Preet Bharara genießt sichtlich seinen großen Auftritt. Erhaben steht er am Pult, sein Blick ist kalt und klar. Was der Oberstaatsanwalt des südlichen Verwaltungsbezirks von New York an diesem Dienstagabend zu verkünden hat, wird ihn am nächsten Tag auf die Titelseiten der Zeitungen heben. Bharara wird das wissen. Der "Sheriff der Wall Street" , wie er von den heimischen Medien genannt wird, hat wieder einmal zugeschlagen.

Bharara verkündet einen außergewöhnlichen Ermittlungserfolg. Zusammen mit dem  FBI und Amerikas Börsenaufsicht SEC haben seine Mitarbeiter den vermeintlich lukrativsten Insiderhandel der Wall Street aufgedeckt. Abgespielt hat er sich bei SAC Capital, einem der Schwergewichte unter den amerikanischen Hedgefonds. Angeklagt ist der frühere SAC-Manager Mathew Martoma wegen Insidergeschäften in der Höhe mehrerer Hunderter Millionen Dollar. Am Dienstagmorgen wurde er in seinem Haus in Florida festgenommen.

Die drei Behörden werfen Martoma vor, Testergebnisse von einem Medikamententest vorab erhalten und seine Wetten danach ausgerichtet zu haben. Offenbar handelte es sich um marktrelevante Informationen. Die Geschäfte, die Martoma aufgrund seines Wissens tätigte, brachten dem Fonds laut der Anklage rund 275 Millionen Dollar Gewinn ein. Glaubt man Bharara, hat der Betrug einen "Maßstab, der keinen historischen Präzedenzfall kennt". Es ist das größte Insidergeschäft, das es bisher vor ein amerikanisches Gericht geschafft hat.

Auch SAC-Chef Cohen steht nun im Visier

Was noch viel bedeutender ist: Zum ersten Mal geben die Behörden in ihrer Anklageschrift einen Hinweis darauf, dass auch der Gründer und Chef von SAC Capital, Steven Cohen, eine Rolle bei den Insidergeschäften gespielt haben könnte. Zwar wird der Manager, einer der bekanntesten und erfolgreichsten der Branche, namentlich nicht erwähnt. Die Klage liest sich allerdings an einigen Stellen so, als ob auch der SAC-Chef persönlich einige von Martomas Positionen abgesegnet hätte. Das bestätigen auch mit dem Fall vertraute Personen. Bisher hatten die Ermittler in den USA erfolglos versucht, Cohen Insiderhandel nachzuweisen.

Steven Cohen gilt vielen als schwarzes Schaf in der Branche. Als "dunklen Lord" schmähen ihn seine Feinde. "SAC war schon immer riesig und ein bisschen mysteriös", sagt auch der Hedgefonds-Experte Sebastian Mallaby . In seinem Buch More Money than God hat er sich ausführlich mit der Branche und ihrer Geschichte auseinandergesetzt. Bei den meisten Hedgefonds kann Mallaby erklären, warum sie erfolgreich sind. Manche haben besser ausgebildete Mitarbeiter, andere überlegene Computer-Handelssysteme. "Aber bei SAC hat niemand so richtig verstanden, wie sie diese Gewinne machen ", sagt Mallaby. "Es gab schon immer den Verdacht, dass es mit etwas Illegalem zu tun hat."

"Über Nacht wurde Martoma vom Bullen zum Bären"

Der Fall Martoma bietet nun zumindest eine Möglichkeit der Erklärung. Martoma betreute Mitte der nuller Jahre Portfolios von SAC. Zwischen 2006 und 2008 soll er dabei in die Freundschaft zu einem Arzt namens Sidney Gilman investiert haben. Dieser versorgte Martoma in regelmäßigen Zeitabständen mit klinischen Studien der beiden Arzneimittelhersteller Elan und Wyet. Dabei ging es um das Alzheimer-Medikament bapineuzumab (bapi). Gilman, einst Martomas Informant, kooperiert heute mit den Behörden.

Erste positive Test-Ergebnisse für das Medikament veranlassten Martoma damals dazu, sich mit Aktien der beiden Unternehmen einzudecken. Als der Abschlussbericht der Ärzte anschließend überraschend schlecht ausfiel, war das für Martoma kein Problem. Er hatte bereits zwei Wochen zuvor die Ergebnisse mit Gilman diskutiert. Sogar die entsprechenden Powerpoint-Folien lagen ihm vor. Martoma stieß daraufhin nicht nur die Aktien der Firmen ab, sondern wettete sogar mit Leerverkäufen auf ihren Absturz.

"Über Nacht wurde Martoma vom Bullen zum Bären", sagt Bharara. Hatte der Portfolio-Manager noch kurze Zeit zuvor auf steigende Kurse gewettet, profitierte er nun vom Einbruch der Papiere. Am Ende stand ein Gewinn in Höhe von 276 Millionen Dollar für SAC. Martoma selbst strich in jenem Jahr einen Bonus von neun Millionen Dollar ein. Das Geld konnte er später gut gebrauchen. Ohne die Insider-Informationen bewies er sich nicht gerade als begnadeter Geldmanager. Die Leistung seines Fonds war im darauf folgenden Jahr so schlecht, dass er 2010 gefeuert wurde.

Bharara verpackte am Ende seiner Rede eine Drohung als Scherz. Am Ende könnten die Insiderhändler der Wall Street ihre Gewinne nur an einem Ort ausgeben, höhnte er: im Gefängnis. Der Wall-Street-Sheriff ließ keine Zweifel aufkommen, dass er im Kampf gegen den Insiderhandel entschlossener sei denn je. Martoma sei nun die Nummer 73, die vor Gericht stünde, sagt er. Ob und welche Nummer Cohen erhalten wird, ließ er unbeantwortet. Er verwies auf die Anklageschrift, bis auf Weiteres.