Wenn Frankreichs Premierminister Jean-Marc Ayrault heute nach Berlin kommt, unternimmt er keine Vergnügungsreise. Glaubt man Wirtschaftsminister Pierre Moscovici hat der Premier einen Auftrag zu erfüllen: Den Deutschen solle deutlich gemacht werden, dass es klüger ist, die französischen Reformpläne zur Belebung der Wirtschaft zu unterstützen – statt nur zu nörgeln. Während seines Treffens mit Bundeskanzlerin Angela Merkel werde Ayrault die Möglichkeit haben, "alle notwendigen Erklärungen" zu liefern. "Unsere deutschen Freunde", schmeichelte Moscovici vordergründig, "haben verstanden, welche Anstrengungen wir unternehmen, um die öffentlichen Finanzen zu kontrollieren".

Tatsächlich wächst in Berlin die Ungeduld. So nervös sind die Deutschen über den Zustand der französischen Wirtschaft, dass man sogar diplomatische Klugheit fahren lässt. Schließlich wäre es um den Euro geschehen, sollte nun auch Frankreich in den Kreis der europäischen Krisenländern eintreten. Die Meldung , dass Finanzminister Wolfgang Schäuble die deutschen Wirtschaftsweisen um ein Reformprogramm für Frankreichs Wirtschaft gebeten habe, wurde zwar mittlerweile dementiert. In Paris aber löste sie einigen Wirbel aus.

Der Rat hat sich noch nie in seiner Geschichte in die Angelegenheiten anderer Staaten eingemischt. Täten er es nun ausgerechnet bei den stolzen Franzosen, wird er mit Sicherheit einzig und allein auf Widerstand stoßen. Aus Trotz. Nicht einmal, weil man die Ratschläge aus Berlin unbedingt ungeeignet fände.

Auch den Franzosen ist gewahr, wie schlecht es um die eigene Wirtschaft steht. Das Land steht am Rand einer Rezession. In diesem Jahr wird Frankreichs Wirtschaft wohl nur um 0,3 Prozent wachsen. Zahlreiche Industrieunternehmen haben den Abbau von Stellen angekündigt. Die Zahl der Arbeitslosen ist mit mehr als drei Millionen so hoch wie seit 1999 nicht mehr. Der Autobauer PSA Peugeot Citroën, Stolz der Nation, muss sogar mit einer Staatsbürgschaft für seine Autobank gestützt werden. Dennoch will das Unternehmen 8.000 Jobs streichen und ein Werk in Paris schließen.

Mit Frankreich wackelt die zweite Säule im Euro-Raum

Während andernorts das Sinken der Inflationsrate auf 2,1 Prozent als Zeichen der Preisstabilität gewertet würde, ist der Oktoberwert für Frankreich ein Alarmzeichen. Die Konjunktur hat Schlagseite. Selbst die EU-Kommission mag unter diesen Umständen nicht mehr auf die Beteuerungen aus Paris vertrauen, die Neuverschuldung werde 2013 wie versprochen unter drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts sinken.

Längst macht die Rede vom "kranken Mann Europas" die Runde. Die "maladie française" ist ein Problem, weil Frankreich nach Deutschland die zweite wichtige Säule im Euro-Raum ist. Das Land stellt nach Deutschland das meiste Geld für die EU und für die Bürgschaften der Krisenländer . Noch genießt Paris das Vertrauen der Finanzmärkte. Frankreich bezahlt für seine Staatsanleihen nur moderate Aufschläge im Vergleich zu Deutschland. Die Frage ist bloß: Wie lange noch?

Das größte Problem sei derzeit weder Griechenland noch Spanien oder Italien , sondern  Frankreich, warnte jüngst der Wirtschaftsweise Lars Feld. Der Nachbar habe rein gar nichts getan, um die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft zu stärken, kritisierte er. "Im Gegenteil."

Hollande hat mehr soziale Gerechtigkeit versprochen – das schränkt ihn nun ein

In Paris reagiert man auf solche Aussagen gereizt. Der Mann habe wohl noch nichts von dem  Wettbewerbspakt gehört, der in dieser Woche auf den Weg gebracht wurde, heißt es in der Regierung. Die Unternehmen sollen durch Steuererleichterungen um 20 Milliarden Euro entlastet werden. Im Gegenzug soll es weitere Einsparungen im Haushalt geben, auch soll die Mehrwertsteuer ab dem Jahr 2014 von 19,6 auf 20 Prozent steigen.

Die Reduzierung der Lohnnebenkosten ist dringend nötig: Mit 34,20 Euro war eine französische Arbeitsstunde 2011 um 4,10 Euro teurer als in Deutschland. Dennoch werde auch dieser Schritt die Wettbewerbsfähigkeit nicht nachhaltig verbessern, fürchten Experten. "Die  Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze werden in Frankreich erst dann wieder geschaffen, wenn in Innovation, in Produkte und in die Industriebetriebe investiert wird", sagt Max Blanchet, Senior Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants.

Genau das aber könnten die Regierungspläne sogar verhindern, sagt Blanchet. Viele Firmen könnten die Einsparungen unter dem Druck der derzeitigen Absatzschwäche dazu  nutzen, die Preise zu senken. Oder um Aktionäre zu befriedigen. Weil die Produktivität  französischer Industrieunternehmen hinter derjenigen der deutschen Konkurrenz herhinkt – der geschaffene Mehrwert pro Mitarbeiter liegt um zehn Prozent niedriger – müsste eigentlich der Automatisierungsgrad erhöht werden.

Doch da die Steuerentlastung der Unternehmen anhand der Zahl ihrer Mitarbeiter gemessen wird, wäre dies kontraproduktiv. Blanchet geht sogar davon aus, dass Großunternehmen aus diesem Grund an Zulieferfirmen abgegebene Aufgaben zurückholen werden. Dann müssten kleine und mittelständische Unternehmen die Zeche bezahlen.

Auch André Grjebine, Forschungsdirektor an der Eliteuniversität Sciences Po, ist skeptisch. Die Senkung der Lohnnebenkosten im Zuge der Agenda 2010 habe in Deutschland vor allem deshalb zu mehr Exporten geführt, weil damals die europäischen Abnehmerländer boomten, sagt er. Heute  sei das Gegenteil der Fall. Den französischen Unternehmen fehlten die Abnehmer. Das spüren nicht nur die Autobauer PSA und Renault, die auf ihren Kleinwagen sitzen bleiben.

Premierminister Ayrault muss also eine Menge erklären in Berlin. Die Ängste wird er wohl nicht ganz ausräumen kann. Frankreichs Regierung steckt ohnehin in einem Dilemma. Der Staatspräsident und Sozialist François Hollande hatte im Wahlkampf vor allem mit dem Thema soziale Gerechtigkeit um Stimmen geworben. Dass er nun zum harten Sanierer wird, ist schwer denkbar. Schon jetzt, sechs Monate nach der Wahl, sind die Umfragewerte der Sozialisten auf dem Tiefpunkt. Eine Großreform im Stile der deutschen Agendareformen erscheint für sie wahrlich nicht verlockend.