Akropolis in Athen, Griechenland © Louisa Gouliamaki/AFP/GettyImages

Niemand will es so nennen. Aber de facto haben die Euro-Finanzminister in der Nacht zum Dienstag ein drittes Hilfspaket für Griechenland beschlossen. Es ist ein Kompromiss, der allen Beteiligten noch mehr Zeit einbringt – und den radikalen Schnitt mit Griechenlands Schulden vorerst vermeidet.

Was wurde beschlossen? Zum einen werden die nächsten Tranchen aus dem zweiten Hilfspaket ausbezahlt, insgesamt fließen rund 44 Milliarden Euro. 34,9 Milliarden Euro soll die Regierung in Athen noch im Dezember erhalten, den Rest im kommenden Jahr. Darüber hinaus haben die Euro-Länder weitere Hilfen beschlossen, die sich zusammen auf einen zweistelligen Milliardenbetrag addieren.

Das dritte Hilfspaket wurde nötig, weil Griechenlands Schulden schneller wachsen als angenommen. Das Land steckt weiterhin in einer Rezession, die Reformen kommen nur langsam voran. Griechenland verlangt daher zwei Jahre mehr Zeit, um seine Sparziele zu erreichen. Dem hat die Troika aus Europäischer Zentralbank (EZB), EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds ( IWF ) nun stattgegeben.

Das aber heißt eben auch: Europa muss mehr Geld in die Hand nehmen. Da aber ein drittes Rettungsprogramm politisch schwer zu verkaufen ist – vor allem in den Geberländern wie Deutschland oder den Niederlanden – nennt man es nun nicht so. Stattdessen haben die Finanzminister mehrere Töpfe angezapft, um Griechenland entgegenzukommen.

Ein Instrument ist ein sogenanntes Schuldenrückkaufprogramm. Die Idee, einst ersonnen vom deutschen EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen , wird nun umgesetzt. Die griechische Regierung bietet dabei ihren privaten Gläubigern an, einen Teil der Anleihen zurückzukaufen. Das Geld könnte aus dem Rettungsfonds EFSF kommen, ganz klar ist das noch nicht. Da die griechischen Anleihen derzeit auf Ramschniveau rentieren, sind sie günstig – derzeit werden die Papiere je nach Laufzeit zum Preis von 20 bis 30 Prozent des Nominalwerts gehandelt. Bietet die Regierung den Gläubigern rund 35 Prozent, kann sie die Anleihen immer noch vergleichsweise günstig erwerben – der Schuldenstand sinkt dementsprechend. Das Problem: Tritt der Staat als Käufer am Markt auf, steigen die Preise – die Aktion wird also dementsprechend schwieriger. Ohnehin sind die Anleihen zuletzt im Wert gestiegen.

Die IWF-Vertreter sind sich dessen durchaus bewusst. Die Chefin des Fonds, Christine Lagarde , wird mit den Worten zitiert, je weniger man jetzt über den Rückkauf spreche, desto besser werde der Preis sein, den Griechenland am Ende zahlen müsse. Der Fonds will der Auszahlung der ausstehenden Hilfen erst zustimmen, wenn die Rückkaufaktion geglückt ist – was die Sache noch komplizierter macht.

Ein seltsamer Kreislauf wird am Leben gehalten

Außerdem werden die Geberländer ihre Forderungen an Griechenland stunden. Derzeit wird das Land mit zwei Hilfspaketen am Leben gehalten. Das erste umfasste bilaterale Kredite, deren Zinssätze nun gesenkt werden. Das zweite Paket enthält Hilfen aus dem Euro-Rettungsfonds EFSF. Der Fonds wird nun auf einen Teil der Garantiegebühren verzichten. Noch entscheidender ist, dass die Geberländer Griechenland nun vor allem mehr Zeit gewähren: Sie verlängern die Laufzeiten der Kredite aus beiden Paketen um 15 auf 30 Jahre und stunden die Zinszahlungen für die kommenden zehn Jahre. Allein die Stundung der Zinszahlungen verschafft Griechenland Erleichterung – Schätzungen zufolge rund 44 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren.

Zuletzt verzichtet die Europäische Zentralbank auf die Gewinne, die sie bisher mit Griechenland-Anleihen gemacht hat. Die Profite werden oftmals unterschlagen und entstehen dadurch, dass die EZB am Sekundärmarkt griechische Anleihen aufgekauft und wieder verkauft hat. Das alles könnte Griechenland um weitere elf Milliarden Euro entlasten.

Damit alle drei Punkte funktionieren, rücken alle Parteien von ihren Positionen ab. Der IWF und die Länder der Euro-Zone hatten zuletzt offen darüber gestritten, wie schnell Griechenland seine Schuldenquote reduzieren soll. Der IWF pochte auf einen Schuldenstand von 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2020. Die Euro-Finanzminister wollten Griechenland zwei Jahre mehr Zeit geben.

Nun steht am Ende ein Kompromiss, wenngleich einer, der es in sich hat. Der IWF stimmt zwar einem Schuldenstand von 124 Prozent im Jahr 2020 zu. Bereits zwei Jahre später soll der Schuldenstand aber bei 110 Prozent liegen. Im Klartext heißt das: Spätestens dann wird es einen Schuldenschnitt für Griechenland geben müssen. Anders ist schließlich eine solch heftige Reduzierung der Schulden nicht zu machen.

Griechenland braucht Kredite – für die Zinszahlungen

Gerade der IWF hatte zuletzt darauf gedrängt, dass auch öffentlichte Geldgeber auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten – im vergangenen Jahr hatten dies bereits Privatanleger und Banken getan. Aktuell ist nun der "Haircut" zwar vom Tisch, auch auf Drängen der Bundesregierung , die kaum ein Interesse daran hat, vor der Bundestagswahl 2013 über ausgefallene Kredite zu sprechen. Nun wird der Schuldenschnitt wohl kommen, als eine Belohnung für die griechischen Reformanstrengungen.

Bis dahin wird ein Kreislauf am Leben gehalten, der allen Beteiligen die größten Schmerzen erspart. Griechenland braucht die neuen Kredite vor allem, um seinen Zinsverpflichtungen gegenüber den Geberländer nachzukommen. Der griechische Primärhaushalt – also der Staatshaushalt ohne Zinsen – ist mittlerweile nahezu ausgeglichen. Die Länder der Euro-Zone wiederum versorgen das Land mit Krediten, damit das Land seine Zinsen begleichen kann und es zu keinen Ausfällen in den Haushalten im Euro-Raum kommt. Mit dem Beschluss von vergangener Nacht wird dieser seltsame Kreislauf in Schwung gehalten. Solange es geht.