MedienGruner + Jahr gibt Wirtschaftstitel auf

Die "Financial Times Deutschland" soll eingestellt, "Impulse" und "Börse Online" sollen verkauft werden: Der Vorstand von Gruner + Jahr will sich von drei Titeln trennen.

Eine Ausgabe der "Financial Times Deutschland"

Eine Ausgabe der "Financial Times Deutschland"  |  © Kai Pfaffenbach/Reuters

Was sich seit Tagen abgezeichnet hat, ist nun so gut wie sicher: Der Verlag Gruner + Jahr (G+J) will sich von drei Wirtschaftszeitungen trennen. Der Vorstand des Konzerns habe beschlossen, die Financial Times Deutschland (FTD) wegen fehlender wirtschaftlicher Perspektive einzustellen, berichten die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Spiegel Online. Gleichzeitig stelle die Verlagsführung die Magazine Impulse und Börse Online zum Verkauf. "Da gibt es schon diverse Interessenten und konkrete Gespräche", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters eine Quelle aus dem Verlagshaus.

Offiziell beschlossen sind Einstellung und Verkauf noch nicht. Vorher muss der Aufsichtsrat von G+J zustimmen, der sich am Mittwoch trifft. Allerdings ist offen, ob das Gremium sofort einen Entschluss fällt oder die Entscheidung wegen des absehbaren Widerstands der Arbeitnehmervertreter verschiebt. Ein G+J-Sprecher wollte sich dazu nicht äußern.

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Mehr als 300 Mitarbeiter dürften als Folge des Konzernumbaus ihren Job verlieren. Die Kosten für den Sozialplan werden auf rund 40 Millionen Euro veranschlagt. Einzig weitergeführt werde das Wirtschaftsmagazin Capital: Der G+J-Vorstand wolle unbedingt weiter einen Titel im Wirtschaftssegment herausgeben, hieß es.

Millionenverlust durch FTD

Reuters berichtete, dass G+J für dieses Jahr bei den Wirtschaftstiteln einen Verlust von 15 Millionen Euro erwarte – davon entfielen allein 10,5 Millionen Euro auf die FTD. Seit der Gründung der FTD ist bei den G+J-Wirtschaftsmedien ein Verlust von insgesamt rund 300 Millionen Euro angefallen.

Der Vorstand habe in den vergangenen Wochen verschiedene Alternativkonzepte für den Weiterbetrieb der Tageszeitung durchgespielt, etwa eine ausschließliche Online-Ausgabe oder eine umfangreichere Zeitung am Freitag und Samstag zusätzlich zum Internetangebot. "Keine der Varianten hat eine tragfähige Perspektive für die FTD ergeben, aber hohe Investments und hohe Risiken mit sich gebracht", wurde ein Insider zitiert.

Werbeeinnahmen brechen weg

Die Wirtschaftspresse in Deutschland ist vor allem in der Finanz- und Staatsschuldenkrise unter Druck geraten, weil Industrie, Banken und Versicherungen ihre Werbeetats abgesenkt haben. Etliche Zeitungstitel mussten deutliche Werbeeinbußen hinnehmen.

Der Verlag Gruner + Jahr gehört mit einem Umsatz von rund 2,3 Milliarden Euro (2011) zu den größten in Europa. Mehrheitseigener ist mit 74,9 Prozent die Bertelsmann AG (Gütersloh). Eine Sperrminorität von 25,1 Prozent hält die Hamburger Verlegerfamilie Jahr.

Sollte die Financial Times Deutschland eingestellt werden, stünde eine zweite große Tageszeitung in Deutschland vor dem Aus: Vergangene Woche musste die Frankfurter Rundschau Insolvenz anmelden.

Für die Zeitung gibt es erste Kaufinteressenten, sagte ein Sprecher des vorläufigen Insolvenzverwalters. Es handle sich dabei um "namhafte" Verhandlungspartner. Einzelheiten zu den möglichen Käufern wollte der Sprecher nicht nennen. Grund hierfür sei, dass die Gespräche noch ganz am Anfang stünden.

Korrektur: In einer früheren Version hatten wir im Teaser fälschlich "Capital" als einen der zu verkaufenen Titel genannt. "Capital" soll jedoch weitergeführt werden, wie es richtig im Text heißt. Die Magazine "Impulse" und "Börse Online" hingegen stehen zur Disposition. 20.11.2012, 23:55 Uhr.

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Leserkommentare
    • axelkli
    • 20. November 2012 20:13 Uhr

    Ich habe sie immer gerne gelesen. Sie hat meistens ausgewogen, vernünftig und gar nicht so neoliberal berichtet. Die Überschriften sind immer witzig und pointiert, sodaß man Lust bekommt, den Artikel zu lesen. Die große Schwerpunktreportage "Agenda" im hinteren Teil ist meistens sehr interessant und berichtet über vielseitige Themen, nicht nur über Wirtschaftsthemen. Wirklich schade, ich wünsche den Redakteuren alles Gute und daß sie möglichst schnell wieder einen neuen Job finden. Und an alle die Experten hier im Forum, die Häme und Schadenfreude auskübeln werden und in der Mehrzahl sicherlich noch nie ein Exemplar der FTD in der Hand hatten, geschweige denn durchgelesen haben: es ist immer bitter, wenn in der Presselandschaft ein Stück Vielfalt verloren geht, sei es die Fr. Rundschau oder die FTD, und dadurch Leute ihren Job verlieren.

    18 Leserempfehlungen
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    Keine Häme und keine Schadenfreude. Aber auch nicht das Gefühl, als könnte ich den Verlust nicht vekraften.

    Vor mehr als 40 Jahren ging in der Nähe eine Strumpffabrik pleite. Die nahtlosen Damenstrümpfe waren erfunden worden und die m it Naht wren out.
    Seit dem gingen Aluminiumhütten pleite, Großkaufhäuser schlossen, den Untergang der Kohleindustrie bezahlte ich sogar mit einem Kohlepfennig mit. Ich selbst verlor meinen Arbeitsplatz bei einer Heizungsbaufirma als ich 22 jahre alt war und dann beinahe nochmal vor einigen Jahren.

    Und nun trifts eine Wirtschaftszeitung. Die Arbeiter dort haben ettliche Atikel veröffentlicht, warum viele Arbeitslose selbst schuld sind an ihrer Arbietslosigkeit.
    Nun gehts von der Theorie zur Praxis. Ich wünsche allen viel Glück. Und immer bedenken: wer arbeiten will - bekommt auch ARbeit (und wenns Leiharbeit im Niedriglohnsektor ist).
    Na ja, vielleicht soch ein wenig Häme.

  1. Keine Häme und keine Schadenfreude. Aber auch nicht das Gefühl, als könnte ich den Verlust nicht vekraften.

    Vor mehr als 40 Jahren ging in der Nähe eine Strumpffabrik pleite. Die nahtlosen Damenstrümpfe waren erfunden worden und die m it Naht wren out.
    Seit dem gingen Aluminiumhütten pleite, Großkaufhäuser schlossen, den Untergang der Kohleindustrie bezahlte ich sogar mit einem Kohlepfennig mit. Ich selbst verlor meinen Arbeitsplatz bei einer Heizungsbaufirma als ich 22 jahre alt war und dann beinahe nochmal vor einigen Jahren.

    Und nun trifts eine Wirtschaftszeitung. Die Arbeiter dort haben ettliche Atikel veröffentlicht, warum viele Arbeitslose selbst schuld sind an ihrer Arbietslosigkeit.
    Nun gehts von der Theorie zur Praxis. Ich wünsche allen viel Glück. Und immer bedenken: wer arbeiten will - bekommt auch ARbeit (und wenns Leiharbeit im Niedriglohnsektor ist).
    Na ja, vielleicht soch ein wenig Häme.

    19 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sehr schade"
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    Zitat #2: "Die Arbeiter dort haben ettliche Atikel veröffentlicht, warum viele Arbeitslose selbst schuld sind an ihrer Arbeitslosigkeit. Nun gehts von der Theorie zur Praxis."

    Bei 40 Mio Sozialplan und 300 Mitarbeitern sind das doch knapp 134.000,- Euro pro Nase. Die Leute können also ein Jahr lang nen neuen Job suchen und verdienen dabei 11.111,- Euro monatlich.

    Mir bricht das Herz!

  2. aus der Wirtschaft bekommen wir doch heute in wiwo und handelsbaltt und zeit und und und in anderen Internet-Portalen zeitnah und gut berichtet - das schränkt den Bedarf von Print wirklich stark ein.

    Die Zielgruppe die früher in teuren Strassencafes diese Blätter las hat heute ein Handy oder Tablet im Einsatz.

    Hoffentlich bekommen die Journalisten und anderen Mitarbeiter einen neuen guten Job.

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    Nach dem IVW lag es wohl weniger an der Auflage (http://www.ivw.eu/), die nur sehr leicht gesunken ist, sondern lediglich an der Werbekundschaft. Gleiches gilt für die FAZ.
    Das Zeitungsmassensterben ist auch eher gering:
    http://www.bdzv.de/filead...

    Dort zeigt sich auch die stete Abnahme der Werbekundschaft, die eher zu TV und Onlineangeboten umschwenkt. Die finanziellen Aufwendungen für Medien jeglicher Art steigen trotz Interet, die Werbegelder allerdings nicht.

    • scoty
    • 20. November 2012 20:48 Uhr

    und hoffe das ich nicht an einem Donnerstag enttäuscht werde.

    Eine Leserempfehlung
  3. Nach dem IVW lag es wohl weniger an der Auflage (http://www.ivw.eu/), die nur sehr leicht gesunken ist, sondern lediglich an der Werbekundschaft. Gleiches gilt für die FAZ.
    Das Zeitungsmassensterben ist auch eher gering:
    http://www.bdzv.de/filead...

    Dort zeigt sich auch die stete Abnahme der Werbekundschaft, die eher zu TV und Onlineangeboten umschwenkt. Die finanziellen Aufwendungen für Medien jeglicher Art steigen trotz Interet, die Werbegelder allerdings nicht.

    Eine Leserempfehlung
    • doof
    • 20. November 2012 20:56 Uhr

    deswegen?:
    http://www.zeit.de/wirtsc....
    immerhin könnts da zu (offensichtlichen) rollen- und interessenskonflikten kommen?

  4. und man mag es gut oder schlecht finden.

    Schaut man aber auf die Riesenverlage, die bei den meisten Zeitungen im Hintergrund die Fäden ziehen, beschleicht mich das gefühl, dass dieses Sterben vielleicht auch einer nicht mehr lieferbaren Renditeforderung geschuldet ist.

    "Nachrichten" sind heute sekundenschnell für alle verfügbar, sorgfältige Recherchen sind eher die Ausnahme. Und eine Zeitung die ohne Werbekunden nicht leben kann, wird es immer schwerer haben. Ich glaube, dass es immer noch genug Menschen gibt, die für fundierte Hintergrundinformationen und gute Reportagen ( die auch mal was aufdecken und nicht nur zudecken ) zahlen werden.

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  5. 8. Schade

    Ich habe dort mal einen Onlinefragebogen ausgefüllt. Die Auswertung hat mich völlig begeistert und las sich inhaltlich so:

    "Junge, leg die gemopste Zeitung wieder auf den Schreibtisch deines Vaters und greife zu deinen Comics."

    Das hat mich beeindruckt.

    7 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Aufsichtsrat | Bertelsmann AG | Euro | Financial Times Deutschland | Insolvenz | Nachrichtenagentur
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