grunde richtet sich der Protest nicht gegen die "Spar"politik, sondern gegen die ganze Politik. Klar sehen die Menschen zunächst die Kürzungen und Einschränkungen bei sich selbst und empfinden so das "Sparen" als ungerecht. Das ist es auch, wenn die Politik nur darin besteht zu kürzen. Was die Menschen auf die Straße treibt ist nicht das Sparen an und für sich oder die Haushaltskonsolidierung oder die Reformen, sondern dass sie den Eindruck haben, dass nur bei ihnen gespart werden soll. Wenn man annimmt, das die Krise im eigenen Land tatsächlich von allen verschuldet ist, müssen auch alle einen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten. Schon das ist nicht zu erkennen. Wenn man annimmt, dass die Krise nur von eimem Teil der Bevölkerung verursacht wurde (z.B. Banken, Steuerhinterzieher oder korrupte Politkier) erwartet man zu recht, dss diese Verusacher bevozugt zur Krisenbewältigung beitragen. Das ist nun ganz und gar nicht zu erkennen. Was die Leute also auf die Sraße treibt ist die Einseitigkeit oder Ungerechtigkeit, mit der die Krise bewältigt werden soll. Wenn da die Politik nicht nachsteuert, werden die Proteste zwangsläufig zunehmen müssen. Und das ist irgendwie auch richtig so.

    7 Leserempfehlungen
    • Hermes8
    • 15. November 2012 10:19 Uhr

    Die südeuropäischen Staaten haben dasselbe Problem wie Deutschland, nur verschärft. Einige haben sich in einer Zeit, in der alle auf Pump lebten, die Taschen vollgestopft. Verzichten wollen sie aber nicht - das sollen die Anderen tun.

    In Deutschland ging das Mitte der 70er Jahre los, und der Staat war derjenige, der Schulden machte. Die Profiteure, die z.B. gut bezahlte und abgesicherte Beamtenjobs abgreifen konnten, hatten die Gelegenheit, Vermögen anzusparen, die nun von der nachfolgenden Generation gerettet werden müssen. Diese haben nicht nur keine Beschäftigungssicherheit mehr und müssen auf die vorher etablierten Privilegien verzichten - sie müssen aus ihrem unsicheren und geringeren Einkommen auch noch einen Teil der Rettungszahlungen leisten - der Rest wird einfach auf den Schuldenberg draufgepackt.

    In Spanien und Griechenland beispielsweise ging alles viel schneller. Wer vorher in Spanien wertloses Land besaß, konnte beim Immobilienboom über Nacht zum Millionär werden. Genauso wie der Bürgermeister, der die Baugenehmigungen durchdrückte und dafür großzügig beteiligt wurde. In Griechenland verschaffte ein Job im Staatsdienst nicht nur paradiesische Zustände ohne allzu viel Arbeit, sondern auch die Möglichkeit von Zuverdiensten durch Zuwendungen der Bürger, die dazu führen konnten, dass die großzügig bezahlte Tätigkeit in Einzelfällen auch tatsächlich ausgeübt wurde.

    Es ist recht offensichtlich, bei wem die Demonstranten einmal an der Tür klopfen sollten...

    3 Leserempfehlungen
    • NoG
    • 15. November 2012 10:19 Uhr

    danke.

    der richtige weg fuer spanien beinhaltet meines erachtens keinen bailout der glaeubiger irgendwelcher regional-banken mit voellig aufgepumpten bilanzen. gleiches gilt fuer die restliche glaeubiger-bailout-politik als fester bestandteil dieser unsaeglichen rettungspolitik einer fehlkonstruierten waehrung.
    das spaniens volkswirtschaftliches modell kein nachhaltiges ist, ist bekannt - da stimme ich ihnen zu. das dies ohne schmerzen geaendert werden kann, ist logischerweise eine illusion. allerdings wird eine austeritaetspolitik in der zwangsjacke einheitswaehrung nicht funktionieren, da sind neue (auch unkoventionelle) ideen gefragt, erst recht wenn die gesellschaftlichen spannungen derart zunehmen, das man dies nicht mehr schoenreden ("spanien/ xyz ist auf einem guten weg")oder wie hier als "krawalle" abtun kann.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ursachen"
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    Klar, der Euro steht ebenfalls auf der Problemliste ganz oben weil Spanien keine eigene Finanzpolitik betreiben kann.
    Das wirkt sich direkt negativ auf die Wettbewerbsfähikeit der Wirtschaft aus und schlägt auch direkt auf den Arbeitsmarkt durch. Aber da bin ehrlich gesagt ratlos, womit Sie den Beweis erbracht haben,dass ich tatsächlich nicht alles weis. :)

  3. Es ist kaum wahrscheinlich, daß in all diesen Ländern aus dem Nichts heraus plötzlich Tausende "Radikale" oder "Gewaltbereite" Personen auftauchen, die sich bis dato versteckt gehalten hatten. Vielmehr werden ganz normale Menschen wie Du und ich in Verzweiflung und damit in die Gewalt getrieben. Befeuert durch die segensreichen Auswirkungen des friedenstiftenden Zwangseuro und der Gier internationaler Selbstbediener im Banken und Fonds-Sektor rutschen ganze Nationen in Elend und Not. Übertrieben? Wir werden sehen. Sämtliche Überwachungs- und innere Notstandsgesetze aber müssen ab sofort unter dem Aspekt der beabsichtigten Niederschlagung eventueller Gegenwehr der Bevölkerung beurteilt werden. Wehret den Anfängen!

    5 Leserempfehlungen
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    • Hermes8
    • 15. November 2012 10:42 Uhr

    Ohne die Milliarden und ohne den Euro hätte Spanien heute ein niedrigeres Wohlstandsniveau, aber auch ein erheblich niedrigeres Schuldenniveau, vermutlich auch eine niedrigere Arbeitslosigkeit.

    Der Boom führte vor allem dazu, dass große explizite und implizite Schuldenberge bei den meisten Bürgern und beim Staat aufgetürmt wurden. Der Gegenwert davon versickerte weitgehend in Ineffizienzen - das kann man heute in Form von halbfertigen Geisterstädten mit hunderttausenden leerstehender Wohnungen besichtigen - ein kleiner Teil floss aber in die Taschen einer kleinen Gruppe.

    Bauunternehmer, die sich geschickt angestellt haben und den richtigen Politikern Geld zugeschoben haben, sitzen jetzt vermutlich auf Millionenvermögen (natürlich in der Schweiz geparkt oder in deutsche Immobilien reinvestiert), auch wenn sie vor 1995 genauso arm waren wie alle Anderen. Und einige Politiker haben sicher auch sehr gut dabei verdient, andere haben vermutlich eher durch Dummheit und Naivität die heutigen Zustände herbeigeführt, indem sie eine Überhitzung des Immobilienmarktes nicht sehen wollten und könnten heute auch auf der Verliererseite stehen.

    Ohne den Euro und die nachfolgenden Kredite ginge es den meisten Spaniern heute jedenfalls deutlich besser. Dem Rest Europas ebenfalls.

  4. ...auf welchem level staaten wie spanien, portugal, griechenland heute ohne die eu eurobillionen wären.
    dieses geld und die zusätzlich durch die jeweiligen regierungen auftürmten schuldenberge, ebenfalls in billionenhöhe führten zu einer relativen angleichung
    von einkommen, sozialleistungen, infrastruktur und wohlstand in diesen "agrarstaaten". künstlich aufgepumpt, aufgebläht,
    ohne entsprechende, gewachsene grundlagen. all dies bis
    zu dem zeitpunkt, wo der aufgepumpte ballon zerplatzt und
    sich die jahrzehnte andauernden schulden- und nehmerspielchen nicht mehr so ungehindert (ungeniert) fortsetzen lassen. nun wird zurückgeschrumpft, vermutlich auf einen standard, der der echten wirtschaftsleistung dieser länder entspricht. das das nicht unbedingt gut ankommt ist klar, aber deshalb müssen frau merkel und andere sicher nicht den totalausverkauf deutschlands forcieren.

    Eine Leserempfehlung
    • ludna
    • 15. November 2012 10:24 Uhr

    , wenn von "Oben" eine Order gekommen wäre."

    Ich bin immer wieder erstaunt, das damals keine Order von oben kam, wer auch immer das verhindert hat.

    In unseren westlichen Demokratien ist man da nicht so zimperlich.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Gewalt..."
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    fast Tag und Nacht vor dem Fernseher gesessen - und war im Nachhinein dankbar für die friedliche Revolution; es hätte auch ganz anders ausgehen können. Und ich als Wessi bin immer noch stolz auf meine 'ostdeutschen' Landsleute, die diese friedliche Revolution durchgeführt haben.

    • pakZ
    • 15. November 2012 10:25 Uhr
    80. .....

    Es gab mit Sicherheit keine Losung seitens der Regierung exzessive Gewalt gegenüber Minderjährigen anzuwenden.

    Von daher ist das, was dort zu sehen ist (und was auf jeder robusteren Demonstration zu sehen ist) sicherlich ein Skandal.
    Aber nicht, weil er demonstriert, wie der Staat auf seiner Bevölkerung rumtrampelt; sondern weil er den Machtmißbrauch einzelner (Gruppen) belegt, die mit der Situation scheinbar vollkommen überfordert sind.

    Natürlich gehören die Polizisten zur Rechenschaft gezogen; man sollte aber auch immer im Kopf haben, daß auch sie nur Menschen sind und in diesen Situationen teilweise unter extremen Streß stehen.

    Gleichwohl ist das immer so eine Sache mit diesen Videos; ich habe schon oft genug erlebt, daß sich im Nachhinein herausstellt, daß dieser Unschuldige 10 Sekunden vor Videobeginn noch einen Molotow-Cocktail geworfen hat, eine Scheibe eingeschlagen hat, oder ähnliches.

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    • JanfriV
    • 15. November 2012 10:41 Uhr

    Woher Sie die Sicherheit nehmen, dass es keine Losungen der Regierung gibt, Gewalt anzuwenden, ist mir schleierhaft. Sehen Sie sich beispielsweise dieses Video an http://www.youtube.com/wa... , dass in Spanien Berühmtheit erlangt hat. Darauf ist zu sehen, wie ein "Demonstrant" von der Polizei vermöbelt wird und schreit "Hört auf, ich bin doch ein Kollege". Üblich ist, dass die spanische Polizei als Demonstranten verkleidete Provokateure unter die friedlichen Demonstranten mischt, um Grund für ihr brutales Vorgehen zu haben. Die Situation in Spanien ist so Besorgnis erregend, dass es bei späteren Demonstrationen zu Verhaftungen von Demonstranten gekommen ist, die scherzhaft zu Polizisten gesagt haben "ich bin ein Kollege".

    wie ich es auch gemacht habe, spanische und portugiesische Videos auf yt an. Man muß die Sprache nicht sprechen - die Bilder sprechen für sich. Es ist eindeutig zu erkennen, daß die Polizei auf einen bestimmten Befehl hin losknüppelt; vorher stehen sie einfach den friedlichen Demonstranten gegenüber.
    Es gab vereinzelte Provokationsversuche seitens einer Gruppe Jugendlicher gegenüber der Polizei; der Rest sind ganz normale Menschen, die ihr Recht auf eine friedliche Demonstration wahrnehmen (sie halten auch noch Schilder hoch, daß sie eine friedliche Demonstration durchführen wollen); die Polizei knüppelt plötzlich, vermutlich auf ein Kommando von oben hin, los und verschont dabei auch völlig unbeteiligte Passanten nicht. Die Bilder erinnern an den arabischen Frühling - einschließlich des Polizeihubschraubers, der über der Szenerie kreist.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, dapd, nf
  • Schlagworte Volkswagen | Deutsche Bahn | Innenministerium | Nissan | Brand | Flugverkehr
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