HyperinflationÖkonomen besänftigen deutsche Inflations-Ängste

Forscher haben die Geschichte der Hyperinflation untersucht. Ihr Fazit: Nicht freigiebige Zentralbanken lösen Preisexplosionen aus, sondern nur die Politik. von Malte Buhse

Hyperinflation

Ein Hunderttausend-Mark-Schein   |  © Getty Images

Die Bilder sind für Sparer und Zentralbanker schlimmer als jeder Horrorfilm: Hausfrauen, die Schubkarren voller Geld zum Bäcker schieben, Handwerker, die ihren hart verdienten Lohn an die Wand kleistern, weil Geldscheine weniger wert sind als Tapete. Hunderte dieser Fotos hängen in deutschen Museen, sie stammen aus der Zeit der Hyperinflation von 1923. Tag für Tag verlor die Deutsche Mark damals rasant an Wert. Am Ende mussten für einen Dollar mehr als vier Billionen Mark bezahlt werden.

Auch wenn nur wenige Deutsche die Hyperinflation selbst erlebt haben, wirkt der Schreck bis heute nach. Die Unabhängigkeit von Bundesbank und EZB sowie das Verbot, Staatsanleihen der eigenen Regierung zu kaufen, gehen unmittelbar auf die deutschen Erfahrungen der zwanziger Jahre zurück. Weil die Regierung damals keine Abnehmer für ihre Staatsanleihen fand, sprang die Notenbank ein und versorgte den Staat mit frischem Geld. Die Geldmenge stieg stark an und es kam zu einer zerstörerischen Spirale aus steigenden Löhnen und Preisen. Das soll sich nicht wiederholen, sagten sich die Gründerväter der Bundesbank.

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Die Lehren aus der Hyperinflation sind inzwischen verblasst, so scheint es zumindest. In der Euro-Krise kauft die EZB Staatsanleihen, wenn es sein muss auch unbegrenzt. Viele Ökonomen zweifeln heute an der Unabhängigkeit der Geldhüter in Frankfurt. Die Voraussetzungen scheinen ähnlich zu sein wie in den Zeiten der Hyperinflation. Wiederholt sich die Geschichte?

Die beiden Ökonomen Steve Hanke und Nicholas Krus von der John Hopkins Universität in Baltimore sind dieser Frage in einer aufwändigen Studie nachgegangen. Sie haben alle Fälle von Hyperinflation, bei denen die Preise pro Monat um mindestens 50 Prozent gestiegen sind, recherchiert und untersucht, was zu der fatalen Teuerung geführt hat. Ein schwieriges Unterfangen, denn oft gibt es über die Zeit von Hyperinflationen nur wenige verlässliche Daten. Wenn die Preise im Stundenrhythmus steigen, kommen Statistiker mit der Buchführung meistens nicht mehr hinterher.

In Ungarn verdoppelten sich die Preise alle 15 Stunden

Trotzdem ist es den Forschern gelungen, eine detaillierte Liste zusammenzustellen. Sie zeigt: Hyperinflationen sind gar nicht so selten. Insgesamt 56 Fälle haben die Ökonomen gezählt. Darunter eher unbekannte Episoden wie 1944 auf den Philippinen , als die Preise im Monat um 60 Prozent stiegen, und spektakuläre Fälle wie in Ungarn 1946, wo sich die Preise alle 15 Stunden verdoppelten.

Die erste dokumentierte Hyperinflation gab es 1795 in Frankreich. Innerhalb eines Monats stiegen die Preise um 304 Prozent. In den achtziger und neunziger Jahren kämpften in Lateinamerika gleich mehrere Länder mit extrem hohen Inflationsraten. Auch in Afrika sind Staaten wie Zimbabwe, Congo und Angola berüchtigt für ihre Inflationseskapaden. Und selbst die neue Wirtschaftssupermacht China hatte vor 65 Jahren mit astronomischen Inflationsraten von bis zu 5.000 Prozent im Monat zu kämpfen. Die Deutschen sind mit ihrer traumatischen Inflationserfahrung also keineswegs allein.

Leserkommentare
    • WolfHai
    • 14. November 2012 10:45 Uhr

    Leider erklärt der Artikel die Unterschiede zwischen Zentralbankhandeln und "Politik" nicht. Eine Zeit absolut "ohne Politik" gibt es ja nicht. Und der Artikel sagt nicht, welche Art von Politik denn nun verantwortlich ist und welche nicht. Gehört die europäische Politik, dass Länder nicht pleite gehen dürfen, dazu?

    Eine Vertiefung des Artikels wäre zu wünschen.

  1. stellt sich mir als Laien doch spontan die Frage, inwieweit die betrachteten Fälle überhaupt mit der gegenwärtigen Situation vergleichbar sind - die einzigen (?) halbwegs aktuellen Fälle Nordkorea und Iran haben ja schließlich eine ganz andere Situation, als die westliche Welt.

  2. Also ist die Politik auch schuld, wenn die Hyperinflation im €-land Einzug hält! Mit der DM hätten wir weder Angst vor Hyperinflation, noch wären die Preise in den letzten Jahren so explodiert, weil sich keine Firma getraut hätte, den Deutschen Mondpreise wie beim € aufs Auge zu drücken.

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    Es macht wirklich keinen Spass mehr diesen Unsinn zu lesen, der EUR haette alles viel teurer gemacht und zu DM Zeiten haette es quasi eine Inflationsrate von null gegegeben. Ich kann mich noch gut an 70ziger erinnern, da lag die Inflationsrate bei ueber 5%, so was gab es nie zu EU Zeiten. Schauen Sie ich einfach mal die Daten an. Eine Unwahrheit wird nicht zur Wahrheit indem man erstere immer wiederholt.

  3. Schade, dass in diesem Artikel zu wenig auf unsere augenblickliche Lage eingegangen wird. Ich hätte mir exakte Argumente für oder gegen die Inflationsangst, die sehr viele Bürgerinnen und Bürger in unserem Land äußern, gewünscht. Oft wird Preissteigerung als Inflation bezeichnet und mit dieser Hyperinflation gleichgesetzt. Hier wäre Aufklärung nötig.

    • deDude
    • 14. November 2012 11:20 Uhr

    "43 der 56 Hyperinflationen lassen sich GROßEN POLITISCHEN UMBRÜCHEN zuordnen"

    Na dann steht wohl bald wieder eine ins Haus...

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    • Krisse
    • 14. November 2012 11:25 Uhr

    Die Umbrüche führten zur Inflation. Nicht umgekehrt, wenngleich das auch denkbar ist.

    • Krisse
    • 14. November 2012 11:25 Uhr

    Die Umbrüche führten zur Inflation. Nicht umgekehrt, wenngleich das auch denkbar ist.

    Antwort auf "aha...."
  4. >>> Sie haben alle Fälle von Hyperinflation, bei denen die Preise pro Monat um mindestens 50 Prozent gestiegen sind, recherchiert und untersucht, ...

    Uns interessiert nicht die Inflationskatastrophe, sondern die nicht allzu gewagte Hypothese, dass die europäische Staatsverschuldung mittels erhöhter Inflation, d.h. eine Inflationsrate deutlich höher als 2% bewältigt wird, trotz gegenteiliger Beteuerungen aller Politiker in EZB und Regierung. Sagen wir reale 7% anstatt momentan offizielle knapp 3%: Können Löhne und Renten in diesem Mass erhöht werden? Wenn nicht, bedeutet die Bewältigung der Staatsverschuldung eine drastische Entwertung von Arbeit und eine gigantische Enteignung von Volksvermögen in den Rentenkassen, Versicherungen und vermeintlich sicheren Geldanlagen. Kein Mensch kann vorhersehen, was die Kleinanleger bei 10 % Inflation machen werden. Bei 5 % evtl. noch stillhalten dank der Strahlkraft von Mutti Merkel und leiden, aber darüberhinaus? Im aktuellen Zusammenhang und der Strategie der EZB spielen die Erkenntnisse der Katastrophe von 1923 keine grosse Rolle und grenzen an sehr durchsichtiger Beschwichtigung.

  5. "Hyperinflation ist eine ökonomische Krankheit, die von extremen politischen Konstellationen ..... ausgelöst wird"

    Diese Definition lässt sich definitiv auch auf das Experiment Währungsunion anwenden. Die Tatsache, dass eine Ansammlung heterogener Volkswirtschaften sich eine Gemeinschaftswährung zulegt, ohne über ein Mindestmass an Legitimation, Kontrollmechanismen bzw. politischem Konsens zu verfügen, und nach Beginn der unausweichlichen Krise von einer Notverordnung zur nächsten springt, bzw. mit bisher nicht gekannten Eingriffen in die volkswirtschaftliche Prozesse eines ganzen Kontinents reagiert, ist mit "extremer politischer Konstellation" sogar überaus treffend beschrieben.

    Der Zusammenbruch der Währungsunion bzw. des dahinter stehenden politischen Konzeptes einer engeren Verflechtung der europäischen Staaten (ohne dass auch nur irgend jemand eine konkrete Vorstellung hätte, wie diese eigentlich aussehen sollte), entspricht in ihrer Tragweite in jedem Fall dem Zusammenbruch eines traditionellen staatlichen Konstruktes. Ein Krieg als Faktor ist dabei nicht zwangsläufig erforderlich (es ist ja zur Genüge gesagt worden, dass der Euro Kriege überflüssig gemacht habe).

    Die Studie ist daher in Bezug auf eine mögliche Hyperinflation alles andere als beruhigend. Ohnehin scheint in der Inflationsfrage bereits eine "Abstimmung mit den Füssen" stattgefunden zu haben, ansonsten würden nicht so viele Personen Geld in der Schweiz oder in Sachwerten "bunkern".

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