ZEIT ONLINE: Herr Otto , laut aktuellem Armutsbericht der Bundesregierung ist der Wohlstand in Deutschland in den vergangenen Jahren gewachsen, vor allem aber im obersten Zehntel der Bevölkerung. Geht es in Deutschland gerecht genug zu?

Michael Otto: Man sollte mit solchen Debatten immer vorsichtig sein. Wirkliche Armut sieht man in der Dritten Welt. Der noch nicht einmal verabschiedete Bericht behandelt relative Armut: Wer weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens hat, gilt als arm – steigt der Durchschnitt, gelten mehr Leute als arm. Wobei es selbstverständlich und leider auch bei uns wirklich Arme gibt. Und natürlich ist es wichtig, auch auf die relative Reichtumsverteilung zu schauen. Wenn jemand mit seinem Einkommen gut zurecht kommt, aber andere viel mehr haben als er – dann fühlt er sich natürlich schlecht. Auch subjektives Empfinden, arm zu sein oder sich ungerecht behandelt zu fühlen, ist ja etwas Reales. Deshalb müssen wir aufpassen, dass die Schere nicht weiter auseinander geht und wir nicht zu einer Spaltung der Gesellschaft kommen.

ZEIT ONLINE: In Umfragen erklären bereits acht von zehn Bundesdeutschen, die Kluft zwischen Arm und Reich gefährde die Demokratie.

Michael Otto: Auch der Wert solcher Aussagen ist relativ. Der Bericht der Regierung weist ja aus, dass Langzeitarbeitslosigkeit massiv gesunken und Niedriglohnbeschäftigung seit 2007 rückläufig ist. Im Augenblick können wir erfreulicherweise feststellen, dass die Realeinkommen steigen

ZEIT ONLINE: … laut Armutsbericht aber ungleich: Höhere Einkommen sind stärker gestiegen als mittlere und niedrigere, und die unteren 40 Prozent der Vollzeitbeschäftigten mussten nach Abzug der Inflation sogar Verluste hinnehmen.

Michael Otto: Ich kann nur wiederholen: Wir müssen gemeinsam darauf achten, dass die Kluft zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinander geht. In der Tat müssen wir vor allem schauen, wie wir die unteren Einkommen verbessern können.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel durch die Einführung von Mindestlöhnen?

Michael Otto: Ja, ich bin durchaus für die Einführung von Mindestlöhnen . Allerdings sollten die zwischen den Tarifparteien ausgehandelt werden, und sie sollten sich je nach Branche und auch nach Region unterscheiden. Der Mindestlohn beispielsweise für den Bayerischen Wald wäre für München nicht akzeptabel, weil dort die Lebenshaltungskosten bekanntlich viel höher sind. Erst wenn Tarifverträge in bestimmten Branchen nicht für allgemeinverbindlich erklärt werden können, weil dort weniger als 50 Prozent der Beschäftigten tariflich organisiert sind, muss gegebenenfalls auch der Staat ran.

ZEIT ONLINE: Von Ihnen stammt die Aussage : "Ich hätte kein Problem, wenn der Spitzensteuersatz angehoben würde." Welchen Satz würden Sie für gerecht halten?

Michael Otto: Ich habe die Erhöhung der Einkommenssteuer in den Raum gestellt, wenn dies zur Sanierung der Staatsfinanzen nötig ist. Allein in diesem Jahr wird der Staat viele Milliarden Euro Steuer mehr einnehmen als geplant, soviel wie noch nie. Im Moment haben wir also kein Problem mit den Einnahmen, sondern mit den Ausgaben. Jetzt wäre deshalb der falsche Zeitpunkt für Steuererhöhungen, jetzt muss man erst mal an die Ausgaben ran. Aber wenn wir trotz solider Haushaltspolitik und der Überprüfung aller Ausgaben noch Schulden machen müssen, die künftige Generationen zu hoch belasten, dann sollte man an die Spitzensteuersätze ran. Da meine ich: Das muss jemand, der gute Einkommen und Gewinne macht, auch akzeptieren