ZEIT ONLINE: Herr van Son, Siemens steigt aus Desertec aus. Ein Rückschlag für das Wüstenstromprojekt?

Paul van Son: Wir bedauern den Rückzug. Das Unternehmen war einer der Mitgründer unserer Industrieinitiative. Aus Sicht von Siemens ist es verständlich: Wenn sie aus dem Solargeschäft aussteigen, sind wir für sie vielleicht nicht mehr so von Bedeutung wie bisher – obwohl Siemens ja auch Windanlagen produziert und Stromnetze baut.

ZEIT ONLINE: Die Financial Times Deutschland spekuliert, dass der Ausstieg von Siemens damit zusammenhing, dass Sie einen Privatkredit von Desertec erhalten haben und diesen nicht pünktlich zurückgezahlt hätten.

Van Son: Siemens bestreitet diese Interpretation. Es geht um einen Vorschuss, den ich am Anfang nach meinem Amtsantritt erhalten habe. Der Betrag von 10.000 Euro stand mehr als ein Jahr lang in den Büchern – und wird nach deutschem Recht irgendwann als Darlehen betrachtet. Sobald das Thema aufkam, habe ich den Betrag plus Zinsen zurückgezahlt. Das war sicherlich ein etwas unglücklicher Vorgang. Siemens hat außerdem erklärt, mit der sogenannten Compliance-Praxis von Desertec sehr zufrieden gewesen zu sein.

ZEIT ONLINE: Jetzt steht offenbar der chinesische Netzbetreiber SGCC vor der Tür und will sich an Desertec beteiligen. Das sorgt nicht bei allen Beteiligten für Begeisterung. Wie offen ist der Kreis der Gesellschafter für die Chinesen?

Van Son: Wir sind kein geschlossener Club. Die Gesellschafter bestimmen aber untereinander, wer hinzukommt. Die Regeln für die Aufnahme von assoziierten Partnern sind relativ locker. Man muss zeigen, was die Relevanz für die Initiative ist und dass man relevante Expertise mitbringt. Es gab schon Unternehmen, die die Gesellschafter nicht überzeugt haben oder deren Motivation unklar war. Die haben die Gesellschafter dann abgelehnt. Die Aufnahme von neuen Gesellschaftern ist ganz eine Sache der existierenden Gesellschafter.

ZEIT ONLINE: Die Bedenken lauten: Die Desertec-Gründer investieren und die Chinesen setzen sich am Ende ins gemachte Nest.

Van Son: Ich denke, dass die Industrie heute klug genug ist zu verstehen, dass es um Märkte geht und nicht um das Errichten von Schranken. Nur so lässt sich nachhaltig Geld verdienen. Unsere Initiative will einen Markt aufbauen. Wir sind Wegbereiter, keine Projektentwickler. Und das heißt, dass man am Ende auch akzeptieren muss, dass der Markt entscheidet.